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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Montanus
Eingestellt am 04. 11. 2001 22:40


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

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Montanus
Eine Kurzgeschichte von Stefan Seifert

Montanus ließ den Blick schweifen. Unter ihm lag die Stadt im Abendlicht. Das Band des Flusses glĂ€nzte wie geschmolzenes Metall. Die Menschen eilten in die GeschĂ€fte und machten die letzten EinkĂ€ufe. Montanus stellte eine Milchflasche und eine BlechbĂŒchse, in der er Butter und KĂ€se aufbewahrte, in das Lebensmittelfach unter dem Fenster. Er besaß keinen elektrischen KĂŒhlschrank. Er besaß auch kein Radio und kein FernsehgerĂ€t. DafĂŒr hatte er BĂŒcher und einen alten Plattenspieler.
Es war ein GlĂŒckstag, als Montanus in der Zeitung las, daß die Stadt die Stelle eines TĂŒrmers fĂŒr die Stadtkirche St. Elisabeth zu besetzen hatte. Der Kirchturm gehörte der Stadt, wĂ€hrend sich das ĂŒbrige KirchengebĂ€ude im Besitz der Landeskirche befand. Auf dem Turm, direkt unter der schiefergedeckten Haube, befand sich die Wohnung des TĂŒrmers. Dessen Aufgabe war es von alters her, nahende Feinde oder Feuer zu melden. In neuer Zeit war das im Grunde ĂŒberflĂŒssig geworden, aber die Stelle war immer noch vorhanden, und da daran ZuschĂŒsse von der UNESCO gebunden waren, wurde sie wieder besetzt. Montanus war nicht der einzige Bewerber, aber man wĂ€hlte ihn aus, da er ideale Voraussetzungen fĂŒr den Posten besaß. Er war jung und krĂ€ftig, was angesichts der nicht enden wollenden Treppenstufen von nicht zu unterschĂ€tzender Bedeutung war. Er war unverheiratet, ohne familiĂ€re Verpflichtungen und es gab keinen Grund, an seinem Leumund und seiner ZuverlĂ€ssigkeit zu zweifeln. Bisher hatte er zur völligen Zufriedenheit seines Arbeitgebers als Hausmeister in einem Freizeitzentrum gearbeitet. Freilich war er kein Erfolgstyp, aber so einer hĂ€tte sich auch kaum fĂŒr diese Stelle beworben.
Aber es gab noch andere GrĂŒnde, die ihn fĂŒr die Stelle des TĂŒrmers geradezu prĂ€destinierten. Montanus liebte die Höhe ebenso wie die Einsamkeit. Seine freie Zeit verbrachte er so oft wie möglich in den Bergen. Er fuhr mit der Bahn nach Garmisch-Partenkirchen oder einem anderen Ort im Gebirge. Dort stieg er aus und wanderte los. Er ĂŒbernachtete in BerghĂŒtten oder im Freien. Am glĂŒcklichsten war er, wenn er auf einem Gipfel alleine war und die majestĂ€tische Bergwelt sich zu seinen FĂŒĂŸen ausbreitete. Es konnte vorkommen, daß er 14 Tage lang zu Fuß unterwegs war und in dieser Zeit mit keinem Menschen Kontakt hatte. Das störte ihn nicht. Im Gegenteil, er spĂŒrte, wie ihm aus der Natur neue KrĂ€fte zuflossen. Das machte ihn froh und ließ ihn immer wieder staunen. Dieses Staunen mußte er anderen mitteilen und er tat es mit Gedichten. Um die Form dieser Gedichte machte er sich nicht viel Sorgen, er wĂŒrde mit Sicherheit damit keinen Lyrikwettbewerb gewinnen. Aber er sah darin die einzige Möglichkeit, die Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die ihn beschĂ€ftigten. Daß es der Stille bedurfte, um das Umfassende und Wahre, das Große und Ganze in sich aufzunehmen. Daß man sich nicht ablenken lassen durfte durch all das Unwichtige und Dumme. Daß das Leben des einzelnen Teil eines großen Zusammenhangs war. Solche Dinge eben. Es war ja eigentlich alles ganz einfach. Er konnte immer wieder darĂŒber schreiben.
Montanus veröffentlichte seine Gedichte im Internet. Er hatte zwar selber keinen Computer, aber er gab die Gedichte einem Freund, der sie auf speziellen Literaturseiten unterbrachte. Leider hatte er noch nie eine ernsthafte Reaktion darauf gespĂŒrt. Manchmal traf er Leute, die sagten, sie hĂ€tten seine Gedichte gelesen und sie fĂ€nden es toll, daß er so etwas machte. Aber keiner sagte ihm jemals: Du hast recht, so denke ich auch, das ist die Wahrheit, danach mĂŒĂŸte man leben.
„Das ist schon in Ordnung,“ sagte einer seiner Freunde einmal zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. „Aber eben irgendwie weit weg. Dein Problem ist, daß du nicht mit der modernen Zeit zurecht kommst. Du hĂ€ttest genau so, wie du jetzt bist, vor hundert oder vor tausend Jahren leben können. Vielleicht hĂ€ttest du in die frĂŒheren Zeiten besser gepaßt.“
Es klopften ihm alle gern auf die Schulter oder zausten seine zotteligen Haare, als wĂ€re er ein großer TeddybĂ€r. Manchmal wurde er richtig böse deswegen. In den ersten Wochen, nachdem er seine Turmwohnung bezogen hatte, bekam er hĂ€ufig Besuch und alle waren sprachlos vor Staunen und Bewunderung ĂŒber seine ungewöhnliche Behausung. Doch der Aufstieg zu ihm war recht mĂŒhselig und war man einmal oben, wollte man auch bald wieder hinunter. Nach und nach wurden die Besucher weniger und blieben schließlich ganz aus.
Auch Montanus selbst zog sich zurĂŒck und ging immer seltener nach unten. Zwei- oder dreimal in der Woche kaufte er Lebensmittel ein und stieg dann wieder hinauf. Es war fast so, als wĂ€re er in den Bergen, nur daß ihm zu FĂŒĂŸen nicht die unberĂŒhrte Bergwelt, sondern die brodelnde Stadt lag. Aber der Unterschied war nicht so groß. Die Höhe dĂ€mpfte die GerĂ€usche und in der Ferne sah er die sanften HĂŒgel, die das Flußtal bildeten, in dem die Stadt lag.
Jeden Abend beobachtete er, wie die Sonne hinter diesen HĂŒgeln unterging und die DĂ€cher in rotgoldenes Licht tauchte. Dann wartete Montanus auf das Aufgehen des Mondes. Es war fĂŒr ihn ein besonderes Erlebnis, wenn die leuchtende Kugel sich durch ein Schimmern ĂŒber den HĂŒgeln ankĂŒndigte und schließlich persönlich hervorlugte, um dann geschwind empor zu steigen. Montanus war immer wieder fasziniert, wie groß der Mond bei seinem Erscheinen war und wie schnell er sich aufwĂ€rts bewegte. War er einmal am Himmel, verlangsamte er seine Fahrt, bis er schließlich völlig still zu stehen schien. Auch seine Farbe verĂ€nderte sich von Orangegelb zu einem hellen Elfenbeinton.
In den NĂ€chten des vollen Mondes fĂŒhlte sich Montanus wohl. Alles war in ein mildes Licht getaucht und gute Gedanken erfĂŒllten ihn. Er fĂŒhlte sich eins mit der Welt. Er war Teil eines Ganzen, aufgehoben in der alles umfassenden Liebe Gottes. In dieser Stimmung schrieb er seine Gedichte.
Schwierig wurde es fĂŒr ihn in den NĂ€chten um Neumond herum, wenn die der Erde zugewandte Seite des Mondes ins Dunkel getaucht war. Es war dann, als ob sich auch Montanus‘ GemĂŒt verdĂŒsterte. Qualvolle Erinnerungen bemĂ€chtigten sich seiner, Schmerz und Wut erfĂŒllten sein Inneres. Er hatte keineswegs eine glĂŒckliche Kindheit gehabt. Die Ehe seiner Eltern war von zunehmender ZerrĂŒttung geprĂ€gt gewesen und als er sieben Jahre alt war, ließen sie sich scheiden. Er lebte bei seiner Mutter, seinen Vater sah er selten. Die Mutter litt unter Depressionen und hatte hĂ€ufig NervenzusammenbrĂŒche. Ein Jahr nach der Scheidung begab sie sich nach einem halbherzigen Selbstmordversuch in psychiatrische Behandlung und Montanus kam in ein Kinderheim. Die erste Nacht in dem großen Schlafsaal war die erste Nacht, die Montanus ĂŒberhaupt außerhalb von Zuhause verbrachte. Nachdem das Licht ausgeschaltet worden war, wurde er als Neuankömmling von den anderen Kindern mit HandtĂŒchern, in die sie Knoten gemacht hatten, verprĂŒgelt, wĂ€hrend sie seinen Kopf und seine Arme mit einer Decke festhielten. Doch der eigentliche Schmerz kam erst spĂ€ter, als die anderen schon schliefen. Das GefĂŒhl des Verlorenseins inmitten fremder Menschen sprang ihn an wie eine reißende Bestie. Von daher rĂŒhrte seine Überzeugung, daß es fĂŒr ihn noch ein anderes Zuhause geben mĂŒsse, eine Heimat, die ihm niemand nehmen konnte.
SpĂ€ter lebte Montanus‘ Mutter mit einem neuen Partner zusammen und nahm ihren Sohn wieder zu sich. Doch nach einiger Zeit scheiterte auch diese Beziehung und alles begann wieder von neuem. Sie bekam Nervenkrisen und Montanus wurde in ein Kinderheim gegeben. Das bestĂ€tigte ihn in seiner Annahme, die nun zu einem festen Glauben wurde, daß jedes irdische Zuhausesein vergĂ€nglich und eine trĂŒgerische Illusion war. Seine Heimat mußte woanders sein. In seinem Herzen oder ĂŒber den Wolken. Oder in allem zugleich.
Jetzt war Vollmond und Montanus‘ GemĂŒt war von Harmonie erfĂŒllt. Luna war in besonderer Schönheit aus den HĂŒgeln aufgetaucht. Montanus hatte den Eindruck, daß der Himmelskörper diesmal noch grĂ¶ĂŸer war als sonst. Mit seinem weiteren Emporsteigen schien er nicht kleiner zu werden, sondern, im Gegenteil, noch zuzunehmen. FĂŒr einen Augenblick dachte Montanus daran, diese Beobachtung in seinem Bericht an die vorgesetzte Behörde zu vermerken, doch verwarf er diesen Gedanken schnell wieder. Astronomische Beobachtungen gehörten nicht zu seinen Aufgaben. Doch wĂŒrden die Astronomen dieses PhĂ€nomen bemerken? Montanus bezweifelte es.
Das Äußere des Mondes war Montanus vertraut. FĂŒr ihn hatte der Mond ein Gesicht. Es war das Gesicht eines Mannes, der freundlich lĂ€chelte. Es war ein alter, sehr weiser und sehr gĂŒtiger Mann. Manchmal lĂ€chelte er belustigt, als habe er gerade einen guten Scherz gemacht. Das ganze irdische Treiben schien ihn zu amĂŒsieren. Aus dieser großen Entfernung war das auch nicht schwierig. Etwas anderes war es, wenn man hier unten war, in die menschlichen Geschicke verstrickt. Aber in Augenblicken wie diesen, bei Vollmond, glaubte Montanus, daß es möglich war, sich ĂŒber sein Schicksal als Mensch zu erheben und zu ĂŒberirdischer Ruhe und Heiterkeit zu gelangen.

Er mußte in seinem Sessel am Fenster eingeschlafen sein. Als er erwachte, war der ganze Raum von einem hellen, milchigweißen Licht erfĂŒllt. Der Mond stand riesig groß neben dem Kirchturm. Montanus konnte deutlich einen alten Mann darauf erkennen, der ihm zuwinkte. Montanus winkte zurĂŒck. Ein beglĂŒckendes GefĂŒhl durchströmte ihn, als wenn ein lange gehegter Wunsch in ErfĂŒllung gegangen wĂ€re. Der Mann machte ihm Zeichen, zu ihm hinĂŒber zu kommen. Montanus breitete fragend die Arme aus und zog die Schultern hoch, um ihm zu bedeuten, daß er nicht wisse, wie er das machen solle. Daraufhin verschwand der Alte in einem Mondkrater und kam kurz darauf mit einer langen, silbern glĂ€nzenden Leiter wieder, die er zu Montanus hinĂŒber schob. Montanus ergriff sie, stellte die Enden auf das Fensterbrett und stieg auf die Sprossen. Es ging leichter, als er gedacht hatte. Bald betrat er die MondoberflĂ€che und stand einem mit einer Art Tunika bekleideten ehrwĂŒrdigen Greis gegenĂŒber. Der blickte ihn aus seinem faltigen Gesicht mit lebhaft strahlenden Augen an. Sein Haar war weiß. Es fiel in schönen Wellen herab und mischte sich mit seinem langen weißen Bart.
„Bist du Gott?“ fragte Montanus. Der andere lachte.
„O, nein,“ rief er. „Ich bin nicht Gott und möchte es auch nicht sein. Glaube mir, ich bin ein Mensch wie du. Ich bin nur schon ein gutes StĂŒck des Weges weiter gegangen. Auch du wirst einmal einer von uns sein und uns hier Gesellschaft leisten.“
Montanus bemerkte nun, daß noch mehr Menschen in der NĂ€he waren. Sie gingen einzeln oder zu zweit umher, schweigend oder in intensive GesprĂ€che vertieft. Sie waren meist Ă€lter, aber niemand wirkte gebrechlich.
„Was sind das fĂŒr Leute?“ fragte Montanus.
„Wir alle haben den Zyklus unserer Wiedergeburten vollendet und fĂŒhren nun eine rein geistige Existenz,“ sagte der Alte. „Das heißt, wir bestehen aus sehr feinen Schwingungen, feiner als Materie. Aus Gewohnheit haben wir die Ă€ußere Form und den Namen aus unserem letzten Erdendasein beibehalten. Ich heiße Leonardo und meine letzte Inkarnation liegt schon fast ein halbes Jahrtausend zurĂŒck.“
Ein Mönch stieg aus einem Krater hervor und schien einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen zu wollen. In der Hand trug er einen Wanderstock.
„Sieh, Meister Eckart, wir haben Besuch,“ rief ihm Leonardo zu. „Ein Gast aus dem Kirchturm dort drĂŒben. Es wird nicht mehr allzu lange dauern und er wird uns auf Dauer Gesellschaft leisten.“
„Das ist gut,“ sagte der Mönch lebhaft und blickte Montanus freundlich lĂ€chelnd an. „Vertraue nur auf Gott, so wirst du nicht fehl gehen.“
Er musterte Montanus grĂŒndlich, dann sagte er ernst: „Sei dennoch auf der Hut, mein lieber Freund. Bedenke, wir allein sind der Grund all unserer Hindernisse auf dem Weg zu GlĂŒck und Vollkommenheit. HĂŒte dich vor dir selbst, so hast du wohl gehĂŒtet.“
Nach diesen Worten entfernte sich der Mönch mit rĂŒstigen Schritten.
„Werde ich wirklich bald als einer der Euren hier leben?“ fragte Montanus hoffnungsvoll. „Kann ich vielleicht gleich hier bleiben?“
„Nun, so schnell geht es leider nicht,“ sagte Leonardo schmunzelnd. „Du hast schon noch ein StĂŒck deines Weges auf Erden vor dir. Wenn du es wirklich eilig hast, so suche eine der Höhlen im Himalaya auf und lebe dort als Eremit. Aber jeder hat seinen eigenen Weg zur Vollendung und den deinen mußt du letztlich selber finden.“
Sie waren nun in ihr GesprĂ€ch vertieft und wanderten ĂŒber die MondoberflĂ€che, wie zahlreiche andere Mondbewohner.
„Es war vor mehreren tausend Jahren,“ erzĂ€hlte Leonardo, „als die ersten Weisen ihren Zyklus der Wiedergeburten vollendet hatten. Sie hatten der Menschheit all ihre Weisheit gegeben, hatten ihr den Weg fĂŒr die Zukunft gewiesen und waren zu Geistwesen geworden, die einen festen Ort im Universum suchten. Sie entschieden sich fĂŒr den Mond als WohnstĂ€tte, da sie auf ihm der Erde immer nahe sind. NatĂŒrlich spielen rĂ€umliche Entfernungen fĂŒr geistige Wesen keine so große Rolle, aber ein wenig SentimentalitĂ€t war bei ihrer Wahl wohl auch im Spiel. Leider stellte sich spĂ€ter heraus, daß ihnen auch allerlei Abschaum gefolgt war.“
Sie hatten sich bei ihrem Spaziergang allmĂ€hlich jenem Teil des Mondes genĂ€hert, der im Dunkeln lag. Leonardo holte einen Spiegel aus seiner Kleidung und leuchtete damit in den dunklen Bereich hinĂŒber. Der Lichtschein fiel auf große, behaarte Spinnen und stachelige WĂŒrmer, die aufgescheucht ins Dunkel flĂŒchteten.
„Das sind die Ausgeburten des Hasses,“ sagte Leonardo. „Sie fĂŒrchten das Licht. Bei Neumond bevölkern sie die ganze der Erde zugewandte Mondseite. Unsere Wohnungen befinden sich im Innern des Mondes und wir betreten diese Seite dann nicht. Uns können diese widerlichen Kreaturen zwar nichts anhaben, aber es widerstrebt uns, mit ihnen in BerĂŒhrung zu kommen. Du allerdings mußt dich vor ihnen vorsehen, auf dich wĂŒrden sie sich mit VergnĂŒgen stĂŒrzen, um dir die LebenskrĂ€fte auszusaugen und deine Seele zu vergiften. Aber hier bei uns, im Licht, kann dir nichts geschehen.“
Sie lenkten ihre Schritte wieder zurĂŒck zu den von der Sonne beschienenen MondtĂ€lern und GebirgszĂŒgen. DarĂŒber stand groß die dunkle, schlafende Erde. Aus ihr ragte der Kirchturm hervor, an dem immer noch die Leiter lehnte, die ihn mit dem Mond verband. Es war, als hĂ€tte der Trabant seine Reise vorĂŒbergehend unterbrochen und fĂŒr einen kurzen Besuch an seinem Mutterplaneten angedockt.
„Es wĂ€re ein Irrtum, zu glauben, daß wir hier mĂŒĂŸig auf das Weltenende warten,“ erklĂ€rte Leonardo. „Wir alle fĂŒhren die Arbeit fort, die wir wĂ€hrend unserer Inkarnationen begonnen haben. Aber wir tun es mit verfeinerten, geistigen Mitteln. Unser stilles Wirken ist fĂŒr die Menschheit von enormer Bedeutung. Wir sind auch durchaus in der Lage, uns noch einmal, aus eigenem Willen, in eine Inkarnation zu begeben. Das hat dann sehr diffizile GrĂŒnde, die eigentlich nur der verstehen kann, der diese Entscheidung fĂŒr sich trifft. Ein guter Freund von mir trat vor noch nicht allzu langer Zeit in eine neue Inkarnation ein, weil er Sehnsucht bekommen hatte nach dem Geschmack eines besonderen GebĂ€cks, wenn es sich im Mund mit Tee vermischt.“
Leonardo blickte nachdenklich zur Erde hinĂŒber.
„Auf keinen Fall sollte der Wunsch, in das irdische Geschehen verĂ€ndernd einzugreifen, uns zu einer neuen Inkarnation veranlassen. Die Dinge mĂŒssen sich ungehindert entfalten können. Ich selber bin in meiner Arbeit so weit fortgeschritten, daß ich mĂŒhelos in der Zeit reisen kann, von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Untergang. Dieser interessierte mich besonders, da ich von ihm gegen Ende meiner letzten Inkarnation visionĂ€re Vorstellungen hatte, denen ich auch kĂŒnstlerischen Ausdruck verlieh. Es ĂŒberraschte und erschĂŒtterte mich, als ich diese Visionen auf meinen Zeitreisen im Wesentlichen bestĂ€tigt fand.“
Sie waren jetzt am Fuß der Leiter angekommen.
„Leb wohl, mein Freund,“ sagte Leonardo. „Du mußt jetzt wieder hinĂŒber. Wir werden noch viele gute GesprĂ€che fĂŒhren. Doch alles zu seiner Zeit.“

Auf dem Weg zum Bahnhof traf Montanus zum ersten Mal seit mehreren Monaten wieder einen seiner Freunde. Montanus war offensichtlich fĂŒr eine weite und abenteuerliche Reise gerĂŒstet. Hoch ragte die Kraxe auf seinem RĂŒcken mit Schlafsack, Kochtopf und Feldflasche. Er trug eine wollene MĂŒtze auf dem Kopf, aus der seine langen, zottigen Haare ungebĂ€ndigt hervorquollen. Ein gefĂŒtterter Nylonanorak, lederne Kniehosen, WollstrĂŒmpfe und derbe Bergschuhe vervollstĂ€ndigten seine Ausstattung.
„Geht es wieder in die Alpen?“ fragte der Freund.
„Nein, in den Himalaya,“ antwortete Montanus. „Dort gibt es einen Berg, der von Eremiten bewohnt ist. Sie leben in Höhlen oder HĂŒtten, in angemessener Entfernung von einander. Die Bauern in den TĂ€lern verehren sie als Heilige und bringen ihnen Milch und FrĂŒchte. Sie legen ihre Gaben vor den Behausungen nieder und ziehen sich wieder zurĂŒck, denn die Eremiten dĂŒrfen nicht gestört werden.“
Der Freund hörte ihm interessiert zu.
„Und wie lange willst du dort bleiben?“ fragte er dann.
„Ich weiß noch nicht,“ erwiderte Montanus versonnen. „Vielleicht ist eine Höhle frei und ich kann ganz dort bleiben. Manchmal soll es auch vorkommen, daß ein alter Eremit einen jĂŒngeren als Gehilfen und SchĂŒler zu sich nimmt. Wenn der Eremit stirbt, wird der SchĂŒler sein Nachfolger. Irgend so etwas schwebt mir vor. Vielleicht komme ich aber auch in vier Wochen wieder zurĂŒck.“
Sie verabschiedeten sich. Der Freund wĂŒnschte Montanus GlĂŒck und klopfte ihm herzlich auf die Schulter. Dann blickte er ihm nach und beobachtete, wie er in die Bahnhofshalle trat und in die Menschenmenge eintauchte. Das letzte, was er von Montanus sah, war die hoch aufragende Kraxe, die sich zielstrebig und leicht schwankend aus seinem Blickfeld entfernte.

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Stefan Seifert

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flammarion
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hallo,

es ist mir völlig unverstĂ€ndlich, daß diese perle kommentarlos geblieben ist. die geschichte gefĂ€llt mir sehr und kommt in meine sammlung. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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