Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92231
Momentan online:
389 Gäste und 24 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Krimis und Thriller
Meyers Sodom
Eingestellt am 11. 08. 2000 00:00


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Uwe Ruprecht
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
Kommentare: -1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

MEYERS SODOM
EINE WAHRE KRIMINALGESCHICHTE
Johanns Traum
Kalt und klamm, es war kalt und klamm im Pferdestall. Der M├Ąrz fuhr mit Eis und Schnee ├╝ber das Land; ein sp├Ąter, daf├╝r um so heftigerer Winter, der die vereinzelten H├Âfe von der Au├čenwelt abschnitt und zu Inseln machte, von deren knisternden, prasselnden ├ľfen nur allerdringendste Gesch├Ąfte hinaus treiben konnten. Es w├╝rde Wochen dauern, bis der Frost aus dem Boden war, und dabei w├╝rden Eis und Schnee sich mit ├ťberschwemmungen verabschieden; manchmal brach neuerlich Frost aus, und das Land schwamm wie unter Glas. Die Gespanne w├╝rden lange noch keinen frisch gestochenen Torf aus dem Moor ziehen.
Frierend, achtlos gegen├╝ber dem Geruch der Ausd├╝nstungen im Stroh, die ihn von den F├╝├čen her w├Ąrmten, strich der 12-j├Ąhrige Johann ├╝ber die M├Ąhne einer Stute und dr├╝ckte sich dichter an den warmen Leib. Aus seinem Asyl, aus dem Stall konnte keine Winterk├Ąlte ihn vertreiben. W├Ąhrend er seine Gedanken verlor, stocherte der Knabe mit dem Finger in der zerlumpten Decke des Pferdes. "Still, du, still, ganz still..." fl├╝sterte er.
Seit Monaten war das Leben auf dem Hof in heilloser Unordnung, seit Monaten herrschte Gewalt - seit die junge Stiefmutter im Haus war. Wie verliebt hatte der Vater sie zuerst umhegt, wie eine Prinzessin, obwohl sie doch von nebenan, aus der Heide kam und ihr Vater, der alte Behrend Spreckelsen, ein ganz gew├Âhnlicher Torfbauer wie alle anderen auch gewesen war. Nur f├╝r sie hatte der Vater Augen gehabt und war fast nicht mehr zu Johann in den Pferdestall gekommen.
Und dann pl├Âtzlich war der Vater wie ausgewechselt. Und dann schlug er die viel j├╝ngere Stiefmutter, immer ins Gesicht, und der Vater schrie, weil dies Gesicht sein Tod sei, dies Gesicht, und die anderen Dinger.
"Und ich Esel hab dir das teure Kleid gekauft, in dem du jedem Burschen im Bezirk deine Titten anbieten kannst! Meinem eigenen Sohn hast du dich nicht gescheut, sie bei jeder Gelegenheit unter die Augen zu halten, und der Hornochse, der gr├╝ne Junge l├Ąsst sich von dir einwickeln! Luder! Wenn ich dich nicht von der Stra├če geholt h├Ątte..."
"Von der Stra├če geholt! Du mich? Du geile alte Sau h├Ąttest mich der Frau Leutnant Pollmann doch glatt abgekauft, wenn mir nicht alle gesagt h├Ątten, ich m├╝sse, ich solle, ich k├Ânne nicht anders als dich heiraten! Wenn ich dort geblieben w├Ąre statt auf diesem stinkenden Hof irgendwo in der weiten Schei├če..."
"Pollmann, Pollmann! Du l├╝gst doch, wenn du den Mund aufmachst! Die hatte dich doch rausgeschmissen, weil du mit Soldaten rumgezogen bist! Da hast du das Fluchen gelernt. Da h├Ątte mein Sohn schon dabei gewesen sein k├Ânnen! Vielleicht war er es, irgendwo in einer dunklen Ecke, wo du es mit jedem getrieben hast, der in deine Reichweite kam, wenn du an den Abenden durch die Stra├čen gestreunt bist wie eine..."
"Nie hatte ich was mit M├Ąnnern! Bis ich dich versoffenes Aas kennenlernte..."
"Ah! Vogt Rohde hat mir ganz andere Sachen erz├Ąhlt!"
"Was ihr M├Ąnner bei euren Saufgelagen schw├Ątzt, das kenne ich. Wahrscheinlich erz├Ąhlst du immer, dass die Frauen sich vor deinem gro├čen Schwanz f├╝rchten!"
Er spuckte sie an und trat mit dem Stiefel zwischen ihre Beine. Claus sprang dazu, und Vater und Sohn warfen sich St├╝hle an den Kopf und pr├╝gelten sich bis aufs Blut. Und so Abend f├╝r Abend. Die Stiefmutter griff erst ein, wenn einer das Messer zog. Ob einer den anderen in offenem Kampf h├Ątte abstechen k├Ânnen? Von der Ofenbank her zeterte die alte blinde Catharina dazu. Johann und seine kleine Schwester standen steinern in einer Stubenecke. Was um Christi Willen brachte die Erwachsenen so in Rage?
Die Stute schnaubte, Dampf entwich ihren N├╝stern, Johann legte den Kopf an die Flanke und befingerte die Pferdedecke. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich diese Zuflucht gesucht; die gro├čen, ruhigen Ackerg├Ąule wurden sein Wall gegen die Welt. Die Menschen auf dem Hof gaben ihm nichts. Der Vater war eigentlich ein Gro├čvater und kr├Ąnkelte nun auch immerzu. Sein Halbbruder Claus war fast ein Fremder, der jahrelang au├čerhalb gedient hatte und Soldat gewesen war. Die Stiefmutter? Nicht einmal als gro├če Schwester h├Ątte er sie leiden m├Âgen! Catharina, die tappend und ├Ąchzend im Haus umherwanderte, nichts sah, aber mehr h├Ârte als irgendwer anders, machte ihm schlicht Angst.
Adelheit. Johann verkrallte seine Hand in die Decke der Stute. Adelheit war nicht lange geblieben. Kurz vor Weihnachten war sie als Dienstm├Ądchen auf den Hof gekommen, und Johann hatte sich ihr sogleich angeschlossen. Aber schon im Februar k├╝ndigte sie. An ihrem letzten Tag kam sie in den Stall und nahm ihn in den Arm.
"Pass auf dich auf, Johann."
"Du darfst nicht gehen, Adelheit", flehte der Junge und umklammerte ihre Hand.
"Ich muss." Zornig f├╝gte sie hinzu: "Ich mache diese Wirtschaft nicht mehr mit! Das reinste Sodom und Gomorrha!" Sie streichelte seinen Kopf. "Du kannst nicht einfach fortgehen, und ich kann dich nicht mitnehmen. Wenn ich dir sagen d├╝rfte, geh fort, kleiner Johann, fliehe! Armer, du k├Ânntest nicht einfach fortgehen, es w├╝rde dich umbringen, k├Ąmst du von deinen Pferden fort. Wer k├Ânnte dich mit fortnehmen?" Mit dem Finger zerdr├╝ckte sie die Tr├Ąnen des Jungen. "Wenn es ganz arg kommt, dann musst du zur Frau Wohlers gehen, sie ist schlie├člich deine Tante. Sie wei├č doch auch, was hier los ist."
Johann dr├╝ckte die Stirn gegen ihren Bauch. "Ach, die Wohlersche... Du musst bleiben, du!"
"Ich muss jetzt gehen."
"Kannst du nicht ein bisschen ... Adelheit!"
Und dann war sie fort.
Die Stute zuckte. Am anderen Ende der Diele wurden Stimmen laut. Sie fielen wieder ├╝bereinander her. Obwohl der Knabe seine H├Ąnde gegen die Ohren presste, h├Ârte er den Vater br├╝llen: "Hure! Hurenj├Ąger!" Die Stiefmutter lachte schrill. Johann fror.
"Ein Ende muss man machen!" Er h├Ârte Catharina auf der Diele, bevor er sah, wie sie hinter Claus in den Stall humpelte. "Er will es nicht anders!" Sie stie├č mit ihrem Stock vor sich in die Stalluft. Sie brachen ein bei ihm. Seit ein paar Tagen kamen sie immer im Pferdestall zusammen und besprachen sich. Was sie f├╝r Zeug redeten; Johann verstand fast nichts, aber er vernahm den Hass ihrer Stimmen. Sie brachen ein bei ihm.
Claus, der gro├če Bruder, starrte vor sich hin. Er hatte die F├Ąuste geballt und schien eine Wut in sich hinein zu fressen. Catharina tastete mit der Hand nach ihm: "Was wirst du tun?"
"Erschlagen k├Ânnt ich ihn!" zischte er.
Sie grinste. "'s gibt bessre Mittel. Wei├č doch jeder, wie krank er ist. Nur gesund werden darf er nicht wieder."
Die Stute, hinter der Johann stand, wieherte.
"Wer da?" rief die Blinde.
Johann antwortete nicht.
Claus brummte: "Der Bastard."
"Der d├Âsige Rotzl├╝mmel", erg├Ąnzte Catharina. "Johann, Bengel!" rief sie. "Wo ist das Ratzenkraut? Lauf und hol’s!"
Johann schwieg und zog sich hinter den Pferdeleib zur├╝ck; f├╝r die geh├Ąssige Alte sprang er nicht.
"Ratzenkraut, Ratzenkraut?" Claus begriff nicht.
"Was Ungeziefer den Garaus macht, wird auch Cord zu schaffen machen", kicherte die Alte.
In den Augen des gro├čen Bruders blitzte es. "T├╝ckisches Biest!" Er trat mit dem Fu├č auf und schrie nach Johann: "Hol’s her, Rattengesicht!"

Das Abendessen verlief in gespannter Stille. Auch die kleine Schwester, die noch weniger verstand als Johann, sp├╝rte den Hass, der mit am Tisch sa├č, und stocherte ├Ąngstlich abwartend mit dem Holzl├Âffel im Brei. Johann bemerkte die lauernden Blicke, mit denen Claus und die Stiefmutter dem Vater jeden Bissen abzuz├Ąhlen schienen. Niemand sprach, nur die alte Blinde lachte manchmal meckernd in sich hinein.
Anschlie├čend hatte Johann sich wieder im Stall verkrochen. Der Vater war fr├╝h zu Bett gegangen, weil ihm ├╝bel war, Catharina und die kleine Schwester folgten ihm bald in die gemeinsame Schlafkammer. Claus und die Stiefmutter standen auf der Diele.
"Nichts, es hat nichts geholfen!" Claus fluchte. "Er ist so krank als wie vorher."
"War ja nur noch ein Rest da", gab die Stiefmutter zu bedenken.
"W├Ąr doch gelacht, wenn das nicht klappt! Deine Mutter..."
"Was ist mit meiner Mutter?"
"Sie hat so eine Art."
"Was redest du?"
"Fast so wie du." Claus stampfte mit dem Fu├č auf. "Morgen gehe ich mehr holen!"

"Den Hof kann dir keiner nehmen. Ist der alte weg, bleibt dir der junge." Catharina fl├╝sterte mit der Stiefmutter auf der Diele. "Und im Bett erst! Das wird ein Leben!"
"Du h├Ârst dir das im Bett vom Bett aus immer an, blinde Kuh!"
Drohend schwenkte die Alte ihren Stock. "Ich bin deine Mutter, w├Ąrst du ohne mich jetzt hier?"
"Schon recht", beschwichtigte die junge Frau und t├Ąschelte die Hand der alten, die mit dem Stock fuchtelte. "Wenn uns nur keiner draufkommt."
"Wer soll denn was merken? Ist doch keiner dabei, wenn ihr ihm die Gurgel abdreht, nur der d├Âsige Rotzl├╝mmel und die bl├Âde Kleine von der vorigen Frau."
"Da kommt er!" unterbrach die Stiefmutter. "Hast du’s bekommen?"
Claus sch├╝ttelte den Kopf. "Er wollte einen Schein von mir, einen Berechtigungsschein. Er sagt, den gibt‘s nur auf dem Amt. Ich kann schlecht den Alten fragen, ob er einen Schein hat und wo er ihn versteckt. Der Apotheker hat mich ganz scheel angeschaut: Was ich denn bei dieser K├Ąlte mit dem Ratzenkraut anfange, wo doch kein Getier sich noch blicken lasse, wollte er wissen."
Die Stiefmutter st├Âhnte auf. "Und was nun?"
"Ich werde ihn doch erschlagen m├╝ssen!"
"Das hat keine Eile", warf Catharina ein. "M├╝sst ihr halt was anderes nehmen. Ihr k├Ânntets mit Quecksilber versuchen, das ist auch giftig."
"Wenn du es sagst", meinte Claus.
"Ja, Quecksilber ist ganz gef├Ąhrlich", best├Ątigte die Stiefmutter. "Das hei├čt doch auch Quecksilbervergiftung."
Claus nickte nachdenklich. "Aber ich muss zu einem anderen Apotheker gehen, sonst wird er misstrauisch."

Johann schrak aus dem Schlaf auf. In seinem Bett auf der Diele starrte er in die Finsternis. Aus der Schlafkammer h├Ârte er ein R├Âcheln und W├╝rgen, das seinen Namen zu bilden schien. Dr├╝ben schnaubte die Stute. Dann deutlich die Stimme des Vaters, der ihn rief. Johann fl├╝sterte etwas unverst├Ąndlich, r├╝hrte sich aber nicht. Ein Schaben - langsam, unregelm├Ą├čig, ruckweise - drang aus der Schlafkammer, ein schweres Schaben, St├Âhnen und ├ächzen auch - das schauerliche Schaben. Die T├╝r schwang auf, schwarz auf schwarz schob ein Buckel sich auf die Diele, und etwas, das der Buckel nachschleppte.
Gleich dahinter folgte die Stiefmutter im Nachthemd. "Lasst nicht nach, so ists recht, nur feste zugezogen", h├Ârte er Catharina in ihrem Bett hetzen. Die kleine Schwester jammerte.
Johann zog die Decke ├╝ber den Kopf. Ich schlafe, sagte er sich, ich tr├Ąume. Ich tr├Ąume.
"Los, auf!" Die Decke wurde fortgerissen. "Was versteckst du dich?" Die Stiefmutter beugte sie ├╝ber ihn, ihr offenes Haar fiel ├╝ber sein Gesicht. "Steh auf!" Sie r├╝ttelte ihn. "Dein Vater ist gestorben."


Akten und Sagen
Es ist nicht bekannt, wie das gemeine Volk auf das Verbrechen reagiert hat. Ob es sich ebenso ereiferte wie die amtlicherseits Beteiligten. Wie Pastor Ruperti, der von seiner Rede auf dem Richtplatz und der Predigt des n├Ąchsten Sonntags so begeistert war, dass er sie drucken lie├č. Er hielt sich zugute, das M├Ârder-Paar zur Reue bekehrt zu haben. Vorher unger├╝hrt von Gott, h├Ątten sie ihren letzten Gang als vollkommene B├╝├čer angetreten: Der Sieg des Worts Gottes ├╝ber die S├╝nde.
Kein Reporter befragte die Tausende, die am 24. Juli 1835 der Hinrichtung beiwohnten, ob ihnen die Tat so ungeheuerlich erschien wie den Beamten, deren Akten sich erhalten haben. Das Volk wurde vom Gerichtsverfahren ferngehalten und nur durch das rituelle Schauspiel eines letzten Verh├Ârs vor der Exekution informiert. Von der grausigsten Geschichte, die in den Annalen der Region verzeichnet ist, erfuhr das Volk durch den Tratsch der Zeugen und die Indiskretionen des Gerichtsdieners Bierschwall. Dessen Sohn erz├Ąhlte einem Chronisten, was er von dem Drama geh├Ârt hatte, deren Akteure der Vater aus der N├Ąhe beobachten konnte: Eine Sage, die im Volk umging und bisweilen abweicht von der Darstellung in den Akten.
Rasch hatte sich in Blumenthal am Dienstagmorgen, den 12. M├Ąrz 1833, die Nachricht vom Tod Cord Meyers verbreitet. Cord war kam aus einer Moorgemeinde an der Elbe, hatte dort wie hier Torf gestochen und Vieh gehalten. Zwar hatte der 55-J├Ąhrige seit langem gekr├Ąnkelt, viele aber munkelten: "Das musste ja so kommen". Eine ungeschickte, nirgendwo im Wortlaut ├╝berlieferte Bemerkung der Ehefrau des Entseelten im Kreis ihrer Nachbarn erleichterte Untersuchungsrichter Dr. Willemer von der Justiz-Kanzlei seine ohnedies nicht schwere Arbeit.
Man fand die Leiche im Alkoven, frisch gewaschen und mit einem reinen Hemd. Schon eine oberfl├Ąchliche Leichenschau entdeckte Schrammen und Bluterg├╝sse am ganzen K├Ârper sowie Wunden und Absch├╝rfungen am Hals. Der Befund hielt fest, dass der Cord Meyer in Folge einer Strangulation in Verbindung wahrscheinlich gleichzeitiger oder doch gleich darauf folgender vorsetzlicher Vorenthaltung atembarer Luft seinen Geist aufgegeben habe.
"Wer war letzte Nacht im Haus?" fragten die Untersuchungsbeamten.
N├Ąmlich: Anna Sophia, 25, die dritte Frau des Entseelten; Claus Friedrich, 23, dritter Sohn aus Cords erster Ehe; eine siebenj├Ąhrige Tochter, deren Name in den Akten unerw├Ąhnt bleibt, und der Johann aus zweiter Ehe; sowie Annas blinde Mutter Catharina Spreckels.
"Kein Fremder?"
"Nein, kein Fremder", antwortete Claus treuherzig.
"Niemand eingebrochen?"
"Nichts gemerkt."
"Kein Mann au├čer Ihnen im Haus?"
"Nein, Simon ist gestern fort."
"Na, dann..."
Margarethe Wohlers, die Frau des Schulmeisters und direkte Nachbarin der Meyers, lieferte Dr. Willemer den Klatsch, der das Motiv enthielt: Anna und Claus, Stiefsohn und Stiefmutter... Einmal, als der Alte unterwegs war und die beiden sich auf der Diele mit einer Arbeit besch├Ąftigten, hei├čt es in Kanzleiprosa, kommt es zwischen ihnen zu verf├╝hrerischen Scherzen und unziemlichen Vertraulichkeiten. Die Leidenschaft ├╝berw├Ąltigt beide. Er bietet ihr an, zusammen zu Bette zu gehen, sie nimmt es an, und der blutsch├Ąnderische Ehebruch wird vollzogen.
Das erste f├Ârmliche Verh├Âr fand im Angesicht der Leiche statt, die eben vom Landphysicus seziert wurde. Anna zeigte sich dabei roh und f├╝hllos, Claus desgleichen: Namentlich in dem, bei der Sektion des Leichnams seines ermordeten Vaters abgehaltenen Verh├Ârs-Termins, zeigte sich derselbe f├╝hllos und l├╝gnerisch, frech und verstockt. Soll hei├čen: Sie brachen nicht in Tr├Ąnen aus, warfen sich nicht ├╝ber die Leiche, wollten nicht zulassen, dass sie aufgeschnitten werde - sondern k├Ąmpften gegen Brechreiz, w├Ąhrend der Physicus das Skalpell einsetzte: roh und f├╝hllos, f├╝hllos und l├╝gnerisch, frech und verstockt.
Das K├Ânigliche Criminal-Gericht berichtete Dr. Willemer, dass die Familie dort im Allgemeinen in einem schlechten Rufe stehe. Vor 15 Jahren hatte Cord mit zwei Kumpanen eine vom Markt entlaufene Kuh abgegriffen und musste daf├╝r acht Wochen ins Gef├Ąngnis, die erste und die letzte Woche bei Wasser und Brot. Als sieben Jahre sp├Ąter von einer Weide ein Ochse abhanden kam, wurde er sofort verd├Ąchtigt, musste jedoch freigesprochen werden. Claus, von Pastor Ruperti zum Bekennen ermuntert, gestand, als 17-J├Ąhriger bei diesem Raub mitgemacht zu haben. Auf dem Heimweg vom Markt, wo sie eigentlich ein St├╝ck Vieh hatten kaufen wollen, hatte der Vater den Diebstahl beschlossen. "Den Erl├Âs aus der Haut", versprach er dem Sohn, "kannst du behalten." Die Ochsen sind hier aber so wild, dass es ihnen nicht gelingen will, einen derselben einzufangen und entschlie├čen sie sich am Ende dazu, einen Ochsen, der sie von der Weide gejagt, vor sich her nach ihrer Wohnung zu treiben. Nachts um drei endlich daheim, machen sich die Eltern sogleich ans Schlachtgesch├Ąft. Um sechs Uhr in der Fr├╝h brachten Cord und Claus die Haut zum Lohgerber in die Stadt.
Anfang Februar 1831 sei er au├čerdem auf Dr├Ąngen seiner ersten Stiefmutter bei Schulmeisters Wohlers eingebrochen, beichtete Claus weiter. Aus einem Zimmer, das die Witwe Hahn bewohnt hatte, bis sie sich mit Wohlers ├╝berworfen hatte, wurde ein Koffer mit Kleidung gestohlen. In jener Nacht um ein Uhr hatte Claus, mit dem Zahn einer Egge und einem kleinen Beil bewaffnet, Scheibe und Pfosten eines Fensters herausgebrochen, um in das Zimmer zu gelangen. Drau├čen neben dem Backhause hat er den Boden des Koffers mit dem Beile zertr├╝mmert, die Sachen in seinen dazu mitgebrachten Sack gesteckt und solche darauf nach Hause gebracht. Nicht allein die Stiefmutter, der nach 2 Rollen Leinen, die man in dem Koffer der Witwe Hahn vermutet, gel├╝stet, habe ihn zu der Tat angestachelt: Auch behauptet er, dass die Ehefrau des Schulmeisters Wohlers, die Schwester seiner verstorbenen Stiefmutter, darum gewusst habe. Allein so wenig das eine als das andere ist erwiesen.
Claus war Gro├čjunge und Knecht auf H├Âfen in der Elbmarsch gewesen. Bauer Schr├Âder sagt von ihm, dass er zwar seine Arbeit geh├Ârig verrichtet, dass er jedoch nicht besonders mit ihm zufrieden gewesen w├Ąre, weil er im Winter fast alle Abende au├čer dem Hause zugebracht und oft erst sp├Ąt in der Nacht, oft erst am Morgen wiedergekehrt sei, auch das Vieh sehr schlecht behandelt, weil geschlagen und schlecht gef├╝ttert habe. Bauer B├Âsch stellte Claus f├╝r seine Dienstzeit im Ganzen ein gutes Zeugnis, bemerkt aber doch, dass er denselben wegen seines trotzigen Benehmens entlassen habe. Im Mai 1831 trat Claus seinen 14-monatigen Milit├Ąrdienst beim sechsten Infanterie-Regiment in der Garnisonsstadt an. Die Stellungnahme des Kompaniechef geht dahin, dass er sich musterhaft betragen, dass er nie bestraft worden und dass er sich bei jeder Gelegenheit die Zufriedenheit seiner Obern so erworben habe. Claus, bilanzierte die amtliche Charakteristik unter Punkt 14, dem Psychogramm des Inquisiten, ist ein schlechter Mensch! Hervorgehoben wird jedoch seine gro├če Ordnungsliebe; und er habe fr├╝her weder geschlemmt und geprasst, noch sonst einen liederlichen Wandel gef├╝hrt, sondern ist erst dann, wie er mit seiner Stiefmutter bekannt geworden, auf s├╝ndhafte Begierden verfallen.
W├Ąhrend Claus in der Armee diente heiratete Cord die 30 Jahre j├╝ngere Nachbarstochter Anna. Wechselseitige Neigung hat diese Verbindung nicht gemacht, urteilte der Untersuchungsrichter, vielmehr ist es eine Partie, die, wie sie so h├Ąufig auf dem Lande, von den Freunden und Verwandten der Beteiligten, welche sich selbst kaum gesehen, nach der Convenienz zu Stande gebracht wird. Der Vater der Braut war unl├Ąngst gestorben, ihre Mutter lebte allein in der Heide. Schon ihretwillen d├╝rfe sie die Hand des Alten nicht ausschlagen - und dann das Erbe!
Mit 15 hatte Anna das Elternhaus verlassen und sich seither auf insgesamt acht Stellen bei Bauern und B├╝rgern in der Stadt und auf der Marsch als Magd verdingt. Treu und ehrlich im Haus, attestierten ihre Dienstherrn, war sie dagegen drau├čen ziemlich wild, ein wenig fl├╝chtig und eine gro├če Liebhaberin vom Tanze. Immer irgendeine T├Ąndelei mit Kanonieren und Ulanen der st├Ądtischen Garnison. Schon vor ihrer Heirat, hei├čt es bei Bierschwall, habe Anna mit Stiefsohn Claus ein Verh├Ąltnis gehabt, das sein Milit├Ąrdienst unterbrochen habe; nichts dazu in den Akten. Jedenfalls nicht lange nach der Heirat begingen sie ihre ersten beiden Verbrechen: Ehebruch und Inzest. Die Akten betonen die "Blutschande" - ungeachtet, dass sie kein gemeinsames Blut hatten.
Der Untersuchungsrichter vermutete, dass der Geschlechtstrieb bei ihr durch das Zusammenschlafen mit Cord Meyer geweckt, von diesem aber bei seinem hohen Alter gewiss nicht befriedigt war. Anna, in den Jahren der Kraft und Bl├╝te, musste sich geradezu nach Ersatz umsehen - und Dr. Willemer entglitt in seiner Anklageschrift die Sprache: und eben auf einer solcher blutsch├Ąnderischen Tat mag der Entseelte die fraglichen Personen in jener Nacht wohl betroffen haben, weshalb es erforderlich war, dem Verletzten bis zum j├╝ngsten Tage den Mund zu stopfen.
Cord wusste also bald Bescheid, und Zank wurde Alltag. Der Alte schlug seine Frau, der Junge sprang dazwischen. Hure!, br├╝llte der Alte, Hurenj├Ąger! Einmal floh Anna vor den Pr├╝geleien ins Nachbardorf. Nachdem Claus sie dort abgeholt hatte, auf dem langen R├╝ckweg entlang der Chaussee, wurde der Mord beschlossen.
"Deine Mutter hat geraten, ihn zu erschie├čen oder zu erschlagen", sagte Claus.
"Totschie├čen ist ziemlich unsicher", erwiderte Anna. "Beim Totschlagen kann nichts fehlgehen."
Claus z├Âgerte. "Lass uns noch zuwarten."
Wenig sp├Ąter entfuhr es ihm gegen├╝ber dem Dienstm├Ądchen Adelheit Zwang: "Erschlagen m├╝sste man ihn! Von wegen S├╝nde! Geld m├╝sste einer daf├╝r kriegen!" Sie bezeugte es vor Dr. Willemer, der sie auf ihrer neuen Stelle ausfindig gemacht hatte: "Den Herrn tot zu schlagen ist keine S├╝nde. Er w├╝rde daf├╝r sogar bezahlen." Der Untersuchungsrichter protokolliert: Wer den Cord Meyer tot schl├╝ge, der begehe keine S├╝nde, und wenn da einer w├Ąre, der denselben tot schlagen wolle, so wolle er demselben eine blanke Pistole geben.
Anfang M├Ąrz versuchten sie es mit Gift. Aber so naiv, wie sie das Erdrosseln des Alten als Krankheitsfolge vertuschen wollten, so ungeschickt stellten sie sich mit dem Ratzenkraut an, einem schwach arsenhaltigem Mittel, mit dem das Vieh von Ungeziefer ges├Ąubert wurde. Ein Teel├Âffel in den Branntwein reichte nicht, um Wirkung zu zeigen. Nun war das Ratzenkraut schon alle, und in der Apotheke bekam Claus keins. In ihrer Unerfahrenheit verfielen sie auf Quecksilber. Claus holte es aus der Stadt, und Anna tat es in das Warmbier des Alten; es l├Âste sich darin nicht auf.
In diesen Tagen war Simon, Cords ├Ąltester Sohn, zu Besuch in Vaterhaus. Simon, sagen die Akten, trug seinen Teil zum schlechten Ruf der Familie bei; einzelne Vergehen nennen sie nicht. Zwischen ihm und dem Alten, wussten die Nachbarn, kam es zum Streit. Das Gebr├╝ll, mag man sich vorstellen, war in der ganzen Dorfstra├če zu h├Âren. Eine Zeitlang vermutete der Untersuchungsrichter eine Mitwisserschaft Simons, insofern er sich nachgehends sowohl verd├Ąchtig benommen als auch sehr verd├Ąchtige Redensarten gef├╝hrt hat. Beweise fanden sich nicht.
Am Nachmittag des 11. M├Ąrz, w├Ąhrend der Alte krank in der Schlafkammer lag, s├╝ndigten Claus und Anna im Bett auf der Diele. Am Abend ├Ąu├čerte Claus gegen├╝ber Schulmeister Wohlers, dass er und Simon die Hofstelle erhalten w├╝rden, wenn der Alte st├╝rbe.
Zwischen ein und zwei Uhr in der Nacht zum 12. M├Ąrz schleicht Claus mit einem Strick, dessen Ende er zu einer Schlaufe gebunden hat, in die Kammer, wo Anna beim Alten liegt und au├čerdem die kleine Schwester und die blinde Schwiegermutter schlafen. Anna hilft, die Schlinge um Cords Hals zu legen. Im Halbschlaf merkt der Alte, was vorgeht: "Wollt ihr mich ins Tau kriegen?"
"Nein", antwortet Claus, zieht die Schlinge zu und rei├čt ihn aus dem Bette auf die Erde, wobei die Mitangeklagte behilflich ist, indem sie ihren Ehemann nachschubst. Der Alte wehrt sich, r├Âchelt und ruft nach Johann. Der Knabe im Bett auf der Diele schreckt hoch. Er sieht, dass sein Bruder den Vater ├╝ber die Schwelle des Schlafzimmers zerrt.
Dann h├Ąngten sie die Leiche im Pferdestall auf, um den Anschein zu erwecken, der Alte habe Selbstmord begangen, sagt Bierschwall. Nach Aktenlage schleiften Anna und Claus den Alten wohl am Strick in den Stall und zogen an beiden Enden seines Halstuchs, bis ihm nach zehn Minuten die Luft wegblieb - brachten ihn aber wieder zur├╝ck ins Bett, richteten ihn her und pr├Ąsentierten ihn als an einem ungenannten Leiden Gestorbenen. Annas Mutter, argw├Âhnten die Untersuchungsbeamten, habe w├Ąhrend der ganzen Szene von ihrem Bett aus das M├Ârder-Paar aufgehetzt. Nichts sagen sie ├╝ber die beiden kleinen Kinder. Keine Zeugenaussage von Johann in den Akten.
Nach ein paar Monaten Haft wurde Anna von einem Kind entbunden, deren Vater der Stiefsohn gewesen sein soll. Das M├Ądchen sei ins Waisenhaus gekommen und soll sich gut verheiratet haben, geht die Sage; auch Pastor Ruperti erw├Ąhnt das Kind der "Blutschande". Keine Spur davon in den Akten. Daf├╝r verzeichnen sie, was in der Geschichte des Gerichtsdieners nicht vorkommt: dass Bierschwall Claus hinderte, sich das Leben zu nehmen.
"Die beiden haben ja immer bei uns am Tisch gesessen", erinnerte sich der Gerichtsdiener. "Die Anna konnte ganz frei auf dem Amtshof herumlaufen, den Claus musste ich nur an der rechten Hand und dem rechten Fu├č binden." In der Haft hing Anna mit gro├čer Zuneigung und Vorliebe an ihrem Stiefsohn, wiewohl dieser, anscheinend das Bild der Unschuld, seine Geliebte bei jeder passenden Gelegenheit anklagte und eine boshafte Freude empfand, wenn sie bei Gegen├╝berstellungen Gest├Ąndnisse machen musste.
Mit dem Zitat eines unsterblichen Dichters verurteilte Clausens Verteidiger seinen Mandanten: Schaut her, schaut her! Die Gesetze der Welt sind W├╝rfelspiel geworden, das Land der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen - wor├╝ber die S├╝nde rot wird, wor├╝ber der Kannibale schaudert, worauf seit ├äonen kein Teufel gekommen ist. Der Anwalt kam zu dem Ende, in den Akten so gar nichts gefunden zu haben, was er mit ├ťberzeugung oder nur mit inniger Hoffnung zur Milderung der Strafe vortragen k├Ânnte. Er empfahl die Hinrichtung: M├Âge er anderen ein schrecklich warnendes Beispiel geben, wie rohe Sinneslust, Mangel alles moralischen Gef├╝hls und Irreligiosit├Ąt den Herrn der Sch├Âpfung unter das Tier hinabzuw├╝rdigen verm├Âgen.
Annas Verteidiger schlug immerhin vor, statt des R├Ąderns von oben herab das Schwert als Strafe in Betracht zu ziehen.
Nach neun Monaten best├Ątigte das Berufungsgericht das erste Urteil: Schleifung zum Richtplatze, mit dem Rade durch Zersto├čung ihrer Glieder und eisernen Keulen von oben herab, vom Leben zum Tode zu bringen und ihre K├Ârper sodann auf das Rad zu flechten. Assessor Meincke wurde mit der Ausrichtung des Blutgerichts betraut; Magister Schwarz sollte Scharfrichter sein. Die Verteidiger reichten Gnadengesuche ein. Der K├Ânig bewilligte; kein R├Ądern. Auf das bei der "milden" Schwertstrafe ├╝bliche Schleifen auf einem mit Kuhhaut ├╝berspannten Schlitten sollte jedoch nicht verzichtet werden.
Pastor Ruperti erinnerte sich: "Und als wir an dem verh├Ąngnisvollen, blutigen Morgen in ihr Gef├Ąngnis traten; o wie freudig und getrost eilten sie zu und hin, und verk├╝ndeten, wie sie um Mitternacht von ihrem Lager sich erhoben, und durch Gebet und Gesang und durch das Wort Gottes sich gest├Ąrkt h├Ątten! Sie wurden vor den Richttisch gef├╝hrt und ein einziges Mal coram publico verh├Ârt. Dann wurde der Stab ├╝ber sie gebrochen."
Unter Glockengel├Ąut und Gesang der Schuljugend wurden Anna und Claus im traditionellen wei├čen Totenkleid vom Markt zur Richtst├Ątte geschleift. Der Weg war vorher eben gemacht und geeggt worden. Die Schulkinder sangen die Lieder, die Pastor Ruperti mit den Delinquenten in den letzten Tagen ge├╝bt hatte.
Anna wurde zuerst dem Henker ├╝bergeben. Man sagt, sie stieg noch einmal herunter vom Richth├╝gel und verabschiedete sich von Claus. Seht da, wie die S├╝nde ist der Leute Verderben! Seht da, wie der Tod ist der S├╝nden Sold!, rief der Pastor, unmittelbar nachdem der Schwertstahl unter einem Aufschrei der Masse aufgeblitzt war und Scharfrichter Schwarz Claus enthauptet hatte.
Bierschwalls Legende endet: Einer der S├Âhne wurde infolge dieser Tat irrsinnig und ist im Irrenhause gestorben. Kein Name. Simon, der vielleicht eingeweiht war und sein Plazet gegeben hatte? Ein vierter Sohn, Hinrich, lebte ausw├Ąrts und wird in den Akten sonst nie erw├Ąhnt. Wenn die Sage nicht irrt, wenn die Akten nicht mehr L├╝cken enthalten als ohnehin, befiel der Wahnsinn den Knaben Johann, der mitansah, wie der Bruder den Vater am Strick in den Pferdestall zerrte.136

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
Kommentare und Aufrufz├Ąhler beginnen wieder mit NULL.)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Krimis und Thriller Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!