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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Memoiren eines Spermiums
Eingestellt am 21. 10. 2017 22:59


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Salsero
Hobbydichter
Registriert: Oct 2017

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Es war wieder einer dieser Tage zum Vergessen gewesen. Z14738 hasste es, wenn der Tag eine einzige Monotonie war. Es war nicht einfach ein Spermium zu sein. Nie hatte man einen Moment für sich. Diese Enge hier, das wilde Geschaukel und es war so unerträglich warm – er würde viel dafür geben endlich aus diesem Ghetto herauszukommen. Es gab so viele von seinesgleichen hier. Niemand von ihnen wusste, wie viele sie tatsächlich waren. Als er noch jünger gewesen war, hatte er gedacht, dass es Hunderte von ihnen geben würde. Das war kurz nach seiner – hmmm, nein, er konnte es nicht Geburt nennen – nein, Bewusstwerdung war wohl eher das richtige Wort. Jedenfalls, damals als er zum ersten Mal seines Selbst gewahr geworden war, hatte er geglaubt, dass die anderen Spermien in seiner Nachbarschaft die ganze Meute waren.

Oh je, wie hatte er so naiv sein können? Es war ein Schock gewesen, als er zum ersten Mal in eines der großen Sammelgefäße gekommen war. Natürlich konnte er nichts sehen. Wie auch? Er hatte ja keine Augen. Aber er konnte die anderen fühlen. Jedes Mal wenn eines der Spermien auch nur seinen Schwanz bewegte, dann löste es eine Welle von blindem Aktionismus aus. Es war wie eine Welle, die über sie hinweg fegte und sie alle ihre Schwänze bewegen ließ. Wie die Lemminge! Als hätte nicht jeder von ihnen einen eigenen Kopf! Und irgendein Idiot bewegte hier immer seinen Schwanz…

Aber die Bewegungen waren nicht das Schlimmste. Das Unterbewusstsein und die Telepathie waren viel schlimmer. Er konnte die Gedanken der anderen Spermien hören, als wären sie alle in seinem Kopf. Es war ja schlimm genug, dass sie permanent von irgendjemand da oben indoktriniert wurden, dass nur der Beste von ihnen die Erfüllung seines Lebens erreichen würde. Also mal ehrlich – wer kann denn da glücklich werden, wenn er immerzu daran erinnert wird, dass er eigentlich von Natur aus ein Verlierer sei? Nur ein Idiot glaubt doch daran, dass er Hunderttausende von Artgenossen schlagen würde können! Dagegen war ja das Leben eines Gladiators im alten Rom ein Ponyhof gewesen…

Nein, Z14738 hatte sich längst damit abgefunden, dass er niemals die Erfüllung seines Lebens erreichen würde. Was sollte das überhaupt sein? Die Erfüllung eines Lebens, das daraus besteht, umhergeschaukelt zu werden, sinnlos mit den anderen La-Ola zu üben und dann auch noch Tausende von Dumpfbacken im eigenen Kopf zu hören? Das war kein Leben, das war die Hölle! Wenn es da eine Erfüllung gab, dann würde diese wohl kaum viel besser sein.

„Oh Gott! Es geht los!“

Es war ein kollektiver stummer Aufschrei in seinem Kopf gewesen. Wieder so ein Lemming-Effekt. Massenpanik! Und natürlich mussten diese Idioten wieder ihre Schwänze bewegen. Z14738 stöhnte stumm auf, als sein eigener Schwanz sein eigenes Leben entwickelte. Warum konnte er ihn nicht stillhalten? Es wäre die perfekte Rebellion! Lass sie doch alle ihre Schwänze umherwedeln. Ich bleibe ganz ruhig und still! Aber nein! Er musste diese Bewegung mitwachen, als wäre es ein Line-Dance, zu dem einen die beste Freundin auf die Tanzfläche gezogen hatte…

Würde es wieder ein blinder Alarm werden? Wie oft waren sie schon in Alarmstimmung versetzt worden, nur um Minuten später wieder in dumpfer Lethargie zu versinken? Natürlich hatte er keine Ahnung, was diese Alarme auslöste. Der große Guru da oben hielt es nicht für nötig, seine Armee von Spermien auf dem Laufenden zu halten. Manchmal gab es mehrere Alarme an einem Tag. Dann wieder tagelang tote Hose. Etwas musste diesen Temperaturanstieg und das Vorwärtsdrängen auslösen. Aber was? Er hatte keine Ahnung. Er wusste nur, dass er niemals mehr die Gedanken jener gespürt hatte, die weiter vorne in dem langen Korridor waren, wenn es kein Fehlalarm gewesen war. Und mittlerweile waren nicht mehr so viele Spermien vor ihm. Würde heute der Tag sein, an dem er aus diesem unsäglichen Ghetto würde ausbrechen können?

Der Alarm war schon lange ausgelöst worden und der Druck der Massen von Spermien hinter ihm, machte ihn beinahe platt. Er wollte raus hier!

Oh Gott, hört auf! Ihr bringt uns alle um! Drängelt doch nicht so! Hilfe! Gibt es hier keine Ordner? Sanitäter! Oh nein, ich sterbe! Ich…

Die Bewegung kam so unvermittelt, das er gar nicht wusste, was geschehen war. Eben noch hatte jemand seinen Schwanz eingequetscht und nun…?! Was war das? Er bewegte sich, sein Schwanz trieb ihn vorwärts und er konnte spüren, wie die anderen um ihn, ihm mehr Platz ließen. Er war frei!

Freiheit! Oh Gott, wie schön war das! Endlich!

Er konnte sich bewegen…

„Moment!“

„Wo bin ich? He, wartet doch mal!“

„Vorwärts! Lasst mich durch! Ich muss meine Erfüllung erreichen! Platz da!“

Ach, du lieber Himmel! Der war auch da! Y26995! Oder wie er ihn nannte: Hulk! Z14738 hatte den Tag verflucht, an dem Y26995 sein Nachbar gewesen war. Es gab Spermien, die so depressiv waren, dass Z14738 sich am liebsten aus Solidarität umgebracht hätte. Dann gab es die philosophischen Spermien, die den ganzen Tag über den Sinn des Lebens nachdachten. Brr, Gehirnwäsche war nichts dagegen. Und jene, die sich vor Angst am liebsten einen Knoten in den Schwanz machen würden. Aber nichts war schlimmer als die Superspermien! Ich bin der Stärkste, der Beste, der King! Und ihr seid alle Loser! Macht mal Platz, ich muss meinen Schwanz trainieren! So ging das den ganzen Tag. Z14738 hasste diese Superspermien wie die Hölle. Schlimmer waren eigentlich nur noch deren Groupies…

„Oh, großer Meister! Wartet auf uns! Y26995, lasst uns nicht zurück…“

Ja, da waren sie! Natürlich schwammen sie in seinem Kielwasser, wie die Sardinen hinter ihrem Anführer. Besser erst mal zur Seite gehen und die Massen dahinstürmen lassen. Wozu hat man uns einen Kopf gegeben?

„Wo geht es jetzt lang?“

„Weiß ich doch nicht! Ich war auch noch nie da…“

„Hat niemand eine Karte?“

„Bist du von vorgestern? Heute gibt es doch Navis…“

„Und? Hast du eins?“

„Nö! Aber folgen wir doch einfach den Anderen. Jemand wird schon wissen, wo es langgeht!“

„Also gut! Alle schön in eine Reihe!“

„Ich will aber zurück! Mein Freund ist nicht herausgekommen!“

„Bist du bescheuert! Zurück? Hast du schon mal von jemand gehört, der zurückgekommen ist?“

„Äh, nein…“

„Sag ich doch! Wir müssen vorwärts…“

„Einspruch! Wir sollten hier nicht alle blind dem Führer folgen! Wir sind doch keine…“

„Schnauze, dahinten!“

„Also ich hab keine Lust auf Sport. Ich lass mich einfach treiben…“

Z14738 hätte viel dafür gegeben, wenn er diese Stimmen aus seinem Kopf hätte verbannen können. Aber nein, er musste dieses sinnlose Gelabber anhören. Wenigstens wusste er jetzt, dass es wohl drei Wege gab. Vor ihnen teilte sich der Weg hinter einem riesigen Raum in zwei Wege. Und hinter ihnen musste ein großer See sein! Denn wohin sollten sonst all diese Flüssigkeiten fließen? War dies der richtige Weg?

Für einen Moment war er unsicher. Ein See klang gut…

Nein, das konnte es nicht sein! Warum sollte nur der Stärkste und Beste von ihnen die Erfüllung erreichen, wenn sie sich nur dahintreiben lassen müssten? Das konnte auch der Schwächste von ihnen. Das Ziel musste da vorne sein…

Widerwillig folgte Z14738 der Meute. An der Weggabelung ließ er sich nicht von der großen Gruppe der Unschlüssigen aufhalten. Der rechte oder der linke Weg? Das war eine genauso sinnlose Frage, wie der Sinn des Lebens! Was spielte das für eine Rolle, wenn schon tausende von ihnen in jedem Gang verschwunden waren? Er ließ sich einfach von der Masse vorwärtsdrängen und irgendwie landete er im linken Gang. Also gut. Links! Hier war es viel enger und immer wieder bekam er den Schwanz des Spermiums vor ihm um den Kopf geschlagen.

„Oh, entschuldige! Könntest du nicht einfach etwas Platz lassen?“

„He da! Nicht langsamer werden!“

Nein, es gab keinen Ausweg, er folgte der Masse blindlings. Nach einer Weile fühlte es sich sogar gut an. Massenschwimmen! Z14738 könnte sich daran gewöhnen. Irgendwie gab es ihm ein gutes Gefühl…

Moment, was war das?

Er konnte die Unruhe vor sich spüren. Etwas Unheimliches ging da vor sich. Da war die pure Panik vor ihm tiefer in dem Gang! Instinktiv wurde er langsamer, aber die Spermien hinter ihm schoben ihn einfach vorwärts.

Stopp! Hört auf so zu drängeln! Spürt ihr diesen Vibe nicht? Seid ihr alle in Trance?

Z14738 versuchte die Stimmen der Spermien in seiner Nachbarschaft auszublenden und tiefer in den Gang hineinzuhorchen. Da war etwas…

„Oh verdammt! Was ist das?“

„Spürt ihr das auch?“

„Da kommt etwas Großes auf uns zu!“

„Groß? Wie groß?“

„Gigantisch! Es wird uns alle platt machen!“

„Oh! Mist! Bringt euch in Sicherheit!“

„Wie denn?“

„Drückt euch an die Wand!“

War das Y26995 gewesen? Das Superspermium hatte Angst? Der? Z14738 spürte eine Welle von Panik über ihn hinwegfluten! Was war da vorne? Wenn sogar Y26995 sich in Sicherheit brachte, dann musste es etwas wirklich Schreckliches sein!

„Oh Mann, das war knapp! Das Ding ist ja echt riesig! Wieso hat uns niemand gewarnt, dass da ein Monster uns niederwalzen will?“

„Aber es ist vorbei! Weiter geht’s!“

„Ja! Vorwärts! Die Erfüllung wartet dort hinten auf uns!“

„Oh ja! Sie muss wunderschön sein, wenn sie solche Monster bewachen!“

„Vorwärts!“

„Yippie! Ich werde der Erste sein…“

Es gab also einen Weg an diesem Monster vorbei!

Y26995 war daran vorbeigekommen, also würde er es auch tun können. Z14738 versuchte sich nach rechts in Richtung der Wand zu drücken, aber da wartete eine undurchdringliche Wand von Leibern…

Nein! Das würde nichts werden! Nach links!

Die Panik in ihm wurde immer stärker und er versuchte mit dem Kopf durch die Wand zu kommen, aber zwei Spermien blockten ihn ab, als wäre er nur Luft! Oh verdammt…

„Achtung! Da kommt es!“

„Oh Gott! Das ist ja unheimlich! Ich kann gar nicht fühlen, wo es endet…“

„Macht euch schlank, Jungs!“

Z14738 spürte wie die Masse an Spermien vor ihm etwas nachgab. Er konnte es schaffen…

Oh, nein! Er konnte es kommen fühlen. Etwas Monströses kam aus der Tiefe des Raums auf ihn zu! Es war so groß!

Er versuchte sich zwischen den zwei Spermien durchzudrücken. Nur noch ein wenig! Er hatte es fast geschafft…

Das Monster war nun ganz nah. Er konnte seine Aura fühlen. Es würde ganz eng werden. Nur noch etwas tiefer! Er…

Etwas berührte seinen Kopf! Das Monster! Es hatte ihn erreicht! Er…

Nein! Er würde es nicht schaffen! Der Druck des Monsters wurde immer stärker. Es war das Ende!

Z14738 sah sein ganzes Leben im Zeitraffer an sich vorbeifliegen. Was war das für ein armseliges Leben gewesen! Und nun so zu enden! Als Einziger weit und breit von dem Monster plattgewalzt zu werden, was war das für eine Schande! Er würde für immer als die größte Enttäuschung aller Spermien gelten.

Nein! Niemand würde es mitbekommen! Er würde nicht schreien! Er würde keinen Mucks von sich geben! Er würde wie ein Held sterben! Wenigstens das war ihm noch geblieben.

Z14738 hörte auf sich zwischen die beiden Spermien an der Wand drängen zu wollen. Es waren nur zwei ausgelassene Schwanzschläge und er war frei. Das Monster war vor ihm. Er würde wenigstens im Moment des sinnlosen Todes Stärke zeigen! Er würde nicht warten, bis es ihn eingeholt hatte! Es war eine spontane Entscheidung, die Z14738 vorwärtspreschen ließ. Vielleicht würde ihn der Aufprall bewusstlos machen und der Tod würde schmerzfrei sein…

Sein Kopf traf auf die Wand des Monsters. Sie war weich, sie gab nach. Er spürte, wie sich die Haut um ihn schloss und er in das Innerste des Monsters gesaugt wurde. Das Monster verspeiste ihn!

Aber der Gedanke gab ihm einen inneren Frieden…

Niemand würde seinen zermalmten Leichnam finden! Er würde einfach spurlos verschwunden sein. Und schon bald würde sich niemand mehr an ihn erinnern…

Und mit einem leisen Seufzer hörte Z14738 auf zu denken, als ihn die plötzliche Stille des Monsters umfing. Endlich war er ganz allein in seinem Kopf!

Das musste der Himmel sein! Es war so friedlich hier…

__________________
JH

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DocSchneider
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Eine sehr schöne Geschichte, die mich schmunzeln ließ. Das Spermium hat seine Bestimmung gefunden. :)


Viele Grüße von DocSchneider

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