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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Menschen im Park (ein Wawa Kapitel)
Eingestellt am 17. 05. 2001 22:07


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Menschen im Park

Wawa und ihre Freundin Angela saßen in ihrem Lieblingsbaum, einer alten Kastanie, deren unterster Ast eben tief genug war, um mit Hilfe der darĂŒber geworfenen Hundeleine hochklettern zu können. Von da an war der Aufstieg bis zu den beiden bequemen Astgabeln leicht, von denen sie die Isaranlagen bis zur Kennedy-BrĂŒcke ĂŒberblicken konnten. Es war schwĂŒl, aber das leise Donnern schien sich nicht zu nĂ€hern. Die wenigen SpaziergĂ€nger fĂŒhrten meist ihre Hunde aus. Im dichten Laub versteckt hĂ€tte keiner die beiden MĂ€dchen gesehen, wĂ€re nicht Wawas Hund winselnd um den Baumstamm gelaufen.
Wawa kannte die meisten Hunde und ihre Besitzer. Den kleinen Ă€lteren Herrn mit der Dogge, die trĂ€ge hinter ihm her schritt, Pit den Boxer der von der kettenrauchenden HaushĂ€lterin spazieren gefĂŒhrt wurde und natĂŒrlich Tasso, den Setter, der jetzt ĂŒber die Wiese getollt kam. Tasso gehörte einer Frau, die nach Wawas Meinung haargenau wie Vera BrĂŒhne aussah. Wawa rĂ€tselte oft, ob sie nicht tatsĂ€chlich die Mörderin war, nur war die BrĂŒhne ja angeblich im GefĂ€ngnis. Aber konnte es noch jemanden geben, der exakt so aussah? Wawa und Angela besprachen dieses Problem jedes mal wenn sie „die BrĂŒhne“ sehr aufrecht, mit viel zu hoch erhobenem Kopf durch den Park marschieren sahen.
Heute meinte Wawa zu Angela,
„Meine Mutter hat mir erzĂ€hlt, dass ganz viele Mörder frei herumlaufen. Keiner weiß das, aber es stimmt“
Angela zupfte nachdenklich den Spliss von ihren Haarspitzen,
„Aber die BrĂŒhne ist doch verurteilt, sie kann doch nicht gleichzeitig hier und im GefĂ€ngnis sein“
Wawa angelte sich ein Kastanienblatt, um sich die Nase zu putzen, bevor sie ungeduldig antwortete,
„Im GefĂ€ngnis sitzt die Falsche, dass hier ist die wirkliche Mörderin. Du brauchst doch nur zu sehen, wie sie geht. So geht kein normaler Mensch. Einem normalen Menschen wĂŒrde der Kopf abbrechen, wenn er ihn immer so weit nach hinten biegen wĂŒrde. Ich weiß auch genau, warum sie das macht, damit ihr keiner in die Augen sehen kann“
Angela beobachtete jetzt auch die BrĂŒhne, dabei kniff sie die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
Wawa warf lachend ein StĂŒckchen Rinde nach ihr,
„Du kannst doch sowieso nichts sehen ohne Brille. Aber es ist so, wenn man einen Menschen tötet, bleibt das Bild von dem Toten in den Augen des Mörders eingebrannt. Das bekommst du nie wieder weg. Man kann einen Mörder immer an seinen Augen erkennen. Darum hĂ€lt sie den Kopf so komisch. Meine Mutter hat das in einem Buch gelesen, das stimmt wirklich.“
Wawa rutschte unruhig auf ihrem Ast herum, damit sie die BrĂŒhne nicht aus den Augen verlor. Wieder hatte sie vergessen, das alte Opernglas ihrer Großmutter mitzunehmen. Oft stellte sie sich vor, wie sie durch das Fernglas die schmerzverzerrten Gesichter der Toten in den Augen der Frau entdecken wĂŒrde. Dann wĂŒrde sie warten, bis sie mit Tasso unter dem Baum vorbeiging, auf dem Wawa jetzt saß. NatĂŒrlich hĂ€tte Wawa dann nicht ihren dummen Hund dabei, der sie jetzt verriet. Nur Angela sollte dabei sein, damit jemand zusah, wenn sie furchtlos der Frau vor die FĂŒĂŸe springen und laut rufen wĂŒrde,
„Sie sind die Mörderin, ich habe ihre Augen gesehen! Kommen sie besser freiwillig mit zur Polizei. Ich weiß alles ĂŒber sie.“
Eigentlich traute Wawa sich nicht, von ihrem hohen Ast herunter zu springen, aber die Vorstellung, den Stamm wie ein ungelenker BÀr herunterzurutschen, war lÀngst nicht so schön.
Langsam wurde es langweilig auf dem Baum, die BrĂŒhne war zwischen den BĂ€umen der Allee verschwunden, nur der Mann mit der Dogge umrundete wie immer sehr langsam die große Wiese. WĂ€hrend Wawa sich schon an den Abstieg machte, rief sie zu Angela,
„Lass uns zur Isar runter gehen, hier ist ja nichts los“
Nachdem die beiden MÀdchen den steilen Abhang zum Uferweg herunterschliddert waren und den holprigen Pfad entlanggingen, fragte Angela beilÀufig,
„Hast du eigentlich genau mitbekommen, was mit der Mutter von Kurt passiert ist? Moni hat mir erzĂ€hlt, dass Till ihr gesagt hat, die Mutter von Kurt wĂ€re abends im Englischen Garten einem komischen Mann begegnet. Erst dachte sie, er sei ein Standbild, so still stand er da.“
Wawa, die vorausging, blieb so abrupt stehen, dass Angela in sie hineinlief und sagte,
„Ich bin in der Pause hinter Kurt und Till hergegangen, aber ich konnte nicht genau verstehen, was sie geredet haben. Kurt hat gesagt, dass der Mann sich ganz plötzlich bewegt hat und seiner Mutter mit ganz tiefer Stimme befohlen hat, die Schuhe auszuziehen.“
Angela schauderte,
„Das ist irre unheimlich. Stell dir vor, jemand steht ganz still da und beobachtet dich. Ganz, ganz still. Und du gehst direkt auf ihn zu und merkst es nicht.“
Wawa war weniger beeindruckt und schwenkte vom Pfad ins Unterholz
„Komm wir gehen hier ans Ufer“
Wawa zog Angela an der Hand durch den Schilfstreifen zum Wasser. Hier setzten sie sich eng nebeneinander auf die Kieselsteine und beobachteten eine Weile die Soldaten, die ein StĂŒck flussabwĂ€rts ein Drahtseil ĂŒber die Isar gespannt hatten und sich nun in Schlauchbooten daran entlang hangelten. Zwei Soldaten hielten sich am Seil fest, damit das Boot nicht abgetrieben wurde, drei andere ruderten. Dazwischen wurden Kommandos gebrĂŒllt, die trotz der LautstĂ€rke weder Wawa noch Angela verstehen konnten. Am anderen Ufer stand ein Soldat, der seine Befehle in ein Megaphon schrie.
Nachdenklich wandte sich Angela an Wawa,
„Warum sollte Kurts Mutter die Schuhe ausziehen, das verstehe ich nicht“
Wawa drehte sich mit wissendem Blick zu ihr,
„Der Mann wollte bestimmt sein Ding in sie reinstecken, du weißt schon, um Kinder zu machen“
VerstÀndnislos sah Angela sie an,
„Warum wollte denn der fremde Mann Kinder von Kurts Mutter? Der kannte sie doch gar nicht. Außerdem hat sie ja schon zwei Kinder“
Wawa schnaubte unwirsch,
„Du verstehst das nicht. MĂ€nner warten in der Dunkelheit in den Parks auf Frauen, das weiß doch jedes Kind. Dann mĂŒssen die Frauen sich ausziehen. Die MĂ€nner stecken ihr Ding dann nur zum Spaß in die Frauen rein. Es ist ihnen einfach egal, ob sie der Frau ein Kind machen.“
Angela sah sie unglÀubig an,
„Machen das viele MĂ€nner?“
„Nicht sehr viele, aber doch eine ganze Menge, darum sollen Frauen wenn es dunkel wird auch nicht in den Park“
Wawa stand auf, um flache Kiesel zu suchen. Als sie eine Handvoll zusammen hatte, gab sie Angela die HĂ€lfte und meinte,
„Du fĂ€ngst an, wir zĂ€hlen alle SprĂŒnge zusammen, wer die meisten hat, ist Sieger“
WĂ€hrend Wawa und Angela die Steine ĂŒber das Wasser springen ließen, hatten sie nicht bemerkt, dass ein Mann wenige Meter von ihnen ebenfalls ans Ufer getreten war und ihnen ruhig zusah.
Als Wawa zu einem besonders weiten Wurf ausholte, sah sie ihn. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schleuderte sie den Stein ĂŒber die WasseroberflĂ€che. Dabei flĂŒsterte sie zu Angela,
„Da drĂŒben steht M, schau jetzt nicht hin.“
UnwillkĂŒrlich drehte Angela mit einem leisen Schreckenslaut den Kopf.
Da stand er wirklich, nur wenige Schritte von ihnen entfernt und beobachtete sie. Wie immer trug er seinen alten, grauen Anzug. Die Knie der Hosen waren ausgebeult und die Jackentaschen mit irgendwelchen schweren Dingen so voll gestopft, dass das Jackett vorne tief herabhing. Gelassen erwiderte er Angelas Blick, bĂŒckte sich und warf ebenfalls einen flachen Stein ins Wasser, der allerdings nach einem kleinen Sprung unterging. Der Mann stand zwischen dem Soldatentrupp und den beiden MĂ€dchen. Wawa beobachtete ihn aufmerksam aus den Augenwinkeln, wĂ€hrend sie sich langsam ein StĂŒck von ihm weg bewegte, wobei sie weiter Steine ĂŒber das Wasser flitschte. Angela war in ihrem Schreck schon ein einige Meter vorgelaufen. Wawa und Angela kannten diesen Mann schon lange, sie nannten ihn M. Die beiden hatten sich geschworen, keinem Menschen etwas von ihm zu erzĂ€hlen, weil sie befĂŒrchteten, sonst nicht mehr alleine an der Isar spielen zu dĂŒrfen. M war groß und mager. Er ging so gebĂŒckt, als hĂ€tte er Angst sich den Kopf an etwas zu stoßen. Er sah immer so aus, als wĂŒrde er grade durch eine zu niedrige TĂŒr gehen. WĂ€hrend Wawa sich jetzt auch schneller von M wegbewegte, bemerke sie wie reglos er dastand, die blassen, langen HĂ€nde hingen locker herab, der Schlitz der Hose war geöffnet. Wawa sah einen Zipfel seines weißen Hemdes herausragen. Dies war nicht ungewöhnlich, meist war seine Hose entweder geöffnet oder vorne nass. Alleine heute verunsicherte Wawa sein Gesichtsausdruck, er lĂ€chelte und zeigte dabei kleine, etwas gelblichen ZĂ€hne und viel Zahnfleisch. Sonst war er immer ernst, noch nie hatte sie ihn lĂ€cheln sehen. Wawas kleiner Hund war nirgends zu sehen, er entfernte sich hĂ€ufig unbemerkt und kam erst am Abend zurĂŒck. Mit etwas klĂ€glicher Stimme rief Wawa nach ihm, aber er blieb verschwunden. Fieberhaft ĂŒberlegte Wawa, wie sie und Angela an M vorbeikommen und in Richtung der Soldaten rennen könnten. Schließlich fiel ihr etwas ein. Sie flĂŒsterte zu Angela,
„Ich weiß was wir machen, damit rechnet M bestimmt nicht. Hör zu, wir tun so als wĂŒrden wir Fangen spielen. Erst laufen wir hin und her, dann renne ich direkt auf ihn zu. Ich laufe links von M am Ufer entlang und schreie laut, dann wird er sich zu mir umdrehen. Du biegst rechts zum Weg ab und lĂ€ufst dann zu den Soldaten. Wenn ich sehe, dass du weg bist, laufe ich auch auf den Weg. Wir treffen uns da. Bevor ich loslaufe, fasse ich mir mit dem Finger auf die Nase. Das ist das Zeichen.“
So ungezwungen sie konnten, begannen sie sich zu jagen, zu fangen, klatschten einander ab und versuchten nicht zu M hinzusehen.
Als sie beide in der NĂ€he von M waren, fasste Wawa sich schnell an die Nase und stĂŒrmte direkt auf M zu. Mit ihrem lauten Kreischen hoffte sie auch noch die Aufmerksamkeit der Soldaten zu erregen. Der Trick funktionierte tatsĂ€chlich. M drehte sich zu Wawa und streckte beide Arme nach ihr aus. Aber er war nicht schnell genug, er fasste ins Leere, wĂ€hrend Wawa weiter rannte, einen scharfen Schwenk machte und zum Uferweg lief. Sie hatte völlig vergessen darauf zu achten, ob Angela sich auch in Sicherheit bringen konnte. So war sie sehr erleichtert, Angela auf dem Pfad zu treffen. Nebeneinader liefen sie bis zu den Soldaten. Außer Atem und mit Seitenstichen ließen sie sich dort ins Gras fallen. Wawa konnte als erste wieder sprechen, „Hast du gesehen, wie er versucht hat mich zu fangen? Seine HĂ€nde waren nur so ein StĂŒck von mir weg“
Sie zeigte mit Daumen und Zeigefinger den winzigen Abstand,
„Ich habe seine HĂ€nde genau gesehen, seine Finger sind vorne ganz breit und flach. Und seine NĂ€gel sind so lang wie bei einer Frau, nur schmutziger“
Angela lag auf dem RĂŒcken wĂ€hrend sie Wawa zuhörte, plötzlich fing sie an zu lachen,
„Du bist gut, schau mal in den Spiegel. Deine Nase ist ganz schwarz. Zeig mal Deine HĂ€nde“
Beide sahen lachend auf Wawas schwarze Finger und im nĂ€chsten Augenblick stĂŒrzte Wawa sich auf Angela und versuchte ihr auch einen schwarzen Fleck auf die Nase zu machen.

Viel spĂ€ter, als Wawa mĂŒde im Bett lag, den Hund neben ihrem Bett, hörte sie die Soldaten am Isarufer singen. Unerwartet wurde das Lied unterbrochen und Wawa hörte kurz die verzweifelten Hilferufe einer Frau, dann sangen die Soldaten noch lauter als zuvor.
Wawa schlief ein.




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Der kleine Grauhai
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Deine

schönste Wawa Geschichte bs jetzt Kyra. Ich habe daran nichts auszusetzen. Ich befĂŒrchte allerdings das wir beide unsere Geschichten so mögen weil wir auf derselben Schule waren... Naja, mir macht das nix. . Ich find dich und deine Geschichten sehr gut! Alles Liebe. Kolja.
__________________
Kommt doch mal in mein Korallenriff

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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Hallo Kyra,

habe die Geschichte ausgedruckt, les' sie aus Zeitmangel aber etwas spÀter *freu*.

Liebe GrĂŒĂŸe
ReneĂš

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
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Hallo Kyra

wieder einmal ein gelungener Text, der wunderbar in eine ErzĂ€hlung passt. Als Kurzgeschichte – und hier kommt mein kleiner Einwand – stören die vielen HandlungsstrĂ€nge ein wenig. Wirf doch z. B. die BrĂŒhne einfach raus, ich denke, du gewinnst dadurch nur.
Ich wĂŒnsche dir ein schönes Wochenende
Gruß
Willi

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
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Hallo Willi,

Als Kurzgeschichte – und hier kommt mein kleiner Einwand – stören die vielen HandlungsstrĂ€nge ein wenig.

das Problem ist, eigentlich sind die Wawa Geschichten auch nicht wirklich Kurzgeschichten, sondern eine Sammlung die vielleicht mal ein langer Text wird (sobald ich so etwas kann).
Daher passen sie auch nicht wirklich in ErzĂ€hlungen. Ich werde sie zukĂŒnftig auch hier hereinstellen und als "Wawa Kapitel" bezeichnen. Sie sollen schon auch einzeln verstĂ€ndlich sein, aber eben auch Teile eines Gesamten sein. Darum ist die BrĂŒhne mir wichtig, die war ein gutes Beispiel fĂŒr die Moral dieser Zeit. Sie war einfach zu frei und zu unmoralisch fĂŒr diese Zeit. (von Schuld und Unschuld mal ganz abgesehen)

Liebe GrĂŒĂŸe

Kyra

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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Hallo Kyra,

hab' im Zug von Berlin nach Magdeburg Wawa gelesen, spannend und spielerisch, wie Kinder sind. Freue mich auf's nÀchste Abenteuer.

Liebe GrĂŒĂŸe
ReneĂš

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