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Leselupe.de > Kurzprosa
Mit den Augen von Rene
Eingestellt am 24. 01. 2000 00:00


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Frank Zimmermann
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Mit den Augen von Rene
Erinnern sie sich noch an Jim Knopf? Vielleicht haben sie das Buch von Michael Ende gelesen oder sie kennen die Inszenierung der Augsburger Puppenkiste. Mir jedenfalls ist diese wunderbare Geschichte wieder eingefallen, als der Surrealismus wie eine Welle ├╝ber mich hereinbrach. Dazu gleich noch mehr. Zun├Ąchst m├Âchte ich ihnen noch einmal jene Figur aus besagtem Kinderbuch vergegenw├Ąrtigen, die aus meiner kindlichen Erinnerung in die Gegenwart geschleudert wurde, wie ein brennender Pechklumpen von einem mittelalterlichen Katapult. Der Scheinriese! Dieses wunderbare Spielzeug der Ende'schen Wahrnehmungsverdrehung. Je weiter man sich von ihm entfernt, desto riesiger erscheint er; tritt man zu ihm hin, wird er scheinbar kleiner, bis man ihm Aug' in Aug' gegen├╝ber steht ohne sich auch nur recken zu m├╝ssen. Um ihre Aufmerksamkeit nun nicht unn├Âtig abzulenken: obwohl der Scheinriese in der Geschichte zun├Ąchst eine tragische Figur ist, findet er doch ein gutes Ende. Er wird Leuchtturmw├Ąchter auf Lummerland, wozu ihm das Ph├Ąnomen seiner Scheinriesenhaftigkeit nat├╝rlich wunderbar gereicht.
Nun aber wieder zu meiner Geschichte: mein Abitur stand bevor und f├╝r die Pr├╝fung in Kunst hatte ich mich intensivst mit den Werken von Rene Magritte besch├Ąftigt. Zuweilen hatte ich schon bemerkt, da├č sich meine Realit├Ąt f├╝r Augenblicke verschob. Einmal folg ein schneewei├čer Rabe an meinem Fenster vorbei, ein andermal regnete es von unten nach oben und in meinem Schirm bildete sich eine Pf├╝tze. Nun, bei diesen Ph├Ąnomenen half noch ein Augenzwinkern und sie waren wieder verschwunden. Doch bei dem Schl├╝ssel war es anders. Er lag schon lange nutzlos in der Schachtel und niemand aus meiner Familie wu├čte noch, zu welchem Schlo├č er geh├Ârte. Als ich wieder mal am Schreibtisch sa├č und in einem Bildband des Surrealisten bl├Ątterte, nahm ich den Schl├╝ssel und lie├č ihn durch die Finger gleiten. Schlie├člich stellte ich ihn auf die Tischplatte, um mich anderen Dingen zuzuwenden. Kaum hatte ich mich aber etwa zwei Meter vom Schreibtisch entfernt, bohrte sich mir das Gef├╝hl starrender Augen in den Nacken. Ich drehte mich nach zwei weiteren Schritten um und der eben noch kleine Schl├╝ssel stand etwa in der Gr├Â├če eines Kindes auf meinem Tisch und was eben noch als sein Griff zwischen meinen Fingern war, prangte nun als einzelnes gro├čes Auge ├╝ber dem K├Ârper und sah mich blinzelnd an. Unter dem Auge trug er einen krausen Kragen, wie ich ihn aus Geschichtsb├╝chern von den Hugenotten kannte. Sein Bart war zu einem Fu├č mutiert, der ihm sichern Stand verlieh. Ich blinzelte und rieb mir die Augen, der Schl├╝ssel blieb, was er nicht wahr. Ich trat noch einige Schritte zur├╝ck, der Schl├╝ssel wuchs, sein Auge fixierte mich. Vorsichtig ging ich nun auf den Schreibtisch zu und als ich ihn erreichte, stand der Schl├╝ssel wieder in bekannter Gr├Â├če, metallisch und leblos neben dem Buch. Nat├╝rlich wu├čte ich, wonach ich zu suchen hatte: da war es ja, auf Seite neun des Buches, jenes Bild von Magritte, auf dem menschengro├če Schachfiguren mit einem Auge statt einem Kopf auf den Betrachter starren. Trotzdem wollte ich kein Risiko eingehen und steckte den Schl├╝ssel in meine Hosentasche. Dort blieb er bis zur Pr├╝fung, und als der Kunstlehrer fragte, ob ich die wesentlichen Gestaltungsmerkmale des Werkes Rene Magrittes erl├Ąutern k├Ânnte, nahm ich den Schl├╝ssel heraus, stellte ihn auf den Tisch und begann zu beschreiben, wie dieser Schl├╝ssel sich in den Augen Magrittes ver├Ąndern k├Ânnte. Die Pr├╝fer waren begeistert von meinen plastischen Ausf├╝hrungen, die Note war eine glatte Eins. Heute sehe ich mir nur selten Bilder von Magritte an und bin von weiteren Realit├Ątsverschiebungen verschont geblieben. Den Schl├╝ssel bewahre ich allerdings in einer kleinen Schachtel auf. Man wei├č ja nie.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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