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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Metrosexualität oder Wie mit einem neuen Wort dem Mann geholfen wird
Eingestellt am 03. 08. 2003 20:52


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wondering
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Metrosexualität
oder
Wie mit einem neuen Wort dem Mann geholfen wird

Metrosexualität. Ein Wort, das mein Word-Programm rot unterstreicht. Die jüngste Version des Programms kennt das Wort noch nicht. Es wird aber bald im Duden stehen. Genauso wie unter anderen Macho [sich betont männlich gebender Mann], Softie [Mann von sanftem, zärtlichem Wesen], Adonis [schöner Jüngling; Mann], dessen bin ich mir sicher. Was ist passiert? Woher kommt das neue Wort?
Es läßt sich nicht verleugnen, und man muss auch nicht schwul sein, um zu sehen, dass sich, nach 25 Jahren Christopher Street Day in Berlin, eine Orientierung und Lebensart bis zur Salonfähigkeit etabliert hat. Der Nachbar aus der anderen Doppelhaushälfte, der morgens ein „Hallöchen“ über den Zaun flötet und sich im sündhaft teuren, rosafarbenen Seidenhemd nach getaner Arbeit seinen Kindern widmet, ist überall gern gesehen. Allein schon, weil er immer so gut riecht.
„Akzeptanz und Toleranz“ als Motto des CSD sind auch Zauberworte, mit denen die typischen Attitüden und circensische Liebreize aus dem Schwulsein aufgegriffen werden. Unerheblich, dass eine Weltbewegung dadurch ihre Bedeutung verliert, und der CSD als einstige Homosexuellen-Demo zur Riesenparty mutiert. Schwulsein ist hype, zumindest bedient man(n) sich stilsicher bestimmter äußerer Merkmale.
Nachdem Männer wie David Beckham, Robie Williams oder Brad Pitt wegen ihrem Hang zu Maniküre, häufigem Frisurenwechsel und dem Tragen von Damenunterwäsche, ohne dabei ihr heterosexuelles Brauchtum abzulegen, zu Ikonen einer neuen Männergeneration avancierten, sucht man den Schwulen vergebens. Seine Erkennungsmerkmale findet man zuverlässiger im Alltag des kultivierten Mannes von heute.
Die Wirtschaft erkennt die Zeichen, sieht die Chance, und der US-Journalist Mark Simpson gab im letzten Jahr dem Kind einen Namen. Für viele Branchen ein gefundenes Fressen und für den Mann, dessen sexuelle Orientierung vielleicht ein wenig unklar ist, endlich eine Identität:
Metrosexualität.
Dieser Mann besitzt ein eigenes, wirksam und teuer gefülltes Fach im Spiegelschrank. Antifalten-Cremes, Anti-Aging-Seminare, Museum statt TV, ein Ayurverda-Wochenende statt eines Heimspiels des Fußballclubs, aber bekennende Zugewandtheit zum anderen Geschlecht, zeichnet den Metrosexuellen aus. Doch, doch, eine Lesung auf der Kleinkunstbühne ist mindestens so interessant und imagefördernd (wenn man gesehen wird), wie das Loslassen von Aggressionen über vereinseigene Schlachtrufe am Spielfeldrand. Der metrosexuelle Mann verbindet beides, hilft außerdem seiner Frau in den Mantel und kichert mit ihr über die Macken des gemeinsamen Friseurs.
Man(n) muss sich nicht mehr lauthals von einer „Randgruppe“ distanzieren, sie auch nicht verstehen, sondern lacht herzhaft und solidarisch über echauffierte Tunten in Fernseh-Soaps und kopiert die Wohnungseinrichtung aus deren szenischen Hintergrund.

Und was hält frau davon? Sie genießt die Vorteile, die sich aus den Bemühungen um sein Äußeres ergeben, profitiert vom ungebrochenen Einsatz für Karriere und daraus resultierenden finanziellen Erfolgen, freut sich über Austausch jenseits des Bundesliga-und Formel-I-Geschehens und darf ihre selbstverfasste Lyrik einer neuerdings interessierten Jury präsentieren. Sie schätzt es, einen versierten Modeberater an ihrer Seite zu haben, der ihr zielsicher die richtigen Schuhe zum neuen Kleid reicht und achtet, dass ihr Liebster den Unterschied im Umgang mit Pfeffermühle und Bierhahn kennt. Die „Grauzonis“ zwischen Hetero und Schwul haben ihre Identität gefunden.

Man darf darauf hoffen, dass der Mann mit eigener, gewachsener Identität, der heute anscheinend zu einer Randgruppe gehört, irgendwann als „Retro-Normalo“ voll im Trend liegt. Vielleicht nächstes Jahr.

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jon
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„Schwulsein ist hype…" und wer es nun mal nicht ist, kann jetzt wenigstens so aussehen, und ist sogar noch mega-in'er. – Danke für den Text (, sowas dachte ich auch, als ich davon hörte).

Inhaltliche Anmerkung:
Adonis ist schon "ewig" im deutschen Sprachgebrauch und stört deshalb irgendwie in dieser Aufzählung.
„…für den Mann, dessen sexuelle Orientierung vielleicht ein wenig unklar ist, endlich eine Identität: Metrosexualität. “ – Die sexuelle Orientierung ist meist nicht unklar (die wenigen, bei denen sie es ist, spielen für den Trend keine Rolle). Unklar ist, wie man hetero-Sein und Mode (sich mit den "typischen" Schwulen-Manierismen schmücken) vereinen kann.

Ich würde am Anfang von "Woher kommt das neue Wort? " bis „…oder fehlt es dem starken Geschlecht etwa an einer echten Identität?" alle streichen.
Weil:
Essays „leiden“ wie alle journalistischen Formen unter Platzknappheit. Wenn man da ein Frage formuliert, dann um sie dem Leser (oder um sie in den Raum) zu stellen. In dem Moment, wo man die Frage beantwortet, steckt in der Antwort ja drin, dass man die Frage stellte – warum also mit der Frage Platz verschwenden?
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wondering
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Hallo jon,
danke für deinen Kommentar und die nützlichen Hinweise.
Eins ist mir nicht klar, ich dachte, ich hätte eine Kolumne geschrieben... du schreibst Essay... wo liegt der Unterschied zwischen den beiden Textformen? Das weiß ich tatsächlich nicht.

Werde mich ansonsten noch einmal mit dem Text befassen und sehen, ob ich die Fragen ersatzlos streichen möchte.
Danke und Grüße
wondering

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jon
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Nun: Kolumne ist alles, wo Kolumne drübersteht. Grob gesagt. Sehr grob gesagt. Denn "Kolumne" heißt nichts als "Spalte" und sagt aus, dass die betreffende(n) Spalte(n) für einen bestimmten Scheiber reserviert ist (sind) und er sich darin "austoben" darf.
Was er/sie dort reinschreibt in diese Spalte, ist meist ein Kommentar zu Alltag & Leben, oft ein Kommentar zu Aktuellem, manchmal "nur" ein wenig Rumgephilosphiere oder eine Art Fortsetzungs-Plauerei oder eine kleine Essay-Reihe zu einem Themengebiet…
"Kolumne" als Text-Charakterisierung (außerhalb einer konkreten Publikation {Zeitung}) bietet sich immer dann an, wenn es zu "plauderhaft" für einen echten Kommentar, zu wenig analytisch für ein Essay, zu wenig informativ für eine "persönlich überbrachte Nachricht" etc. ist.

Dein Text ist eine Mischung aus Kommentar und (Kurz-)Essay – zum einen kommt deine pesönliche Meinung klar heraus, vor allem aber ist es eine analysierende Betrachtung, warum und wozu das neue Wort geprägt wurde. Deshalb hab ich es Essay genannt – nur, um der Sache einen Namen zu geben.
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Doreen.
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Hallo, erst einmal Glückwunsch zu diesem Text! Ich finde ihn witzig, frisch und auf den Punkt getroffen. Mann bemerkt, dass Du mit offenen Augen durch's Leben gehst und scheinbar zufälliges, manchmal unscheinbares, genau registrierst... Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich die Leselupe zufällig vor einem Jahr entdeckt habe und sie jetzt näher kennen lernen möchte. Da ich überhaupt keine Erfahrungen habe, hilft nur eines: ausprobieren! Zugegeben, ich mißbrauche dieses Forum gerade als "Versuchskanienchen". Dieser Text ist quasie mein "allererstes Mal". Doch mit mehreren Manuskripten zu Themen wie Kinderbuch, Autobiographisches und journalistische Texte in der Tasche, bitte ich Dich, mir nicht böse sein! Ich muß (will) noch viel lernen! Viele Grüße, Doreen.

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