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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Morgen Du
Eingestellt am 09. 06. 2005 14:30


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Cynthia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2005

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Morgen Du

„Unglaublich... diese pl├Âtzliche Hitze! Warum musste sie sich auch gerade heute zu einem Ausflug mit dem Rad entschlie├čen?
Ihre Augen tr├Ąnten. Nora war allergisch gegen so ziemlich alle Pollen die heute in der Luft herumschwirrten. Sie w├Ąre besser zu Hause geblieben um endlich den Brief an Tom zu schreiben.
„Dort! Eine freie Bank. Ein herrliches Schattenpl├Ątzchen!"
Es war noch fr├╝her Vormittag und zum Gl├╝ck auf den Wegen noch nicht so viel los wie sie es von den Nachmittagen her kannte.
Sie hasste dieses Gewimmel von Menschen, die alle gleichzeitig Entspannung und Bewegung in der Natur suchten.
„So... erst mal setzen! Was liegt denn dort auf dem halb zerfallenen Brett? Ein Buch? Es sieht ebenfalls aus, als ob es beim Ber├╝hren auseinander fallen k├Ânnte.“
Vorsichtig nahm Nora das Buch in die Hand.
Sie war ansonsten kein Freund der B├╝cher aber dieses weckte in ihr eine seltsame Neugier.
Das ├äu├čere des Buches war aus weinrotem Karton. Auf dem Buchr├╝cken schimmerten Goldspuren. In der Mitte des Deckblattes, ebenfalls in Gold, der Titel „F├╝r Dich“.
„Wie sch├Ân, h├Ârt sich an wie ein Liebesroman“, sprach Nora zu sich.
Sie schlug das Buch auf.
Darin las sie ein paar von Hand geschriebene Zeilen.
„Ich bin ein ausgesetztes Buch, mein Besitzer hat mich hier zur├╝ckgelassen, damit ich von einem Menschen gefunden werde, der in mir liest. Meine Buchstaben werden ihn in eine Welt entf├╝hren, die er bisher noch nie betreten hat.
Nora hielt inne. „H├Ârt sich das nicht wie im M├Ąrchen an? Warum muss ausgerechnet ich dieses Buch finden? Es ist soo dick! Wie oft schon habe ich derartige B├╝cher nach den ersten Geschichten wieder beiseite gelegt!?“
Da h├Ârte sie aus der Ferne eine Stimme. Sie blickte sich um. Es war aber niemand zu erblicken, der gesprochen haben k├Ânnte. Die Stimme wurde deutlicher. Jetzt erkannte sie den Klang einer freundlichen Frauenstimme. Sie sagte: „Dieses Buch ist anders als alle anderen B├╝cher. Lies, und du wirst verstehen!“
Etwas ver├Ąngstigt und neugierig zugleich begann Nora zu lesen.
Ja, Nora las. Es geschah einfach. Die Worte schienen ihr geradewegs entgegen zu fliegen. Zugleich entstanden vor ihr Bilder, welche sich zu Erz├Ąhlungen zusammensetzten. Geschichten, die Nora sehr bekannt waren.
Es waren Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Erlebnisse an welche Nora lange Zeit nicht mehr gedacht hatte. Begebenheiten aus ihrer Kindheit, Jugend und aus dem Leben mit Mann und Kindern.
Sch├Âne und wenig sch├Âne Momente kamen zur├╝ck in Noras Erinnerung.
Lange sa├č sie auf der Bank und las immer weiter. Nie zuvor hatte ein Buch sie so in seinen Bann gezogen.
Nora blickte auf.
Sie hatte nicht bemerkt, dass mittlerweile ein reges Treiben auf den Rad- und Spazierweg herrschte.
Es war bereits Nachmittag und Nora hatte das Gef├╝hl nur ein kurzer Augenblick w├Ąre vergangen.
Sie legte einen Grashalm als Lesezeichen in das Buch, klappte es zu und trat den Heimweg an. Unentwegt kreisten ihre Gedanken um das soeben Gelesene.
Es war ihr eigenes Leben! Wie konnte sie sich das erkl├Ąren?
War alles vielleicht ein Traum?
Nicht m├Âglich!
Sie sp├╝rte ja die Anstrengung, die das Treten der Pedale machte. Ebenso die Hitze um sich herum.
Sie h├Ârte die Menschen und Tiere und sp├╝rte das grelle Sonnenlicht in ihren Augen. Es war Gegenwart!
Zu Hause angekommen legte sie das Buch sorgf├Ąltig in ihre Nachttischschublade um am Abend weiter zu lesen.
Wieder war es Neugier, die sie an diesem Abend dazu trieb zeitiger als gew├Âhnlich zu Bett zu gehen. Nicht um zu schlafen...Sie kramte das Buch hervor und las.
Und wieder wanderte sie durch eine Welt, die sie gut kannte. Jede Einzelheit war ihr vertraut. Schlie├člich kam Nora an einen Punkt an welchem sie nicht mehr von der Vergangenheit las, sondern von der Gegenwart. „Sollte sie weiterlesen? Was... wenn nach der Gegenwart die Zukunft erz├Ąhlt w├╝rde? Wenn sie lesen w├╝rde was morgen sein wird!“
Nora blickte furchtsam auf.
„Schon... sie hatte sich ja oft gefragt was wird? Doch im Grunde war sie ja froh es nicht zu wissen. W├Ąre das Leben nicht unendlich langweilig, wenn sie im Voraus w├╝sste, was geschehen wird? Jedoch k├Ânnte sie mit dessen Wissen vielleicht Unheil abwenden?
Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen!
Schlie├člich ist der Mensch ja nicht dazu in der Lage am Schicksal zu drehen.
Also was nun? Weiterlesen oder nicht?“
“JA!“ Die Neugier hatte wieder mal gesiegt. „Ist ja auch nur ein Buch“.
Noras Erwartungen best├Ątigten sich nicht...Statt der Blicke in die Zukunft stand dort nur ein einziger Satzgeschrieben: „Es wird etwas geschehen, aber bestimmt nicht das, von dem du denkst es passiert.“
„Stimmt. Und...war nicht schon dieser Satz allein eine Best├Ątigung daf├╝r?“
Weiter stand war auf dieser Seite nichts.
Nora bl├Ątterte um.
Auf der n├Ąchsten Seite erschienen pl├Âtzlich blasse, kaum lesbare Buchstaben.
Nora musste sich sehr anstrengen diese um diese zu entziffern.
„Von nun an sollst DU diejenige sein, welche meine Seiten mit Worten f├╝llt."
„Was? Ich soll Geschichten schreiben?"
Nora wehrte sich gegen diesen Gedanken. Jedoch der Wunsch es doch wenigstens einmal zu versuchen lie├č sie nicht mehr los. „Macht ja nichts, wenn es nicht besonders gut wird," dachte sie. „Es ist schlie├člich nur f├╝r mich.“
In den folgenden Tagen schrieb Nora immer ├Âfter in das Buch, welches zu ihrem st├Ąndigen Begleiter wurde.
Sie bemerkte mit Freude, dass Gedanken, die im Geist noch so schwer und verwirrend gewesen waren pl├Âtzlich leicht und transparent wurden.
Sie schrieb alles, was ihr in den Sinn kam. Wichtiges, banales, sch├Ânes, h├Ąssliches...
Nora erfuhr durch das Schreiben eine Befreiung ihrer sonst eingesperrten Gedanken.
Kaum waren sie frei, begannen sie sich zu wunderbaren Bildern und Geschichten zu entfalten. Es kam der Tag, an dem Nora auf der letzten, leeren Seite, des Buches angelangte.
Was nun?
Das Buch selbst wies ihr den Weg.
Wieder erschienen blasse Letter: „Du bist nun so weit, dass du all das Erfahrene auch ohne mich ausf├╝hren kannst.“ Lasse mich frei, wie du deine Gedanken frei gelassen hast! Viele Menschen sollen noch einen solchen Weg gehen, wie du ihn gegangen bist.“
„Ja, aber ich habe doch alle Seiten beschrieben!“
„Der N├Ąchste wird mich so vorfinden, wie du mich gefunden hast.“
Kaum hatte Nora dies gelesen, war die Schrift auch schon verschwunden.
Am n├Ąchsten Tag packte Nora das Buch in ihren Rucksack und fuhr in die Stadt.
Es herrschte ein buntes Treiben.
Die Sonne schien.
Nora setzte sich in ihr Lieblingscafe und bestellte sich einen Cappuccino.
Sollte sie?
Langsam schl├╝rfte sie das schaumige Getr├Ąnk.
Sie w├╝nschte sich, die Tasse w├╝rde niemals leer werden.
Doch es blieb ein Wunsch. Sie wurde leer.
Nora bezahlte, holte das Buch aus dem Rucksack, nahm den inzwischen getrockneten Grashalm heraus und legte es auf den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte.
Einen Moment hielt Nora inne, um dem Buch noch einen letzten verliebten Blick zuzuwerfen.
Dann schritt sie zielstrebig hinaus auf die Strasse.
Was nun geschah entzieht sich unserer Kenntnis...
Jedoch wer wei├č?
Vielleicht findes Du morgen das Buch!?




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