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Leselupe.de > Humor und Satire
Membrum Virile (Neufassung)
Eingestellt am 31. 05. 2003 15:03


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majissa
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Membrum Virile

Meine Geburt stand unter einem schlechten Stern. Kurz bevor ich zum ersten Mal nach Luft rang, ertränkte sich Mr. Tripps, der Familiensittich, im Badehäuschen und Oma Fine brach sich den Hals beim Versuch, ihn davon abzuhalten.

Es gab keine Abschiedsbriefe, die mich entlastet h√§tten. √úberzeugt davon, mit meiner Geburt das Ableben seiner Mutter forciert zu haben, bestritt Vater a priori jede Beteiligung an meinem Dasein. Er hielt mich f√ľr das teuflische Produkt eines woll√ľstigen Elementargeistes, der es Nacht f√ľr Nacht meiner Mutter besorgt hatte, w√§hrend er in fremden St√§dten Konzerte gab, um die Familie zu ern√§hren. Ein nach Schwefel stinkender Incubus, der mich in seine Frau pflanzte, um sp√§ter mit meiner Hilfe die Weltherrschaft an sich zu rei√üen. Dabei lag die nach √úberzeugung meiner Mutter schon in Oma Fines H√§nden. Sie war der "Don" der Familie und f√ľhrte h√§ufig vom Keller aus Ferngespr√§che nach Saudi-Arabien.

Die Nachricht von den Todesf√§llen ereilte meinen Vater, noch bevor sich die T√ľr zum Krei√üsaal √∂ffnete. Eine waschmaschinengro√üe Hebamme mit Pianistenh√§nden trat in den Warteraum und rief:
"Wer ist der Gl√ľckliche?"
"Ein Incubus!", schluchzte mein Vater und rannte nach Hause.

Um ihn in seinem albernen D√§monenglauben nicht zu best√§rken, verschwiegen wir ihm die n√§heren Umst√§nde meiner Geburt. Ich kam v√∂llig schweigsam zur Welt und auch meine Mutter machte keinen Mucks. Sie war stinksauer, weil ich ihr in eine Doppelfolge des Denver Clans geplatzt war. Und wenn sie stinksauer war, schwieg sie oder rauchte Kette. Sie h√§tte auch w√§hrend der Entbindung gern geraucht, um nicht schweigen zu m√ľssen, erkl√§rte sie sp√§ter. Besonders w√§hrend der Presswehen. So aber ging ich als die stillste Geburt in die Geschichte des Severinskl√∂sterchens ein.

Als Tante Luise "Der Don ist tot!", in den H√∂rer br√ľllte, war die Sache mit dem Denver Clan vergessen und ich verlie√ü als Tochter einer euphorischen Mutter das Krankenhaus.

Eine handtellergro√üe Delle im Grammofondeckel, ein tiefgefrorener H√ľftknochen und zwei Z√§hne in einem Samtk√§stchen erinnern noch heute an den Todestag von Oma Fine. Das Grammofon ist aus Mooreiche und der Gedanke, dass Fines Kopf den schweren Deckel so eindellen konnte, half meinem Vater schlie√ülich √ľber den Verlust hinweg.
"Sie hatte die h√§rteste Hirnschale der Welt", verk√ľndete er jedes Mal stolz beim Entstauben und Polieren der Delle.
"Ja, sie hat dem Ding so richtig eingeheizt!", versicherten wir ihm, hielten den Daumen hoch und tauschten im Keller den ekligen H√ľftknochen des "Don" gegen ein Modell aus Ton aus.

Trotz des schlechten Starts fehlte es mir nicht an m√ľtterlicher Zuwendung. Schon fr√ľh w√§lzte ich mit meiner Mutter medizinische Schm√∂ker, die sich mit seltenen, dermatologischen Krankheiten befa√üten. Die Faszination am Greuel hielt uns bis in die Nachtstunden wach. Warzen√ľbers√§te Gesichter, eitrige Flechten, chronische Ausschl√§ge und interessante Beulenbildungen an den undenkbarsten Stellen des menschlichen K√∂rpers waren meine bevorzugten, n√§chtlichen Begleiter. Es gab da die dreibr√ľstige Tibetanerin. Sie war mein Favorit. Frau Holle und Peter Pan kamen einfach nicht gegen den wohlgeformten dritten Busen an, der da aus ihrer Stirn wuchs und das rechte Auge √ľberdeckte. Bei Vollmond schwoll er angeblich an. √úber die Beschaffenheit des Busens bei Neumond schwieg sich die tibetanische Frau aus. Das machte mich fertig.

Meine Mutter quälte sich mit der Frage nach der Körbchengröße.
"Sie hat dort oben doch mindestens 50 D?!“
‚ÄěNein, sie hat Cup C, aber der 50er-Umfang d√ľrfte hinhauen‚Äú, behauptete ich.

Dank Madame Camille kannte ich mich mit BH-Gr√∂√üen bestens aus. So oft ich konnte, lungerte ich in ihrem Dessous-L√§dchen herum und lie√ü mir alles Wissenswerte √ľber den weiblichen Busen erkl√§ren. Madame Camille erkannte sehr schnell meine Leidenschaft und nannte mich ihre ‚Äěpetite √©l√®ve‚Äú. Ich lernte spielerisch mit Fr√ľchten. Cup A stand f√ľr Mandarinen, Cup B f√ľr mittelgro√üe √Ąpfelchen, Cup C f√ľr Pampelmusen und Cup D f√ľr Honigmelonen. Weiter ging‚Äôs mit Wassermelonen und K√ľrbissen. Die Fr√ľchte f√ľr Cup G ‚Äď Z mussten noch erfunden werden. Die weibliche Bev√∂lkerung meiner Stadt war f√ľr mich ein einziges gro√ües Obstsortiment.

Mein Vater versuchte, mir die sch√∂nen K√ľnste n√§herzubringen. Er lehrte mich das Komponieren und Singen, steckte mich in einen Malkurs und nahm mich wutschnaubend wieder heraus, als ich ihm die "Warzenschulter eines sumatranischen J√ľnglings" in √Ėl pr√§sentierte. Es war ein sch√∂nes Gem√§lde. Meine Mutter h√§ngte es in den Keller zu den anderen Bildern. Es gab da das "Dorf jungfr√§ulicher Elefantenfrauen", die "Tibetanische Brust bei Neumond", "Herbstflechten" und "Membrum Virile", das einen √ľbergl√ľcklichen Mexikaner mit 2 Schw√§nzen zeigte. "Membrum Virile" bekam mein Vater auf dem Kopf stehend zu sehen. "Das nenn ich doch mal Kunst!", rief er begeistert aus. "Aber warum spielt der Fl√∂tist auf zwei Instrumenten gleichzeitig? Au√üerdem k√∂nnte er sich mal den Bart schneiden. Wer ist denn das √ľberhaupt?" Es war stets ein schlechtes Zeichen, wenn mein Vater anfing, die Gem√§lde hin- und herzudrehen. Meine Kindheit f√ľhrte mich allzu oft in den Keller mit dem Hinweis So l√§uft das nicht!

Meine Neigung zum Experimentieren zeigte sich fr√ľh. Im zarten Alter von vier begann ich, die ersten Pflanzen anzunagen und auf die Nebenwirkungen zu warten. Die leicht s√§uerlichen, durchaus bek√∂mmlichen Butterblumen in unserem Garten bildeten den Anfang. Der L√∂wenzahn auf dem Nachbargrundst√ľck verursachte leichte Atembeschwerden. Aber die k√∂stliche Milch der meisten Pflanzenstengel berauschte mich. Ich erweiterte mein Territorium, fra√ü mich durch wilde G√§rten, weidete an grasbewachsenen H√ľgeln und machte selbst vor den saftigen Wiesen, die den Fu√üballplatz umgaben, nicht Halt.

"Dein Kind grast die ganze, verdammte Stadt ab!", schrie mein Vater die Mutter an.
"Ach ja? Wer sagt das?"
Gerade lief ein Double-Feature von Reich und Schön.
"Unser Nachbar möchte sie zum Heckenstutzen mieten!"
"Frag ihn, was dabei herausspringt und vergiss‚Äė auf dem R√ľckweg meine Zigaretten nicht!", schnitt meine Mutter ihm und Seifenoperk√∂nigin Stefanie Forrester das Wort ab.

Meine Tage verbrachte ich haupts√§chlich damit, das Fassungsverm√∂gen meiner Blase auf nat√ľrliche Weise zu erweitern. Ich ging nicht mehr auf dieToilette. Das f√ľhrte neben einem verkniffenen Gesichtsausdruck zu √ľbersteigerten Aggressionen.

Als ich von der Existenz des Sandmanns erfuhr, bekam ich panische Angst.
"Er streut dir doch nur Traumkörnchen in die Augen, damit du einschläfst", sagte meine Mutter.
"Ach ja? Nenn’ mir einen, der schmerzlos einschläft, wenn er die Augen voller Sand hat!"
Ich fand das krank. Was waren die Beweggr√ľnde dieses Mannes? Und warum hatte er nichts Besseres zu tun, als mit Sack und Schaufel bewaffnet in die Schlafzimmer fremder Menschen einzudringen? F√ľr mich war die Sache klar: Der Sandmann war gef√§hrlich und stand dem debilen Hasen, der die Haushalte in nur einer Nacht ungefragt mit Eiern √ľberschwemmte, in nichts nach. Ich lie√ü meine Eltern auf "Die Haut und ihre Anhangsgebilde" von Georg Deutschmann schw√∂ren, dass es keinen Streichholzmann gab, der in Vollmondn√§chten die Fu√üsohlen junger M√§dchen ansengte, damit sie besser laufen konnten.

Alles, was es im √úberfluss gab, machte mich misstrauisch. So √ľbte ich mich kurz vor der Einschulung in exzessivem Atmen. Schuld daran war mein Vater. "Es gibt nichts umsonst, merk‚Äô dir das! Wenn es was umsonst gibt, hat es einen Haken. Spare in der Zeit, so hast du in der Not!", predigte er bei jeder Gelegenheit. Ich sparte Sauerstoff. F√ľr schlechte Zeiten hortete ich frische Luft in T√ľten und Dosen und eignete mir die Atemtechnik unseres Hundes an. "Warum hechelt das Kind so?" fragte Tante Luise, die als Schwester meiner Mutter, Geschiedene meines Onkels und in der gesamten Nachbarschaft als "die Besoffene aus dem Bush√§uschen" bekannt war. Volltrunken zog es Tante Luise in die Ferne. Meist schaffte sie es bis zum Bush√§uschen, wo wir sie oft aus einem Bierflaschenteppich heraussch√§len mussten.
"Na, sie sammelt Sauerstoff", brummte mein Vater unwillig.
"Ja weißt du denn auch, Kleines", hob Luise an, "daß die Haut mitatmet?" Dabei beugte sie sich so weit vor, daß sie mir mit der rotfarbenen Spitze ihrer Haarpyramide ins Auge stach. "Nein!" rief ich erstaunt aus, entledigte mich aber augenblicklich all meiner Kleidung. Lange Zeit war ich ein nacktes, sauerstoffdurchtränktes Kind.

Mit der Einschulung begannen die ersten zwanghaften Verhaltensweisen.
"Halt‚Äô blo√ü die Augen offen. Dann verpa√üt du nichts!", rief mir meine Mutter am ersten Schultag zu, nachdem man mich gewaltsam, Finger f√ľr Finger, von ihr losgerissen hatte. Ich hielt die Augen offen. Nach ein paar Tagen gelang es mir, das Zwinkern v√∂llig einzustellen. Meine Augen lagen auf Trockendock, doch daf√ľr nahm ich t√§glich wesentlich mehr Eindr√ľcke in mich auf als meine zwinkernden Mitsch√ľler, denen ich bald meine nutzlosen Lider zum Verkauf anbot.
"Ihr Kind starrt", sagte man meiner Mutter beim ersten Elternsprechtag. "Es starrt?" "Nun, es bewegt seine Lider nicht", erklärte mein Klassenlehrer mit einem raschen Seitenblick auf mich. Er mied mich. Mein Glotzen hatte ihn mit der Zeit nervös gemacht.

Ich wurde zu einem guten Therapeuten geschickt, der mich von der Notwendigkeit des Zwinkerns zu √ľberzeugen suchte. Stundenlang sa√ü ich in einem abgedunkeltem Zimmer und beobachtete, wie Herr H√§nse demonstrativ seine Augen vor mir auf- und zuschlug. Als mir die Sache zu albern wurde, blinzelte ich einmal heftig mit dem rechten Augenlid. Es quietschte dankbar. H√§nse knuffte mich wie verr√ľckt und entlie√ü mich als geheilt in die Welt der Zwinkernden. Mein Tick war damit nicht etwa verschwunden. Ich verfeinerte ihn, indem ich drei Tage mit dem rechten, drei Tage mit dem linken Auge zwinkerte. Sonntags guckte ich gar nicht. Das glotzende Auge richtete ich nach wie vor auf meinen Klassenlehrer, der seinerseits ein nerv√∂ses Zucken entwickelte.

Mein Schulweg war langweilig. Also begann ich, meine Schritte bis nach Hause zu z√§hlen. Ich kam auf 1216. Mal versuchte ich, die Zahl zu halbieren, mal zu verdoppeln, mal schritt ich aus wie ein Soldat, mal wie eine Spitzent√§nzerin. Die Langeweile blieb. Der Heimweg wurde zum Hindernisparcours, den ich in drei Etappen einteilte, die jeweils mit einer streng vorgegebenen Anzahl an Bodenber√ľhrungen zu bew√§ltigen waren. Der erste Streckenabschnitt begann vor dem Schultor und endete unmittelbar dahinter, mu√üte aber mit 35 Bodenber√ľhrungen zur√ľckgelegt werden. Auf der Stelle zu laufen war nicht erlaubt. Die zweite Etappe war die gef√§hrlichste. Sie f√ľhrte √ľber eine gro√üe Kreuzung, die mit geschlossenen Augen zu bew√§ltigen war. Der letzte Abschnitt begann am Stamm einer Eiche aus Tante Luises Garten und endete vor der elterlichen T√ľrschwelle. Mit 16 Schritten und vier Flugrollen war er zu schaffen. Versagte ich auf einer Etappe, gab es zwei M√∂glichkeiten: Entweder ich begann wieder am Schultor oder ich erteilte mir Absolution durch die Abb√ľ√üung sorgf√§ltig erdachter Strafen. Unterlief mir ein Fehler beim letzten Abschnitt, konnte ich ihn durch eine innige Umarmung mit Tante Luises J√§gerzaun ausmerzen. √Ėffnete ich versehentlich auf Etappe drei ein Auge, mu√üte ich den Rest der Strecke ohne T-Shirt zur√ľcklegen. Das entband mich nicht etwa von den Flugrollen.

"Das ist nicht unser leibliches Kind!" riefen meine Eltern oft wie aus einem Munde zu den gaffenden Nachbarn, wenn ich mit entbl√∂√ütem Oberk√∂rper zum Mittagessen auf der T√ľrschwelle aufschlug.
Tante Luise war es peinlich, wenn sie mich dabei erwischte, wie ich ihren Jägerzaun umarmte. "Was machst du da nur?" fragte sie und zerrte mich ins Haus. "Du solltest dich was schämen!" "Wenn du mich ihn jetzt nicht umarmen lässt, komme ich vielleicht in einer halben Stunde ohne Shirt vorbei und knuddel ihn trotzdem", entgegnete ich trotzig.

"Dein Kind ist gänzlich aus der Art geschlagen!" ereiferte sich mein Vater.
"Ach ja? Und was meinst du, woher es seine Macken hat? Na?", schrie meine Mutter aufgebracht.
"Vom Incubus?!"

Auch ich dachte √ľber diese Angelegenheit nach, w√§hrend ich oben in meinem Zimmer sa√ü, mit dem linken Auge zuckte und versuchte, Bleistifte mit meinen Lippen zu spitzen.

Auf dem erzbisch√∂flichen Gymnasium f√ľr M√§dchen entdeckte ich schnell, da√ü Schwester Leoni soff wie ein Loch. Sie gab Kunstunterricht. Ich brachte ihr hochprozentigen Stoff von zu Hause mit. Daf√ľr lie√ü sie mich in Ruhe. Ich hatte keine Zeit, stundenlang auf Bildkompositionen verstorbener K√ľnstler zu starren. Das wollte ich mir f√ľr die Zeit auf dem Sterbebett aufheben. Als 14j√§hriger Teenager interessierte mich der Umgang mit Ton und was sich aus ihm formen lie√ü. Es entstanden einige Kunstwerke, die mein Vater zu den Gem√§lden in den Keller verbannte:

Das blutende Ohr Van Goghs
Vagina einer √úbergewichtigen
Rabelais bei der Sezierung an einem Gehängten
Komplettes Werkzeug des Rippers
Ein Jungfrauenopfer zu Ehren der Göttin Kali

Die "Zeugung Mose" stie√ü auf gro√ües Interesse. "Sch√∂n, wirklich sch√∂n. Ein religi√∂ses Motiv, sagtest du? Was stellt es dar?", fragte mein Vater und betrachtete ehrf√ľrchtig das t√∂nerne Gebilde in seinen H√§nden. "Na, einen hebr√§ischen Bauern und ein Pharaonenflittchen beim Akt."
Wortlos und mit h√§ngenden Schultern trug er die Zeugung in den Keller. Er sprach zwei Wochen lang nicht mit mir. Zur Bes√§nftigung t√∂pferte ich ihm die "Papagena" aus Mozarts "Zauberfl√∂te". Mein Vater weinte vor R√ľhrung. Als er sich beruhigt hatte, fragte er, was es mit dem seltsamen Hubbel auf Papagenas Stirn auf sich habe. ‚ÄěSchau, das ist eine Pampel...‚Äú, hob ich an, wurde aber von einem kr√§ftigen Tritt meiner Mutter zum Schweigen gebracht.

Als ich erfuhr, da√ü Gehirnzellen absterben, traf ich den Entschluss, all die nutzlosen Lehren und Eindr√ľcke, die t√§glich auf mich eindrangen, abzublocken. Ich teilte mein Gehirn in Sektoren ein und f√ľhrte meinen geistigen Beeten fest entschlossen nur das zu, was ich als erachtenswert betrachtete. Albert Camus Erkenntnis der Sinnlosigkeit aller Dinge kam mir bei dem Versuch zupass, bereits gespeicherte, jedoch hartn√§ckig auf ihren Platz beharrende, Daten zu l√∂schen.

Die tibetanische Brust erhielt einen Ehrenplatz neben der Erinnerung an eine Feuersbrunst, w√§hrend der Sandmann und die Knallgasprobe rausflogen. Die chronologische Abfolge der Ereignisse w√§hrend der franz√∂sischen Revolution lie√ü mich kalt. Doch die freiz√ľgige Oberbekleidungsmode des weiblichen franz√∂sischen P√∂bels speicherte ich gleich unter der naturgetreuen Abbildung einer blutverschmierten Guillotine.

Aus Angst, meine grauen Zellen versehentlich mit Schrott zu f√ľllen, schw√§nzte ich den Lateinunterricht. Unter der Doppelbelastung einer toten Sprache und eines nervt√∂tenden Sprachfehlers der Lateinlehrerin, Frau Schopp, bef√ľrchtete ich die totale Verw√ľstung meiner sorgf√§ltig angelegten Sektoren.

Frau Schopp begann ihren Unterricht mit einer Drohung: "Sie alle werden, mäh, das große mäh, Latinum unter meiner mäh, Leitung schaffen. Mäh?" Ihr Latein hörte sich nicht besser an: "Ego cecidi mäh, unum porcum et mäh ego habeo bonum mäh vinum. Mäh?" (Ich habe geschlachtet mäh ein Schwein und mäh ich habe guten mäh Wein. Mäh?)
Ich schaffte weder das kleine, noch das gro√üe Latinum, gewann aber daf√ľr einen gro√üen, freien Sektor f√ľr zuk√ľnftigen Drogenmi√übrauch.

W√§hrend einer Klausur zu Stefan Zweigs "Schachnovelle" entdeckte ich Kira, eine Gleichgesinnte. Ausdruckslos sa√ü sie vor ihren leeren Bl√§ttern und sinnierte. Gelegentlich ging ein Ruck durch ihren K√∂rper, woraufhin sie erschrocken zur "Schachnovelle" griff und heftig darin herumbl√§tterte. Sie tat das mit einem Ausdruck ungl√§ubigen Erstaunens. Wie ein junger Welpe, der seine tapsige Pfote zum ersten Mal in tiefen Schnee taucht. Dann ‚Äď wom√∂glich zur Beruhigung ‚Äď wandte sie sich einem Haufen bunter Radiergummis zu, den sie vor sich ausgebreitet hatte. Sie radierte mit einer Inbrunst, da√ü es eine Lust war, ihr dabei zuzuschauen. Die Schnipsel sortierte sie nach Farben und deponierte sie in einem eigens daf√ľr vorgesehenen K√§stchen.
Wir wurden Freunde.

Kira brachte mir bei, Joints zu drehen und die Muskulatur der Oberschenkel so weit anzuspannen, da√ü sie nahezu jedes Gewicht aushielten. Als uns das Stemmen kleinerer Kraftr√§der zu langweilig wurde, legten wir unsere Beine unter das Auto ihres Bruders, der dann zwei-, dreimal √ľber uns hinweg fuhr. Als mein Vater davon erfuhr, war er au√üer sich. Meine Mutter war begeistert und lie√ü sich zusammen mit uns √ľberfahren.

Kira soff mit der gleichen Inbrunst wie sie radierte. Wir verbrachten viel Zeit in zwielichtigen Bars, in denen man schon breit war, wenn man nur einmal tief durchatmete. Als entschiedene Gegner der Mittelmäßigkeit kifften und soffen wir uns durch die gesamte Stadt bis in die Notaufnahme des Krankenhauses. Wir kamen ins gleiche Zimmer und erhielten die gleiche, knappe Genesungskarte:
"In vino mäh veritas. Ibi jacet mäh lepus. Mäh?"
(Im Wein mäh liegt die Wahrheit. Da liegt mäh der Hase [im Pfeffer]. Mäh?)
Selbst von meinem Vater erhielt ich einen Genesungswunsch. Er schickte mir den Holzschnitt eines gefallenen Engels und unterschrieb mit "Incubus“.

Die Zeit kurz vor den Abiturpr√ľfungen verbrachte ich vor dem Fernseher. Mit halbgeschlossenen Augen und verz√ľcktem Gesichtsausdruck erforschte ich die Welt der Seifenopern. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt dem Modehaus Forrester aus Reich und Sch√∂n Die Dialoge waren von simpler Sch√∂nheit:

Ein B√ľro in LA
Ridge Forrester: "Mutter, wo haben wir noch gleich die Stoffe f√ľr die Fr√ľhjahrskollektion?"
Stefanie Forrester: "Na, die hat sich Brooke, dein kleines Flittchen, unter den Nagel gerissen!"
Brooke Logan: "Stefanie! Ich werde deinen Sohn heiraten. Du kannst es nicht verhindern.

Ein anderes B√ľro in LA
Thorn Forrester: "Vater, wo haben wir noch gleich die Mappe f√ľr die Winterkollektion?"
Eric Forrester: "Na, die hat Clarke, der kleine Emporkömmling, gestohlen!"
Clarke: "Eric! Ich werde deinen Sohn heiraten. Du wirst mich nicht daran hindern können.

Strandhaus in LA
Taylor Hayse: [blickt versonnen auf den Wehenschreiber] Oh Ridge! Wie wirst du reagieren, wenn du erfährst, daß ich dein Kind unter meinem Herzen trage?"

Das Problem war, da√ü Taylor nie mit der Sprache herausr√ľckte. Bis heute warte ich darauf, wie Ridge reagieren wird. Taylor war verdammt nah dran, es ihm zu beichten. Doch immer kam Brooke dazwischen. Ich lernte den Satz auswendig. Bald konnte ich ihn fl√∂ten wie die Hayse und trug den gleichen sehnsuchtsvollen Ausdruck in den Augen.
"Oh, Ridge! Wie wirst du reagieren, wenn du erf√§hrst, da√ü ich dein Kind unter meinem Herzen trage?" sagte ich beim Fr√ľhst√ľck zu meiner Mutter. Als ich meinen Vater mit der Stimme von Thorn Forrester fragte, wo er noch gleich die Mappe f√ľr die Winterkollektion habe, zertr√ľmmerte er den Fernseher und trug ihn in den Keller zu den Bildern und der "Zeugung Mose".

Aus mir ist etwas geworden.

Ich studierte Medizin und habe heute mein Auskommen als gl√ľckliche Besitzerin einer kleinen Praxis im S√ľden der Stadt. Die Kunstwerke aus dem Keller meines Vaters schm√ľcken nun die W√§nde meines Behandlungszimmers. "Sie ist v√∂llig aus der Art geschlagen", behauptet einer meiner Kollegen, der mich zuf√§llig dabei beobachtete, wie ich zuerst in einen Kn√∂terich biss und mich dann in einer rasanten Spagatabfolge durch eine pr√§chtige Allee nach Hause schob.

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JoshHalick
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Hallo Majissa!

Nun habe ich deine Geschichte gelesen. Und ich habe nur eine Winzigkeit gefunden, die in meinen Ohren nicht ganz koscher klang… und zwar:

"Es gibt nichts umsonst, merk’ dir das! Wenn es was umsonst gibt, hat es einen Haken. Spare in der Zeit, so hast du in der Not!", predigte er bei jeder Gelegenheit.

Ich fragte mich ob du in „so hast du in der Not“, nicht ein „es“ vergessen hast: So hast du es in der Not.

Und das war auch schon alles.
Teilweise war es etwas verwirrend, so wie im Absatz mit dem Nachhauseweg und Umarmen von Gartenzäunen. Allerdings nur ein wenig, und das fand ich auch sehr passend!

Was sonst so, f√ľr mich vom sonst harmonischen Bild abweichte, war zu erst das vom Auto √ľberrollt werden… Das w√ľrde ich aber nicht in dem Ma√üe bem√§ngeln, das ich sagen w√ľrde: Streich es raus! N√∂, das war nur son ganz pers√∂nliches Joshgef√ľhl. Wer wei√ü mit was ich das im Unbewussten verbinde… O o O… doch mir f√§llts grad wieder ein… Aber ich glaub die Geschichte passt nicht hierher, deshalb schweig ich mal… *hust* :oP
Und das zweite, waren die Joints. Warum das so war?... Hm… Wie soll ich dir das erkl√§ren… Aber irgendwie passte das nicht zu ihr. Das hei√üt es passte schon, aber nur halb. Obwohl das mit den Joints noch mehr passte als das Saufen… Oder umgekehrt? Hm…
Auf jeden Fall kam ich da ein bisschen von meinem Bild ab. Hab mir wohl vorgemacht, das gute Kind wei√ü was gut f√ľr es ist…
Vielleicht kam es auch nur etwas √ľberraschend. Eben erst geboren und dann schon ne T√ľte am bauen… So was.
Erinnerte mich auf jeden Fall an Nancy Spungen, das Kind. Aber total…. Ob das abwegig ist… hm keine Ahnung!

Was mit an der Geschichte gefiel ist a)… ganz klar… f√ľr mein Laienauge fehlerfrei… b) sehr dicht geschrieben c) sehr phantasievoll!
Ja, das find ich klasse, wenn da so viele Ideen drin stecken und alles so fein ausgekl√ľgelt wurde. Das wirkt! Auf jeden Fall!

Ich werd im Laufe des Tages noch etwas √ľber deine Story sinnieren , und mich noch mal melden, sollte mir noch was einfallen. Glaub ich zwar nicht, das dem so sein wird, aaber man wei√ü ja nie!

Mir zumindest hat es Spaß gemacht die Geschichte zu lesen.
Fand sie klasse. Und das allergr√∂√üte Lob… wie ich schon erw√§hnte… kann ich f√ľr die F√ľlle an Phantasie aussprechen!

Die besten Gr√ľ√üe
Josh

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majissa
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Lieber Josh,

danke f√ľr deinen ausf√ľhrlichen Kommentar, der mir doch tats√§chlich ein "Aha-Erlebnis" beschert hat. Ha!!Das "Joshgef√ľhl" hat mich auf die √úbelt√§ter im Text hingewiesen. Die Autoepisode kommt schlicht und einfach zu plump daher. Der knappe Hinweis, dass die Protagonistin ihre Oberschenkelmuskulatur trainiert, ist da als Begr√ľndung f√ľr ein √úberfahrenlassen zu unglaubw√ľrdig. Die Witzelei ist allzu eindeutig. Woody Allen beispielsweise macht das viel feiner:

"Als er f√ľnf war, bemalte er seinem Bruder den Kopf, obwohl sein Vater, Anstreicher von Beruf, mehr von der Tatsache aus der Fassung gebracht war, dass er den Jungen nur einmal gestrichen hatte."

Genauso verh√§lt es sich mit den Joint- und Sauforgien. Sie kommen zu pl√∂tzlich. Gut - dass die Protagonistin gerne experimentiert und Drogen sich da geradezu anbieten, ist schon klar. Aber es m√ľsste doch m√∂glich sein, den Humor feinsinniger zu gestalten. Sag mal, kritisiere ich mich gerade selbst?

Jedenfalls lagst du mit deinem Gesp√ľr genau richtig.

"Spare in der Zeit, so hast du in der Not" kenne ich nur ohne "es". Vorsichtshalber habe ich aber mal nachgeschaut, kam aber auf das gleiche Ergebnis. Mein Geheimrat r√§t mir hier ab, ein "es" einzuf√ľgen, aber ich denke trotzdem noch dar√ľber nach.

Nancy Spungen? Ich habe nie von ihr gehört, recherchierte aber und fand eine Nancy Spungen, die an einer Überdosis Heroin starb. Oh Gott! Vielleicht sollte ich doch lieber romantische Geschichten schreiben. Zum besseren Verständnis sollte hier nicht unerwähnt bleiben, dass nur die Neigung zum Pflanzenverzehr und sporadisch auftauchende Experimentierlust autobiographischen Hintergrund haben.

Ich habe mich sehr √ľber dein Lob gefreut, zumal ich weiss, wie gnadenlos du kritisierst.

Sollte dir noch etwas auffallen...nur zu!

Liebe Gr√ľ√üe
Majissa

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JoshHalick
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Hallo Majissa,

ja… ja doch, das wars! Es kam etwas pl√∂tzlich zum Schluss!
Ich gr√ľbel schon die ganze Zeit nach Fehlern, kann aber keine ausmachen.
Aber was mir noch einfiel. Also was mir am besten gefiel war das Zwinkern… das hei√üt das Nichtzwinkern! Sehs deutlich vor mir!
Ach ja und Kiras sortierte Schnipsel … Die kamen zwar nur kurz dran aber die sind h√§ngen geblieben.

Ich hab mir Anhand deines Beispiels noch mal den ein oder anderen Satz angesehen… Empfinde sie aber schon als richtig gedeichselt. Vor allem, da es ja nicht gerade ein kurzer Text ist, ist es schon beachtlich, das du es geschafft hast so viel darein zu stecken, ohne das es √ľberladen oder unglaubw√ľrdig wirkt.
Na ja sicher ist manches ganz gaaaanz leicht unglaubw√ľrdig. Aber man kaufts dir eben ab. Was ja auch die eigentliche Kunst ist.

Ach ja und was ich grad noch lese. Du hast am Ende geschrieben:

Aus mir ist etwas geworden.

Und ich finde es sehr gut, das da nicht stand:

Trotzdem ist aus mir etwas geworden.

Denn diese winzige Kleinigkeit hätte den Text um etwas gebracht, was ich persönlich großartig finde. Ja, das hat mir gefallen.

Wenn ich jetzt noch mal ganz genau nachdenke… dann kommt Oma Fine vielleicht etwas lang oder kurz.
Wie mans nimmt… Ja na ja sie erf√ľllt ihren Zweck wegen der Geburt und dem schlechten Stern und so… Aber irgendwie hat sie doch Potenzial. Ich seh sie.. frag mich nicht warum… da sitzen mit dem Knochen in der einen Hand … wie eben son Zepter … und den H√∂rer in der anderen.
Also wirklich kein Wunder, dass das Kind sp√§ter Medizin studiert hat. Seh grad vor mir wie Finchen ihr im Meskalinrausch begegnet… den H√ľftknochen schwingend um den sich eine Schlange windet… wie sonen √Ąskulapstab… das hat was sehr prophetisches…
Aber meine Phantasie geht mit mir durch…

Also na ja, an Nancy Spungen erinnerte es mich nur, weil das auch son verr√ľcktes Kind war. In dem Falle wars nat√ľrlich eher eine sehr sehr dramatische Geschichte. Nichts wor√ľber man lachen mag. Aber die verr√ľckten Ideen, das erinnerte mich dann doch…

Was fehlt denn noch? Ach ja, das „es“. Na gut, das akzeptiere ich. Macht sich auch nicht gut dem Geheimrat zu widersprechen. Bei Gott ja, mit dem mu√ü man sich gut stellen! Versteh das also :oP

Hm… f√§llt mir noch was ein?... Nein, n√∂, ne jetzt hab ich mich erstmal wieder leer geschrieben…

Die besten Gr√ľ√üe
Josh

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Petra
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Liebe majissa,

spitzenmäßig! Jedes weitere Wort dazu wäre eines zu viel!

Lediglich eine Bemerkung am Rande:
Das Sprichwort lautet schon richtig - "Sparst Du in der Zeit, dann hast Du in der Not".

Ach, und es fällt mir ein:
Die Autoepisode kommt nicht zu schlicht und plump daher, sondern gerade schlicht genug! Du √ľberl√§dst nicht, und das ist - meines Erachtens - gut so!

Fazit: Höchst gelungen!

Viele Gr√ľ√üe.
Petra


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majissa
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Der schwingende √Ąskulapstab hat was

Ja, Josh, ich glaube auch an Fines Potential. Eigentlich hatte ich sie widerwillig eingebaut, weil Mr. Tripps Ableben als alleiniger Grund f√ľr die Ablehnung des Vaters nicht ausreichte. W√§hrend des Schreibens wurde sie mir dann immer lieber. Als Familiendrachen mit kriminellen Neigungen und einem gewissen Hang zur schwarzen Magie h√§tte sie eine gute Figur abgegeben. Ich sehe sie jetzt auch vor mir, wie sie, Senilit√§t vort√§uschend, auf den Rasen des Nachbarn pullert und sich unter wilden Fl√ľchen von ihm nachhause schleifen l√§sst und als Kopf einer Geheimorganisation zur Befreiung Pal√§stinas nicht nur Ferngespr√§che f√ľhrt, sondern auch heimlich Reisen in den nahen Osten unternimmt, wo sie -unter ihrem Gewand - bis auf die Z√§hne bewaffnet arabische Teeh√§user aufmischt und Konkubinate st√ľrmt...
Nun ja, auch mit mir geht die Phantasie durch.

Wirklich nett, dass du dir noch mal Gedanken √ľber den Text gemacht hast. Dein Lob hat mich gefreut, zumal ich schon dachte, der Text ger√§t mir wirklich ZU unglaubw√ľrdig. Es ist also noch im gr√ľnen Bereich. Fein...

Die Schnipsel und das Augenzwinkern fand ich gar nicht so berauschend. Da sieht man mal wieder, wie wichtig die Lesermeinung doch sein kann. Fast hätte ich Kira nämlich ganz gestrichen.

Danke nochmal und liebe Gr√ľ√üe
Majissa

P.S. Mein Geheimrat ist furchtbar gnadenlos mit meinen Texten.

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