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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Mit den Augen der Kindheit
Eingestellt am 12. 10. 2001 12:04


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Morgana
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2001

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Als ich ein Kind war, lag die kleine Stadt in der ich heute lebe weit, weit entfernt, au├čerhalb der Welt unseres kindlichen Lebensbereiches. Erreichbar war sie nur mit dem Auto und auch das nur zu besonderen Gelegenheiten, da Benzin sehr teuer war und meine Mutter uns alleine durchzubringen hatte. Heute ist der winzige Ort, in mitten der Alpen, in dem ich aufgewachsen bin, nur 30 km weit entfernt von meiner jetzigen Lebensumgebung, der kleinen, gro├čen Stadt meiner Kindheit.

"Wir fahren in die Stadt!" pflegte meine Mutter zu sagen, wenn sie g├╝nstig Kleidung und Schuhe f├╝r uns M├Ądchen einkaufen wollte. Wir beiden Schwestern waren furchtbar aufgeregt, weil die Stadt ja so wunderbar und so weit weg war. Es war geradezu ein Festtag, wenn wir die Mutter in die Stadt begleiten durften. Hinten auf der R├╝ckbank des alten Renault sitzend, dr├╝ckten wir die Nasen an den Scheiben platt und schauten neugierig auf die vorbeifliegenden Landschaft, die wir nur die paar Kilometer weit kannten, die wir auf unseren Fahrr├Ądern erkunden konnten. Bald schon befanden wir uns auf unbekanntem Terrain. Alleine, die seltene Gelegenheit auf der Autobahn zu fahren, war schon ein Erlebnis.

Wenn dann die Grenzen der Stadt erreicht waren, staunten wir ├╝ber die vielen Autos. Zuerst musste man an der "Panorama-Kreuzung", wie sie im Volksmund hei├čt, an der Ampel stehen bleiben. Ich wei├č nicht warum, aber diese Ampel scheint auch heute noch, immer auf Rot zu stehen, wenn ich in unsere Stadt hineinfahre. Als Kind war mir das nur recht, gab es mir doch Gelegenheit das "riesige" Einkaufszentrum zu bestaunen, von dem die Kreuzung ihren Namen bekommen hat. Das Einkaufszentrum steht noch heute da, nur hei├čt es heute anders und ist seit meiner Kindheit seltsam geschrumpft.

Weiter ging es die Kufsteiner Stra├če entlang. Lang, nachgerade endlos, zog sie sich damals ins Herz unserer Stadt, ges├Ąumt von kleinen L├Ąden, Kiosken und Tankstellen. Das Zentrum war und ist ein Gew├╝hle von Autos, Parkpl├Ątzen und Gesch├Ąften. Staunend sa├čen wir im Auto und besahen uns die viele Menschen, die auch alle in die Stadt gefahren waren. Wir konnten uns damals einfach nicht vorstellen, das jemand in dieser wunderbaren Stadt lebte. Die Stadt - Das war ein Ort aus einer anderen Welt. Meine Mutter fuhr immer auf den selben, gro├čen Parkplatz, den wir schon von fr├╝heren Besuchen kannten. Jedes Mal durften wir auf das Kn├Âpfchen dr├╝cken, damit der Apparat einen Parkschein ausspuckte und die Schranke sich hob. Es war sozusagen ein Privileg und wir stritten uns darum, wer dieses Mal damit an der Reihe w├Ąre. Der Parkplatz, hinter einem Fabrikgel├Ąnde mit abweisenden, schmutzigen Ziegelmauern gelegen, war nichts Besonderes. Der Asphalt war gesprungen und l├Âchrig, die Parkbuchten nur festgefahrene Erde, schlammig bei Regen und staubig bei Sonnenschein. Doch uns erschien dieser gro├če Platz, mit seinen alten B├Ąumen und dem Geruch nach Stra├čenstaub, Abgasen und Gummireifen, auf dem unz├Ąhlige Autos eine Rastst├Ątte fanden wie ein Basislager f├╝r gro├če Abenteuer.

Zu Fu├č ging es dann weiter, ermahnt von der Mutter, ja nicht zu dicht an der Bordsteinkante zu laufen, beim ├ťberqueren der breiten, stark befahrenen M├╝nchner Stra├če an die Hand genommen, die eine links die andere rechts, beide an der Hand der Mutter zerrend, weil es uns nicht schnell genug gehen konnte, die Bahnhofsstra├če mit ihren vielen Gesch├Ąften zu erreichen. Die Innenstadt war damals noch nicht verkehrsberuhigt. Die gro├če Fu├čg├Ąngerzone am Max-Josephs-Platz bis hinauf zum Mittertor, wo sich auch das Heimatmuseeum befindet, war damals noch nicht angelegt. Der Verkehr flo├č eingequetscht zwischen schmalen, belebten B├╝rgersteigen dahin und meine Mutter musste ihre Augen ├╝berall haben, wollte sie uns in dem Gedr├Ąnge nicht verlieren.

Das Herrlichste war es, wenn wir nachdem die Eink├Ąufe in den gro├čen Kaufh├Ąusern erledigt waren, noch die M├╝nchener Stra├če entlang gingen um auf dem "Br├╝ckenberg" zu stehen und den Z├╝gen bei der Abfahrt zu zusehen. Dieser "Berg" ist eigentlich keine Erderhebung, wie man vermuten k├Ânnte, sondern eine gro├če ├ťberf├╝hrung ├╝ber die viele Gleise, die sich zu beiden Seiten des Bahnhofes erstrecken. Es war ein berauschendes Gef├╝hl dort hoch ├╝ber der Gleisanlage, auf dem B├╝rgersteig zu stehen, und hinunter zu blicken auf das Gewirr der Stahlschienen und Hochspannungsleitungen und hinter sich die vielen Autos zu h├Âren, die unabl├Ąssig dieses Nadel├Âhr zwischen der M├╝nchnerstra├če und der ├äu├čeren M├╝nchnerstra├če passierten. Ein Hauch der gro├čen, weiten Welt schien dort f├╝r ein kleines, 8-j├Ąhriges M├Ądchen zu wehen, das naseweise der J├╝ngeren erkl├Ąrte, warum dort ein gelbes Schild mit einem roten Blitz angebracht war. Wenn uns das Gl├╝ck besonders hold war, dann durften wir mit unserer Mutter anschlie├čend noch den gerade neu er├Âffneten McDonalds besuchen und jede bekam einen Hamburger, f├╝r mehr reichte das Geld meist nicht, doch uns erschien es wie die wunderbarste K├Âstlichkeit.

Einmal, daran kann ich mich noch erinnern, hatte meine Mutter auf einer Beh├Ârde zu tun. Ich habe vergessen um was es ging, was ich jedoch nicht vergessen habe, ist der Eindruck, den das Rathaus auf mich machte. Ein wuchtiger Bau aus rotem Ziegel, eine gro├če Halle hinter den massive T├╝ren. Ich kam mir unendlich klein vor in diesem gro├čen und wichtigen Haus. Meine Mutter erkl├Ąrte mir das es fr├╝her einmal der Bahnhof gewesen sei und da├č das seltsame, halbrunde Geb├Ąude auf der anderen Stra├čenseite, das dort jetzt recht heruntergekommen stand, fr├╝her die Garage der Lokomotiven gewesen sei. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen, das Bild des modernen Bahnhofes vor Augen, erschienen mir diese Geb├Ąude viel zu vornehm und zu nobel um einem so profanen Zweck zu dienen. Heute wirkt auch die K├Ânigsstra├če, an der viele Beh├Ârden und ├ämter gelegen sind auf mich klein, doch damals war es das, was ich mir vorstellte, wenn ich im Radio oder Fernsehen den Begriff "Regierungsviertel" h├Ârte. Wie seltsam doch die Welt erscheint, wenn man sie als Erwachsener einmal mit den Augen der Kindheit betrachtet.

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Regenbogen
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1.Versuch

Rosenheim???

LG


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Morgana
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Treffer....

versenkt....*grins*
Freut mich das ich es so beschrieben haben, das Du es erkannt hast. *l├Ąchel*

Bright Blessings

Morgana
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Frank Zimmermann
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Sch├Ân

Ich habe die Stadt zwar nicht erkannt - weil ich zu weit weg lebe und sie noch nie gesehen habe - aber ich habe mich an einigen sehr gelungen Formulierungen erfreut, so z.B. der vom "geschrumpften Einkaufszentrum".
Danke f├╝r den Beitrag zur Schreibaufgabe.
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fz

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selene
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2000

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Rosenheim!
Mann, habe ich gegr├╝belt
Wo ich doch seit kurzem wieder in der N├Ąhe von Rosenheim wohne.
Auf jeden Fall hat mir der Text auch sehr gut gefallen!
Lieben Gru├č,
selene

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Morgana
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Vielen Dank....

f├╝r die freundlichen Worte Frank und Selene.
Ich merke das mein Stil dank der tatkr├Ąftigen Hilfe hier auf der LL verbessert und das freut mich kolossal.

@Selene: Du wohnst in der N├Ąhe von RO? Das ist ja h├Âchstinteressant! Wo?

Bright Blessings

Morgana
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