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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Mörderherz - Glosse zum Fernsehfilm (ARD, 21.05.03, 20.15 Uhr)
Eingestellt am 23. 05. 2003 13:35


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LuMen
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Glosse zum Fernsehfilm und Kritik der Kritik

mit großen Erwartungen hatte ich nach der außergewöhnlich positiven Kritiken in zahlreichen Fernseh-Illustrierten versucht, mich in das "Mörderherz" einzufühlen. Leider ist mir dieses Bemühen weitestgehend mißlungen. Ich möchte aus meinem Herzen keine Mördergrube machen:
Vom Kritikerlob traf bis auf die Feststellung der schauspielerisch guten Besetzung aber auch gar nichts zu. Man kann sich nicht des Verdachts erwehren, daß da nur der "Waschzettel" des Filmproduzenten als Vorlage gedient hat. Ein vielversprechendes Thema ist erbarmungslos der groben Effekthascherei geopfert worden. Es sollte von allem etwas sein und war weder Psycho-Drama noch Krimi-Thriller noch Charakterstudie. Die ohnehin nicht einfach nachzuvollziehende Problematik der "Angst vor dem fremden Herzen" wurde nur oberflächlich angerissen und erschöpfte sich bald in der ständigen Wiederholung immer derselben Fragen, ebenso wie die wohl als besonders filmkünstlerisch gedachten Ausflüge des Kameramanns in modernistische Flimmerbild-Abstraktionen. Die Suche des Protagonisten nach der Vergangenheit seines Herzspenders verzettelte sich ohne Spannungsbogen in unglaubwürdigen, konstruierten, teils abstrusen Begebenheiten, die den Zuschauer ratlos im Fernsehsessel zurücklassen – so etwa beim spektakulären "Gastauftritt" des befreundeten Ehepaares, der zur Erklärung der maßlos überzogenen Reaktionen der Beteiligten wohl des vorherigen Studiums einiger Semester Psychiatrie bedurft hätte. Noch eine weitere Steigerung in dieser Richtung ist dann dem konfusen Schluß vorbehalten. Er läßt allenfalls verhaltene Freude über das Ende dieses abendraubenden Spektakels aufkommen. Mein Mitgefühl gilt den Darstellern, die hier ihr Können verschwendet haben, allen voran Ulrich Mattes als Herzchirurg.
Diese Erfahrung, die ich keineswegs das erste Mal gemacht habe, möchte ich diesmal als Anlaß für ein allgemeines Wort zur "Fernsehfilm-Kritik" nehmen:
Angesichts der Tatsache, daß zunehmend Millionen von Mitbürgern ihre Abende mehr oder minder kritiklos vor dem Bildschirm verbringen, ist es eigentlich unverständlich, daß diese Rubrik in der Tagespresse nur ein Schattendasein fristet. Die kommerzbestimmten einschlägigen Illustrierten liefern insoweit nur Schmalkost und können gegenüber den "Großen SAT 1-Filmen" (wie auch den gleichartigen Produktionen von RTL und Pro Sieben) mit ihrer bevorzugten Ausrichtung auf "Sex and Crime" kein kritisches Gegengewicht bilden. Wo bleiben die großen Kulturkritiker vom Schlage eines Alfred Kerr oder Karl Kraus? Sie hätten den uns großenteils gebotenen Fernseh-Schund schon längst dahin verwiesen, wo er hingehört, nämlich in die Mülltonne. Es bleibt die Frage, ob in unserer Gesellschaft heute, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, tatsächlich kein Bedürfnis nach einer stärkeren kritischen Auseinandersetzung mit dem Medienspektakel Fernsehfilm und -spiel besteht. Eigentlich wären wir sie der heranwachsenden Generation, die ohnehin täglich von den Eindrücken der medialen Welten überflutet wird, schuldig. Ich glaube auch nicht, daß das allgemeine Interesse an solcher Kritik nur gering ist. Die Pressemedien schenken ihr lediglich - aus welchen Gründen auch immer, vielleicht kommerziellen - nicht genügend Aufmerksamkeit. Am wirksamsten wird sie immer als Kritik im Nachhinein und nicht als heute weitgehend übliche und zumeist anderswo abgeschriebene Vorab-Kritik sein. Man sollte also ernsthaft überlegen, ob es hier nicht gilt, über das Internet eine Lücke zu füllen und ein zusätzliches Forum dafür zu schaffen. Hallo "Leselupe", wie wäre es mit einem "Sonderforum"?





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Ohrenschützer
???
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Hallo LuMen!

Die spezielle Sendung, auf die du ansprichst, habe ich nicht gesehen; aber die grundsätzliche Überlegung ist mir einen Kommentar wert.

Die Erfahrung, die ich in meinem Bekanntenkreis gemacht habe, ist die folgende: Diejenigen, die sich eine ihrer Meinung nach schlechte Fernsehsendung angesehen haben, ärgern sich eher über sich selbst, dass sie diese nicht als solche erkannt hatten. Man echauffiert sich eher über extrem späte Beginnzeiten von guten Sendungen. Fernseh- und auch Filmkritiken werden eher ignoriert, wie ich auch an mir selbst feststellen kann.

Heutzutage gibt es ein so reichhaltiges Angebot, dass man sich nur herauspickt, was man sehen möchte und den Rest keines Gedanken würdigt. Menschen, die im Fernsehen trotz 3sat und arte keine ansprechenden Sendungen finden oder schlicht keine Zeit fürs Fernsehen aufbringen, haben erst gar keinen (zu zweiterer Sorte gehöre ich übrigens selbst).

Ob dieses stumme Hinnehmen gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es innerhalb meines Bekanntenkreises ein hervorragend funktionierendes Empfehlungs-System gibt, dessen Qualität darauf beruht, dass man den Kritiker mit seinen persönlichen Vorzügen genau kennt. Es kommen auch durchaus gemeinsame Fernseh-Abende für gute Spielfilme/DVD's/Dokumentationen mit anschließender, sich automatisch ergebender Diskussion vor. Dass damit die Gesellschaft nicht kritisiert wird, ist klar. Aber wäre ein Kraus'scher Zeigefinger heute noch zeitgemäß?

Nachdenklich grüßt
__________________
Der Ohrenschützer

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LuMen
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Hallo Ohrenschützer,

vielen Dank für Deine ausführliche und aufschlußreiche Stellungnahme! Sie bestärkt mich in meiner Auffassung, daß eine umfassendere kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen, soweit es Kultur vermitteln will - und das möchte ich zu seinen Gunsten zumindest bei einigen Fernsehfilmen und -spielen unterstellen - im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse liegt. Der Kraus´sche Zeigefinger oder auch Daumen (nach oben oder unten) könnte bei zeitgemäßer Ausrichtung gerade heute eine wichtige Funktion erfüllen. Wenn seinerzeit das Theater ein Maßstab für den kulturellen Befund der Gesellschaft war, so ist doch heute an dessen Stelle, ob man will oder nicht, weitgehend das Fernsehen getreten. Und daß es, bei allem Streit über das Ausmaß, erzieherische Funktionen ausübt, dürfte im Grunde wohl unbezweifelbar sein. Wer geht heute noch ins Theater? Gottseidank gibt es noch solche Leute, wirst Du vielleicht sagen, die sich sogar Klassiker in den modernistisch verkorksten "zeitgemäßen Adaptionen" selbstverliebter sog. Star-Regisseure ansehen. Aber wieviel Prozent weniger Bevölkerungsanteil mögen das sein als zu Zeiten von Kraus und Kerr?
Umso wichtiger erscheint es mir, daß hier eine verstärkte öffentliche Kritik am Medium Fernsehen ein Gegengewicht setzt, zumal den Fernsehfilmen und -spielen ein echter "Durchfall", der früher häufig die Spreu vom Weizen sonderte, schon aus technischen Gründen und leider auch in finanzieller Hinsicht kaum droht.
An dieser Stelle zeigt sich ein weiterer Anachronismus der heutigen Kulturkritik: Besprechungen von Theater- und Musikaufführungen nehmen in der Spalte "Kultur" der Tagespresse auch heute noch (glücklicherweise) einen relativ breiten Raum ein; er steht nur in keinem Verhältnis zum geringen Anteil der Fernsehkritik, obwohl diese einen ungleich größeren Publikumskreis anspricht.
Sollte man nicht wirklich den Gedanken an ein kritisches Internetforum aufgreifen? Das wäre in jeder Hinsicht ein zeitgemäßes Mittel!

Das ist nun genug der schweren Kost für den späten Abend! Ich wünsche eine geruhsame Nacht
LuMen

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jon
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Hier ist es doch, das Forum zum Film…

Nein im Ernst: Der m.E. wichtigste Unterschied zwischen TV-Kritik und Theater- (oder auch Kino-)Kritik ist jener der in der Konsumgesellschaft so wichtigen Werbewirkung.
Theaterstücke werden in der Regel nach der Premiere kritisiert – das bringt Werbung für die kommenden Aufführungen. Selbst beim Kino funktioniert das noch, selbst wenn ein Film nur eine Woche läuft. Aber beim Fernsehen? Wer nicht einen Lieblings-Krtiker hat oder wer nicht (alternativ dazu) generell an den Eindrücken anderer interessiert ist (und beides sind anzahlmäßig für die Quote irrelevante Gruppen), wird nur in Ausnahmefällen doppelt Zeit für "die selbe Sache" ver(sch)wenden: Er hat ja sich ja schon eine Meinung über den Film gemacht, wozu braucht er dann noch die Meinungsbildunghilfe in Form einer (ausführlichen) Kritik?
Nun wird eine Zeitung den Teufel tun und den Leuten erzählen, was sie "schon wissen". Andererseits kann sich keine Zeitung leisten, einen Kritiker abzustellen, der sich vorab diverse Filme ansieht, um eine Art „fundierte Vorschau“ zu verfassen. (Falls die Redaktion überhaupt an Vorab-Tapes/DVDs gelangen würde – wer soll die liefern, wer lagern?) Bliebe die Möglichkeit, die Kritik nach der regulären Sendung (die sich der Kritiker abends, in seiner Freizeit ansieht) zu schreiben und aufzuheben, bis der Film mal wieder kommt. Welchen Kritiker kann aber dazu verdonnern, in seiner Freizeit Fime zu sehen, die mit 80%iger Wahrscheinlichkeit Schund sind? Außerdem ist das – wie sich leicht denken lässt – auch nicht wirklich praktikabel, weil erstens nicht klar ist, ob der Film mal wieder kommt, und wenn, ob dann der Kritiker noch bei der Zeitung unter Vertrag ist und wann es Honorar gibt (fürs Schreiben oder fürs Gedrucktwerden?), ob er dann noch die gleiche Meinung zum Film hat oder ob aktuelle Bezüge wirklich noch aktuell sind. Vom Archivieren red' ich mal noch gar nicht, das wäre per Computer sicher machbar.

Eine weitere Seite: Natürlich könnte TV-Kritik im Kulturteil neben Theaterrezension, Buchbesprechung oder Ausstellungsreportage stehen. Aber wer liest diese Seiten? Jedenfalls kein Fernseh-Junkie. Der Leser dieser Seite möchte Hinweise bekommen, was sich zu sehen lohnt. Und wer soll das – in der Fülle der Programme – leisten, ohne auf die "Waschzettel" der Film-Verleiher zurückzugreifen (mit bekannter Nebenwirkung)? Und die Nach-der-Sendung-Kritik? Welcher berufsmäßige Rezensent ist schon so masochistisch veranlagt, sich immer wieder TV-Filme anzusehen, um sie dann begründet als Schund zu entlarven? Sowas passiert doch nur – wie im Anlass für diesen Thread – wenn er „aus Versehen" hineinstolpert. Und wenn es passiert: Die Leser der Kulturseite werden ihm zustimmen, die vielen anderen, um die die TV-Sender kämpfen, werden die Kritik wahrscheinlich nicht mal lesen. Und die Sender wissen das. Wenn ein Theaterstück verrissen wird, weiß der Regisseur, dass sein potentielles Publikum davon beeinflusst wird – er muss es sich zu Herzen nehmen. Aber was stört einen TV-Sender eine Kritik, die seine Zuschauer ohnhin nicht beachten?!


Nun ist das alles nur ein Erklärungsversuch, warum es so ist, wie es ist. Und warum ich annehme, dass es sich auch nicht ändern wird. Und – um ehrlich zu sein – sind im Medium Internet die Spielregeln doch nur unwesentlich anders.

Wer sich dennoch auf dem leider wohl auch in Zukunft brotlosen Gebiet der TV-Kritik außerhalb der TV-Programme (, denn Verriss-Shows gibt es inzwischen auf diversen Kanälen,) versuchen möchte, der hat in der Leselupe genau hier – im journalistisch ausgerichteten Forum – (s)eine Spielwiese. Du bist jedenfalls herzlich willkommen.

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LuMen
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Hallo jon,

ich danke Dir herzlich für Deine ausführliche und überzeugende Stellungnahme! Du hast mit Deiner journalistischen Erfahrung, die ich leider nicht habe, den Unterschied zwischen Theorie und Praxis aufgezeigt. Ich meine, feststellen zu können, daß wir uns im Prinzip - mehr fundierte Fernsehkritik wäre wünschenswert - einig sind, nur war ich bisher zu blauäugig gegenüber der Möglichkeit praktischer Durchsetzung. Wahrscheinlich ist das wirklich eine vergleichsweise wenig Nutzen bringende und zudem brotlose Kunst. Der springende Punkt, den ich bisher vernachlässigt habe, ist wohl, daß sich die Fernsehproduzenten aus den von Dir angedeuteten Gründen durch (Nach-)Kritik nicht beeindrucken und von weiteren Schundprodukten abhalten lassen (anders als das Theater). Wenn überhaupt, dann wäre das allenfalls durch "Vorab"-Kritik möglich, die sich aber schon auf mehr als die Durchsicht von "Waschzetteln" erstrecken müßte. Ich habe allerdings schon gelegentlich den Hinweis gelesen: "Unser Kritiker durfte den Film vorab sehen..." Verstehe ich Dich recht, so ist diese Möglichkeit die Ausnahme? Vielleicht läge dort aber ein Ansatzpunkt, um etwas zu bewegen. Gibt es nicht so etwas wie "Interessen-Verbände" von Journalisten bzw. Kritikern, die sich "dahinterklemmen" könnten?

Ich wünsche Dir einen sonnigen Himmelfahrtstag!
LuMen

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jon
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Danke, LuMen, für die Feiertags-Wünsche – sind in Erfüllung gegangen…

Ich muss gestehen, ich kenne das konkrete Geschäft in der Tagespresse nur durch Kollegen, aber die Grundprinzipien treffen auf Wochenblätter (in einem hab ich gearbeitet) ja auch zu. Es gibt inzwischen auch Tageszeitungen, die auf der TV-Seite Kritiken – auch "am Morgen danach" – bringen (ich denke da speziell an die Sächsische Zeitung) und vielleicht muss es tatsächlich "nur" Leute geben, die sowas nicht nur für wichtig halten sondern auch den Einfluss haben, es durchzsetzen.

Bei den Filmen, die Kritiker vorab sehen konnten…: Bist du sicher, dass es sich da nicht um Kinofilme handelte? Da gibt es sowas wie Vor-Premieren. Auch bei "großen" deutschen TV-Filmen gibt es diese Art PR-Arbeit, wenn ich das richtig im Kopf habe. Die Frage ist nur, ob eine Zeitung die Sache wichtig genug nimmt, um Kritiker für diese Zeit zu bezahlen. (Und ob die Filme-PR-Leute die Zeitung für so wichtig halten, sie dazu einzuladen. Normal budgetierte Filme und ausländische Streifen fallen dabei auch noch ganz durchs Netz.) Ein Weg, Zeitungen – welcher Art auch immer – dazu zu bringen, sich um dieses Thema zu kümmern, wäre, wenn die Leser es anfordern würden. Wenn sie auf "irreführende Filmankündigungen" mit Leserbriefen reagieren – am besten per eMail, damit der zeitliche Nachlauf so gering wie möglich bleibt. Dabei wäre wichtig, die "Gegenkritik" so knapp wie möglich zu halten – das erhöht die Chance, gedruckt zu werden. Ob und wie dann ein Einfluss auf die Sender zustande käme, bliebe jedoch abzuwarten…

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