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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Miniaturbäumchen
Eingestellt am 14. 08. 2003 15:24


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David Winterhurst
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Registriert: Apr 2003

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Come on David, put your game face up and keep your worries down.

Mintfarbenes Holz, soweit die Finger reichen. Darüber geworfen dieses Stück dünnen, schwarzen Stoffes, das ich nicht in die Hand nehme und zwischen den Fingern ausbreite.
Du bist zurückgekehrt.

Wie kannst du nur unter der Dusche dein Haar auswringen?
Im Fernseher hier drüben sieht man die verschreckten Gesichter gefangen genommener US-Soldaten. Die haben Namen und Familien, aber keinen eigenen Wohnwagen, an den ein verschwitzter Regieassistent klopft. „This isn’t some kind of metaphor. Goddamn, this is real”, schreien Shellac aus den Boxen im Badezimmer, ehe das Tapedeck streikt und ausfällt.
Du stehst da hinter Milchglas, spülst dein Haar zum zweiten Mal, trägst einen blauen Fleck auf deinem rechten Schulterblatt.
Und ich hier sitze auf dem Bett, dessen Matratze viel zu weich ist, werfe mir Erdnüsse in den Mund, kaue zugleich gelassen und gespannt vor mich her. Ich bin im absoluten Zwischenzustand, aus dem heraus ich mir über gar nichts mehr Gedanken mache. Was mir nicht egal ist, das geht mich nichts an. Also ist es das, ist es das weswegen du zurückgekehrt bist. Meine kalten Augen, mein ausgebrannter, gleichgültiger Blick wenn du mir erzählt wer in dich verknallt ist, wer dich in einer allzu zügellosen Situation angefasst hat. Seit mir so was egal ist, bemühst du mich plötzlich wieder um mich.
Denn du hasstest schon immer Menschen die sich beklagen, die dieses nicht essen, jenes nicht trinken, hierauf nicht schlafen können und dort nicht sitzen möchten. Dir geht es am Arsch vorbei, ob dieses Bett hier mir die Lendenwirbel staucht. Dich interessiert auch meine allergische Reaktion auf neunzig Prozent aller Haarwäschen nicht. Aber du willst, dass ich Tränen der Verzweiflung vergieße, wenn du mir deine halbwahren Eskapaden auftischst.

Doch ich verbringe gar keine Zeit in unserer mintfarbenen Vergangenheit mehr. Was wir hatten und was DU versaut hast – dabei bleibe ich.
Meine Songs handeln von seltsamen menschlichen Schwächen, aber nicht mehr von dieser. Ich ziehe die Gitarre auf meinen Oberschenkel, verstumme den Fernseher und bespiele die Saiten, deren Bitternis du mich gelehrt hast.
Eine Küstenstadt, ein alter Wind und wie schön alles mal war und nie hätte sein können. Ich denke über diese pflastersteingleichen Bilder nicht mehr nach. Das sind nur von der Sonne ausgeblichene Polaroids in meiner Küche, die von Tag zu Tag mehr mit dem Muster der Tapete verschmelzen.
Die Wüste in die du mich einst geschickt hast, ist zum kleinen Wald aus Miniaturbäumchen herangewachsen. Und während deine Silhouette ihr Bein auf den Rand der Badewanne stellt, verschwommen zu erkennen im gleißweißen Licht des Badezimmers, schrammen meine trockenen Fingerkuppen über die Gitarre, gibt meine Stimme Interpretationen dieses gleichgültigen Blickes wieder, mit dem ich mich hier im Zimmer umsehe.
Partikel von Fingerfarbe rieseln auf das Bett. Sie riechen schon lang nicht mehr nach dir.

Und ich frage mich wie lang du noch duschen willst, was du nie rein waschen kannst. Wie lang willst du noch Wasser auf deine schicksalhafte Haut prasseln lassen? Der Kriegsberichterstatter hält sich schon den Finger ans Ohr während er spricht, durch orangenen Wüstenwind hindurch. Die haben kein Wasser in Basra und du duschst seit einer halben Ewigkeit. Mein Wald aus Miniaturbäumchen zittert wie Espenlaub, beim anhaltenden Klang der Gitarre auf meinem Schoß.
Und dann endlich stehe ich auf, lege die Gitarre fort, schalte den Fernseher aus, gehe ins Badezimmer, schiebe das Milchglas zur Seite, drehe das Wasser aus und sehe noch zu wie die letzten Tropfen im Abfluss verschwinden, gemeinsam mit dem letzten Gedanken an dich.
Licht aus, Tür zu, genug phantasiert für diese Woche. Und ich nehme meine Kamera, verlasse das Hotel, verlasse die Stadt. Wenn ich Glück habe, kann ich meine wirklichen Freunde noch einholen, hinten am Wald aus Miniaturbäumchen.


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David Winterhurst
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Teil 3 der tagebuchhaften Liebestrilogie aus der Zeit des letzten Irakkriegs. Komplett zu finden ist das Ganze noch mal in der Solosoli-Rubrik auf Hier klicken (sowie weitere Texte).
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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

Gut

Hi!

Mir hat es richtig Spaß gemacht, den text zu lesen. Nur das Ende fand ich ein klein wenig unverständlich. Erst beim zweiten Mal habe ich kapiert: Aha, der ist alleine.
Sonst wirklich gut.

Ciao
Tim

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