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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Methusalemissimo
Eingestellt am 31. 08. 2008 19:45


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Raniero
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Methusalemissimo

Rüdiger Rübsamen, der Präsident der regionalen Abteilung der Vereinigung für Hochbetagte e.V. atmete tief durch; ein Licht am Ende des Tunnels schien sich abzuzeichnen.
Seit einiger Zeit nämlich quälte ihn ein relativ hohe Mitgliederschwund der Vereinigung, hervorgerufen durch den Umstand, dass viele Mitglieder ihre Zukunft nicht mehr in allzu rosigen Farben sahen und aus diesem Grund vorsichtshalber ihren Austritt aus dem Club erklärten, solange sie selbst noch dazu in der Lage waren.
RĂĽdiger RĂĽbsamen konnte bis zu einem gewissen Grade die GrĂĽnde dieser Austrittswilligen nachvollziehen, hatten sie doch allesamt schon die neunzig Lenze ĂĽberschritten, da dieses Mindestalter die Voraussetzung fĂĽr die Aufnahme in den Club bildete.
Er selbst als Präsident hatte gar die Hundert schon seit sehr langer Zeit überschritten, das war er diesem Amt einfach schuldig, dennoch fühlte er sich noch relativ rüstig, Allerdings, so richtig langfristige Pläne für seine Verweildauer auf diesem Planeten wollte auch er nicht mehr schmieden.


In dieser nicht gerade rosigen Situation aber traf ihn die Anzeige einer halbwegs seriösen Fernsehzeitung wie ein Blitz der Erleuchtung.
Der Mensch könne, so die Annonce, weitaus älter als einhundertfünfzig Jahre alt werden, wenn, ja wenn er täglich ionisiertes Korallenwasser zu sich nähme.
Zum Beweis für diese Behauptung war der Anzeige neben einer ausgefüllten Bestellkarte für einen Hektoliter dieses Wunderwassers ein Foto mit dem Konterfei des nachweislich ältesten Menschen der Welt, einem Bewohner einer kleiner japanischen Insel, beigefügt.
Dieser Mensch, so die Anzeige weiter, habe bei relativ frischem Aussehe, wie man deutlich sähe, bereits die hundertfünfundvierzig überschritten und schreite nun mit Riesenschritten auf die hundertfünfzig zu, und dieses verdanke er ganz allein der Tatsache, dass er täglich dieses Wasser zu sich nähme.
„Donnerwetter!“ entfuhr es Rüdiger Rübsamen, dem Präses der Hochbetagten, „es gibt in der Tat noch Hoffnung, was mag das wohl für ein Wässerchen sein?“
Spontan lud er die noch verbliebenen Hochbetagten ĂĽber E-Mail zu einer Generalversammlung ein.
Als besonderen Anreiz fügte er der Einladung das Foto des rüstigen Japaners bei, und alle, alle Alten eilten herbei, so schnell sie es den Umständen entsprechend vermochten.

Sofort setzte eine lebhafte Diskussion ein, bei dieser Versammlung, und alle Superalten männlichen wie auch weiblichen Geschlechts zeigten sich enorm beeindruckt, von der Tatsache, dass da im fernen Japan noch einer lebte, der älter war als der Älteste von ihnen allen, nur weil er dieses verdammte Wasser soff.
Schnell waren sich die Teilnehmer einig, dass man diesen Japaner einholen, wenn nicht gar übertreffen solle, und dazu brauche man unbedingt dieses Wässerchen.
Lautstark setzte ein Schlachtruf ein:

„Wir sind die Alten, und wir wollen alle,
unser tägliches Wasser von der Koralle.“

Der Präsident aber gemahnte zur Ruhe.
„Liebe Altvorderen“ rief er mit kraftvoller Greisenstimme in den Saal, „ich habe ja Verständnis für euren Wusch, und ich teile diesen durchaus mit euch, doch bevor wir dieses Wasser fässerweise kommen lassen, würde ich sagen, da sollten wir erst einmal den Text der Zeitungsanzeige auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Daher schlage ich vor, dass eine Delegation von uns nach Japan fliegt, um diesen Uralten, diesen Ältesten der Alten, einmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Freiwillige vor, bitte!“
Wie sie sich da meldeten, diese Hochbetagten; alle wollten mit, alle wollten sie den Uralten sehen, alle schrien:
„Wir wollen zu Methusalem.“

Wiederum mahnte der Präses zur Ruhe.
„Alle können nicht mit, ein paar müssen schon hier bleiben, als ständige Vertretung, für den Notfall. Es fliegt nur der Ältestenrat, basta!“

Nun mag man sich nicht auf Anhieb vorstellen, was sich hinter dem Ă„ltestenrat einer Vereinigung fĂĽr Hochbetagte e.V. eigentlich verbirgt, doch von einem kann man dabei schon ausgehen; die JĂĽngsten waren es nicht mehr, die sich da auf die Reise nach Fernost machten.

Als die Delegierten auf der besagten Insel eintrafen, umringt von Presseleuten aus aller Welt, da ein solch außergewöhnlicher Trip nicht verborgen geblieben war, dauerte es ein wenig, bis sie den Ältesten des Erdenrundes zu Gesicht bekamen.
Auf ihre Frage, wo er denn bliebe, hieĂź es nur, er sei noch mit dem Taxi unterwegs.
„Donnerwetter“ entfuhr es Rüdiger Rübsamen, „der braucht ja mit dem Taxi länger als wir mit dem Flieger!“
„Nein, nein“, erklärte der Bürgermeister des kleinen Inselstädtchens, „er ist nicht mit dem Taxi nach hierhin unterwegs, er hat noch einen Fahrgast, seine Schicht ist noch nicht um.“
„Na, so was!“ staunten die Ältesten der Hochbetagten, „er fährt selbst Taxi! Ein Grund mehr, dieses verdammte Wässerchen kennenzulernen.“
Kurz darauf aber traf der langersehnte ein, und kein Geringerer als Rüdiger Rübsamen, der Präsident der Vereinigung für Hochbetagte e.V. traute seinen eigenen Augen nicht, als er in diesem ältesten Menschen der Welt sein eigen Fleisch und Blut wiedererkannte.
Tränenden Auges erklärte Rüdiger den verdutzten Anwesenden, dass er seinen Sohn, den er auf dem Foto aus der Zeitungsannonce nicht sogleich erkannt habe, vor Urzeiten gemeinsam mit dessen Mutter, einer Japanerin, sitzengelassen habe, und dieses bereue er nunmehr seit weit mehr als hundert Jahren und es vergehe kein Tag, an dem er nicht daran denke.
„Nun aber mal Butter bei die Fische, Rüdiger“, rief der Älteste des Ältestenrates der Vereinigung der Hochbetagten e.V., der auch das Amt des stellvertretenden Präsidenten innehatte, und in seiner Stimme klang maßlose Eifersucht mit, „wie alt bist du eigentlich, verdammt noch mal?“
Rüdiger Rübsamen aber lächelte weise, geradezu altersweise.
„Da fragt man in unserem Alter doch nicht mehr nach, mein lieber Hektor.“
„Und was machst du jetzt mit deinem Jungen?“ wollte ein anderer wissen und wies auf den bis dato ältesten Menschen der Welt.
„Na, ja, ich werde ihn wohl adoptieren müssen, denn im Moment ist er ja pro Forma noch Vollwaise. Und dann“, zwinkerte er seinem Sohn zu, „werde ich ihm zuerst das Biertrinken beibringen, damit er endlich von dem Scheißkorallenwasser, diesem elenden Wässerchen loskommt, nicht wahr, mein Junge?“
„Jawohl, Daddy“, antwortete der nun nicht mehr älteste Mensch auf Erden, glücklich darüber, dass sein Vater ihm diesen Rang abgelaufen hatte.

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