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Leselupe.de > Kurzprosa
Mieseliese (aus der Schreibwerkstatt)
Eingestellt am 02. 09. 2001 21:58


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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Mieseliese
von Willi Corsten

Liese war auf einem Bauernhof beschĂ€ftigt. Bei der Heuernte stĂŒrzte sie unglĂŒcklich vom Leiterwagen, verlor das Bewusstsein und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Als sie nach einer Woche aus dem Koma erwachte, war aus dem lebenslustigen MĂ€dchen eine mĂŒrrische, verbitterte Frau geworden. Die Verletzung am Kopf hatte wertvolle Eigenschaften verschĂŒttet und böse Gedanken Platz gemacht.
Die Nachbarn wollten bald schon nichts mehr von der Magd wissen, sagten nun Mieseliese zu ihr und beschimpften sie gar als Hexe. Nicht ganz zu Unrecht, denn Mieseliese war so boshaft, dass sie Mensch und Tier dazu brachte, dumme und gefÀhrliche Sachen anzustellen. Und keines der Opfer wusste sich zu wehren, obwohl das Gegenmittel nicht einmal Geld gekostet hÀtte.
Die erste Missetat galt einem HĂ€schen, das an einem Bachlauf saß. Neben dem Bach fĂŒhrte ein Weg entlang. Dort war ein Ehepaar mit den FahrrĂ€dern unterwegs. Das HĂ€schen sah zwar die beiden nĂ€herkommen, ergriff aber keineswegs die Flucht – was doch natĂŒrlich gewesen wĂ€re – sondern lief dem Mann geradewegs ins Vorderrad. Er stĂŒrzte kopfĂŒber ins Wasser und blieb im Schlamm stecken. Seine Frau versuchte zu helfen, doch weil sie auf der Böschung keinen Halt fand, konnte er erst von SpaziergĂ€nger aus seiner misslichen Lage befreit werden. Mieseliese hatte zuvor das HĂ€schen verhext, fĂŒgte dem unschuldigen Wesen gar Schaden zu, weil es sich bei dem Unfall ein Bein brach.
Ein anderes Mal war eine Reiterin das bedauernswerte Opfer. Die Frau ritt mit ihrem Begleiter aus, ĂŒberredete ihn zu einer Pause und fĂŒhrte nach der Rast die beiden Pferde herbei. Mieseliese scheuchte die Tiere durch laute Rufe wieder fort. Die Reiterin versuchte sie am ZĂŒgel festzuhalten. Vergeblich, sie stolperte, stĂŒrzte hin und wurde mitgeschleift. Eines der Pferde stĂŒrmte links an einem Baum vorbei, das andere rechts, die Mitte ĂŒberließen sie ihrer Herrin. Sie prallte gegen das Hindernis und verletzte sich am Kopf. Mieseliese aber lachte boshaft und verschwand.
Ziellos irrte sie durch Wiesen und Felder. Da sah sie am Wegrand ein kleines MĂ€dchen stehen, das einen Strauß GĂ€nseblĂŒmchen in der Hand trug. Mieseliese sprach das Kind an und meinte: „Siehst du die KĂŒhe drĂŒben auf der Weide? Die armen Tiere langweilen sich zu Tode. Geh hin, öffne das Gatter und treibe sie auf die Straße. Wirst sehen, gleich passieren dort die lustigsten UnfĂ€lle.“
„Nein“, antwortete das MĂ€dchen und lachte fröhlich. „Die KĂŒhe fĂŒhlen sich wohl hinter dem Zaun. Was sollen sie denn draußen auf der Straße? Da gibt es weder Gras noch Wasser, dafĂŒr aber viele Lastwagen, die den armen Tieren eine Beule ins Hinterteil fahren.“
Mieseliese schĂŒttelte unwillig den Kopf und nahm sich fest vor, dem Kind ihren Willen aufzuzwingen. Tagelang versuchte sie ihr GlĂŒck, doch die Kleine ließ sich nicht umstimmen, ihre GesprĂ€che wurden aber immer lĂ€nger. Da gab Mieseliese ihr Vorhaben auf.
Oft saßen die Beiden nun unter der Rotbuche auf einer Bank und redeten miteinander. Einmal sagte das MĂ€dchen: „Wenn du mir ein schönes MĂ€rchen erzĂ€hlst, darfst du zur Belohnung auch meine Puppe halten.“ Danach kramte sie zwei Bonbons aus der SchĂŒrzentasche und meinte treuherzig: „Eins fĂŒr dich und eins fĂŒr mich.“
Mieseliese wurde ganz seltsam zu Mute. Ein stilles LĂ€cheln verklĂ€rte ihr Gesicht und allmĂ€hlich tauchten lĂ€ngst vergessene Erinnerungen wieder auf. SpĂ€ter trug das Kind ein lustiges Gedicht vor, sah die Alte schelmisch an und fragte: „Was ist das fĂŒr ein seltsames Wesen? Es macht Neunhundertneunundneunzig Mal tip und ein Mal tap?“ Mieseliese krauste nachdenklich die Stirn und wusste keine Antwort. „Na klar doch“, platzte das MĂ€dchen endlich heraus und schĂŒttelte sich vor Lachen, „das ist ein TausendfĂŒĂŸler mit einem Holzbein.“
Mieseliese stimmte in das fröhliche Lachen ein und stellte verwundert fest, dass Heiterkeit viel schöner ist als Bosheit. Unbewusst hatte die Kleine damit den Schaden im Kopf geheilt, denn Freundschaft und Humor waren es gewesen, die Mieseliese bei ihrem Unfall vergessen hatte. Sie hörte sogleich auf, Mensch und Tier zu quĂ€len, humpelte vergnĂŒgt davon und wurde bald nur noch Gute-Laune-Liese genannt.

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Chaotin
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Schön, was draus geworden ist...

finde ich. Bloß an der einen Stelle soll es bestimmt heißen: "Danach kramte Sie (oder das MĂ€dchen) zwei Bonbons..."
Im ganzen wirkt die Geschichte jetzt viel runder!
LG
Chaotin
__________________
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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Liebe Chaotin,
freut mich, dass dir die Geschichte nun besser gefÀllt. Dein Tipp war also richtig gut.
Vielen Dank fĂŒr den Rechtschreib-Hinweis. Solche Fehler entstehen, wenn man SĂ€tze umstellt und nachher nicht Korrektur liest.
Es grĂŒĂŸt dich lieb
Willi

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Sanne Benz
Guest
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Lieber Willi,
ich..schon wieder..
nun kommt es drauf an..in welchem Alter diese Geschichte recht ist..
Meine Kleine weiss nicht was ist/heisst:
BLOCKIERT
WIE werden :Böse gedanken frei gesetzt?("Kann ich das auch? Kann das die alte Nachbarin nebenan auch,die immer so mĂŒrrisch ist?Wenn ich mal auf den Kopf falle,passiert MIR das/kann ICH das dann auch?)
Sei nicht bös. Zwischen dem,das die MIESELIESE ihr Vorhaben,das MÀdchen, per Telepathie wohl(?) dazu bringt, ihr Vorhaben zu lassen, und das sie da"friedefreudeeierkuchen" auf der Bank gemeinsam sitzen..also..DAS ist das,was mir sehr unwirklich erscheint.Es ist völlig egal, ob die Geschichte nun vor 30Jahren spielt oder nicht.

WĂ€re es nicht einfacher gewesen, denn DAS entspricht der realitĂ€t (denn es ist HIER kein MÄRCHEN) zu sagen:
Da ist ne Magd, die fĂ€llt da runter und hat seit dem ein Hinkebein und ein Auge ist verrutscht. Da sie SO allen unheimlich erscheint wird eine verbitterte Frau, die sich total zurĂŒck zieht, aus ihr...
Nein, sie hat keine telepathischen FÀhigkeiten, aber..sie wird etwas böse...
und nur..weil ein kleines MÀdchen den MUT hat, sich ihr zu nÀhern, ihre Freundschaft zu erringen..wird sie wieder "weich"..
DAS empfinde ICH als passend.
OK..ist das einzige wirklich, was ich dazu noch Àussere,ok?
Und entschuldige bitte..
LG
Sanne

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Liebe Sanne,
trotz vieler Kompromisse kommen wir hier wohl nicht auf einen Nenner. Das trĂŒbt aber keinesfalls unser gutes Verstehen. Die nĂ€chste Geschichte gefĂ€llt dir vielleicht wieder besser. So gleicht sich alles aus.
Dennoch vielen Dank fĂŒr deine MĂŒhe.

Es grĂŒĂŸt dich ganz lieb
Willi

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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lieber

willi, auch mir erscheint die geschichte nicht ganz ausgereift. ich druck sie mal aus und erzĂ€hl dir dann nĂ€heres. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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