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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mondschatten und andere Momente
Eingestellt am 09. 10. 2004 21:02


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Nina K
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Registriert: Aug 2004

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Es ist das Licht, das mich unruhig macht, das Flackern des Mondes bei leichtem Regen. Dann atmet der Wind etwas Nachtluft durchs Fenster. „Zu kalt“ hämmert es plötzlich in meinem Kopf. Weil ich es nicht mehr denken will, gehe ich in die Küche. Im Kühlfach liegt die Wärme versprechend der Wodka.
Später dann Eiswürfelklirren im Wohnzimmer und etwas Schubert. Die Kälte wird leiser und meine Augen entspannen. Hier bin ich vertraut. In den Glühbirnenschein verirrt sich eine Motte. „Viel zu müde“ denke ich träge und versuche, den Klängen zu folgen. Als flatternden Schatten nehme ich die Motte noch einmal wahr, dann ist sie fort. Nur Flügelstaub schwebt noch kurz in der Luft.

Als Du die Ananas kauftest, versprachst Du mir Süße. Ich schmeckte schon da auch die Säure auf meiner Zunge. Im Nachhinein sagt sich das leicht. Am Strand schältest Du die Frucht und hast große Stücke runter geschnitten. Wind wehte Sand hinzu und Seeluft umhauchte mich fischig. So war unser Sommer und wir genossen, dass nie etwas stimmte.

Die Musik stoppt und ich atme leiser. Tropfen schlagen noch immer an die Scheibe, getrieben vom Sturm. Kein Rauschen in kahlen Ästen. Ich trete an’s Fenster und blicke die Nacht. Die Wolkendecke steht nun geschlossen am Himmel. Ein Kaminfeuerknistern huscht durch meine Phantasie. Ungeduldig greife ich nach der Fernbedienung. Schubert setzt wieder ein. Vielleicht kann ich jetzt einfach zuhören und finde in seine Bilder.
Im Sessel ziehe ich die Beine an den Körper und verharre verkrümmt. Manchmal meine ich, nur so kann man sitzen, umklammert von Armen.

Nur einmal sind wir ins Kino gegangen. Den Film haben wir erwürfelt und mochten ihn beide nicht. Leise Küsse in der letzten Reihe ersetzen die Handlung. Als das Licht anging wolltest Du Popcorn, ich Pizza. Später, hungrig im Bett, las ich aus Kochbüchern vor. Den Markt am nächsten Morgen haben wir einfach verschlafen, wie damals so oft.

Vielleicht sollte ich mit Glas und einem Buch in mein Bett gehen. Irgendwann folgt dann der Schlaf, so gut kenne ich Nächte. Ich aber verfolge vorerst den Gedanken nicht weiter. Ein neuerlicher Blick aus dem Fenster zeigt auf, was ich wusste: Der Mond steht wieder am Himmel und wirft seine Schatten durch Wolken.
Feuchtigkeit verläuft noch zart auf dem Glas, hinterlässt feine Muster. Es spiegelt sich Licht und ich spür Deine Hand.

Es war der Abend im Park, als es zu spät war. Die Rollschuhe passten mir nicht und dann bist Du gestürzt. Bis dahin war alles wie immer. Wäre nicht dieser Hot-Dog-Stand gewesen, denke ich manchmal seitdem. „Gurken und Zwiebeln, keine Mayonnaise“, da waren wir einig. Als Du mir den Ketchup aus der Hand genommen hast, wusste ich es. So geht es nicht weiter.

Ich gehe noch einmal in die Küche und fülle das Glas mit Wodka und Eis. Diesmal kommt auch eine Scheibe Zitrone dazu. Ich überlege, was Dir missfallen könnte und denke an Kricket. Also garniere ich das Glas mit einem Blatt Minze und fühle mich kurzzeitig besser. Die Lampe im Kühlschrank ist defekt. Ich notiere schnell, dass ich eine neue Birne kaufen muss.
Gewissenhaftigkeit konntest Du niemals leiden. Zu spät war für Dich immer in Zeit und ich zählte die Stunden. Irgendwann kamst Du auch pünktlich, da war ich enttäuscht.

Es war unser Sommer, weil nie etwas passte. Dann verrann der Moment, auch wenn keiner es sagte. Ein letzter Tag am Flughafen bei Nebel. Startverbot sorgte uns für Stille und noch einmal küssten mich Deine Augen. Dann wollte ich zum Italiener und Du bestelltest Saltin Bocca. Den Rotwein, den ich Dir in das Gesicht schüttete, habe ich bezahlt – gewissenhaft. In der Leuchtreklame sah ich die Flecken auf Deinem Hemd und musste lachen.

Ich greife mit spitzen Fingern nach der Zitronenscheibe und presse sie aus. So wird der Wodka erträglich. Dann streife ich die Finger am Glasrand ab. Obwohl ich Dir stets all unsere schlechten Eigenschaften zuschrieb, ist mein Benehmen kaum besser als Deines. Nun lache ich wieder und weiß, dass ich es zu Ende denken muss.
Ich nehme einen großen Schluck Wodka und spüle die Zunge. Der Geschmack ist trotz der Zitrone fahl, aber die Kälte im Mund tut mir gut.

Die Tränen in Deinen Augen habe ich gehasst. Da ging ich wohl fort? Ich weinte noch lange, wie Du. Am Morgen suchte ich Dich, auf dem Markt und im Park und am Meer. Doch ich fand überall immer einzig nur mich.

Im Bett liegend habe ich plötzlich die Melodie von Schubert wieder im Kopf. Das bringt mir ein Lächeln und wenige Tränen. Endlich, denke ich da und umschlinge die Decke. Ein erstes Morgenvogelsingen begleitet mich sanft in den Schlaf. Ein weiterer Tag.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
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Hallo Nina K,

deine Liebesgeschichte hat einen spröden Charme.

Melancholie, Entschiedenheit und die innere Zerrissenheit spiegeln sich auf sehr schöne Weise in deiner Sprache und im Aufbau deiner Geschichte. Wir erfahren wenig. Und wir ahnen doch alles:

Es ist die Geschichte einer Liebe, einer Trennung oder eines langen Abschieds - dafür spricht jedenfalls das Ende. Wir alle kennen die Motive des Trennens. Dein Text spart die konkreten Umstände und Ursachen aus. Der Rotwein im Gesicht reicht als Bild. Natürlich: Da gibt es Charakterunterschiede, Differenzen nach der ersten Leidenschaft.

Wir bekommen Einblick in etwas, was nicht haltbar ist. Dies aus der Innensicht der Heldin. Die Perspektive scheint mir gleichfalls gelungen: Die Einsamkeit der Protagonistin, die zum Wodka greift.
Hier und da gibt es gewiss Verbesserungsmöglichkeiten für die sprachliche Ausgestaltung einzelner Sätze:
"...und noch einmal kĂĽssten mich Deine Augen"
Das ist fĂĽr mich ein verunglĂĽcktes Bild. Diese Hauruckanalogie funktioniert nicht, denke ich. Manchmal habe ich auch MĂĽhe mit der Logik.

Alles in allem ein erstaunlich reifer, ja abgeklärter Text bei allem Schmerz, der hinter den Zeilen spürbar ist. Es ist eine leise Verzweiflung, mit hinreichender Distanz und Sensibilität dargeboten.

Beste GrĂĽĂźe

Monfou

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