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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Melanie
Eingestellt am 30. 09. 2001 23:35


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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

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Melanie

Sie fiel mir nicht auf, als sie den Laden betrat. Ich sah zwar zur T√ľr, als ein Schatten das Rechteck verdunkelte, aber es war ein sonniger Nachmittag und im Gegenlicht war nicht mehr als eine shilouettenhafte Gestalt zu erkennen. Diese Gestalt war zierlich, weiblich, mehr konnte ich nicht erkennen. Ich befand mich schon einige Zeit im Gesch√§ft, denn ich kannte die Verk√§uferin recht gut, da wir beide im selben Chor sangen. Ich hatte an diesem Nachmittag nichts zu tun und als ich bei meinem Spaziergang an dem Gesch√§ft vorbei kam, trat ich f√ľr einen kleinen Plausch ein. Ich unterhielt mich zwischen den einzelnen Kunden recht angeregt mit Mira √ľber Musik, √ľber ihre Arbeit, √ľber private Dinge und vor allem √ľber Wein. Es war n√§mlich ein Weinfachgesch√§ft, in dem Mira arbeitete.
Ich stand mit meinem Probenglas hinter einem Regal, etwa zwischen Rhone und Loire, und war in die Deklarationsschriften auf den Plakaten vertieft. Was mich pl√∂tzlich auf sie aufmerksam machte, war ihre Stimme. Es war eine ganz ungew√∂hnliche, weiche Altstimme, die etwas Melancholisches an sich hatte. Ich habe vergessen, was sie sagte, es war auch nicht wichtig. Ich verstand nur soviel, dass sie Stammkundin war, denn Mira sprach mit ihr, wie man eben nur mit guten Bekannten spricht. Aber mir kam sofort in den Sinn, dass diese Frau ungl√ľcklich war. Etwas Sehnsuchtsvolles klang in ihrer Stimme mit, das der melancholische, resignierende Tonfall noch verst√§rkte. Ich war wie verzaubert von dieser Stimme und sp√§hte √ľber das Regal. Sie hatte ihre Wochenration 'Rioja' eingekauft, zwei Kartons √° 6 Flaschen und stand nun neben der Kasse mit dem Gesicht zu mir. Sie war einen halben Kopf kleiner als Mira, von ihrer Figur sah ich nichts, denn das Regal war im Wege. Sie hatte rabenschwarze Haare, wahrscheinlich gef√§rbt, dachte ich, die hinten auf etwas altmodische Art zu einer Rolle zusammengesteckt waren. F√ľr die Tageszeit war sie sehr auff√§llig geschminkt. Die Augen waren von dicken schwarzen R√§ndern umgeben. Aber das Gesicht war von einer Weichheit, die mich angenehm ber√ľhrte. Sie mochte auf die Vierzig zugehen, vielleicht war sie auch schon ein wenig dar√ľber.

Sie hatte mich bis dahin noch nicht bemerkt, als ich aus dem Schatten des Regals hervor trat. Ich war wie elektrisiert, als unsere Blicke sich trafen. Das einzige, woran ich mich genau erinnern kann, war, dass sie mitten im Satz eine Pause machte, als sie mich erblickte. Wir sahen uns sekundenlang an und ich hatte den Eindruck, dass sie nur noch mich anstarrte, als sie schliesslich weitersprach. Ich wollte etwas sagen, aber ich war v√∂llig blockiert. Ich l√∂ste mich wieder, als Mira zum zweiten Mal eine Frage an mich richtete. Es war etwas Belangloses und es fiel mir nun nicht mehr schwer, an der Unterhaltung teilzunehmen. Dabei konnte ich die Kundin genauer betrachten. Sie war etwa 160 cm gross, trug ein schwarzes, eng anliegendes Kost√ľm mit langem Rock, was ebenfalls etwas ungew√∂hnlich f√ľr die Tageszeit war. Die Konturen ihrer Figur waren sehr weiblich, ohne √ľbergewichtig zu wirken. Ich versuchte automatisch, sie einzuordnen. Was ich bis dahin herauszulesen glaubte, liess auf eine Frau aus besseren Kreisen schliessen, die sich durch einen gutsituierten Ehemann in eine Art Abh√§ngigkeitsverh√§ltnis hineinman√∂vriert hatte. Sie war sicher intelligent genug, um ihr Leben selbst zu meistern, aber es war ihr nicht m√∂glich, sich selbst zu verwirklichen. Sie hatte wahrscheinlich Kinder, die sie an ihre unbefriedigende Lebenssituation banden. Warum ich sie so einsch√§tzte, kann ich nicht sagen. Es war reine Intuition.

Es kamen neue Kunden und die 'Rioja'-Liebhaberin sah sich gen√∂tigt, das Gesch√§ft zu verlassen. Wie selbstverst√§ndlich stellte ich mein Probenglas auf ein Regal, ergriff einen der beiden Kartons und begleitete sie hinaus zu ihrem BMW. Unterwegs √ľberlegte ich krampfhaft, was ich tun k√∂nnte, um sie wiederzusehen. Und zwar, ohne mich l√§cherlich zu machen. Aber wie so oft - ich tat nichts. Ich dachte an ihren Mann, ihre Kinder, an die Komplikationen, die damit verbunden waren. War ich ein Feigling oder ein guter Mensch? Ich konnte es nicht sagen. Ich war schliesslich so deprimiert, wie schon einige Male in √§hnlichen Situationen. Als sie die Heckklappe √∂ffnete, stellte ich den Karton in den Kofferraum und wandte mich zum Gehen. Ich war √ľberrascht, als sie mir die Hand gab und sich bedankte. Dabei sah sie mich mit einem sehnsuchtsvollen Blick an. Sie stieg schnell ein und fuhr aus der Parkl√ľcke. Etwas dr√ľckte in meiner Hand. Ich √∂ffnete sie und fand eine Visitenkarte: Melanie Rieger, Fuchsienweg 23, Tel. 23 48 16.
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"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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Jasmin
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Hallo Intonia,

deine Geschichte gefaellt mir recht gut. Ich finde, sie ist fluessig und spannend erzaehlt. Einziger Einwand - sie hoert da auf, wo sie eigentlich anfangen sollte.

Liebe Gruesse
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Jasmin

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
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Kein Roman

Hallo Jasmin,

es freut mich, dass Dir die Geschichte recht gut gef√§llt. Der offene Schluss l√§sst der Fantasie des Lesers allen Spielraum. Nat√ľrlich h√§tte ich noch schreiben k√∂nnen, ob und wie "ich" reagiere, nachdem Melanie mich in "Zugzwang" gebracht hat. Vielleicht tue ich es auch noch, aber mehr wird es sicher nicht. Sonst wird die Geschichte einfach zu lang und einen Roman kann und will ich nicht schreiben.

Ich habe √ľbrigens schon einiges auf Deiner Homepage gelesen und werde mich auch in n√§chster Zeit dazu √§ussern. Bis dahin liebe Gr√ľsse
Intonia


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Jasmin
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Offener Schluss

Hallo Intonia,

das ist richtig. Ein offener Schluss laesst dem Leser viel Spielraum fuer die eigene Phantasie. Vielleicht war ich auch nur neugierig und wollte wissen, wie es weitergeht. Uebrigens frage ich mich, ob es angebracht ist, dass der volle Name, Adresse und Telefonnummer von Melanie zu lesen sind. Mich persoenlich stoert es etwas, aber ich kann es leider nicht begruenden. Vielleicht ist das wieder zu offen und du koenntest schreiben, dass sie dem Erzaehler einen Zettel gibt und der Leser dann raten kann, was auf dem Zettel wohl stehen mag.

Ich freue mich jedenfalls, dass du meine Homepage besucht hast und bin gespannt auf deinen Kommentar zu meinen Texten.

Bis dann
liebe Gruesse


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Jasmin

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
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Visitenkarte

Hallo Jasmin,

Du hast vielleicht recht, denn ich hatte selber √ľberlegt, ob das nicht zu offen ist mit der Visitenkarte. Ich lass mir das nochmal durch den Kopf gehen. Danke, dass Du Dir Gedanken machst.

Liebe Gr√ľsse
Intonia
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flammarion
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Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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ja,

lieber intonia, auch ich finde, da√ü diese nette alltagsgeschichte viel gewinnt, wenn "ich" am ende nur einen zettel von der sch√∂nen frau erh√§lt. das hat sowas prickelndes. ganz lieb gr√ľ√üt
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Old Icke

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