Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
284 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Morgen danach
Eingestellt am 07. 05. 2003 08:43


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
David Winterhurst
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 12
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Zederngef├╝llter M├Ąrchenschlaf, bis sich um kurz vor sechs Uhr morgens die Augen g├Ąnzlich unerwartet von selbst aufrei├čen. Und von da an spricht die Realit├Ąt pl├Âtzlich von ganz anderem, spricht keine B├Ąnde, aber in r├Ątselhaften Flecken und Falten, die sich auf dem Laken unter mir finden.
Erst halb im Erwachen begriffen, fahre ich mit den Fingern dar├╝ber. Ist trocken, aber nicht ausgetrocknet. Nur wei├č ich aus meinen geistigen Fr├╝hnebeln heraus nicht zu entscheiden, welches von beidem was bedeuten k├Ânnte. Meine blanke Brust steht mir vor Atem. Von irgendwo dringt K├Ąlte her. Und ich stelle nun fest, dass die Farbe des nachtbefleckten Lakens in etwa dem Geschmack in meinem Mund entspricht. Die kleinen Falten sind ganz jung, ganz frisch. - Oft sind die kleinsten Falten doch die tiefsten.
Mit der Hand fahre ich mir ├╝bers Gesicht, als wische ich einen unwirklichen Traum von dort hinweg. Dann lass ich mich noch einmal in die Kissen fallen, schlie├če und ├Âffne die Augen wie eine Fotolinse bei extra langer Belichtungszeit. Und endlich sind die Grenzen vom Bette zu seiner restlichen Umwelt gefallen. Endlich bin ich mit allen Sinnen meines Verstandes erwacht und kann mich umsehen.

Dort ist von hier aus links das Fenster, halb milchig vom nicht weggeputzten Schlier der vergangenen Wochen, halb glei├čend blind vom fr├╝hen Sonnenlicht. Nur sein Rahmen bleibt h├Âlzern und stumpf, so dass der Blick an ihm nicht abrutscht, sich an ihn halten kann wie ans Geh├Ąuse eines ausgeschalteten Fernsehers.
Vom offenem Balkondach aber fallen Luft und Fr├╝hjahrssonnenlicht hier so herein wie sie auch sind. K├╝hl, wei├čgrau, glatt perlend wie ein Apfelkern.
Und jetzt erst f├Ąllt auch eine leise Melodie auf, wie Himmel, wie Himmelsklang, doch weit entfernt. Sicher jedenfalls bin ich ihr schon nicht mehr, als mein Blick, ├╝ber Sofa, Tisch und Schreibtisch hinweg, voran durch den Raum gleitet. ├ťber die R├╝ckenlehne des Schreibtischstuhls sind salopp ein paar Kleidungsst├╝cke geworfen, so als h├Ątte sie irgendwer vom Boden aus dorthin verlegt. Leichten, schwarzen Stoff sehe ich, und dr├╝ber irgendetwas rotes. Die d├╝nne Tr├Ągerspitze eines BHs h├Ąngt auch von dort heraus, und langsam aber sicher setzt der Moment der Erinnerung ein
Wo ich bin wird mir klar, wie mir ebenso kalt wird. Nur was in aller Welt ich ausgerechnet hier verloren habe, kann ich vor keinem einzigen meiner sieben Gewissen begr├╝nden. Nichts spr├Ąche mir im Grunde dagegen, den Inhalt meines Kopfes von hier aus auf der Stelle an die Wand hinter meinem R├╝cken zu verteilen. Stattdessen aber schie├čt mir ganz was anderes durch den Sch├Ądel, als die Erinnerung an die vergangene Nacht beim Anblick zweier leerer Rotweinflaschen auf dem Boden rasant zunimmt, an Farbe gewinnt wie ein in Verlegenheit gebrachtes Schulm├Ądchen.

ÔÇ×Sie ist noch immer daÔÇť, lautet in Worte gefasst was ich denke. Wenn ich jetzt aufstehe und im Flur ÔÇô da muss es sein ÔÇô das Badezimmer finde, ohne viel Federlesens barfuss die kalten Fliesen betrete, wird sie mir dort gewiss entgegen blicken. Mit halb offenem Mund und gro├čen Augen wird sie mich anstarren, das dunkelbraune Haar zerzaust auf den Schultern liegend, darunter auf der nackten linken Brust noch immer den roten Fleck einer Brandwunde, als h├Ątte ihr Herz sich selbst nach au├čen hin ein Zeichen gesetzt.
Und so geschockt wie ich von dieser Erkenntnis bin, kann ich nicht anders als mir auf der Stelle ihre Best├Ątigung zu verschaffen, werfe die Decke beiseite, stehe auf wie ich bin, mit schwach taumelnden Schritten. Schnell bin ich vor dem Bad, sto├če ohne ein Z├Âgern dessen T├╝r auf, trete hinein und sehe sie auch schon, erkenne sofort genau den verschrockenen Blick den ich erwartet hab und greife mit Abscheu, mit allergr├Â├čter Abscheu und allem Ekel der Verzweiflung den ein Mensch nur haben kann, nach einem Handtuch, um damit so rasch wie m├Âglich den Spiegel zu verdecken, vor dem ich jetzt stehe.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 108
Kommentare: 471
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zarathustra eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo David,
dieses Mal glaube ich, hast du es "getroffen"!

Etwas bleibt offen, muss es meiner Meinung nach auch, sonst verliert die Geschichte:

Was war das f├╝r ein P├Ąrchen? In welchem Verh├Ąltnis standen sie zueinander...

Die letzte Scene vor dem Spiegel l├Ąsst eine Vermutung zu,
die Antwort aber offen...

Also Gl├╝ckwunsch!



__________________
Was sind das f├╝r Zeiten, wo ein Gespr├Ąch ├╝ber B├Ąume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ├╝ber so viele Untaten einschlie├čt! (Bertold Brecht)

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich bin beeindruckt. Starke Bilder!

Ein paarmal ist es ein wenig schief. "Zederngef├╝llter M├Ąrchenschlaf" - na gut, darunter kann ich mir halbwegs was vorstellen (unsere Administratorin Zeder kann sicher genaue Ausk├╝nfte geben ), aber "meine blanke Brust steht mir vor Atem" kann ich nicht deuten, egal in welcher Stellung.

"Und endlich sind die Grenzen vom Bette zu seiner restlichen Umwelt gefallen."
"Seiner" bezieht sich wohl auf das Bett, aber ich stolperte m├Ąchtig, weil ich es automatisch auf den Ich-Erz├Ąhler beziehen wollte. Nicht unkorrekt, aber mi├čverst├Ąndlich; w├╝rde ich umformulieren.

Die Frage "Wo bin ich hier", die Wiedererkennung des Zimmers spricht daf├╝r, da├č es die Wohnung der Frau ist; der Gedanke "Sie ist immer noch hier" deutet darauf hin, da├č es die Wohnung des Erz├Ąhlers ist, denn warum sollte sie sonst weggehen und ihn dalassen? In diesem Punkt w├╝rde ich Klarheit schaffen. Ansonsten machen gerade die offenen Fragen die Geschichte besonders interessant. Gef├Ąllt mir sehr.

Lieben Gru├č,
Zefira

Bearbeiten/Löschen    


Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rainer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

als altem nacktschl├Ąfer (gott, was bin ich erotisch, nee, nich? ), steht mir die brust fr├╝h sogar manchmal als mann, jedenfalls habe ich das daraus gelesen.
ansonsten ist er mir einen tick zu diffus (aber alles geschmackssache), auf jeden fall l├Ą├čt sich der text sehr gut lesen... bitte weitermachen.

gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

Bearbeiten/Löschen    


David Winterhurst
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 12
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Urspr├╝nglich - also so wie ich die Geschichte verstanden und gemeint habe - ist all das aus der Sicher einer Frau geschrieben, die am Ende eben in den Spiegel sieht.
Die Person die sie ├╝ber nacht gehofft hatte loszuwerden, war sie selbst.
Hat das niemand so verstanden?

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Nein, ich ehrlich gesagt nicht! Nat├╝rlich wird der ganze Text dadurch wesentlich einleuchtender.

Das ist ein h├Ąufiges Problem: obwohl ich als Leserin nat├╝rlich wei├č, da├č der Erz├Ąhler nicht identisch sein mu├č mit dem Prot (und es meistens auch nicht ist), nehme ich unbewu├čt doch irgendwie an, da├č in Ich-Erz├Ąhlungen der Erz├Ąhler das gleiche Geschlecht hat wie der Autor ... komisch!

Vielleicht am Anfang einen klitzekleinen Hinweis einf├╝gen, z.B. "Br├╝ste" statt "Brust" (da bietet es sich ja an ...)

Lieben Gru├č,
zef

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!