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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Möller-Trelleborg verschwindet
Eingestellt am 18. 08. 2017 19:19


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Ciconia
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„Bin ich denn hier nur von Idioten umgeben?!“
Rechtsanwalt Dr. Alexander Möller-Trelleborg stürmte in den Konferenzraum und knallte eine Akte heftig auf den Tisch. Kurz vor der Kaffeetasse seines Mandanten Julius Weinstatt kam sie zum Stillstand. Rechtsanwalt Berthold Ansbacher, angestellter Anwalt der Kanzlei, dem diese Attacke gegolten hatte, rückte sich nach einer Schrecksekunde kerzengerade auf seinem Stuhl zurecht. Seine Gesichtsfarbe wechselte von anfänglicher Blässe in ein ungesundes Rot.

Möller-Trelleborg war bekannt für seine Wutausbrüche. Wenn er, wie jetzt, einen Fehler in der Arbeit seiner Mitarbeiter entdeckte, scheute er selbst in Anwesenheit von Mandanten nicht vor einer Zurechtweisung zurück. Ansbacher hatte gelernt, diese Angriffe stoisch zu erdulden – eine Erklärung nützte sowieso in den meisten Fällen gar nichts, wenn der Chef erst einmal richtig in Rage geraten war. Die ursprüngliche Hoffnung des jungen Anwalts, einmal als Sozius in diese Kanzlei übernommen zu werden, hatte sich schon in den ersten Monaten seiner Tätigkeit zerschlagen. Dass er überhaupt noch für Möller-Trelleborg arbeitete, lag vermutlich nur daran, dass sich bei dessen Ruf als psychopathischer Arbeitgeber nicht so leicht Ersatz für Ansbacher finden ließ. Und daran, dass Ansbacher sich bisher nicht aufraffen konnte, einen neuen Job zu suchen. Immerhin lernte er erheblich von Möller-Trelleborg, der in ganz Deutschland einen ausgezeichneten Ruf als Vertragsrechtler im Mediengeschäft hatte.
Julius Weinstatt, der Geschäftsführer eines großen Münchner Musikkonzerns, warf einen beschwichtigenden Blick auf Möller-Trelleborg. Die beiden Herren kannten sich seit Jahren. Ganz sicher hätte Weinstatt den Fehler in der Ausschlussklausel, um den es hier ging, selbst bemerkt. Schließlich hatten er und Möller-Trelleborg schon unzählige Verträge miteinander ausgearbeitet.

Die Personalfluktuation in dieser Kanzlei war seit Jahren überdurchschnittlich hoch. Es kam öfters vor, dass Möller-Trelleborg Mitarbeiterinnen durch seinen Jähzorn zum Weinen brachte. Mehrmals am Tag tönte sein Ruf „Juliane!!!“ durch die Kanzlei, wenn er etwas nicht auf Anhieb finden konnte. Seine Sekretärin wieselte dann seufzend herbei, um in den undurchsichtigen Aktenbergen, die sich im ganzen Chefzimmer ausbreiteten, nach dem gesuchten Vorgang zu stöbern. Nur die Härtesten, wie außer Juliane noch seine Buchhalterin und Prokuristin Therese Hollmann, hielten stand. Die sauertöpfische Hollmann himmelte ihn an; sie durfte als einzige Angestellte auch mal ihre Meinung sagen, und das tat sie in letzter Zeit erstaunlich oft. Man munkelte, dass da früher mal etwas zwischen den Beiden gelaufen sei. Doch Gerüchte in dieser Kanzlei kamen der Stillen Post gleich – sie hatten sich über Jahre von einer Angestellten zur anderen verbreitet, und die Verursacher waren fast alle nicht mehr dabei.

Aber Möller-Trelleborg konnte auch anders. Obwohl er grundsätzlich hinter jeder Mark her war, zeigte er sich mindestens einmal im Jahr äußerst spendabel gegenüber seinen Angestellten und Mandanten. Die Abende in der Käfer Wiesn-Schänke zwischen zahlreichen Prominenten waren gerade für seine jungen Angestellten, die sonst so leicht keine Gelegenheit auf einen Abend „beim Käfer“ gehabt hätten, ein willkommenes Erlebnis. Eine gut überlegte Auswahl seiner betuchten Mandanten ergänzte die Belegschaft. Beide Seiten wussten dies zu schätzen.

Und so verlief dieser Mittwochabend, der 30. September 1987, vorerst zur vollen Zufriedenheit aller Teilnehmer. Nachdem man sehr gut gegessen und Mandanten und Angestellte sich vorsichtig beschnuppert hatten, folgte der feuchtfröhliche Teil. Ganz bestimmt gab es immer einen Mandanten, der hemmungslos eine der jungen Frauen anbaggerte. Heute konnte Julius Weinstatt nicht von Tina „Hatti“ Hattinger lassen und redete unentwegt auf „Frau Hatti“ wie er sie konsequent nannte, ein. Irgendwann waren beide kurz hintereinander verschwunden, nachdem Weinstatt breit grinsend im Vorbeigehen mit Möller-Trelleborg getuschelt hatte. Niemand wunderte sich.

Berthold Ansbacher beteiligte sich an diesem Abend wenig an den Unterhaltungen, er schien in sich gekehrt und sprach auch dem Alkohol sehr zurückhaltend zu. Er zuzelte nun schon seit einer Stunde an seiner ersten – inzwischen völlig abgestandenen - Maß, während Möller-Trelleborg und die anderen Herren gerade die dritte Bestellung aufgaben. Allerdings war Ansbacher grundsätzlich kein sehr guter Gesprächspartner, völlig humorlos und ausgesprochen dröge, sodass sein Verhalten nicht sonderlich auffiel.

So konnte im Nachhinein niemand mehr genau sagen, ob Ansbacher um 22.30 Uhr herum längere Zeit abwesend gewesen war. Irgendwann erschien er halt wieder, während Möller-Trelleborg, der kurz vor ihm den Weg zur Toilette angetreten hatte, noch immer nicht zurück war. Therese Hollmann bemerkte dies wieder mal als Erste. Sie äußerte die Vermutung, er habe einen Bekannten getroffen (unglaublich, wen Möller-Trelleborg alles kannte!) und sich draußen verplaudert.
Einstweilen ging es hoch her im Festzelt, und selten waren alle Gäste gleichzeitig am Tisch – wo viel Bier floss, musste dieses auch wieder entsorgt werden. Der Lärmpegel wäre für einen nüchternen Menschen wohl allmählich unerträglich geworden.

Kurz nach 23.00 Uhr bat Therese Hollmann Ansbacher, draußen einmal nach Möller-Trelleborg Ausschau zu halten. Schließlich wollte sie sich nicht selbst in die Herrentoilette begeben. Ansbacher kam nach zehn Minuten achselzuckend zurück – keine Spur von Möller-Trelleborg, weder in den Toiletten noch im Außenbereich. Hundertprozentig sicher konnte er in diesem Menschengewühl zwar nicht sein, aber so wie es aussah, blieb Möller-Trelleborg schlichtweg verschwunden, was die Hollmann gegenüber ihrem Sitznachbarn als sehr ungewöhnlich und zugleich ausgesprochen ungezogen einstufte. Für einen Gastgeber gehörte es sich doch wirklich nicht, die Veranstaltung wortlos zu verlassen. Sie wirkte beunruhigt.
Mittlerweile hatte die gesamte Tischrunde mitbekommen, dass Möller-Trelleborg fehlte. Da die meisten Angestellten aber sowieso allmählich an Aufbruch dachten (schließlich mussten sie am nächsten Tag arbeiten, auch wenn alle eine Stunde später erscheinen durften), machten sie sich keine große Gedanken. Vielleicht war ihm schlecht geworden und er hatte sich in das nächste Taxi nach Hause gesetzt. Therese Hollmann quittierte mit versteinerter Miene und nach penibler Überprüfung die Rechnung, die zur Begleichung selbstverständlich an die Kanzlei Dr. Alexander Möller-Trelleborg gesandt wurde.

Am nächsten Morgen lief die Arbeit in der Kanzlei zögerlich an. Es gab viel zu erzählen, wobei vor allem von Interesse war, wie der restliche Abend für „Hatti“ verlaufen war. Diese gab sich äußerst bedeckt, ließ nur durchblicken, dass Weinstatts Villa in Nymphenburg „ein Traum“ sei. Dass Weinstatt sie nach vollendetem Akt kurzerhand ins nächste Taxi komplementiert hatte, verschwieg sie wohlweislich.
Möller-Trelleborg erschien an diesem Morgen nicht zur Arbeit und rief auch nicht an. Juliane sagte vorsorglich alle seine Termine für diesen Tag ab. Gegen Mittag entschloss sich die Hollmann, bei Donatella Möller-Trelleborg, seiner sehr viel jüngeren Frau, anzurufen. Donatella, von ihr intern nur „die Donna“ genannt, wirkte trotz der vorgerückten Stunde ein wenig verschlafen. Sie hatte ihren Mann anscheinend noch gar nicht vermisst, bei getrennten Schlafzimmern und seiner häufigen geschäftlichen Abwesenheit vielleicht verständlich. Groß aufzuregen schien sie sich über sein Verschwinden allerdings nicht.

Das Gerücht über Donatella besagte, dass die gebürtige Italienerin Sängerin in einem Mailänder Nachtclub gewesen und dort Möller-Trelleborg während einer Geschäftsreise aufgefallen sei. Er habe nicht lange gefackelt und sie umgehend geheiratet, womit eigentlich wegen seines Alters von damals Anfang Fünfzig niemand mehr gerechnet hatte. Auch diese Geschichte war von Therese Hollmann in die Welt gesetzt worden. Ansonsten wusste niemand Näheres über die junge Frau, die wohl die meiste Zeit allein ohne den Ehemann in ihrem großen Haus in Grünwald zu verbringen schien. Nur zum Repräsentieren zeigte Möller-Trelleborg sie bei wichtigen Anlässen vor, und deshalb kannten die meisten Angestellten ihr Bild nur aus der Zeitung.

Immerhin erklärte sich Donatella bereit, am frühen Nachmittag in die Kanzlei zu kommen. Erst dann wollte man entscheiden, ob die Polizei schon jetzt eingeschaltet werden sollte.
Die junge Frau schwebte in einem eng geschnittenen cremefarbenen Hosenanzug, der wunderbar mit ihrer gut gebräunten Haut und den dunklen Haaren harmonierte, freundlich grüßend durch das Sekretariat und verschwand im Besprechungszimmer, in dem die Hollmann und Ansbacher sie bereits erwarteten. Zu Julianes Leidwesen blieb die Doppeltür verschlossen, sodass beim besten Willen niemand etwas von dem Gespräch mitbekam.
Während die Hollmann unbedingt dafür stimmte, sofort die Polizei einzuschalten, zögerte Donatella. Sie wollte soweit wie möglich Aufsehen vermeiden, und eine Öffentlichkeitsfahndung kam für sie schon gar nicht in Frage. Ansbacher schien die Angelegenheit relativ egal zu sein, er sprach auch heute nicht viel und wirkte ausgesprochen fahrig.
Die Anwesenden einigten sich darauf, dass Donatella am nächsten Morgen eine Vermisstenanzeige aufgeben würde, wenn sich ihr Mann bis dahin nicht gemeldet haben sollte.

Die zwei Beamten von der Vermisstenstelle, die am späten Freitagvormittag in der Kanzlei vorsprachen, wirkten ein wenig lustlos. Vielleicht lag es am schlechten Wetter – es regnete nämlich seit der vorletzten Nacht in Strömen – oder sie hatten während der Wiesn-Zeit einfach ein paar Abgänge mehr als üblich zu bearbeiten. Sie sprachen nacheinander einzeln mit allen Angestellten und konnten ein Schmunzeln bei Tina Hattingers Schilderung ihres Abends nicht unterdrücken. Zum Schluss ließen sie sich von Juliane eine Gästeliste ausdrucken, denn die Anwesenden an diesem Wiesn-Abend mussten auf jeden Fall befragt werden, dagegen konnte sich auch Donatella nicht wehren. Diese hatte bei ihrer Einvernahme dringend um Diskretion gebeten, was die Beamten selbstverständlich für die Polizei, nicht aber für die betroffenen Mandanten garantieren konnten.

Die Maschinerie lief an – so diskret wie möglich, aber so sorgfältig wie nötig. Die Anfragen bei Krankenhäusern, Flughäfen und Kreditkartenfirmen blieben ebenso ergebnislos wie die Befragung des Käfer-Personals, das an diesem letzten Wiesn-Wochenende nicht sonderlich erpicht auf Besuch von der Polizei war. Der Einsatz von Suchhunden im Bereich der Käfer-Schänke wurde von vornherein als aussichtslos eingestuft. Bei der Menge der Besucher und dem Dauerregen würde dies zu nichts führen.

Der Anwalt blieb also wie vom Erdboden verschluckt. Währenddessen versuchte Ansbacher, den Kanzleibetrieb so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Dass Möller-Trelleborg auch am Montag noch verhindert sein sollte, verdutzte einige Mandanten. Sie kannten ihn als kernigen, für sein Alter überaus fitten Mann, der trotz seiner Vielbeschäftigung regelmäßig Zeit fürs Tennisspielen und Golfen fand. Und dieser Mann sollte urplötzlich mehrere Tage krank sein? Da musste etwas anderes dahinter stecken!

Und so war es kein Wunder, dass am Mittwoch der Folgewoche eine Münchner Boulevardzeitung mit dem Titel aufwartete:

„Was geschah mit Staranwalt Dr. M.-T.? Wurde er entführt?“

Ganz offensichtlich hatte einer der eingeladenen Mandanten oder gar eine Angestellte geplaudert, denn außer den Anwesenden konnte niemand über die Umstände seines Verschwindens informiert sein. Von nun an belagerten Journalisten das Haus des Anwalts in einer ruhigen Grünwalder Seitenstraße. Erste wirre Hinweise trafen bei der Polizei ein, die überwiegend nicht ernstgenommen werden konnten. Übrig blieben die übereinstimmenden Aussagen zweier Zeugen, die am fraglichen Abend drei Männer, von denen einer Möller-Trelleborg gewesen sein könnte, bemerkt haben wollten, die untergehakt die Käfer-Schänke verlassen hatten. Sie hatten den mittleren für einen Betrunkenen gehalten, den die beiden anderen fortschafften. Da die Zeugen aber selbst nicht mehr ganz nüchtern gewesen waren, blieb die Beschreibung äußerst vage. Für eine Fahndung reichte sie nicht aus.

Da von Anfang an eine Entführung mit Lösegeldforderung nicht ausgeschlossen werden konnte, war gleich am Freitag sowohl in der Privatwohnung als auch in der Kanzlei eine Fangschaltung eingerichtet worden, was sich in der Wohnung einfach, in der Kanzlei mit mehreren Amtsleitungen umso schwieriger erwies. Mehrere Polizeibeamte waren abwechselnd mit der Überwachung betraut; sie brachten Unruhe in den Kanzleibetrieb. Die jungen Angestellten fanden alles überaus spannend.
Ansbacher schien allmählich an seine physischen und psychischen Grenzen zu stoßen – er war ohne die Unterstützung seines Chefs schlichtweg überfordert mit der anfallenden Arbeit. Er kam früher als sonst und blieb bis in die späten Abendstunden, seine ohnehin schon zahlreichen Patzer häuften sich. Mandanten reagierten unwirsch und verlangten endlich Klarheit, wann Möller-Trelleborg wieder zur Verfügung stehen würde. Ansbacher allein würde nicht allen Verpflichtungen fristgerecht nachkommen können.

Die Wiesn war zu Ende gegangen, der Abbau der Zelte und Fahrgeschäfte in vollem Gange, und selbst wenn es noch einen letzten Hoffnungsschimmer gegeben haben könnte, im Bereich der Theresienwiese eine Spur von Möller-Trelleborg zu finden, wurde dieser nun zunichte gemacht. Er blieb verschwunden, und es lagen nach wie vor keine sachdienlichen Hinweise vor.

Der entscheidende Anruf ging genau zwei Wochen nach dem Verschwinden ihres Mannes bei Donatella ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Hollmann und Ansbacher erste Überlegungen angestellt, die Kanzlei vorübergehend zu schließen, da es ohne den Chef dauerhaft einfach nicht ging. Man hätte eventuell Umbauarbeiten geltend machen können, die Möller-Trelleborg sowieso plante, denn die alte Stadtvilla benötigte dringend eine Sanierung.
Der Anrufer, dessen Stimme verzerrt, aber mit hartem osteuropäischen Einschlag klang, forderte ein Lösegeld von einer Million Mark. Ungewöhnlich wenig für einen Mann seines Kalibers, fanden die ermittelnden Beamten. Selbst Donatella schien überrascht. Ihre Nervosität hatte in den letzten Tagen erheblich zugenommen, es schien, als mache sie sich allmählich doch ernstliche Sorgen um den Verbleib ihres Mannes. Weitere Anweisungen würden am nächsten Tag eintreffen. Der Anruf konnte auf eine Telefonzelle im Stachus-Untergeschoss zurückverfolgt werden. Bei der Menge der Passanten und der Nähe zum Hauptbahnhof war es aber unmöglich, den Anrufer ausfindig zu machen.

Donatella gelang es, die geforderte Summe bei der Hausbank ihres Mannes zu beschaffen. In großen Scheinen, wie gewünscht, passte das Geld gut in einen normalen Aktenkoffer. Als der zweite Anruf am nächsten Tag bei ihr eintraf, stand das Geld bereit. Allerdings weigerte sie sich beharrlich, das Lösegeld selbst zu überbringen. Dies schien ihr zu gefährlich und wäre Männersache, argumentierte sie.
Der Anrufer ließ sich von dieser Aussage nicht irritieren und verlangte sofort, dass ein bekanntes Gesicht aus dem Umfeld Möller-Trelleborgs der Überbringer sein müsse. Die Übergabe sollte am Abend des nächsten Tages erfolgen. Nähere Einzelheiten würden folgen. Der Anruf konnte diesmal zu einer Telefonzelle in Rosenheim zurückverfolgt werden, was die Fahndung ein weiteres Mal erschwerte. Der Anrufer war auch diesmal über alle Berge, und die spätere Auswertung der zahlreichen Fingerabdrücke in der Telefonzelle ergab nichts Verwertbares.

In der Kanzlei wusste niemand von der Lösegeldforderung, nur die Hollmann und Ansbacher waren von Donatella eingeweiht worden. Und so fuhren beide noch am selben Abend mit dem Auto der Hollmann zu Donatella nach Grünwald, um das weitere Prozedere zu besprechen. Donatella hatte inzwischen einen privaten Sicherheitsdienst engagiert, um sich die Reporter vom Leibe zu halten, die seit Tagen vor dem Haus ausharrten. So blieben Ansbacher, der einen Aktenkoffer bei sich trug, und die Hollmann zwar nicht unbeobachtet, aber immerhin unbehelligt.
Therese Hollmann schlug alles Ernstes vor, sie wolle das Geld überbringen, was aber von Ansbacher und Donatella vehement abgelehnt wurde. Also blieb nur Ansbacher übrig, denn alle anderen Angestellten waren Frauen. Donatella packte die Scheine in Ansbachers Aktenkoffer um, die Hollmann zählte akribisch nach und Ansbacher quittierte die Summe. Abschließend wurde das Zahlenschloss des Koffers von Donatella reaktiviert. Für den oder die Empfänger würde das Öffnen wohl kein Problem darstellen. Der Hollmann mit ihrem scharfen Blick für Zahlen war die vierstellige Kombination allerdings nicht entgangen. Sie setzte Ansbacher später vor dessen Wohnung ab und reichte ihm den Koffer, den sie im Kofferraum ihres Kleinwagens abgelegt hatten.

Überraschenderweise ging der dritte Anruf am späten Freitagnachmittag direkt in der Kanzlei auf der Leitung von Ansbacher ein. Er wurde aufgefordert, sich umgehend auf die A8 zu begeben und um 18.00 Uhr in einer Telefonzelle der Raststätte Holzkirchen auf weitere Anweisungen zu warten. Eine Rückverfolgung des Anrufs war wegen eines kurzfristigen technischen Defekts in der Anlage nicht möglich. Ansbacher tat wie befohlen und erhielt tatsächlich in Holzkirchen den nächsten Anruf. Im Unterschied zu den vorigen Anrufen handelte es sich diesmal eindeutig um eine weibliche Stimme, die Ansbacher trotz der verzerrten Wiedergabe an jemanden erinnerte. Aber er hatte jetzt nicht die Muße, darüber nachzudenken. Er fuhr weiter bis zum Chiemsee und wartete dort um 19.00 Uhr an der gleichnamigen Raststätte wiederum vor den Telefonzellen.

Ein Zivilfahrzeug der Münchner Polizei folgte Ansbacher mit gebührendem Abstand auf seiner Odyssee. Ansbachers Nerven lagen allmählich blank, als er weiter in Richtung Landesgrenze beordert wurde, wo er an der Raststätte Bad Reichenhall um 20.00 Uhr ein weiteres Mal Anweisungen erhalten sollte. Diesmal wartete er vergebens.
Nachdem er mehr als eine Stunde vor den Telefonzellen auf und ab gegangen war und ihn kein Klingelton aus seiner Nervosität riss, stießen die beiden Kriminalbeamten zu ihm.
„Wir brechen ab“, erklärten sie.
Ansbacher fuhr einerseits erleichtert, dass es vorbei war, andererseits beunruhigt, dass die Übergabe nicht stattfinden konnte, zurück nach München. Den Koffer brachte er kurz vor Mitternacht zu Donatella zurück, die ihn sofort öffnete. Er enthielt nur Papierschnitzel.

Die untersetzte Frau mittleren Alters, die Stunden zuvor den Flughafen München-Riem betreten und zunächst im Stundentakt mehrere Telefonate von einem öffentlichen Fernsprecher aus geführt hatte, saß inzwischen in einem Flugzeug nach New York, mit Anschlussflug nach Miami. Letzteren würde sie nicht antreten. Ihr Gepäck bestand aus zwei großen Reisekoffern und einem normalen Aktenkoffer, den sie in die Kabine mitnahm. Er enthielt mehrere in Folie verpackte Bücher, deren Innenbereiche ausgeschnitten und anschließend mit Geldscheinen ausstaffiert worden waren. Der Rest von den ihr zur Verfügung stehenden achthunderttausend DM war sorgfältig zwischen Kleidungsstücken in den Reisekoffern verteilt. Die unauffällige Dame mit Reisepass und Visum auf den Namen Eleonore Baumgärtner war vom Zoll problemlos durchgewinkt worden.

Ansbacher wurde noch in derselben Nacht wegen Unterschlagung von einer Million DM festgenommen. Er beteuerte seine Unschuld – das Zahlenschloss sei schließlich unversehrt geblieben. Erst im Laufe des Samstags, als die Kriminaler Therese Hollmann befragen wollten und sie nicht antrafen, dämmerte ihnen, was tatsächlich geschehen war.

Möller-Trelleborg war auch ohne Lösegeldübergabe am frühen Morgen freigelassen worden. Er tauchte bei einer Tankstelle in der Nähe von Bad Reichenhall auf. Sein Äußeres wirkte etwas derangiert, ansonsten schien er in guter körperlicher und geistiger Verfassung. Die Polizei fuhr ihn zunächst in seine Wohnung, bevor er am Nachmittag genauer befragt wurde.

Er gab an, am Wiesn-Abend im Getümmel vor den Toiletten unvermittelt von hinten mit einem Tuch betäubt worden zu sein. Bevor er sehr schnell das Bewusstsein verlor, hätten ihn zwei Männer untergehakt. Er wusste nicht, wohin man ihn gebracht oder wie lange die Fahrt gedauert hatte, und sei erst wieder aufgewacht, als es bereits hell wurde. Die Entführer, zwei kräftige Männer, die er aber stets nur vermummt gesehen habe, hätten ihn gut verpflegt. Der Aufenthaltsort müsse eine Hütte in einer sehr ruhigen Gegend gewesen sein, denn er habe außer gelegentlichem Vogelzwitschern keine Außengeräusche wahrnehmen können. In den frühen Morgenstunden habe man ihn nahe der Autobahn kurz vor Bad Reichenhall freigelassen.

Ansbacher wurde noch am Samstagabend auf freien Fuß gesetzt. Es ergaben sich keine Verdachtsmomente gegen ihn, weder in seinem Auto noch in seiner Wohnung noch auf irgendwelchen Bankkonten wurden größere Geldbeträge oder Hinweise darauf gefunden. Man ging davon aus, dass Therese Hollmann am Abend vor der Übergabe den Geldkoffer mit einem typengleichen Koffer vertauscht haben musste.

Möller-Trelleborg erschien am Montagmorgen in alter Frische in der Kanzlei. Noch im Laufe des Vormittags erhielt Tina Hattinger die fristlose Kündigung. Es war bei seinen Beziehungen zur Presse ein Leichtes gewesen, sie als die Informantin zu ermitteln, die gegen gute Bezahlung Interna an eine Zeitungsredaktion weitergegeben hatte. Dem sensationslüsternen Reporter war es dabei egal gewesen, dass sie manche Informationen wegen ihres vorzeitigen Abschieds nur aus zweiter Hand besaß.

Am nächsten Tag reichte Möller-Trelleborg die Scheidung von Donatella ein. Auf seinen Konten fehlte nicht nur eine Million DM für das Lösegeld, sondern 1,5 Millionen DM. Donatella schwieg dazu. Er wollte zwar nicht auf einer Rückzahlung bestehen, schloss aber von vornherein jede weitere Zuwendung nach der Scheidung aus.

Berthold Ansbacher kündigte kurz darauf von sich aus – diese Kanzlei war ihm einfach zu stressig geworden.

Eleonore Baumgärtner alias Therese Hollmann buchte in New York umgehend einen Flug nach San Francisco, von dort ging es am nächsten Tag weiter nach Bangkok. Sie würde sich noch einmal eine neue Identität zulegen müssen. Inzwischen fahndete man international nach ihr.

Zu diesem Zeitpunkt waren ihre beiden Komplizen, die sie im vergangenen Sommer während eines Jugoslawien-Urlaubs kennengelernt hatte, mit jeweils 100.000 DM längst wieder zurück in der Heimat. Die Herstellung eines Reisepasses und eines gefälschten Visums waren in dieser Summe inkludiert gewesen.



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jon
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Etwas gemütlich, fast altmodisch im Erzählstil, hat mich aber nicht gestört, es geht auch mal weniger Szenen-betont.

Altmodisch erscheint mir (neben der Währung) auch die Summe von 1 Million: Warum so wenig? Vor allem dafür, wie professionell die Täterin dann vorgeht. Von so wenig (es bleibt ihr ja nicht mal die ganze Million!) dürfte sie kaum ein wirklich neues, besseres Leben in der Ferne führen können. – Wenn das alles in einer Zeit spielen sollte, in der sich für 1 Mio dieses Risiko noch gelohnt hat, dann sollte das deutlicher anklingen („Mark“ reicht nicht). Die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen könnten ein Indiz sein, aber das kommt zu spät und reicht nicht weit genug in die Vergangenheit (2001/2002 ist da der „Break“ – geröntgt wurden die Koffer aber auch schon vorher, glaube ich {lass mich aber da gern korrigieren})

Der Anfang passt nicht - diese Szene in der Kanzlei hat weder mit dem Fall zu tun, noch fließt sie in ihn hinein. Ich verstehe, dass du am Anfang schon Infos loswerden willst, aber so wirkt es ungeschickt. Davon abgesehen erscheint es mir auch zu ausufernd, „M-T“s konkrete Chef-Eigenschaften haben in weit weniger großem Maß, als der Textumfang hier suggeriert, mit dem Fall zu tun.


(Für ein Detaillektorat fehlt mir im Moment leider die Zeit. So viel nur. Alle Absätze mit oder alle ohne Leerzeile.)
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Ciconia
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Hallo Jon,

danke für Deinen ersten Eindruck.

quote:
Wenn das alles in einer Zeit spielen sollte, in der sich für 1 Mio dieses Risiko noch gelohnt hat, dann sollte das deutlicher anklingen („Mark“ reicht nicht).
Der Zeitpunkt der Handlung ist eigentlich klar definiert:
quote:
dieser Mittwochabend, der 30. September 1987
Damals waren DM 800.000 für eine Buchhalterin mittleren Alters, wie ich die Täterin hier skizziert habe, sicherlich eine Menge Geld, zumal wenn sie ein Leben in Asien plante. Eine größere Menge wäre noch schwieriger fortzuschaffen gewesen. Soweit ich mich erinnere, wurden damals auch noch nicht alle Koffer durchleuchtet, vielleicht gab es Stichproben. Ganz sicher bin ich da aber auch nicht mehr.

Die Anfangsszenen könnte man eventuell ein wenig kürzen. Mir kam es darauf an, M.-T. so unsympathisch wie möglich darzustellen, damit Gründe für seine Entführung aufzuzeigen und den Verdacht zunächst auch auf mehrere Personen zu lenken.

Absätze mit Leerzeile – habe ich gelernt – sollten nur bei einem Szenenwechsel gemacht werden. Bleibt man im selben Thema/Ort (wie hier z. B. in Absatz 9 –„Am nächsten Morgen lief die Arbeit …“), genügt ein Zeilenumbruch. Aber ich glaube, darüber gibt es selbst hier in der LL unterschiedliche Ansichten.

Gruß Ciconia


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jon
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quote:
Der Zeitpunkt der Handlung ist eigentlich klar definiert:
Oh, sorry. Stimmt. Trotzdem: Die Frau hat so viel kriminelle Energie, dass sie sogar Identitätswechsel organisiert (und zwar offenbar spielend) - ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie mit "reicht so" zufrieden wäre.
Das Motibv ist übrigens ein wenig unklar. Jaja, ich weiß: Geld. Aber sie war offenbar lange in der Firma (und hat da nichts „abgezweigt“, ist also nicht geldgierig gewesen) – was hat sich im Laufe der Zeit geändert, dass sie es jetzt tut?

Leerzeilen bei Szenenwechseln - stimmt bei Druck und E-Book, in Foren wird es wegen der Lesbarkeit oft als Absatz-Trennung gemacht.
In dem Fall hier befinden sich die Leerzeilen nicht (nur*) bei Szenenwechseln. (* wobei hier ja sowieso nicht szenisch erzählt wird; "Sprünge" im Textfluss, die eine Leerzeile „verlangen" würden, gibt es fast keine)
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Ciconia
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quote:
Das Motibv ist übrigens ein wenig unklar.
Ist es das wirklich?
quote:
Die sauertöpfische Hollmann himmelte ihn an; sie durfte als einzige Angestellte auch mal ihre Meinung sagen, und das tat sie in letzter Zeit erstaunlich oft. Man munkelte, dass da früher mal etwas zwischen den Beiden gelaufen sei.
quote:
Er habe nicht lange gefackelt und sie (Donatella) umgehend geheiratet, womit eigentlich wegen seines Alters von damals Anfang Fünfzig niemand mehr gerechnet hatte.
Ich meinte, damit hätte ich genügend Spuren gelegt.
quote:
was hat sich im Laufe der Zeit geändert, dass sie es jetzt tut?
Das Maß ist einfach voll. Seit M.-T. seine Donatella hat, sind der Hollmann endgültig alle Felle davon geschwommen. Sie sinnt auf Rache. Warum sollte sie sich mit dem „Abzweigen“ kleinerer Beträge zufriedengeben, wenn sie das ganz große Rad drehen kann? Als Buchhalterin und Prokuristin kannte sie vielleicht auch die privaten Vermögensverhältnisse: Da hätte die Beschaffung einer sehr viel größeren Summe eventuell Schwierigkeiten bereitet bzw. länger gedauert. Und wie ich schon sagte: Für das Leben einer mittelalten, alleinstehenden Frau in Asien reichte es allemal.

So hatte ich mir das gedacht.

Gruß Ciconia




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