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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Misere an unseren Universitäten
Eingestellt am 27. 10. 2003 22:33


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Dietrich Stahlbaum
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Misere an unseren Universitäten

Auch die Unis bleiben von deformierenden Reformen nicht verschont: Studiengänge sollen gestrichen werden, Lehrstühle weg fallen, alles, was nicht der Wirtschaft dient, soll eingespart werden. Stattdessen plant man Studiengebühren.

Wenn das so kommt, wie angekündigt, dann haben wir bald wieder eine Klassengesellschaft, die nur diejenigen studieren lässt, die reiche Eltern haben oder einen Sponsor, früher sagte man „Protektor“. Die Burschenschaften werden Zulauf haben, und Karl Marx dreht sich mit lautem Getöse im Grabe um.

Ende der 60er-Jahre rochen Berliner Studenten „den Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ ihrer Professoren, und bald breitete sich eine ganze Bewegung aus. Man ging daran, Fenster und Türen unserer Universitäten zu öffnen, und hängte die Talare in den Wind. Ich finde, es ist auch heute noch ganz interessant, ihre Geschichte (ja, inzwischen ist das Geschichte) nachzulesen z.B. hier:

"Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte, zehn Jahre danach." von Peter Mosler, mit einer Chronologie 1955-70 von Wolfgang Kraushaar, Rowohlt TB-V., Februar 1990, noch lieferbar!

Die rebellierenden Studenten und nicht wenige Professoren, die sich auf ihre Seite stellten, erstritten im Laufe der Jahre eine Reform des gesamten Bildungssystems. Die soziale Komponente wurde Schwerpunkt und Ausgangspunkt. Parole: „Bildung für alle!“ Nun konnten auch Arbeiterkinder ohne Einschränkungen studieren und Karriere machen. Manche von ihnen gelangten bei ihrem „Marsch durch die Institutionen“ bis ganz nach oben. Sie gehören heute zu der so genannten Elite und wissen nicht mehr, was da unten vor sich geht, denn sie leben in einem anderen Teil der Welt.

Jeder Reform folgt - wie einem fortschrittlichen Papst ein erzkonservativer - eine Gegenreform. Das scheint ein Gesetz zu sein, wir kennen es aus der Geschichte. An dieser Gegenreform arbeiten schon seit langem Kräfte, die ihre Privilegien und Profite in vollem Umfang wieder haben wollen. Die beste Gelegenheit dazu bietet sich jetzt. Der Sozialismus ist ad absurdum geführt, durch den real existierenden Ostblock, nun liegt unsere durch ökonomische Krisen, hohe Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Wählerschwund geschwächte Regierung der Wirtschaft zu Füßen. Die Opposition wartet nur noch darauf, dass Rotgrün die Schmutzarbeit zu Ende bringt, um der Regierungskoalition den Todesstoß zu versetzen. Sie kann dann ernten, was andere für sie gesät haben.

Da GEIST, es sei denn als Dekor des politischen Theaters, nicht mehr gebraucht wird, zumal der widerspenstige und pazifistische, der aus der Frankfurter Schule hervorgegangen ist und nicht nur in Soziologie und Politologie Wurzeln geschlagen hat, sondern in allen anderen Kulturwissenschaften, werden die entsprechenden Fakultäten als erste ausgehungert werden. GEIST ist ein Störfaktor in einer Spaßgesellschaft. Und Spaß fördert den Konsum.

Was dann übrig bleibt, die klassische Bildung z. B., Wagner auf dem Hügel und der Nussknacker im Ruhrfestspielhaus, das besorgen dann die Sponsoren; früher nannte man sie „Mäzene“. Die Literatur wird ja schon lange von den hoch gepuschten Bestsellern beherrscht.



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Waldemar Hammel
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@ Dietrich Stahlbaum

Ich habe hier absolut nichts hinzufügen oder abzuändern.
Genauso beurteile ich die Lage (bin selbst davon mitbetroffen) und erlebe das in der täglichen Realität.

Man ist offenbar dabei sich von "Bildung" zu verabschieden, und was das heißt, mag heute kaum jemand sehen wollen, aber die Zukunft wird es allen um die Ohren hauen. Auch die 24Std.-fun-und-Spass-Gesellschaft hat ihren Preis, und die Zukunft wird ihn einfordern.

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Dietrich Stahlbaum
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Hallo Waldemar!

Dieses Thema wird bereits in zwei anderen Foren fleißig diskutiert. Hier ist der Link des einen Forums:

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Gruß, Dietrich

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Marcus Richter
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Hallo Dietrich und Waldemar.
Der Gedankensprung zwischen "Bildungsreform" und unserer "Spass"gesellschaft ist recht interessant. Der Begriff war wie alle Begriffe bereits bei seiner Entstehung in den 90ern schon tot und wurde klammheimlich vom Spasskonsum abgelößt. Dann hat sich auch noch der Spass verabschiedet. Ohne mich moralisch darüber äußern zu können, muss ich sagen, falls der schwarze Horizont, der hier gezeichnet wird, jemals erreicht wird,
wird es auch wieder genügend von denen geben, die von nichts wußten und die sagen werden:
"Es war eben so."

Ich werde später sagen können, ich wäre damals schon sehr an der Gesellschaft interessiert gewesen, von der ich schon heute fürchte, sie wird noch viele Überraschungen für uns bereit halten.

Gruss Marcus

PS: Es ist schwer, von einer vom Konsum erzogenen Jugend ein ähnliches Verhalten wie in den 60ern zu erwarten.
Wer einmal die goldne Gans in Händen hielt, der klebt daran fest.
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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Waldemar Hammel
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@ Marcus Richter

Recht, recht, aber davon:

[Es ist schwer, von einer vom Konsum erzogenen Jugend ein ähnliches Verhalten wie in den 60ern zu erwarten.]

Gerade die 60ger waren doch Wirtschaftswunder-Generation. Und die heutige Jugend macht mir die wenigsten Sorgen, sie ist wie alle Jugenden vorher. Nur, dass man sich nicht mehr um sie kümmert, ihr keine Perspektiven gibt, sie schlecht redet, sie bereits in Form der initialen Kinderfeindlichkeit genausowenig wie die Alten zu akzeptieren bereit ist.
Eine Jugend, die unter der Erfahrung groß wird eine soziale Randgruppe zu sein. Das hats vermutlich noch nie gegeben. Und dies bricht mancher jungen Pflanze mit reichen Anlagen ein für allemal und allzu früh das Genick.

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Marcus Richter
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Hört, hört.

Ich bin der Meinung, Waldemar, das sind nichts weiter, als die Vorboten einer kapitalistischen Gesellschaft, die sehr bald schon in ihren rüden Ursprungscharakter zurück verfallen wird. Wo man gestern noch die Probleme mit der Jugend und den ALten auf den sozialen Staat schieben konnte, wird man morgen erkennen, daß da niemand mehr ist und daß die eintausend Euro teure Wohnung in der Innenstadt zu klein ist, um Kind und Kegel, Großmutter und Großvater darin unter zu bringen. Selbst der soziale Wohnungsbau, der Anfang des Jahrhunderts noch echte Perspektiven aufzeigen wollte liegt brach und zum Plattenbau vergewaltigt irgendwo in den Randbezirken der Stadt.

Die Kleinfamilie, besser noch der alleinstehende Arbeitnehmer mag für eine vom Konsum zehrende Gesellschaft sehr befruchtend sein, doch bietet sie ihm und der Kleinfamilie keine Alternativen außerhalb ihrer Konsumverpflichtung.

Vielleicht hat der Glaube an den Sozialstaat, gleichzeitig mit dem Glauben an einen funktionierenden sozialistischen Staat ausgedient und wir müssen erkennen, daß er nur durch diesen seine Existenzberechtigung erfuhr.

"Ist das Monstrum besiegt, werden wir selbst zum Monstrum."

Gruss, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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