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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Mick II: Der Tod des Poeten
Eingestellt am 20. 12. 2003 00:07


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Echoloch
???
Registriert: Nov 2003

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Mick ist tot. Der letzte Dichter ist von uns gegangen. „Er war ein Idiot“, w├╝rde er selbst vermutlich sagen, „sich dieses Zeug reinzujagen. Er war einer von den Guten, aber er war ein Idiot.“ Und dann w├╝rde er sich ein Guinness bestellen und einen Song singen, sein eigenes Totenlied. Und wie immer h├Ątte er Recht gehabt, denn er war ein Idiot, sicherlich; niemand, der bei klarem Verstand ist, behandelt sich selbst so schlecht, qu├Ąlt sich derma├čen in verzweifelter Besessenheit. Aber darum geht es nicht. Denn er war auch mein Leuchtfeuer, meine gr├Â├čte Inspiration, mein einziger Freund in schweren Zeiten, der sich ├╝ber diese Art von Pathos lustig gemacht h├Ątte. Nur einmal, als wir zu traurig waren, um einander noch vertrauen zu k├Ânnen, hat er mir seine Lieder gewidmet, eine f├╝r sein Verst├Ąndnis sehr plakative Form von Gef├╝hlsausdruck. Ich habe es trotzdem nicht ganz verstanden, nicht damals, als ich mich daran klammerte zu vereinen, was nicht mehr zu vereinen war. Ich kann nicht einmal ausschlie├čen, dass er mich von sich stie├č, um mich zu retten. Das war seine Art zu lieben. Und so habe ich erst Jahre sp├Ąter verstanden, dass die Worte, die er mir von der B├╝hne aus zusang, dar├╝ber, dass das Leben manchmal weh tut, dar├╝ber, dass ich meinen Weg finden werde, auch wenn er mich nicht begleiten kann, und dar├╝ber, was f├╝r ein trauriges Gef├╝hl die Liebe manchmal ist, dass diese Worte sein Abschiedkuss waren, der Kuss, mit dem er mich ins Leben entlie├č.
Mick war ein wirklich schwieriger Mensch, das ist wohl so bei den wahren Dichtern. Er war f├╝r mich da, als ich ihn brauchte, als ich jemanden brauchte; denn wir kannten uns kaum zu jener Zeit. Wie selbstverst├Ąndlich nahm er mich auf, brachte mich zum Lachen, machte mir Mut. Erst viel sp├Ąter, als ich wieder sicher stand, hat er mich verbannt und uns aufgegeben. Jedes Wort, das ich sagte, war falsch; alles, was ich versuchte, machte ihn noch w├╝tender. Seine Wut war grenzenlos, Wut auf ein Leben voller Gewalt, Wut auf Menschen, die nicht liebten. Um selbst zu lieben, war er zu verletzt. Aber das ging nicht nur ihm so. Eigentlich war es ganz einfach, h├Ątte es nicht schwer sein m├╝ssen, ihn zu verstehen, wenn ich seinen einzigen Anspruch erkannt h├Ątte: das eigene Leben zu leben. Er konnte es nicht ertragen, dass ich mich ihm unterwarf, ein klarer Betrug in seinen Augen, und so riss ich die Wunde ein, jedes Mal wieder ein kleines St├╝ck, wenn ich versuchte, uns zu heilen. Heute kann ich ihn verstehen, heute bin ich f├╝nf Jahre ├Ąlter. N├Ąchste Woche bin ich auf den Tag genau so alt, wie er war, als ich ihn das letzte Mal sah. Aber das nur am Rande.
Nun bin ich also wieder in Praia da Rocha, dem portugiesischen Paradies, in dem die Nacht nach Kampf riecht. Ich gehe die Wege, die ich mit ihm gegangen bin, und empfinde es als ungerecht, dass ich noch hier bin und er nicht. Ich laufe die Treppen hinunter, auf denen er einmal erschrocken stehen blieb und mich dann umarmte, als er erfuhr, dass ich nicht sterben w├╝rde. Nicht jetzt. Nicht ich. Ich darf noch hoffen aufzuwachen am n├Ąchsten Morgen und mich am Schlaf erfreuen. Ich darf mich noch ├╝ber dumme Menschen emp├Âren. Ich darf noch die Luft dieses Ortes einatmen, der uns einst zusammenf├╝hrte.
Und ich liebe das Meer, und ich liebe den Strand, und ich liebe die Felsformationen. Und vermutlich liebe ich sogar die Nacht, auch wenn sie Verderben bedeutet. Fast alle sind noch da, die mir wichtig waren, es ist ihnen gelungen, den Untergang zu vermeiden, sich eine Nische zu schaffen in der Tollwut, die diesen Ort im Sommer ├╝berf├Ąllt. Nur der Eine hat es nicht geschafft.
Brian sagt, dass Mick noch lebt. Dass er ihn sp├╝ren kann und dass das alles nur dumme Ger├╝chte sind. Brian ist auch Musiker und nicht gerade der intuitivste Mensch, der mir jemals begegnet ist. Ich muss beinahe lachen, als er mir erz├Ąhlt, dass er wei├č, dass Mick noch lebt, dass er noch singt in irgend einem Club in Dublin. Das ist Brians Art, die Dinge nicht an sich heranzulassen, es hat sich nicht viel ge├Ąndert hier.
Trotzdem gelingt es ihm, eine heimliche Hoffnung in mir zu s├Ąen, die Hoffnung, dass doch nur alles ein albtraumhafter Spuk ist und dass nachher, wenn ich durch die Stra├čen ziehe, pl├Âtzlich Mick vor mir auftaucht, mich anlacht mit seinen funkelnden Augen und mir eine Zigarette gibt, die wir dann gemeinsam rauchen, ohne viele Worte.
Dann wieder denke ich, dass sein Tod auch eine Chance bedeutet, die Chance f├╝r seine Seele, in einen neuen K├Ârper, ein neues Leben zu gelangen, in dem sie von Anfang an die Liebe erh├Ąlt, die ihr zusteht. Und ich mag die Idee, dass ein neuer Mick heranw├Ąchst, einer, der sich entfalten darf und mit all seinen wunderbaren Qualit├Ąten die Menschen ber├╝hrt, ohne selbst daran zu zerbrechen.
Und dann im n├Ąchsten Moment m├Âchte ich pl├Âtzlich in eine Kirche und eine Kerze f├╝r ihn entz├╝nden, ein mir v├Âllig fremdes Bed├╝rfnis, an dem er seinen Spa├č gehabt h├Ątte. „Du brauchst keine beschissene Institution, um zu trauern“, h├Ątte er gesagt, in der ihm eigenen Mischung aus Bestimmtheit und am├╝siertem Wohlwollen. Aber dieses Mal h├Ątte ich nicht nachgegeben und es f├╝r mich gemacht, und das h├Ątte ihm gefallen.

Was bleibt, ist der Wunsch, f├╝r ihn dazusein. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass jemand ihn hielt, als er starb. Und immer wieder der Gedanke, dass er vielleicht gar nicht wusste, wie sehr ich ihn liebe, ein armseliges Klischee, schon klar, aber ich kann mich noch nicht davon befreien, schlie├člich bin nicht ich diejenige ohne Pathos. Und dann ist da noch dieser andere Gedanke, wieder ein Wahrzeichen einer Institution und wieder v├Âllig unerwartet, pl├Âtzlich keine leere Floskel mehr, pl├Âtzlich der einzig sinnvolle Wunsch, der Wunsch, dass er im Tod findet, was ihm im Leben versagt blieb: Mick ist tot. Der letzte Poet hat uns verlassen. M├Âge seine Seele in Frieden ruhen.
__________________
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black sparrow
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hallo echoloch,

auch die Fortsetzung ist dir sehr gelungen, obwohl
ich sie als privater empfinde als den ersten Teil,
und mich frage, ob mein Urteil eine Gratulation zum
Leiden ist...

Und in einem hast du, glaub ich, unrecht:
Der letzte Poet ist er nicht, es gibt ja noch dich!

Liebe Gr├╝├če

black sparrow

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Minouche
Guest
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Klasse !

Hallo Echoloch !

Ich m├Âchte mich gern black sparrow anschlie├čen in meiner Meinung.

Du schreibst wirklich sehr eindringlich, sehr gef├╝hlvoll und rutscht dabei keine einzige gen├╝├čliche Lesesekunde in Kitsch ab. Das war jedenfalls mein Empfinden.

Ich fand den ersten Teil etwas st├Ąrker geschrieben, dieser hier war leiser und, das hat black sparrow schon geschrieben, privater. Klasse !
Danke !

Liebe Gr├╝├če
Minouche

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Echoloch
???
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Hallo Ihr Zwei, ich habe mich an dieser Stelle noch gar nicht f├╝r Eure Kommentare zum Tod des Poeten bedankt, was ich hiermit nachholen m├Âchte.
Es freut mich sehr, dass auch dieser Text, der in der Tat und v├Âllig offensichtlich beinahe grenzg├Ąngig privat ist, auf Lob st├Â├čt.

Viele liebe Gr├╝├če von Maja
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