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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Monolog eines Vaters
Eingestellt am 06. 07. 2003 21:36


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kauz
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Monolog eines Vaters

Man k├Ânnte sagen, ich bin am Boden. Morgen wird das Urteil gesprochen und meine Freunde, Eva und die Kinder freuen sich darauf, denn sie wissen, dass mir, wie auch immer der Richter entscheiden wird, eine schwere Last aus meinem Leben genommen werden wird. Ich glaube, sie - zumindest die Kinder - verstehen nicht, warum ich mich nicht freue. Nicht freuen kann.

Nach so langer Zeit ... wie habe ich die alten Wunden ├╝berhaupt aufrei├čen k├Ânnen? Das Schweigen nach so vielen Jahren zu brechen war vielleicht ein Fehler. Ich wollte eigentlich gar nicht, dass sie Vater vor ein Gericht stellen. Ich wollte einfach nur mit jemandem dar├╝ber reden, was geschehen ist. Dass Karl, der mein unbedingtes Vertrauen geno├č, die Polizei informiert und dass diese wiederum Eva benachrichtigen... wie kann ich denn mit so etwas rechnen? Ich willigte ein, zum Psychiater zu gehen, Eva versuchte, Kevin und Maria auf irgendeine Art beizubringen, warum Papi jetzt immer erst Abends nach Hause kommt, dass er jetzt in einem tollen Club sei, wo man sich jeden Tag trifft und sich die allergeheimsten Geheimnisse erz├Ąhlt. Aber all die Verschleierungsversuche n├╝tzen offensichtlich nicht viel. Das wurde Eva und mir klar, als Kevin irgendwann vor ein paar Wochen am Fr├╝hst├╝ckstisch fragte, ob sie denn jetzt nicht mehr zu Opa mittagessen gehen d├╝rften. Ob er denn ins Gef├Ąngnis k├Ąme. Es ist wohl wenig erfolgreich, so ein aufgewecktes Kind davon abzuhalten, sich sein eigenes Bild zu machen; die Tr├Ąnen, die die Wochen vorher oft ├╝ber Evas Wangen rannen, die leisen Vorw├╝rfe Evas und Karls, der nun ├Âfter vorbeikam, dass ich doch schon viel fr├╝her etwas h├Ątte sagen sollen und dass sie nicht verstehen k├Ânnen, wie ich es jetzt, da es raus ist, ├╝berhaupt in Erw├Ągung ziehen kann, nicht "Gerechtigkeit" zu verlangen. Nun, wenn es alle sagen, muss es richtig sein, oder nicht?

Nach der 2 Wochen dauernden Verhandlung wird morgen nun das Urteil gef├Ąllt. Ich war w├Ąhrend der Verhandlung nicht anwesend, lies eine Aussage bei Gericht vorlesen aber morgen werde ich hingehen; ich wei├č nicht, warum.
Eva war fast jeden Tag anwesend, Karl sa├č auch im Publikum. Ich will nicht, dass sie mir etwas ├╝ber meinen Vater erz├Ąhlen, wie er reagiert, was er tut. Sie sagen, er hat es zugegeben. Ich denke nicht viel dar├╝ber nach, das einzige, was mich besch├Ąftigt, ist, wie er wohl auf die Fragen des Anwalts geantwortet hat. Ob er mit gesenktem Kopf ein "Ja." hervorgebracht hat oder ob er es mit ausdruckslosem Gesicht, ohne Z├Âgern gesagt hat.

M├╝├čige Gedanken. Wie die, die mir - ich wei├č nicht, warum, vielleicht, weil alles wieder aufgew├╝hlt wurde durch die zwangsl├Ąufige Konfrontation - seit einigen Tagen kommen, vor allem Nachts in Form von verschwommenen Tr├Ąumen. Erinnerungen, l├Ąngst vergessen geglaubte Eindr├╝cke aus meiner Kindheit. Eine bewegt mich besonders: Eine Erkenntnis, nur ein Detail aber es schl├Ągt mich zu Boden. Wenn er es tat, Nachts oder wenn wir beide allein zu Hause waren, k├╝ndigte er es vorher an. "Liebhaben" nannte er es. Einmal ├╝berwand ich mich, es war der - ich glaube 55. - Geburtstag meiner Gro├čmutter. Einer meiner Cousins hatte bemerkt, dass ich mich seit dem letzten Treffen der Familie sehr ver├Ąndert hatte, ruhiger geworden war, fast schon melancholisch. Nach langem Ringen mit mir selbst ├╝berwand ich all die Scham und offenbarte mich meinem Cousin: Ich sagte etwas wie "Manchmal, wenn Mami nicht da ist, kommt Papa zu mir ins Zimmer und hat mich lieb." Mein Cousin l├Ąchelte wohl leicht irritiert und ging mit mir zusammen wieder ins Wohnzimmer zu der feiernden Familie. Dann ist es wohl in Ordnung. Geh├Ârt wohl dazu.

Der Psychiater sagt, dass aus diesem Erlebnis meine heutige Haltung zu der Sache resultiert. Ich wei├č es nicht, ich wei├č nur, dass das, was da morgen kommen wird, ebenso die Macht hat, mir meinem Frieden zu geben wie mich zur├╝ck in meine Tiefe zu st├╝rzen.

***

Man lasse mir bitte ehrliche, konstruktive Kritik zuteil werden, die ich f├╝r mein Geschriebenes sonst nirgends erhalte.

Danke.

Post Scriptum:
Das Thema hat keinen Bezug zu meinem Leben, ich bin 18.
__________________
Flamme bin ich sicher nicht!

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strumpfkuh
???
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Lieber Kauz,
nahezu unglaublich, dass jemand mit 18 Jahren schon so gut schreiben kann. Ich bin beeindruckt.
Nur ein kleiner Vorschlag:
Du schreibst "Der Psychiater sagt, dass aus diesem Erlebnis meine heutige Haltung zu der Sache resultiert." Da h├Ątte ich mir gew├╝nscht, etwas ├╝ber die heutige Haltung zu erfahren.
Ganz liebe Gr├╝├če
Doro

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Rainer
???
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@doro

beschreibt nicht der ganze text die heutige haltung des prot?
so habe ich ihn zumindest verstanden.

gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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strumpfkuh
???
Registriert: Jun 2003

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@Rainer und nat├╝rlich auch Kauz,
das ist nat├╝rlich ein Argument! Du hast absolut recht. Beim Lesen bin ich eben ein wenig ├╝ber diesen Satz gestolpert und hatte das Gef├╝hl, dass mir da pers├Ânlich etwas fehlte. Jetzt wei├č ich eigentlich selbst nicht mehr genau, was. Also sag ich einfach nochmal: Ein super Text, eine super Leistung!
Gr├╝├če
Doro

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kauz
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Hallo strumpfkuh, hallo Rainer,

danke erstmal f├╝r die Antworten.
In der Tat bin ich beim Schreiben selbst ein wenig ├╝ber diesen Satz gestolpert, da er sich nicht so recht in den Rest einf├╝gt, obwohl er es, wie Rainer richtig erkannte, doch tut.
Etwas wie eine Apposition ├í " ... heutige Haltung zu der Sache, wie ich sie oben beschrieb, resultiert.", w├╝rde dem Text das Monologhafte nehmen. Den Satz wegzulassen w├Ąre andererseits aber ein Bruch in der Kette dessen, was das Problem des Mannes ausmacht.
Man sieht, das ist - zumindest f├╝r mich - eine recht verzwickte Stelle.
Wenn jemand einen Vorschlag hat, wie man sich in diesem Fall besser aus der Aff├Ąre ziehen kann, teile er / sie ihn mir bitte mit.

Einen sch├Ânen Abend noch

kauz
__________________
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