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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Montag, 30. Oktober 2017, 20:52, eine Stadt in Deutschland
Eingestellt am 31. 10. 2017 15:52


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CPMan
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„Wir haben keine Milch mehr“, sagt meine Frau, „und morgen ist doch Feiertag.“

Man muss nicht Schulz von Thun gelesen haben, um zu wissen, was das bedeutet. Ich schnappe mir also meine Jacke und begebe mich nach draußen um zum nahe gelegenen Supermarkt zu gehen. So spĂ€t am Abend erwarte ich dort kaum noch Kundschaft, und bei meinen letzten EinkĂ€ufen um diese Uhrzeit waren außer der Kassiererin und einer anderen Fachkraft, die mĂŒde auf einer Leiter stand und Ware einrĂ€umte, kaum Menschen da.

Doch als ich um die Ecke biege und die glĂ€serne Eingangsfront des Supermarktes erspĂ€he, bin ich ob der vielen Menschen im Innern des Ladens, die eifrig Unmengen an Produkten in ihre WĂ€gelchen donnern, doch bass erstaunt. Ich zĂŒcke instinktiv mein Smartphone und schaue in den Push-Nachrichten meiner Tagesschau-App, ob uns irgendeine Atommacht zum Reformationstag vielleicht den Krieg erklĂ€rt hat. Doch in der App steht nichts davon. Ich denke kurz an unseren nicht entrĂŒmpelten Keller, an seine Tauglichkeit zum Schutzbunker und entschließe mich dazu, statt des einen Liter Milch doch lieber zwei Liter zu kaufen. Man weiß ja nie und sicher ist sicher.

Ich betrete den Laden und bahne mir einen Weg durch den hektisch einkaufenden Plebs am leer gefegten Obststand vorbei und kĂ€mpfe mich zielstrebig zu den Milchprodukten durch. Zu meinem Schrecken und Bedauern ist das Milchregal jedoch komplett entkernt, lediglich ein aufgeplatzter Joghurt liegt mit offenen Wunden im flackernden Neonlicht des KĂŒhlfachs. Links und rechts neben mir stehen völlig entgeistert guckende Frauen und MĂ€nner, die offenbar auch Milch kaufen wollten. Ich merke bereits wie deren Panik auf mich ĂŒbergeht und fĂŒrchte dazu die Reaktion meiner Frau, wenn ich mit leeren HĂ€nden oder einem kĂŒmmerlichen Joghurt nach Hause komme.

In meiner Verzweiflung schaue ich mich nach Einkaufswagen um, in denen vielleicht ein oder zwei Kartons mit Milch zu finden sind. Ich erkenne zwar das ein oder andere Exemplar, problematisch ist jedoch, dass die Besitzer dieser Einkaufswagen fast alle ihre Torsi wie einen schĂŒtzenden Deckel ĂŒber den Wagen halten und dabei wie angriffslustige Luchse die anderen Kunden beĂ€ugen. Ich inspiziere alle GĂ€nge und nach knapp zwei Minuten habe ich GlĂŒck: ein herrenloser Einkaufswagen mit einem Liter Milch darin. Ich beschleunige meinen Gang und fixiere trotz der vielen Leute das Ziel mit den Augen. Ich bin nur noch zwei Meter entfernt, die Milch scheint zum Greifen nah, als plötzlich der vermeintliche Besitzer der Milch von rechts heranrauscht und auf einen von links herbei geeilten angeblichen MundrĂ€uber eindrischt.

„Anderen Leuten die Milch klauen wollen, ich glaub’ es hackt“, schreit der eine Mann, wĂ€hrend seine FĂ€uste die schĂŒtzend vor den Kopf gehaltenen HĂ€nde des anderen Mannes bearbeiten.

Ich halte inne und begreife die Situation nicht ganz, denn mein Blick ist noch immer auf die Milch im Wagen fixiert, die nun da liegt wie unbeaufsichtigtes GepĂ€ck am Bahnhof. Die beiden MĂ€nner sind so in ihren Kampf vertieft, dass sie ihre gehorteten Lebensmittel fĂŒr einen Moment vergessen. Diesen Moment will ich nutzen. Doch bevor ich auch nur den Arm nach dem leckeren Laktat ausstrecken kann, saust eine eigentlich gebrechlich wirkende alte Dame an mir vorbei und springt förmlich in den Einkaufswagen hinein um die Milch zu hamstern. In echter VerblĂŒffung schaue ich, wie die alte Dame genauso schnell verschwindet, wie sie aufgetaucht ist und mit ihrem spektakulĂ€ren Raubzug offensichtlich den kompletten Inhalt des Einkaufswagens zu Freiwild erklĂ€rt und das Signal zum PlĂŒndern des Supermarktes gegeben hat.

Plötzlich kommen Menschen aus allen Richtungen herbeigeeilt und stĂŒrzen sich auf die im Wagen liegende KĂ€sescheibletten, Bananen, Erdnussflips, Zitronen und Kartoffeln wie ausgehungerte Zombies auf einen blutjungen, fleischigen Knaben. Das ganze Gemetzel erinnert mich an eine Szene aus World War Z, in dem die Zombies zu einem einzigen Klumpen Mensch verschmolzen und sich wie Termiten zu einem HĂŒgel stapelten, unter dem das Opfer nicht mehr zu erkennen war.

Als die in Zivil gekleideten Zombies von beiden Einkaufswagen ablassen, bleiben zwei ramponierte MetallbehĂ€lter zurĂŒck, in denen nur noch nicht essbare Produkte zurĂŒckgeblieben sind: eine Packung SpĂŒlschwĂ€mme, drei lose Rollen Klopapier und Haargummis. Auf dem Boden vor den Einkaufswagen hockt ganz selbstverloren ein Kleinkind und frisst, ja frisst, Trockenfutter fĂŒr Katzen aus einem mit den ZĂ€hnen aufgerissenen Karton. Weit und breit ist keine Mutter zu sehen, die dem Kleinkind den Unterschied zwischen Tiernahrung und Lebensmittel erklĂ€ren könnte.

Ich nehme mich also des Kindes an und versuche, das kleine MĂ€dchen auf dem Arm, mich zum Ausgang durchzukĂ€mpfen. Ich arbeite mich an völlig enthemmten Kunden entlang, die alles Essbare aus den Regalen reißen und entweder in ihre Wagen schmeißen oder in ihre Jackentaschen stopfen. Die herbei geeilten Mitarbeiter versuchen den Mob zur Ordnung zu rufen, doch sie werden entweder nicht beachtet oder von MĂ€nnern mit schĂ€umenden MĂŒndern mit dem Tod bedroht.
Als der Ausgang, eine glĂ€serne SchiebetĂŒr, in Sichtweite ist, erkenne ich, dass bereits die ersten PlĂŒnderer auf diesen zustĂŒrmen. Die Kassiererin, die sich bereits schutzsuchend hinter dem Laufband versteckt hĂ€lt, drĂŒckt in Geistesgegenwart einen Alarmknopf, der die glĂ€serne TĂŒr schließt und die PlĂŒnderer an ihr abprallen lĂ€sst. Wutentbrannt stĂŒrzen sie nun auf die Kassiererin zu, die aber verzweifelt schreit, dass sie den Mechanismus nicht umkehren könne und die Polizei nun unterwegs sei.

Ich renne mit dem Kleinkind zurĂŒck ins Innere des Ladens und suche einen Notausgang. Doch nirgends ist ein solcher zu finden. Die rasende Menge handelt nun wie ein in die Ecke gedrĂ€ngtes Schaf und erachtet jeden Umstehenden als Feind. Zwischen den MĂ€nnern gehen die Fausthiebe hin und her, junge MĂŒtter kratzen sich gegenseitig die Augen aus und rĂŒstige Rentner rĂ€chen sich mit ihren Rollatoren. In all dem Chaos erkenne ich auf der anderen Seite den Leergutautomaten und komme auf eine Idee. Ich drĂŒcke mich an der mordlĂŒsternen Menge vorbei und schaffe es bis an mein Ziel. Ich knie mich vor dem Leergutautomaten hin und schaue dem Kleinkind tief in die Augen.

„Du musst jetzt ganz tapfer sein“, sage ich zu dem MĂ€dchen und hebe es dann auf die Rollen, ĂŒber die normalerweise die BierkĂ€sten mit leer getrunkenen Flaschen in den Lagerraum transportiert werden. Das MĂ€dchen schaut mich Ă€ngstlich an, krabbelt aber schließlich doch in den kleinen dunklen Tunnel hinein. Als es schon ein gutes StĂŒck hinein gekrabbelt ist, zwĂ€nge ich mich ebenfalls in die kleine Öffnung. Doch ich merke bald, dass ich zu beleibt bin und stecke fest. Das MĂ€dchen dreht sich zu mir um, schaut mich mit fragenden Augen an.
„Geh weiter“, sage ich. Ich will ein ‚Ich werde dich immer lieben’ hinterher schieben, aber dann fĂ€llt mir ein, dass das MĂ€dchen gar nicht meine Tochter ist.
Als das kleine MĂ€dchen am anderen Ende des Tunnels ins Freie gelangt, bin ich glĂŒcklich. Die Tatsache, dass plötzlich jemand an meinen Beinen zerrt und mich ins Innere des Supermarktes zieht, macht mir schon gar nichts mehr aus. Ich bin mit mir im Reinen, ich habe meinen Frieden gemacht.

Das Kleinkind schafft es tatsĂ€chlich ĂŒber den Lagerraum ins Freie und wird dort von einem SEK-Polizisten in Empfang genommen. In der von Blaulicht erhellten Dunkelheit wird es ĂŒber das Absperrband an einen Schutzpolizisten ĂŒbergeben, der es zum Notarztwagen trĂ€gt.

Ich schrecke aus dem Traum, weil meine Frau mich weckt.

„Wir haben keine Milch mehr“, sagt sie, „und morgen ist doch Feiertag.“



Version vom 31. 10. 2017 15:52
Version vom 31. 10. 2017 19:08

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Maribu
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Montag, 30. Oktober...

Hallo CPMan,

interessanter Albtraum kurz vor Halloween!
Wie wĂŒrde Friedemann Schulz von Thun ihn deuten?

Dass mit der "Milch" hÀtte ich eindringlicher gemacht! Erwachsene können darauf verzichten. Dass da wahrscheinlich ein Kleinkind im Hause ist, kann man nur vermuten, wo der Protagonist merkt, dass das MÀdchen im Laden nicht sein eignes ist.

Der Schluss in der jetzigen Version ist besser! Manchmal soll man ruhig VorschlÀge von "Kollegen" annehmen.

Freundlichen Gruß
Maribu

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