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Mistress Macomber
Eingestellt am 01. 01. 2008 00:08


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
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Wie mĂŒssen wir eine Kurzgeschichte bauen, damit möglichst so etwas wie Literatur herauskommt? Antwort: Zum Ersten könnten wir mal gucken, wie das Könner konnten. Z.B. könnten wir zunĂ€chst so etwas Perfektes, Wundervolles wie die Shortstory "Das kurze glĂŒckliche Leben des Francis Macomber" von Ernest Hemingway studieren und dann zum Zweiten und Letzten dies Kunstwerk keinesfalls plagiieren, aber doch fĂŒr unser schwierig-schönes Projekt irgendwie zum Vorbild nehmen.

Hemingways Story ist: Robert Wilson veranstaltet in Kenia Großwildjagden fĂŒr vermögende SonntagsjĂ€ger. Als Requisiten dienen ihm neben den entsprechenden Jagdwaffen ein doppelt breites Feldbett und ein gelĂ€ndegĂ€ngiges Fahrzeug. Letzteres benutzen Wilson und Kundschaft zum bequemen Aufsuchen des Wilds, obwohl Nairobi motorisierte Pirsch verboten hat. Die reichen schießwĂŒtigen Kunden werden manchmal von Damen begleitet. Die suchen mitunter ein nĂ€chtliches Intermezzo mit Wilson im Doppelbett.
Der Kunde Francis Macomber erlegt einen Löwen nicht sehr weidmĂ€nnisch. Macomber soll dem ĂŒbel zugerichteten Tier den Rest geben. Da rafft sich die weidwunde Kreatur auf und greift an. Der "JĂ€ger" nimmt Reißaus. Wilson bringt den Angreifer routiniert zur Strecke. Mrs. Macomber wird Augenzeugin der Flucht des "JĂ€gers", verachtet ihren feigen Ehemann und gibt auf der RĂŒckfahrt Wilson im Beisein Macombers demonstrativ einen Dankeskuß auf den Mund.
Zu allem Überfluß kriecht die Dame in der darauffolgenden Nacht zu Wilson ins Doppelbett. Macomber ertappt seine Gattin bei ihrer RĂŒckkehr und stellt sie erzĂŒrnt zur Rede. Mrs. Macomber reagiert uneinsichtig. Ihr Ehebruch sei schon in Ordnung, "beruhigt" sie den Gehörnten. Am nĂ€chsten Morgen, als es auf BĂŒffeljagd gehen soll, hĂ€lt Macombers Wut auf die zwei Ehebrecher an. Das Automobil wird wieder benutzt. Mrs. Macomber fĂ€hrt natĂŒrlich mit. Macomber - wutentbrannt, durch die "Löwenjagd" abgehĂ€rtet - kennt ĂŒberraschenderweise keine Angst mehr. Jetzt beginnt sein glĂŒckliches Leben. Es dauert nicht einmal einen halben Tag. Macomber schießt mutig auf BĂŒffel. Eines der massigen Wildtiere ist nicht richtig zur Strecke gebracht und verbirgt sich im GebĂŒsch. Als Wilson nachschauen will, folgt ihm Macomber beherzt und lĂ€ĂŸt sich nicht abweisen. Die Frau wartet bei den restlichen Jagdwaffen im Auto. Als der angeschossene BĂŒffel angreift, springt Wilson seitwĂ€rts in eine gĂŒnstige Schußposition und erlegt das Tier. Fast gleichzeitig gibt Macomber frontal und mannhaft - aber ziemlich wirkungslos - SchĂŒsse auf den BĂŒffel ab. Ende der Inhaltsangabe. Wie die Geschichte ausgeht, wird nicht auch noch ausgeplaudert.

Zwar erschwert Hemingway den Einstieg in seine Story durch Drumherumgerede. Jedoch wenn dann endlich die Löwenjagd hintereinanderweg erzĂ€hlt wird, offenbart der Meister, wie eine Story gebaut sein soll. Dementsprechend wirkt der Rest der Geschichte auf den Leser angenehm schwerelos. Ebenso wie der Hauptteil ist auch der Schluß eines NobelpreistrĂ€gers wĂŒrdig. Alles bleibt in der Schwebe. Wirklich alles – eben auch der Schluß. Und das ist es. Literatur spricht selten offen aus, was Sache ist. Literatur lĂ€sst mindestens zwei Möglichkeiten offen. So auch hier. Ein Jurist oder meinetwegen auch ein Kriminalpolizist, der von uns hinzugezogen werden könnte und dem wir den Schluß nicht verraten, könnte sowohl auf Mord als auch auf Jagdunfall erkennen.
Um wieder zur Sache, also auf die eingangs gestellte Frage zu kommen - richtige Literatur ist z.B., was Hemingway der Welt und also auch uns mit dem Macomber hinterlassen hat: Wenige Akteure agieren auf der ĂŒberschaubaren BĂŒhne ostafrikanischer Busch mit nahezu archaischer Wucht. Denn es geht um Sex und Gewalt, um Leben oder Tod, um Befreiung und Freiheit, um das Leben des einzelnen Menschen.

Der U.S.-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, geboren und starb am 2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho.

Ernest Hemingway: Das kurze glĂŒckliche Leben des Francis Macomber
Kurzgeschichte
Rowohlt 1996 ISBN: 3499220202
(1936 erschienen unter dem Titel The Short Happy Life of Francis Macomber)

Hedwig Storch 1/2008

__________________
Hedwig

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