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Menschenverachtende Feigheit
Eingestellt am 17. 05. 2019 16:26


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Kassandro
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Menschenverachtende Feigheit


Meditation eines Begriffes


In einem Protestbrief zu Äußerungen eines hochrangigen Vertreters der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ĂŒber die LegitimitĂ€t von Israelkritik verwendet die Journalistin Sabine Matthes eine eigentĂŒmliche Begriffskreation: menschenverachtende Feigheit.(1) Über diesen Begriff stolpert man, weil die Zusammenstellung der beiden Wörter eine Spannung, ja, eine Ungereimtheit in sich birgt. Denn Menschenverachtung ist ein Gestus der StĂ€rke, Feigheit dagegen eine SchwĂ€che. Der VerĂ€chter erhebt sich ĂŒber andere, der Feigling duckt sich weg. Menschenverachtende Feigheit – wie geht das zusammen?

Der angesprochene Oberkirchenrat zeigte sich beleidigt und ließ wissen, er fĂŒhle sich persönlich diffamiert. Sehr gut möglich, dass er charakterlich weder ein MenschenverĂ€chter noch ein Feigling ist; aber darum geht es natĂŒrlich nicht. Es geht in erster Linie nicht um persönliche Eigenschaften, sondern um das Agieren einer Organisation, deren ausfĂŒhrendes Organ der Oberkirchenrat ist. Eine Organisation kann nicht feige sein in dem Sinne, wie es ein Mensch ist, aber sie kann sich feige verhalten, feige handeln. Voraussetzung dafĂŒr ist allerdings, dass die Organisation eine Wertebindung aufweist, an der ihr Handeln zu messen ist. Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Wenn europĂ€ische Unternehmen unter dem Sanktionsdruck der USA mit dem Iran keine GeschĂ€fte mehr machen, dann handeln sie nicht feige. Sie sind ökonomischer Logik verpflichtet und die gebietet, keine Nachteile zu riskieren. Bei einer Institution wie der Kirche ist dagegen durchaus die Situation möglich, dass sie um der sie bindenden Werte willen Risiken eingehen und Nachteile fĂŒr sich in Kauf nehmen mĂŒsste. Wenn sie dann - aus Angst um sich selbst - dem Anspruch einer solchen Situation nicht genĂŒgt, dann ist die Kirche feige.

Es gehört zu den zentralen LehrstĂŒcken aus der jĂŒngeren Geschichte, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus in genau dieser Weise versagt hat. Sie hat sich mit der Barmer Theologischen ErklĂ€rung im Mai 1934 zwar der Gleichschaltung widersetzt, aber es ging dabei ausschließlich um ihre eigenen Belange; kein Wort der Kritik am Nationalsozialismus, der da schon Oppositionelle verschwinden ließ und Juden diskriminierte. „Leider habe ich gar kein rechtes Zutrauen mehr zu der kirchlichen Opposition.“(2) schreibt hellsichtig der junge Dietrich Bonhoeffer im gleichen Jahr. Zwar hat es Bonhoeffers Bibelwort „Tu’ deinen Mund auf fĂŒr die Stummen!“ zu einem Spruch mit Kultstatus gebracht, kaum bekannt ist aber sein Kontext in einem Brief ebenfalls aus der Jahr 1934: "Es muß endlich mit der theologisch begrĂŒndeten ZurĂŒckhaltung gegenĂŒber dem Tun des Staates gebrochen werden - es ist ja alles nur Angst! `Tu deinen Mund auf fĂŒr die Stummen', SprĂŒche 31,8 - wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?" (3) Bonhoeffers Thema hier ist die Feigheit, die sich theologisch bemĂ€ntelt. Und zwar die institutionelle Feigheit, mit der die Kirche sich mit der Staatsmacht gut stellen und es mit ihr ja nicht verderben will. Bonhoeffer kann das auch den „taktischen Weg“ nennen, wenn er sich z. B. als Auslandspfarrer mit dem Oberkirchenrat im Auslandsamt der Reichskirche Theodor Heckel auseinandersetzt: „Es gibt eben, so oder so, keine glaubwĂŒrdige Entschuldigung fĂŒr Taktik, wo es auf die Entscheidung des Glaubens ankĂ€me. Das ist die ganze Sache.“ (4)

SpĂ€ter, in der Zeit seiner Haft im Gestapo-GefĂ€ngnis hat Bonhoeffer ĂŒber der LektĂŒre der Bibel seinen Weg, seine Position und seine Erfahrungen geklĂ€rt und dabei auch den ethischen Stellenwert der Feigheit tiefer reflektiert. „Noch etwas anderes: es heißt im NT hĂ€ufig: „seid stark“ (1.Kor 16,13; Eph 6,10; 2.Tim 2,1; Joh 2,14). Ist nicht die SchwĂ€che der Menschen (Dummheit, UnselbststĂ€ndigkeit, Vergesslichkeit, Feigheit, Eitelkeit, Bestechlichkeit, VerfĂŒhrbarkeit etc.) eine grĂ¶ĂŸere Gefahr als die Bosheit? Christus macht den Menschen nicht nur „gut“, sondern auch stark. Die SchwachheitssĂŒnden sind die eigentlich menschlichen SĂŒnden, die mutwilligen SĂŒnden sind diabolisch (und wohl auch „stark“!). Ich muss darĂŒber noch nachdenken.“ (5) Bonhoeffer rĂŒhrt hier an etwas, das der Einsicht von Hannah Arendt nahekommt, die als Beobachterin des Auschwitzprozesses von der BanalitĂ€t des Bösen sprach und sich einen Proteststurm einhandelte, weil man das als Verharmlosung des Holocaust missverstand. Hannah Arendt ging es ums Lernen aus diesem ungeheuerlichen Geschehen. Das misslingt, wenn man Geschehnisse von sich weg schiebt in eine vermeintliche Sonderprovinz der DĂ€monie und des absolut Bösen. Es ist keine Relativierung des Holocaust, wenn man ihn eintrĂ€gt in die Menschheitsgeschichte, die eben eine der gefĂ€hrlichen SchwĂ€chen und banalen ErbĂ€rmlichkeiten dieses Wesens ist. Wenn dagegen im Bestreben, seine SingularitĂ€t zu betonen, der Holocaust ins Metaphysische ĂŒberhöht und praktisch zu etwas Ahistorischem gemacht wird, macht man ihn unfruchtbar dafĂŒr, aus dieser Erfahrung Konsequenzen zu mehr HumanitĂ€t zu ziehen. Man kann die beiden Linien in der deutschen Gedenkkultur beobachten.

Eine ĂŒberaus berechtigte, ja, die wirklich weiterfĂŒhrende Frage ist es in meinen Augen, inwiefern das Unheil in der Geschichte der Menschen durch „SchwachheitssĂŒnden“ ermöglicht wird. Was richten auf diesem Feld Dummheit, GleichgĂŒltigkeit und Feigheit alles an? Die Dummheit fĂ€llt auf die Rechtfertigung von Unrecht herein und sieht es nicht. Die GleichgĂŒltigkeit sieht weg und meint, dass es sie nichts anginge. Die Feigheit sieht das Unrecht sehr wohl, will sich aber „den Mund nicht verbrennen“ und arrangiert sich opportunistisch mit ihm. Den Dummen könnte man mit Fakten aufklĂ€ren, den GleichgĂŒltigen moralisch aufrĂŒtteln, der Feige aber hat sich immunisiert. Weil er bestĂ€ndig seine wahren Motive verschleiern muss, hat er eine VirtuositĂ€t im Verunklaren entwickelt: Fakten ignoriert er bei Bedarf, ethische Bedenken tut er als Moralisieren ab, er betont stets, wie komplex die Dinge doch sind, wird nicht mĂŒde, vor Einseitigkeit zu warnen und gibt sich dabei die AttitĂŒde, ĂŒber den Konfliktparteien zu stehen. So ist er in Deckung. So schwĂ€cht er das Menschenrechtsengagement.

Gibt es menschenverachtende Feigheit? Zu antworten ist wohl: Zweifellos hat Feigheit, insbesondere in ihrer institutionell geronnenen Form, an der Verschleierung und dadurch Aufrechterhaltung menschenverachtender ZustÀnde einen besonderen Anteil.


(1) Hier klicken
(2) Brief an seine Großmutter Mai 1934, Dietrich Bonhoeffer
Werke (DBW) Bd.13, GĂŒtersloh 1994, S. 146
(3) Ebd. S. 204f, Brief vom 11. 9. 1934 aus London an Erwin
Sutz.
(4) Ebd. S. 240, Brief aus London vom 20.11.1934 an Helmut
Rössler
(5) DBW 8 (Widerstand und Ergebung), GĂŒtersloh 1998,S.574,
Brief vom 21.8.44 an seinen Freund Eberhard Bethge


Version vom 17. 05. 2019 16:26
Version vom 01. 06. 2019 23:37

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