Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
79 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Krimis und Thriller
Mord in Heidelberg
Eingestellt am 29. 06. 2005 19:45


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Peter the Head
Hobbydichter
Registriert: Jun 2005

Werke: 1
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Peter the Head eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Mord in Heidelberg - Teil 1

Zur Vorgeschichte: „Mord in Heidelberg“ wurde als Patchwork-Roman eines Deutsch-Leistungskurses angelegt, den ich bis vor kurzem auf dem Gymnasium besuchte. Der Roman selber wurde auf einer Kursfahrt nach Heidelberg von allen Mitgliedern des Kurses geschrieben. Da aber diese Version des Romans nicht zu Ende geschrieben wurde und auch keine Überarbeitung, außer bei den Rechtschreibfehlern, stattgefunden hat, habe ich persönlich den Roman hinterher alleine ĂŒberarbeitet und auch neue Kapitel hinzugefĂŒgt, um die Geschichte verstĂ€ndlicher zu machen.
Gewisse Dinge, die sehr unlogisch erscheinen, sind erwĂŒnscht und Teil der Geschichte, die den Leser hinters Licht fĂŒhren soll.
Mit Erlaubnis meines Lehrers und meiner MitschĂŒler stelle ich nun erst mal die von mir bearbeitete Version online. Wenn ausreichend Resonanz da ist, stelle ich spĂ€ter auch die andere Version online, um einen Vergleich zu ermöglichen.


Zum Inhalt: Eine Deutsch-Leistungskurs fÀhrt nach Heidelberg. Schon bald geschieht der erste Mord. Es ist der erste einer ganzen Reihe von Morden. Der TÀter kann nur aus dem Kurs kommen, doch wer ist es? Jeder ist verdÀchtig.




Mord in Heidelberg
Patchwork-Roman LK 12/13
Kapitel 1

Das dumpfe GerĂ€usch des Motors legt sich auf meine Ohren. Unbewusst wahrgenommen, lĂ€sst es die Stimmen um mich herum leiser und unbedeutender wirken, lĂ€sst sie verschwindend untergehen. Unbedeutende Stimmen – ja, wahrscheinlich sind die Stimmen um mich herum in der Tat unwichtig. Sie machen die Zeit zunichte. Es ist dieses GefĂŒhl von Sinnlosigkeit, das Wissen, dass diese Strecke bezwungen werden muss, um an das Ziel zu gelangen. Knapp 380 km in einen bunt gemusterten Sitz gepresst, ohne jegliche Bewegung, gemeinsam mit Leuten, die den Faktor Spaß als Sinn des Lebens ansehen. Aus Sicht meiner Eltern ist es fĂŒr meine persönliche Zukunft wichtig, soziale Kontakte zu knĂŒpfen. Ein gepflegter Umgang mit den Eltern Franziskas zum Beispiel könnte meiner Karriere helfen. AnknĂŒpfung zur gehobenen Klasse, perfektes Auftreten in der Öffentlichkeit – der Einfluss auf mich durch eine solch „gehobene“ Clique könne nur positiv sein. FĂŒr mich haben sie keinerlei Ambitionen. Leben, ohne den Wert des Lebens zu erkennen. „Jonas, du hast dort einen Fleck auf deinem Hemd“, höre ich eine schrille MĂ€dchenstimme das dumpfe Gemurmel durchbrechen, nachhaltig ĂŒbertönen. Franziska erhebt sich aus ihrer graziösen Haltung, die sie in dem starr, steifen Sitz mit halbem Meter Beinfreiheit eingenommen hat, verliert dabei nur fĂŒr einen Bruchteil einer Sekunde Haltung und königliche Miene und positioniert sich dann in gekonnt aufreizender Pose im Gang, neben Jonas. Als wĂŒrde ihr RĂŒcken keine KrĂŒmmung erlauben oder als stecke in ihm ein Stock, an dem bei steigender Neigung zwei rund geformte Portionen an ĂŒbermĂ€ĂŸigem Hautgewebe immer weiter der Erdanziehung nachgeben mĂŒssen, beugt sie sich nun in langsamer Bewegung hinunter zu Jonas. Ein StĂŒck weiter und sie hĂ€tte, so bin ich mir sicher, den Fleck mit der Nasenspitze begutachten können. Jonas, scheinbar ungerĂŒhrt von den sich neu offenbarenden Ausblicken, greift in seine Hosentasche, zieht ein Taschentuch heraus, wischt in lĂ€ssiger Handhabung einige Male ĂŒber den Fleck und schaut dann, nachdem er einen kurzen Blick auf seine Sitznachbarin Charlotte wirft, aus dem Fenster, sodass der Stock Madame Pompadous schnell eine senkrechte Stellung einnimmt und sich den Gang hinab bewegen kann.
WiderwĂ€rtig. Dieses LĂ€cheln, diese Ausstrahlung von Freude, UnbekĂŒmmertheit. Die Zeit rennt, ihr LĂ€cheln steht. Charlotte – sie lĂ€chelt und spĂŒrt dabei nicht die Wichtigkeit, die in den Augenblicken liegt. „Jonas, ich freue mich schon auf die Zeit am Neckar. Das wird so idyllisch.“ Idylle – dieses Wort umfasst die totale Widerwertigkeit in ihrer Gesamtheit. Das GefĂŒhl von Dornenstichen breitet sich in mir aus bei dem Gedanken an all das, was diese Momente umfassen könnten. Pure Sinnlosigkeit steckt in diesen Sekunden, Minuten, ja, in der gesamten nĂ€chsten Woche. „Nutze die Zeit, um deine Kontakte zu erweitern.“ – Wieder einmal ein Satz meiner Eltern, der zeigt, wie schnell sie meine wahren Ziele aus den Augen verlieren. Kontakte dieser Art können mich nicht weiterbringen. Es sind stereotypen von Personen. Ohne Ziele. Ich werde das, was meine Eltern beabsichtigen, erreichen – allein. Durch die Reflexionen in den WĂ€nden aus glĂ€sernen Scheiben sehe ich, wie Kevin, in vorderster Sitzreihe des Busses platziert, scheinbar gedankenverloren in die Weite schaut, die an uns vorbeizieht. GrĂŒnbepflanzte Schallmauern, dahinter bergisches Land. Eine Tankstelle, HĂ€user, Dörfer. Sie ziehen an uns vorbei. Unerfasst. Ob Kevin diese Bilder wahrnimmt – ich weiß es nicht. Charlotte hatte es mir in einer unserer „Plauderstunden“, wie sie es nennt, erzĂ€hlt. Kevin, der fĂŒr mich bisher nichts weiter als ein einfacher Gitarrist war, mĂŒsse sich stĂ€ndig um seine achtjĂ€hrige Schwester kĂŒmmern. Sein Vater sei verstorben. Es muss eine riesige Belastung sein. Schwerwiegend. Er wird gebraucht. Wahrscheinlich sogar in eben dieser Minute. Von Schwester oder Mutter, so wie ich diese Zeit brauche.
Ich spĂŒre die Lehne des Sitzes in meinem RĂŒcken. Manchmal mehr, manchmal weniger. Je nach Geschwindigkeit und befahrener OberflĂ€che. Ich merke, wie Sybille neben mir den zuvor fĂŒr inzwischen schon 25 Minuten geöffneten Mund schließt. Ihre HĂ€nde, zu FĂ€usten geformt, setzt sie an die Augen, als wolle sie letzte Überreste ihres Schlafes beseitigen und vollkommen in das wache Leben zurĂŒckkehren. „Habe ich lange geschlafen?“, fragt sie mich mit leicht belegter Stimme. „Eine halbe Stunde“, antworte ich ihr. WĂ€hrend ihre Backen noch leicht gerötet und recht auffĂ€llig zerknautscht erscheinen, sehe ich ihre Augen schon jenen Punkt fixieren, der sie dazu veranlasst, ihren meterlangen Zopf erneut zu flechten. „Ist er nicht sĂŒĂŸ?“, diese Frage, die sich offensichtlich auf jenen Punkt, auf Enrico, bezieht, verstehe ich nicht. Sybille, Leichtathletin und sportlich – aber eine solche SchwĂ€che. Zu Lieben ist eine SchwĂ€che, sie macht blind. „Na MĂ€uschen, du kannst ja richtig schnuckelig aussehen, wenn du mit offenem Mund schlĂ€fst.“ Neben unserem Sitz steht Marc in lĂ€ssiger Haltung und mit einem breiten Grinsen bis ĂŒber die Wangen, mit dem er Sibylle ganz offensichtlich bekundigt, wie belustigend ihr Gesicht aussieht. Wut steigt in mir hoch. Marc, der die gesamte Busfahrt ĂŒber entweder die NaivitĂ€t seiner Freundin Vera vor seinen Freunden bloßstellte, oder gemeinsam mit dieser seine Zungenspielfertigkeit kundgab, steht nun mit einem arroganten LĂ€cheln vor uns, dem es eigentlich nicht erlaubt sein sollte, aufgesetzt zu werden. „Sie hat ihre Zeit wenigstens besser genutzt als du“, höre ich mich in einem Anflug von ĂŒber mich kommenden Worten sagen. Seine Blicke treffen nun mich. Sie durchbohren mich und scheinen meinen innersten Kern zu treffen. „Schau einer an. Habe ich da wieder ein Zitat deiner Eltern gehört oder hast du ausnahmsweise einmal eine eigene Meinung geĂ€ußert?“, fragt mich Marc, lacht lauthals und wendet sich dann dem aufreizenden Wesen zu seiner Rechten, Annabelle, zu. Ein Zitat meiner Eltern. Dass ich nicht lache. Mein Wissen und meine Taten basieren auf einer eigenen Meinung. Wie kann Marc in seiner abartig blĂ€ulich schimmernden Lederjacke nur annĂ€hernd davon ausgehen, dass eine Aussage, die seine Nichtsnutzigkeit herausstellen sollte, nicht von mir – und zwar ausschließlich von mir – getroffen wurde. Selten kann ein Mensch seine OberflĂ€chlichkeit und gleichzeitig seine Dummheit, die im Verlauf stetig unausgefĂŒllter Zeit notwendigerweise entstehen muss, so offenbar preisgeben wie dieser „affektierte MĂ€dchenschwarm“, wie meine Deutschlehrerin ihn in einem der ersten Jahre unserer Schullaufbahn einmal charakterisierte. Nicht nur affektiert, meiner Ansicht nach ist er gar wertlos. Ein Produkt reicher Eltern, das glaubt durch knatterndes MotorengerĂ€usch eines Rollers unter seinen Schenkeln positives Aufsehen zu erregen. Menschen können verzogen werden, oder aber sie werden schlechthin in ein sinnloses Leben geboren. Mich erwartet eine sinnlose Woche, aber vielleicht werde ich ihr doch ein StĂŒck Sinn geben können. Taten sind gefragt. Ich hoffe, ich kann kĂŒmmerlichen Wesen beweisen, wie viel Wert diese Zeit, dieses Leben besitzen kann.


Kapitel 2

Das Haus gefÀllt mir. Zugegeben, erst auf den zweiten Blick.
Es ist ein altes Backsteinhaus, welches wohl noch vor dem zweiten Weltkrieg erbaut worden ist. Zumindest macht es den Eindruck auf mich. Das Haus hat nicht eine Fassade, die man vom ersten Blick an als stabil bezeichnen kann. Das mit Ziegelsteinen erbaute GebĂ€ude ist nur zum Teil ĂŒberstrichen und die Steine scheinen alt und verwittert zu sein. Einige neue rote Ziegel sind an die Stelle der alten getreten und stechen dem Betrachter sofort ins Auge.
Als der Bus rĂŒckwĂ€rts auf die betonierte ParkflĂ€che neben dem Haus fĂ€hrt und quer zum Stehen kommt, erkenne ich einen weiteren Teil des Hauses, der jedoch dem eigentlichen Bau spĂ€ter hinzugefĂŒgt wurde. Ich stelle mir die Frage, wann dieser Teil wohl erbaut worden ist.
Er besteht aus grĂ¶ĂŸeren Sandsteinen, die, wie es scheint, einfach aufeinander gelegt und nun an einigen Stellen verfugt worden sind.
Dem Ächzen und Stöhnen meiner MitschĂŒler entnehme ich, das ihnen das Haus scheinbar nicht gefĂ€llt. Auch die alten Fenster, von deren Rahmen die weiße Farbe abblĂ€ttert und die an einigen Stellen vorhandenen rostigen GitterstĂ€be tragen nicht dazu bei, dass die anderen Gefallen an dem Haus finden. Ihre Reaktionen stören mich jedoch nicht. Von meiner Clique bin ich so was zur GenĂŒge gewohnt.
Wie ich mir selber eingestehen muss, bin ich dem Haus gegenĂŒber zu Beginn auch eher skeptisch eingestellt. Jedoch verschwinden meine Zweifel, als ich aus dem Bus trete und das ganze Haus sehe. Es hat eine besondere Ausstrahlung auf mich, eine Art von Aura. Ich finde es interessant zu sehen, wie sich ein Haus im Laufe der Jahre verĂ€ndern kann. Die anderen sehen in den Steinen vielleicht nur alte und bröckelige Klinker, fĂŒr mich jedoch sind sie so etwas wie ein StĂŒck Geschichte. Das Haus hat bestimmt viel mitgemacht und gesehen.
WĂ€hrend einige meiner MitschĂŒler das Haus noch von außen begutachten und einige andere wie aufgescheuchte HĂŒhner um den Bus laufen, ohne sich entscheiden zu können, was sie zuerst auspacken sollten, ihre Koffer oder die mitgebrachte Verpflegung, insbesondere die zehn Kisten Bier, gehe ich um die Ecke des Hauses.
Ich betrachte die Vorderfront unserer Unterkunft.
Der mittlere Teil ist ins GebĂ€ude gerĂŒckt und von einem Holzdach im ersten Stock ĂŒberdacht. Zu beiden Seiten geht eine Treppe hoch. In den linken und rechten HĂ€lften sind je drei Fenster nebeneinander angeordnet. Wobei bis auf das mittlere Fenster alle zugemauert und mit Beton verblendet wurden.
Eine Abart bei alten GebĂ€ude, eigentlich ĂŒberhaupt.
Ich laufe noch die Straße etwas runter bis ich den Garten ĂŒberblicken kann.
Das Gras ist lang, drei SteinbĂ€nke stehen zu einem U angeordnet in der NĂ€he einer großen alten Kirsche.
„Jonas!“ Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. „Jonas, komm schon. Hilf uns mal mit dem GepĂ€ck.“ Dominik und Michael haben damit begonnen die Koffer und Reisetaschen aus dem Bus zu packen und auf den kleinen Hof zu stellen. Ich gehe mit langsamen Schritten auf die Seite des Busses zu, von der aus Dominik mich gerufen hat. Auf dem Weg werde ich von Franziska angerempelt, die gerade aus dem Bus gestĂŒrmt kam. „Hey Jonas-Maus. Ich hoffe das Haus sieht innen besser aus, als es von außen den Anschein erweckt. Ich verbringe doch nicht fĂŒnf lange Tage in so einer Bruchbude. Da hĂ€tte ich doch besser Zuhause im Wasserbett liegen bleiben und auf krank machen können!“ Ich ignoriere sie und gehe weiter.
Franziska ist ein verwöhntes MÀdchen aus reichem Elternhaus. Scheinbar hat sich ihr glamouröses Leben auch auf ihren Charakter ausgewirkt. Leider ist ihre Arroganz nicht ihr einziges Problem. Sie ist mir besonders auch deswegen unsympathisch, weil sie gut ihre schlechte Laune an anderen auslassen kann.
Ihr Neid steht ihrer Arroganz in nichts nach und am hĂ€ufigsten ist Charlotte ihr Opfer. Charlotte ist hingegen ein nettes und von Natur aus schönes MĂ€dchen. Sie ist unkompliziert, beliebt und trotzdem nicht eingebildet. Sie mag mich auch, nicht nur wegen meines Äußeren, sondern ich habe auch das GefĂŒhl, dass sie mich als Mensch mag.
Ich glaube auf diese Beziehung ist Franziska neidisch.
Am Bus angekommen, drĂŒckt mir Dominik eine Tasche in die Arme. Es ist eine große blaue Tasche mit schwarzen Streifen. Sie ist schwer und ich frage mich, was sie so schwer macht.
WĂ€hrend ich die Tasche ins Haus trage, schnappe ich ein paar Worte von Dominik und Michael auf. Sie sprechen wie so hĂ€ufig ĂŒber ihr Lieblingsthema Fußball und die Europameisterschaft, die am vorherigen Sonntag ein furioses Ende fand. Michael ist ein achtzehnjĂ€hriger AustauschschĂŒler aus Amerika, der mindestens genauso gerne Fußball spielt wie sein Freund Dominik. Darum ist es nicht so ĂŒberraschend, dass sie zusammen mit Philipp, einem weiteren Jungen aus ihrer Clique, in einer Fußballmannschaft spielen.
Er besucht fĂŒr zwei Jahre eine deutsche Schule um dort sein Abitur zu machen. Mit dem Klang seines amerikanischen Akzents in den Ohren betrete ich das Haus.
Von innen sieht alles sehr sauber aus. Am Eingang sind einige Zettel mit Hinweisen, Busfahrzeiten, Glascontainern und Àhnlichem an eine Pinnwand angebracht.
Die Zimmer von uns SchĂŒlern liegen im ersten Stock, die der Lehrer unterm Dach. Dort gibt es auch noch einen Meditationsraum, der fĂŒr diesen Zweck wohl eher weniger Verwendung finden wird, denke ich.
Die Zimmer selber sind sauber, ebenso wie die Toiletten und die Duschen. Die WaschrÀume sind wohl vor kurzem erst renoviert worden.
Das fĂŒr mich mitbestimmte Viererzimmer teile ich mir noch mit Michael, Dominik und Sebastian. Die ersten beiden sind als Zimmerkameraden kein Problem fĂŒr mich. Michael ist in seiner Art eher zurĂŒckhaltend und trotzdem sehr hilfsbereit. Sein bester Freund Dominik ist von kleiner Statur, er sieht schon fast etwas kindlich aus, auf alle FĂ€lle sieht er jĂŒnger aus, als er in Wirklichkeit ist. Auch Dominik wechselt wie Michael nicht gerade zu viele Worte mit anderen Leuten, was mir nur entgegenkommt.
Mein dritter Zimmerkamerad ist da schon unbequemer. Sebastian, mit der Älteste im Kurs. Er ist zwanzig Jahre alt und wiederholt das Jahr. Aus Sebastian ist praktisch kein ĂŒberflĂŒssiges Wort rauszuquetschen und wenn man dann mal etwas nachhakt, wird er schnell aggressiv. Ich habe mir vorgenommen ihn in Ruhe zu lassen, damit es möglichst wenige Gelegenheiten gibt fĂŒr irgendeine Form von Konflikt, die wie gesagt, schnell entstehen können bei ihm.
„Ich nehme das Bett oben“, sagt Dominik hinter mir, wĂ€hrend ich noch fast im TĂŒrrahmen stehe. Er drĂ€ngt sich geschickt an mir vorbei, wĂ€hrend ich noch den Kopf zu ihm drehen will. Schnell wirft er seinen Rucksack auf das Bett, stellt seine Tasche in die nĂ€chste Ecke und klettert die kleine Leiter hoch, ohne die es fĂŒr ihn wohl schwer wĂ€re, da hoch zu kommen.
„OK, dann nehme ich das andere...!“
„Ich schlaf oben“, kam es im scharfen Ton wieder von hinten und wieder drĂ€ngt sich jemand an mir vorbei. Diesmal jedoch nicht mehr so geschickt. Es ist Sebastian, der ins Zimmer schießt, schnell die Lage checkt und als er merkt, das Dominik schon auf dem ersten Oberbett sitzt, sich schnell das andere Bett sichert, indem er alle seine Sachen mit einem krĂ€ftigen Schwung hinaufwirft. Erst als er sich sicher ist, dass er das Bett ausreichend gesichert hat, beginnt er im Zimmer herumzuschauen um sich ein Bild zu machen.
Ich sehe Dominik an und er sieht zurĂŒck. In seinem Gesichtsausdruck kann ich lesen, dass er genauso wie ich weiß, dass es besser ist nichts zu sagen.
Der letzte, der den Raum betritt, ist Michael. Er braucht sich kein Bett mehr auszusuchen, denn das habe ich bereits indirekt fĂŒr ihn dadurch erledigt, dass ich das Bett unter Dominik wĂ€hlte.
Zuerst verstauten wir alle unsere Sachen in den SchrÀnken. Alle bis auf Sebastian, der es augenscheinlich vorzieht nur aus dem Koffer zu leben.
Anschließend sehen wir uns alle das Haus nĂ€her an. Alle bis auf Sebastian, der lieber sein Bett bewacht, aus Angst ein anderer könnte es ihm wegnehmen. Doch diese Angst ist völlig unbegrĂŒndet, niemand will mit ihm Streit anfangen.
Gerade als ich in den Flur trete, ruft Annabelle laut zu den anderen Zimmern: „Im Keller gibt’s ne Bar!“
Reflexartig sehe ich mich nach Vera um, die wie eine Klette an Annabelle hÀngt oder besser, sie wie einen Mond in unterschiedlichen Distanzen umkreist.
Vera ist eine plumpe Kopie von Annabelle und plump ist auch ihr Körperbau. Sie trÀgt dieselbe knappe Kleidung, hörte dieselbe Musik und hat noch eine Vielzahl an anderen Sachen mit Annabelle gleich, besonders aber ihre Meinung.
Doch wenn Vera wĂŒsste, was fĂŒr eine Meinung Annabelle ĂŒber sie hat. Nur redete Annabelle natĂŒrlich nur darĂŒber, wenn Vera nicht in der NĂ€he war, was ja selten vorkommt.
Im Keller gibt es tatsĂ€chlich einen Partyraum mit einer kleinen Bar mit dazugehörigem KĂŒhlschrank fĂŒr die GetrĂ€nke, natĂŒrlich ausschließlich alkoholisch.
Wir sind um kurz nach halb drei am Haus angekommen und um vier Uhr ist die erste Kochgruppe mit dem Essen fertig.
Gegessen wird im Gemeinschaftsraum. Es gibt eine viel zu hohe Zahl an BockwĂŒrstchen, die dichtgedrĂ€ngt in einem Topf schwimmen und dazu noch Hot-Dog-Brötchen mit Senf, Ketchup und Majonaise.
An der Sitzverteilung kann ich sehr gut die einzelnen Gruppen erkennen.
Da ist zum einen die Gruppe mit meinen beiden Fußball spielenden Zimmergenossen Dominik und Michael, daneben sitzt der dritte Fußballspieler Philipp. Vor ihnen sitzen Kevin und Max, die beide in einer Punkband spielen. Der Erste spielt E-Gitarre und der Zweite Schlagzeug.
Philipp sitzt neben Franziska. Die beiden sind zusammen, wobei die Beziehung eher einseitig ausgerichtet ist. Ich habe den Eindruck, Franziska wĂŒrde Philipp nur ausnutzen. Wie ich mir gedacht hatte, sitzt neben ihr natĂŒrlich Ann-Sofie, das passende Ebenbild zu Annabelles Vera. Sie ist ebenfalls mollig und wurde von Franziska nur in der Gruppe geduldet, da ihre Eltern Geld haben. Ich selber sitze auch bei ihnen, allerdings zwischen Johanna und Charlotte.
Dann kommt Sebastian, an den sich JĂŒrgen gehĂ€ngt hat: der zweite Außenseiter unseres Kurses.
Sie bilden gleichzeitig eine Art Puffer, um den Abstand zwischen Franziska und Annabelle etwas zu vergrĂ¶ĂŸern, zu der sich der Rest gesellt hat. Enrico und Marc sitzen nebeneinander und Enrico hat es geschafft sich rechtzeitig den Platz neben seinem relativ heimlichem Schwarm Annabelle zu ergattern. NatĂŒrlich nur deshalb, weil Vera noch dabei ist, sich mit ausreichend Essen einzudecken. Sie muss sich mit dem Platz schrĂ€g neben Annabelle zufrieden geben. Direkt vor dem Mittelpunkt dieser Gruppe sitzt Sybille, ein nettes und ruhiges MĂ€dchen.
Nach dem Essen beginnt die Kochgruppe sofort mit dem Reinemachen, andere wiederum gehen die nÀhere Umgebung sondieren.
Ich selbst ziehe mich auf das Zimmer zurĂŒck, um mich etwas auszuruhen nach der fast sechsstĂŒndigen Fahrt. Ich höre mir etwas Musik an und lese in einem meiner mitgebrachten BĂŒcher.
Ich habe das GefĂŒhl, der Abend wird noch einiges mit sich bringen. Ich weiß zu diesen Zeitpunkt noch nicht, wie sehr ich Recht behalten sollte.


Kapitel 3

Man brĂ€uchte eine Plan, einen Ort, zumindest eine Situation, den idealen Zeitpunkt. Ein Windstoß, wenigstens ein kleiner Hauch wĂ€re eine willkommene Abwechslung zum monotonen Surren der MĂŒcken. Umschlossen von Bergen ohne eine Chance, mehr von der Welt erblicken zu können. Die Sonne strahlt, was einen Grund mehr fĂŒr die MĂŒckenplage ist, die sich um meinem Kopf summend versammelt. Ich fĂŒhle mich, als wĂ€re der gesamte MĂŒckenbestand Ziegelhausens gerade um mich, an mir, denn egal wohin ich schaue, vernehme ich schwarze Punkte vor mir, die stĂ€ndig auf Richtungswechsel aus sind.
Zu allem Überfluss kommen nun auch noch drei Störenfriede anderer Art, die in meine Ruhe eindringen.
Nicht weit von mir, verteilt auf drei SteinbĂ€nke, lassen sie sich nieder. Immer zu mehreren, diesmal zu dritt, niemals alleine. Rauchen. Eine sinnlose TĂ€tigkeit! Wer sonst, außer Franziska und Philipp, mĂŒssen sich durch maßlosen Nikotinverbrauch hervorheben. Und als ob das nicht schon der GesundheitsgefĂ€hrdung genug wĂ€re, beginnt jetzt auch noch der ĂŒbliche durch Speichel ĂŒbertragene Bakterienaustausch, der vorzugsweise öffentlich und möglichst intensiv stattfinden muss. Als ob sie nicht schon Aufmerksamkeit genug auf sich zögen, beginnen sie nun noch mit zusĂ€tzlichen Zuneigungsbekundungen, die die Grenze der IntimitĂ€t weitaus ĂŒberschreiten. So etwas sollte verboten werden. Nicht nur weil es Energie- und Zeitverschwendung ist, die fĂŒr weitaus sinnvollere Zwecke eingesetzt werden könnte, sondern weil eine Beziehung nur Probleme und Behinderung darstellt. Als ob die zwei nicht schon genug Grund zur Aufregung gĂ€ben, sitzt sie daneben. Ihr Anblick, fĂŒr manche ein wahrer Traum. Dieser Traum besteht aus blonden Haaren, natĂŒrlich glĂ€nzen sie. SmaragdgrĂŒne Augen, die keine TrĂŒbung aufweisen. Eine Haut, wie sie glatter und brĂ€unlicher nicht sein kann. Pickel, niemals. Make up, unnötig. Wie gesagt, ein Traum. Ein Alptraum, wie er schlimmer nicht sein könnte. AlptrĂ€ume sind dazu da beseitigt zu werden, sonst lassen sie einen nicht schlafen. Schlaf, ewiger Schlaf wĂŒrde ihrer blendenden Schönheit ein Ende setzten. Schönheit ist ein weitlĂ€ufiger Begriff. Um ihren Platz auf der Steinbank, der zwar an Bequemlichkeit, aber weniger an AttraktivitĂ€t den meinen ĂŒbertrifft, beneide ich sie in keinster Weise. Wer wĂŒrde schon mit ihr tauschen wollen? Selbst die Tatsache, dass hier um mich herum ĂŒberall MĂŒcken schwirren, macht ihn nicht attraktiv genug. Umringt von Zigarettenqualm und gesegnet mit einem Blick, der direkt auf Philipp und Franziska fĂ€llt, wobei Franziska die harte Sitzbank bereits vorzugsweise gegen Philips Schoß eingetauscht hat. Wer wĂŒrde sich in dieser Situation nicht ĂŒberflĂŒssig vorkommen? Doch anstatt ihrer Abneigung Ausdruck zu verleihen, in dem sie verschwindet, sitzt sie da, mit einem LĂ€cheln auf den Lippen, das sie nie abzulegen scheint. Ein LĂ€cheln, das nur Fassade ist. Nicht nur ihr LĂ€cheln ist eine Fassade, sondern auch die Toleranz, die ihr zugeschrieben wird. Wie ist es möglich sinnloses Geknutsche zu ertragen, sich aber von den wichtigen Dingen im Leben, wie Erfolg und Karriere derart abzuwenden? Ich brauche sie nicht als die, die meine FĂ€higkeiten schĂ€tzt. Mein Lebenssinn, ehrgeizige Ziele zu verfolgen, ihr Sinn des Lebens ist blinde Schauspielerei. Gespielte Toleranz, die in ihrem Inneren, die bewusste Nutzlosigkeit und Unbrauchbarkeit, ĂŒberschattet. UnnĂŒtz, genau das ist sie. Ohne auf mich zu achten, stehen sie auf, im Begriff den Garten zu verlassen. Ich höre nur noch ihre dumpfen Schritte im Gras und das gerĂ€uschvolle Quietschen des Gartentores. Sie gehen. Ihre Schritte hallen auf dem heißen Beton wider und ich weiß, dass ich hinter ihnen her gehen muss, um keine Gelegenheit auszulassen. Mein Versteck schnell verlassen, das Gartentor rasch zugeworfen, renne ich hinter ihnen her. Doch was wĂŒrde es nĂŒtzen unerkannt zu bleiben? Ich laufe schneller, um sie einzuholen. Sie scheinen mich bereits gehört zu haben, was durch meine lauter werdenden AtemzĂŒge kaum zu vermeiden ist. Ihr Blick streift mich kurz, was ich nicht anders erwartet hatte. Mein Atem beruhigt sich, ich bin bei ihnen. LĂ€ssig laufen wir die lange und enge Straße entlang, die links und rechts von alten FachwerkhĂ€usern eingeschlossen ist, die wunderschöne Fassaden zieren. Von fern hallt das LĂ€uten der Kirchenglocken. Eins .... zwei......drei....! Acht SchlĂ€ge. Es ist schon acht. Mir bleiben nur noch wenige Stunden. Alle paar Meter fĂŒhren noch verwinkeltere Gassen von der Straße ab, die scheinbar ins Nichts fĂŒhren. Ob ein Auto hindurch passt? Wohin mögen diese Wege fĂŒhren? Diese Frage erĂŒbrigt sich, da auch wir der nĂ€chstbesten Gasse folgen, die jedoch durch die Strahlen der Sonne, die sich am Ende auftun, erhellt wird. Hier und da ertönt ein Schreien, dass von spielenden Kindern widerhallt, diese jedoch bleiben verborgen. Passanten gibt es nicht. Die Schreie sind die einzige GerĂ€uschkulisse, die uns auf unserem Weg die Gasse entlang begleiten. Die anderen bleiben unberĂŒhrt. Ihre Schritte werden schneller, sie scheinen ein Ziel zu haben. Nach und nach erstreckt sich vor mir ein Steg, aus Kopfsteinpflaster, der abrupt am Ufer des Neckars endet. Nicht tief, höchstens ein Meter. Er ist bedeckt von heruntergefallenem GrĂŒn der nahestehenden BĂ€ume. Ich trete nĂ€her heran und bemerke Michael und Dominik erst spĂ€t, weil ich mit meinen Gedanken, ganz gegen meinen Willen, abgeschweift bin. Michael, der coole Amerikaner, sitzt entspannt, die FĂŒĂŸe vom Steg baumeln lassend, neben seinem mindestens genauso coolen Kumpel Dominik. Mit lautem Getöse begrĂŒĂŸen sie sich und auch Franziska schließt sich ihnen an, weil sie wie immer darauf aus ist, im Mittelpunkt zu stehen. Charlotte, die alle mit ihrem typisch aufgesetzten LĂ€cheln beglĂŒckt, setzt sich zu ihnen. Um noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, krempelt Franziska ihre eng sitzende Jeans hoch und Charlotte tut es ihr nach. Mein Blick fĂ€llt auf ihre Beine, die wie ihr ganzer Körper, einheitlich gebrĂ€unt sind. Selbst ihre ZehnĂ€gel haben den Anschein, perfekt zu sein. Franziska, vom FußballgeschwĂ€tz der Jungs genervt, wendet sich Charlotte zu, die vertrĂ€umt an einer ihrer hellblonden HaarstrĂ€hnen spielt. Ich bin zufrieden mit meiner Rolle als passiver Beobachter und sitze etwas abseits der Anderen. Vom GesprĂ€ch der beiden ĂŒber die neueste Liebesschnulze abgeneigt, wende ich mich den nicht weit von mir treibenden Enten zu. Selbst sie scheinen bei der Hitze jede Art von Anstrengung zu vermeiden und schwimmen beinahe regungslos auf dem seichten Wasser vor sich hin. HĂ€sslich sind sie. WĂŒrden sie sich nicht durch gelegentliches Kopfnicken bemerkbar machen, könnte man sie fĂŒr Plastikenten halten. UnnĂŒtze Plastikenten, die der Fassade Charlottes gleichen. ÜberflĂŒssige Kreaturen. Eines Lebens nicht wert. Ihr Gefieder, das einmal weiß gewesen sein muss, ist in ein helles bis dunkles Grau ĂŒbergegangen, das selbst durch die letzten Sonnenstrahlen, die vom Himmel scheinen, nicht an Schönheit gewinnt. Von Langeweile geplagt und vom Hunger getrieben, beschließen die Fußballfanatiker zurĂŒck zum Haus zu laufen, wobei Franziska sich ihnen anschließt, um sich fĂŒr das abendliche Programm fertig zu machen. Charlotte blickt zu mir rĂŒber und da ich keine Anstalten mache aufzustehen, bleibt auch sie. Einen Plan habe ich, der Ort ist perfekt, die Situation geeignet, der Zeitpunkt ideal. Meine Gedanken werden durch das laute, nĂ€herkommende MotorengerĂ€usch gestört. Das Wasser beginnt leichte Wellen zu schlagen und erste Wellen brechen sich am Steg. Mein Blick vom MotorengerĂ€usch geleitet, schweift nach rechts und nicht weit entfernt nĂ€hert sich ein riesiges Frachtschiff. Sein Rumpf ist schwarz, aus dem der weiße Schriftzug „Helga“ heraussticht. Das Schiff, mit Sandstein beladen, schneidet das Wasser mit seiner schwerfĂ€lligen Geschwindigkeit, die die Ursache des zunehmenden Wellengangs ist. Immer grĂ¶ĂŸere Wellen peitschen schĂ€umend an den Steg. Die Enten, in ihrer Ruhe gestört, sind schon meterweit abgetrieben, als ich mich suchend nach ihnen umsehe. Mit den FĂŒĂŸen weiter vom Steg baumelnd, genießt Charlotte offenbar das kĂŒhle Nass, das bis zu ihren FĂŒĂŸen hoch spritzt Wie leicht wĂ€re es, sie zu beseitigen. Ein Stoß und sie wĂ€re verloren in der zunehmend stĂ€rker werdenden Strömung des Flusses. Ihre Schönheit wĂ€re dahin, ihre Ansichten verschwĂ€nden, sie wĂ€re nutzlos . ....sie ist nutzlos!
Die MotorengerĂ€usche des Schiffes entfernen sich. Kein Grund mehr lĂ€nger zu bleiben. Ich laufe ein StĂŒck ĂŒbers Kopfsteinpflaster zurĂŒck und drehe mich um, damit ich noch einen Blick auf das nun weit entfernte Schiff werfen kann, dessen Heck hinter der nĂ€chsten Flussbiegung verschwindet. ZurĂŒck bleiben die zwei Enten, die wieder ruhig und gemĂ€chlich auf dem Neckar treiben können ohne gestört zu werden. Doch in ihrer Zweisamkeit sind sie nicht lange alleine. Ich höre dumpfe Schritte, die von weitem her zu mir herĂŒber hallen und ein langer Schatten bewegt sich unaufhaltsam auf mich zu. Schnell verstecke ich mich hinter dem nĂ€chsten Holunderstrauch und verhalte mich ganz still. Dieses LĂ€cheln! Gerade hatte ich es aus meinen Gedanken verdrĂ€ngt, schon taucht es wieder vor mir auf. Franziska.....


Kapitel 4

Ich sitze gerade mit Franziska und Ann-Sofie auf unserem Zimmer, als die TĂŒr aufschießt und mit einem lauten Knall gegen den Schrank stĂ¶ĂŸt. Direkt hinterher kommt Jonas mit einem hochrotem Kopf ins Zimmer gestĂŒrmt.
„Charlotte ist tot. Sie wurde unten am Flussufer umgebracht“, schreit er noch, dann muss er sich erst mal ausruhen.
„Ich bin den ganzen Weg gerannt. Ich bin total fertig. Lass mich da mal eben sitzen.“
„Kein Problem“, antworte ich und rĂŒcke auf meinem Bett noch etwas nach rechts.
„Warte kurz, ich gebe dir was zu trinken, Jonas-Maus.“, sagt Franziska. Wobei Jonas, der noch vorĂŒbergebeugt tief am Atmen ist, sofort einen wĂŒtenden Blick in ihre Richtung abfeuert. Allerdings weiß ich nun nicht, ob dieser Blick wegen dem „Jonas-Maus“ kam, was er ĂŒberhaupt nicht leiden kann, oder ob er beleidigt ist, weil Franziska Charlotte egal ist.
WĂ€hrend sie noch in ihrem Rucksack unter den Schminksachen nach einer Flasche Wasser sucht und Ann-Sofie ihr dabei zusieht, beuge ich mich zu Jonas rĂŒber und flĂŒstere ihm ins Ohr: „Vielleicht hat Franziska Charlotte umgebracht um sie loszuwerden. Du weißt doch, das sie neidisch auf sie war.“
„Meinst du echt?“, antwortet er und schaut in Richtung Franziska. Die ist inzwischen mit der Suche nach der Wasserflasche fertig und steht auf um sie Jonas zu geben. Der schaut nur kurz aus und vermeidet dabei ihr ins Gesicht zu schauen. Er peilt nur die Flasche an. Sein Gesichtsausdruck verrĂ€t das er stark am Nachdenken ist.
„WorĂŒber habt ihr euch gerade unterhalten?“, fragt Franziska.
„Ich habe ihn nur gefragt, ob er noch etwas ĂŒber den Mord weiß“, entgegne ich leicht verlegen.
„Und weißt du noch was, Jonas?“, hakt Franziska nach, „Oder willst du uns noch etwas erzĂ€hlen, dann geht es dir vielleicht gleich besser.“
Der explodiert gleich, da kann ich ja schon fast ein paar Adern an der SchlÀfe entdecken und Franziska kapiert nichts. Jetzt setzt sie sich aus noch neben ihm. Das kann gleich echt noch was geben, denke ich mir.
„Ich weiß doch, wie nah dir Charlotte stand. Aber ich bin ja fĂŒr dich da.“, setzt Franziska noch hinterher.
Bevor da noch wirklich was ausbricht, versuche ich besser die Situation zu entschĂ€rfen. Also stehe ich auf und sage zu Ann-Sofie und Franziska: „Wir lassen ihr lieber etwas alleine. Ich denke das ist fĂŒr jetzt das beste.“
Daraufhin steht Ann-Sofie auf und scheint meinem Vorschlag zu bejahen. Wenigstens noch jemand mit Verstand in diesem Raum. Jonas sieht nur noch Rot und kann sich gerade noch beherrschen und Franziska schmeißt sich an ihn ran.
„Jetzt komm schon Franziska“, starte ich einen letzten Versuch, „gehen wir nach unten in die KĂŒche und trinken was auf den Schock.“
„Jaja, ich komme ja schon. Nur nicht so drĂ€ngen.“, antwortet Franziska. Vielleicht hat sie doch noch mitbekommen was mit Jonas los ist.
„Warte“, zischt Jonas und steht vom Bett auf. Er baut sich direkt vor Franziska auf.
„Du hast sie umgebracht. Hab ich recht?“, faucht er ihr direkt ins Gesicht. „Niemand anderes hĂ€tte ein Motiv gehabt, nur du hast eins.“
„Da ist doch Schwachsinn. Ich hab sie nicht umgebracht.“, versucht sich Franziska erschrocken zu verteidigen.
„LĂŒg mich nicht an. Du warst schon immer neidisch auf sie und das nur weil ich sie lieber mochte als dich, weil ich dich nie wirklich beachtet habe und verdammt, das konntest du noch nie leiden.“ Jetzt kommt alles raus, was sich in ihm angestaut hat.
„Ich hab sie nicht umgebracht“, wiederholt Franziska, „und mit der musste ich mich noch nie messen. Die hatte doch von nichts eine Ahnung. Die war mir doch total egal.“
„Vielleicht hast du sie ja wirklich nicht umgebracht, sondern dein Schoßhund Ann-Sofie, weil du es ihr gesagt hast.“, dabei deutet er auf Ann-Sofie, die erschrocken neben mir in der TĂŒr steht.
„Ich habe sie nicht umgebracht.“, ruft sie vollkommen verschreckt. „Das ist alles nicht wahr.“
„Das habe ich doch schon mal gehört.“, platzt es aus Jonas heraus.
„Was ist denn hier los? Ihr schreckt ja das halbe Haus auf mit eurem Geschreie.“, kommt es plötzlich aus der TĂŒr. Dominik hat wohl das ganze mitangehört, was wirklich nicht schwer gewesen sein muss.
„Ich will von dir nichts mehr hören und sehen, Franziska.“, sagt Jonas noch zum Abschied und geht mit wĂŒtenden Schritten raus. Dabei stĂ¶ĂŸt er noch grob Dominik aus dem Weg, der noch immer in der TĂŒr steht.
Danach tritt er in den Raum und fragt wieder: „Kann mich mal jemand aufklĂ€ren was hier gespielt wird?“
Verlegen antworte ich: „Wir gehen besser mal raus. Dann erklĂ€re ich dir alles.“ Dabei packe ich ihn am Pullover und ziehe ihn mit mir hinaus. Franziska und Ann-Sofie, die beide vollkommen vor den Kopf gestoßen sind, bleiben zurĂŒck.
Mit wenigen und ungenauen Worten versuche ich Dominik die Situation zu erklĂ€ren und ihm zu sagen er solle das nicht ĂŒberall rumerzĂ€hlen, was er mir dann auch verspricht. WĂ€hrend wir reden, schlĂ€gt irgendwo eine TĂŒr mit lautem Knall zu.
Das Ganze lÀuft wirklich besser als ich es zu Anfang erwartet hatte.

Mord in Heidelberg II
Mord in Heidelberg III (Ende)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Tigerauge
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2005

Werke: 135
Kommentare: 651
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tigerauge eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Peter,
die Geschichte ist in einem sehr guten Stiel geschrieben. Sie liest sich sehr flĂŒssig. Jedoch kann dieser Schuss auch leicht nach hinten gehen, wenn die Geschichte keine inhaltliche Substanz hat. Dann fĂŒhlt sich der Leser vom Dichter schnell gelangweilt.
Du schreibst, dass dieser Roman nicht zu ende geschrieben wurde. Ich habe zudem den Eindruck, dass er ins Blaue geschrieben wurde, ohne eine gewisse Pointe im Kopf zu haben. Das wĂ€re tödlich fĂŒr jede Geschichte. Die Umschreibungen und Ausmalungen mĂŒssen auf einen Punkt zielen, um die spĂ€tere Handlung in Szene zu setzten. Es ist schwer genug, den Leser in eine Geschichte hinein zu ziehen. Da mĂŒssen die Ausmalungen auch noch witzig, interessant oder in irgend einer Weise ansprechend sein. Einfach nur einen guten Stiel zu haben, dass genĂŒgt heute lange nicht mehr.

Viele GrĂŒĂŸe, Tigerauge

Bearbeiten/Löschen    


Peter the Head
Hobbydichter
Registriert: Jun 2005

Werke: 1
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Peter the Head eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hi,

@ Tigerauge: Danke fĂŒr die Kritik. Der Gedanke, dass die Geschichte "ins Blaue" geschrieben sein könnte, ist wirklich interessant.
Allerdings hoffe ich, dass sich dieser Eindruck mit den weiteren Kapiteln etwas verflĂŒchtig, da sich dann weitere HandlungsstrĂ€nge anschließen und alles verwirrender wird fĂŒr den Leser, so wie es gedacht war.

Die Geschichte hat ĂŒbrigens ein Ende. Ich habe mich da nicht richtig ausgedrĂŒckt. Die Version, die ich weitergeschrieben habe, hat einen vollstĂ€ndigen Schluss.

MfG
Peter the Head

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Krimis und Thriller Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!