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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Migranten/Sprache
Eingestellt am 24. 09. 2011 12:16


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Alev
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Im Kindergarten hören die Kids heute Justin Bieber und Lady Gaga – sie sind regelrecht verrückt danach und hüpfen wie Moleküle durch den Raum. Sie können so ein wenig überschüssige Energie loswerden. Aber sie verstehen den Text nicht, da er auf Englisch ist.

Die ersten 4 Jahre seines Lebens hat mein Neffe fast nur Türkisch gesprochen – das aber auch sehr schnell perfekt. Inzwischen spricht er auch Deutsch – manchmal switcht er zwischen zwei Sprachen – wie ich es beispielsweise im Titel tat – und spricht abwechselnd auf Türkisch und auf Deutsch.

Wenn mein Freund mitkommt, den Kleinen zu besuchen, so weiß dieser genau, dass mein Freund nur Deutsch versteht und dass er mit mir in beiden Sprachen (erst bevorzugt Türkisch, dann Deutsch) sprechen kann. Dabei versteht er noch nicht einmal, was eine Sprache ist.

Viele türkische Begriffe, nach deren Bedeutung mein Freund mich fragt, fallen mir wundersamerweise blitzschnell nur auf Englisch ein. Für die deutsche Übersetzung brauche ich sehr viel länger – wenn ich die Begriffe überhaupt übersetzen kann.

Träume ich, so träume ich auf Deutsch; denke ich, so denke ich auf Deutsch, aber wenn ich chatte, chatte ich lieber auf Türkisch, denn für die Umgangssprache ist sie viel lockerer und amüsanter als das Deutsche, und ich sehe mir inzwischen türkische Serien an (in türkischer Sprache, versteht sich).

Des Weiteren habe immer mehr das Bedürfnis, auf Türkisch zu schreiben. Geht mir etwas ans Herz, so wechsle ich ins Deutsche. Nichtsdestotrotz ist Türkisch die eindeutig 'schönere' Sprache – nicht so rumorig-schleimig klingend wie das Französische, nicht so aggressiv wie das Arabische, aber eben schön. Die Bedeutungen gehen irgendwie viel tiefer.

Ich selbst habe erst seit Kurzem Interesse für die türkische Sprache und Mentalität. Vorher war es mir einfach egal – ich hatte weder von der Religion noch von sonst irgendeinem Bereich etwas mitbekommen und stand der eigenen Herkunft eher misstrauisch gegenüber – immerhin sieht und (leider sehr oft, z.B. in der Straßenbahn) hört man ja Türken auf der Straße, die laut ihre selbsterniedrigende Unbildung zum Besten geben.

Und wie der Mensch nun einmal funktioniert, habe ich nur die Seite gesehen, die ich sehen wollte – erst als ich Bekanntschaft mit türkischen Literaten machte, also Autoren kennen lernte, Lesungen in beiden Sprachen – Türkisch und Deutsch - besuchte und darüber nachdachte, was ich meinem Freund wie übersetzen soll, lernte ich eine andere Welt kennen. Ich lernte politisch engagierte Türken kennen und welche, die studieren.

Irgendwann hatte ich den Dreh raus: Es sind nicht alle asozial, es ist genauso verteilt mit den Unterbelichteten wie in der Bundesrepublik Deutschland. Doch was die Türkei angeht, kann ich nur sagen: Ich lernte die Kultur durch die Sprache kennen.

Für meine Bachelorarbeit befasse ich mich mit Emine Sevgi Özdamar. Nebenher schaue ich RTL, Arte und lese die ZEIT. Ich habe den aktuellen Zeitgeist Deutschlands, was 'Fremde', 'Gäste' oder eben 'Ausländer' angeht, kennen gelernt – und was soll ich sagen? Es schmeckt mir ganz und gar nicht.

Im Fernsehen Beiträge, die von Ehrenmord erzählen und muslimisch aussehende Mitbürger, die auf öffentlichen Plätzen Platzverweise erhalten, um die Gemeinde nicht zu verstören. Mir fällt ein, dass ich kaum jemanden kenne, der mehr Kenntnisse über die türkische Küche hat als die Tatsache, dass Türken Döner essen.

Wer in Deutschland als Migrantenkind aufwächst – heute eigentlich schon eine sozial abwertende Bezeichnung -, der lernt Lederhosen, Weihnachten und alles, was es sonst noch so gibt, von der deutschen Kultur kennen. Geht es um den Ausländer in Deutschland, ist niemand interessiert an Tradition, an Bräuchen, an Kulinarischem oder der Geschichte. Sehr, sehr oft werden leider immer nur punktuell negative Dinge erwähnt à la Ehrenmord, das Kopftuchtragen oder die Beschneidung

Ich wurde erst melancholisch, dann nachdenklich: Warum habe ich Heimweh? Ich war nie in der Türkei, außer zum All-Inclusive-Hotel-Urlaub. Ich bin so gut wie nie mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert worden.

Ich bin in Deutschland aufgewachsen und geboren und mag Sauerbraten und Kassler. Und doch fühle ich mich manchmal 'anders', wie ein Fremdkörper – unerwünscht, gerade in dieser Zeit der Islamophobie.
Dabei habe ich mit dem Islam so viel zu tun wie der Musikantenstadl mit Minaretten.

Heute fühle ich mich in Deutschland nicht mehr willkommen.

Ich dachte immer, Deutsch sei meine Heimat, meine Muttersprache, meine Identität. Ich dachte immer, ich sei zu Hause hier. Hier, damit meine ich das Land, in dem ich geboren wurde, das Land in dem ich in den Kindergarten ging, lesen und schreiben lernte, das Gymnasium besuchte, sitzen blieb, die Lehrer hasste, die Gesellschaft verändern wollte, studierte. In dem jeder Personalchef fragte: „Cingöz, was ist denn das eigentlich für ein Name?“ Auf die Frage, woher ich komme, fiel mir in der ersten Sekunde nicht mehr ein als Düsseldorf-Reisholz.

Doch ich musste feststellen, dass ich durchaus türkische Wurzeln habe, die Sprache und die Kultur unbewusst immer in mir waren, schlummerten, nun ans Tageslicht kommen.Und ich sehe es als Bereicherung, als eine Art 'vertrautes Abenteuer'. Ich habe verstanden, dass niemand aus einer Nation, einer Mentalität, aus einem Guss ist. So wie sich alles am Ende vermischt, so hoffe ich, dass sich in Zukunft keine Nation, Religion oder Identität durchsetzen und sich über andere stellen wird – sondern viele Möglichkeiten nebeneinander stehen, sodass man immer die Wahl hat.

Ich hatte nicht die Wahl. Als ich geboren wurde, stand das Krankenhaus in der kreisfreien Stadt Leverkusen in Nordrhein-Westfalen in einer deutschen Stadt. Mich hat niemand gefragt: Willst du mehr deutsch oder türkisch leben, Alev? Es lief einfach wie ein leiser Fluss dahin. Mein Interesse für andere Sprachen und damit auch Kulturen war lange Zeit durch dröge Schulgrammatik gehemmt. Erst jetzt, viel zu spät, erwacht es in mir und ich habe das Gefühl, dies vor den allermeisten verteidigen zu müssen.

Heute überlege ich, ein Auslandssemester in Istanbul zu verbringen oder aber auch nach dem Bachelor mit dem Studium aufzuhören, arbeiten zu gehen und auf zwischenmenschlicher Ebene mein Bestes zu tun in einer Welt, in der sich jeder rechtfertigen und behaupten muss, weil er so oder so aussieht, spricht, isst, ist.

Ich habe mal den Spruch gelesen: Nur was biegsam ist, kann nicht brechen. - So versuche ich, in der Hoffnung, dass irgendwann alle Landes- und Nationalitätsgrenzen überwunden sein werden, die Vielfalt auf der Welt, jeglicher Nationen, die Kunst und Weisheit aller Völker zu fördern und ein friedliches Zusammenleben zu propagieren.

Und wenn mein Neffe etwas größer ist, will ich ihm die Kunst, den Klang und die Freude anderer Sprachen und Kulturen näher bringen. Nicht, damit er weder waschechter Deutscher oder Türke ist, sondern Vielfalt kennen und lieben lernt, die Grenzen in seinem kleinen Köpfchen überwindet und ein Vorbild an Toleranz und Humanität ist. So, wie es meiner Meinung nach sein sollte.

Ich fühle mich damit nur so alleine.


Version vom 24. 09. 2011 12:16

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