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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mit letzter Kraft
Eingestellt am 05. 09. 2002 20:56


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Insel mit Palme
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2002

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Mit letzter Kraft

Sie sitzt jeden Nachmittag in ihrem dĂŒnnen weißen Nachthemd auf dem Fenstersims ihres Zimmers, hat das Fenster weit geöffnet und lĂ€sst ihre Beine durch den Fensterrahmen entlang der Hauswand hinunter baumeln. Ihr Blickfeld erstreckt sich ĂŒber den sterilen, perfekt geplanten und zu dieser Jahreszeit herbstlichen Garten. Das große Areal ist fast menschenleer. Die Sicht aus dem 5 Stock ist nicht schlecht. Ermattet lehnt sie am Festerrahmen. Sie spĂŒrt die kalte Herbstluft sanft durch ihre NasenflĂŒgel strömen. Ihr Gesicht ist regungslos, ihre Augen leer.
Sie sieht die beiden großen KirschbĂ€ume, die ganz einsam auf einer Wiese im Garten stehen. Sie ĂŒberlegt, was ihre Mutter vor vielen Jahren sagte. Darf man nun auf KischbĂ€ume oder ApfelbĂ€ume klettern? Irgendwelche hatten doch ganz dĂŒnne Äste, die unter dem Gewicht eines jungen MĂ€dchens brechen könnten. Sie mag die BĂ€ume, mag ihre Rinde. Wenn man ĂŒber die grobe Rinde mit den Fingerkuppen streift, dann fĂŒhlt sich diese wie eine riesige vertrocknete Blutkruste an. Als kleines MĂ€dchen hatte sie oft solche Blutkrusten. Vor allem an den Knien. Nie konnte sie sich gedulden und kratzte immer wieder die Krusten mit ihren FingernĂ€geln ab. Sie mag die wenigen, herbstlich verfĂ€rben BlĂ€tter, die sich noch immer an den Zweigen der BĂ€ume festklammern und dem Wind mit letzter Kraft vergeblich trotzen.
Manchmal kommt sie sich albern vor, redet von ihrem Fester aus mit den beiden alten BĂ€umen. Sie hat ihnen Namen geben. Die beiden sind verheiratet und haben sich auf dieser Wiese zur Ruhe gesetzt, haben sich völlig abgekapselt und erleben nun die letzte Lebensspanne in trauter Zweisamkeit. Zweisamkeit – das wĂ€re schön.
Um diese Jahreszeit ist die Luft ziemlich kalt und sie wurde mehrfach ermahnt, das Fester nicht zu öffnen. „Sie holen sich ja noch den Tod“ sagen die Schwestern immer und blicken dabei sehr streng. Ihr ist das egal. Mit letzter Kraft schleppt sie sich jeden Tag vom Bett zum Fenstersims. Dann sitzt sie apathisch im Festerrahmen des offenen Fensters, atmet frische Herbstluft und geniest die Aussicht. Der Wind weht heute sanft ĂŒber die exakt gestutzten Hecken und BĂ€ume, ĂŒber die sĂ€uberlich gefegten Wege, treibt die Laubhaufen ĂŒber die Wiesen und durchfĂ€hrt die letzten HaarbĂŒschel ihres Kopfes.
Die Haare haben sich rar gemacht in letzter Zeit. Sie weiß, dass es ihr letzter Herbst ist. Sie hat mit Manfred darĂŒber geredet, doch er glaubte ihr nicht. Als sie heute morgen in den Spiegel blickte, sah sie eine ausgemergelte Person: Eine dĂŒnne Hautschicht ĂŒberzieht nur noch den SchĂ€del. Die Backen sind eingefallen und die Wangenknochen stehen weit aus dem Gesicht. Die Lippen sind blau und dĂŒnn – viel zu dĂŒnn. Man konnte nicht einmal erkennen, ob die Person im Spiegel ein Mann oder eine Frau ist.
Die Luft ist kalt und klar. Sie riecht den kommenden Winter.
Manfred meinte vor fĂŒnf Monaten noch, dass er nur ein Bruchteil ihrer Kraft haben möchte. Sie, die angeblich dem Tode trotzt und alles ĂŒberwindet. Sie, die bald wieder gesund sein wird. Sie, die trotz zweifelloser Genesung auf einmal eine Reise machen sollte. Sie, deren Verwandte sie seit vier Wochen ĂŒberraschend regelmĂ€ĂŸig besuchen. Sie, mit der jetzt nur noch ĂŒber FrĂŒher gesprochen wird.
Die geforderte Reise hat sie nie gemacht. Sie hat nicht das GefĂŒhl etwas verpasst zu haben. Nur einsam ist sie. Alleine auf dem Fenstersims. Es ist ihr letzter Herbst.
Sie hat den Oberarzt gebeten, bei den beiden KirschbĂ€umen im Garten beerdigt zu werden. Sie weiß, dass ihr Wunsch gegen die Vorschriften verstĂ¶ĂŸt. Der Oberarzt sagte nur: “Tote haben im Garten nichts zu suchen. Und außerdem.... und außerdem werden sie mich noch ĂŒberleben Frau Maischer“. Sie merkte, dass er sich selbst nicht glaubte. Die Stimme klingt dann so sonderbar, wenn sich Menschen selbst nicht glauben.
Manfreds Stimme klang auch so als er ihr versicherte, es sei fĂŒr ihn nicht schlimm, dass er im Bett nichts mehr mit ihr anfangen könne. Sie war froh ĂŒber seine LĂŒge. Sie wusste schon lĂ€ngst, dass er ein Jahr nach ihrer Erkrankung wöchentlich das Bordell aufsuchte, obwohl er alles tat um dies zu vertuschen. Wahrscheinlich hat er schon eine Neue. Sie gönnt es ihm. Er ist ein feiner Kerl.
Jeden Abend, wenn sie in ihrem Bett liegt, sagt sie der Welt: „Lebe wohl“. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Sie wartet. Sie hat keine Angst, verspĂŒrt keinen Zorn.
Ihre Finger, Arme und Beine sind spindeldĂŒrr und wĂŒrden unter dem Gewicht eines jungen MĂ€dchens brechen. Ihre spröde und raue Haut fĂŒhlt sich wie eine vertrocknete Blutkruste an, die sie einfach abkratzen möchte. Ihre wenigen HaarbĂŒschel trotzen mit letzter Kraft dem kalten Herbstwind. Vergeblich.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Lieber Insel,
das ist eine schöne, leise und gefĂŒhlvolle Geschichte, die an keiner Stelle sentimental wird!

Eins ist mir allerdings aufgefallen:
Ich war am Anfang sicher, die Frau werde im Lauf des Textes aus dem Fenster springen. Ich kann mir nĂ€mlich nur schwer vorstellen, daß eine so gebrechliche Person tĂ€glich die Beine "durch den Fensterrahmen entlang der Hauswand hinunter baumeln" lĂ€ĂŸt (besser wĂ€re ĂŒbrigens "durch den Fensterrahmen an der Hauswand hinunter"), wenn sie nicht irgendwann springen will. Wolltest Du das vermitteln? Wenn nein, dann laß sie lieber nicht "baumeln". Es fĂŒhrt in die Irre.

Und was meint der Satz
"Sie, die trotz zweifelloser Genesung auf einmal eine Reise machen sollte"
- eine Reise in den Tod? Welche Reise könnte man sonst "trotz Genesung" machen? Diese Stelle habe ich nicht kapiert.

Wunderschön aber die Anspielungen auf die beiden BÀume als Gegensatz zu ihrer Ehesituation.
Und diese letzte Wendung
"Ihre spröde und raue Haut fĂŒhlt sich wie eine vertrocknete Blutkruste an, die sie einfach abkratzen möchte"
verweist auf die Entwicklung des Schmetterlings aus der Puppe - ein hoffnungsvoller Ausblick, trotz der traurigen Grundstimmung.

Ich mag den Text sehr! Warum wurde der bisher nicht kommentiert??
GrĂŒĂŸle von
Zefira

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