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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Morgen danach
Eingestellt am 07. 05. 2003 08:43


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David Winterhurst
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

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ZederngefĂŒllter MĂ€rchenschlaf, bis sich um kurz vor sechs Uhr morgens die Augen gĂ€nzlich unerwartet von selbst aufreißen. Und von da an spricht die RealitĂ€t plötzlich von ganz anderem, spricht keine BĂ€nde, aber in rĂ€tselhaften Flecken und Falten, die sich auf dem Laken unter mir finden.
Erst halb im Erwachen begriffen, fahre ich mit den Fingern darĂŒber. Ist trocken, aber nicht ausgetrocknet. Nur weiß ich aus meinen geistigen FrĂŒhnebeln heraus nicht zu entscheiden, welches von beidem was bedeuten könnte. Meine blanke Brust steht mir vor Atem. Von irgendwo dringt KĂ€lte her. Und ich stelle nun fest, dass die Farbe des nachtbefleckten Lakens in etwa dem Geschmack in meinem Mund entspricht. Die kleinen Falten sind ganz jung, ganz frisch. - Oft sind die kleinsten Falten doch die tiefsten.
Mit der Hand fahre ich mir ĂŒbers Gesicht, als wische ich einen unwirklichen Traum von dort hinweg. Dann lass ich mich noch einmal in die Kissen fallen, schließe und öffne die Augen wie eine Fotolinse bei extra langer Belichtungszeit. Und endlich sind die Grenzen vom Bette zu seiner restlichen Umwelt gefallen. Endlich bin ich mit allen Sinnen meines Verstandes erwacht und kann mich umsehen.

Dort ist von hier aus links das Fenster, halb milchig vom nicht weggeputzten Schlier der vergangenen Wochen, halb gleißend blind vom frĂŒhen Sonnenlicht. Nur sein Rahmen bleibt hölzern und stumpf, so dass der Blick an ihm nicht abrutscht, sich an ihn halten kann wie ans GehĂ€use eines ausgeschalteten Fernsehers.
Vom offenem Balkondach aber fallen Luft und FrĂŒhjahrssonnenlicht hier so herein wie sie auch sind. KĂŒhl, weißgrau, glatt perlend wie ein Apfelkern.
Und jetzt erst fĂ€llt auch eine leise Melodie auf, wie Himmel, wie Himmelsklang, doch weit entfernt. Sicher jedenfalls bin ich ihr schon nicht mehr, als mein Blick, ĂŒber Sofa, Tisch und Schreibtisch hinweg, voran durch den Raum gleitet. Über die RĂŒckenlehne des Schreibtischstuhls sind salopp ein paar KleidungsstĂŒcke geworfen, so als hĂ€tte sie irgendwer vom Boden aus dorthin verlegt. Leichten, schwarzen Stoff sehe ich, und drĂŒber irgendetwas rotes. Die dĂŒnne TrĂ€gerspitze eines BHs hĂ€ngt auch von dort heraus, und langsam aber sicher setzt der Moment der Erinnerung ein
Wo ich bin wird mir klar, wie mir ebenso kalt wird. Nur was in aller Welt ich ausgerechnet hier verloren habe, kann ich vor keinem einzigen meiner sieben Gewissen begrĂŒnden. Nichts sprĂ€che mir im Grunde dagegen, den Inhalt meines Kopfes von hier aus auf der Stelle an die Wand hinter meinem RĂŒcken zu verteilen. Stattdessen aber schießt mir ganz was anderes durch den SchĂ€del, als die Erinnerung an die vergangene Nacht beim Anblick zweier leerer Rotweinflaschen auf dem Boden rasant zunimmt, an Farbe gewinnt wie ein in Verlegenheit gebrachtes SchulmĂ€dchen.

„Sie ist noch immer da“, lautet in Worte gefasst was ich denke. Wenn ich jetzt aufstehe und im Flur – da muss es sein – das Badezimmer finde, ohne viel Federlesens barfuss die kalten Fliesen betrete, wird sie mir dort gewiss entgegen blicken. Mit halb offenem Mund und großen Augen wird sie mich anstarren, das dunkelbraune Haar zerzaust auf den Schultern liegend, darunter auf der nackten linken Brust noch immer den roten Fleck einer Brandwunde, als hĂ€tte ihr Herz sich selbst nach außen hin ein Zeichen gesetzt.
Und so geschockt wie ich von dieser Erkenntnis bin, kann ich nicht anders als mir auf der Stelle ihre BestĂ€tigung zu verschaffen, werfe die Decke beiseite, stehe auf wie ich bin, mit schwach taumelnden Schritten. Schnell bin ich vor dem Bad, stoße ohne ein Zögern dessen TĂŒr auf, trete hinein und sehe sie auch schon, erkenne sofort genau den verschrockenen Blick den ich erwartet hab und greife mit Abscheu, mit allergrĂ¶ĂŸter Abscheu und allem Ekel der Verzweiflung den ein Mensch nur haben kann, nach einem Handtuch, um damit so rasch wie möglich den Spiegel zu verdecken, vor dem ich jetzt stehe.

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Hallo David,
dieses Mal glaube ich, hast du es "getroffen"!

Etwas bleibt offen, muss es meiner Meinung nach auch, sonst verliert die Geschichte:

Was war das fĂŒr ein PĂ€rchen? In welchem VerhĂ€ltnis standen sie zueinander...

Die letzte Scene vor dem Spiegel lÀsst eine Vermutung zu,
die Antwort aber offen...

Also GlĂŒckwunsch!



__________________
Was sind das fĂŒr Zeiten, wo ein GesprĂ€ch ĂŒber BĂ€ume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ĂŒber so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Ich bin beeindruckt. Starke Bilder!

Ein paarmal ist es ein wenig schief. "ZederngefĂŒllter MĂ€rchenschlaf" - na gut, darunter kann ich mir halbwegs was vorstellen (unsere Administratorin Zeder kann sicher genaue AuskĂŒnfte geben ), aber "meine blanke Brust steht mir vor Atem" kann ich nicht deuten, egal in welcher Stellung.

"Und endlich sind die Grenzen vom Bette zu seiner restlichen Umwelt gefallen."
"Seiner" bezieht sich wohl auf das Bett, aber ich stolperte mĂ€chtig, weil ich es automatisch auf den Ich-ErzĂ€hler beziehen wollte. Nicht unkorrekt, aber mißverstĂ€ndlich; wĂŒrde ich umformulieren.

Die Frage "Wo bin ich hier", die Wiedererkennung des Zimmers spricht dafĂŒr, daß es die Wohnung der Frau ist; der Gedanke "Sie ist immer noch hier" deutet darauf hin, daß es die Wohnung des ErzĂ€hlers ist, denn warum sollte sie sonst weggehen und ihn dalassen? In diesem Punkt wĂŒrde ich Klarheit schaffen. Ansonsten machen gerade die offenen Fragen die Geschichte besonders interessant. GefĂ€llt mir sehr.

Lieben Gruß,
Zefira

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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als altem nacktschlĂ€fer (gott, was bin ich erotisch, nee, nich? ), steht mir die brust frĂŒh sogar manchmal als mann, jedenfalls habe ich das daraus gelesen.
ansonsten ist er mir einen tick zu diffus (aber alles geschmackssache), auf jeden fall lĂ€ĂŸt sich der text sehr gut lesen... bitte weitermachen.

grĂŒĂŸe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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David Winterhurst
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

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UrsprĂŒnglich - also so wie ich die Geschichte verstanden und gemeint habe - ist all das aus der Sicher einer Frau geschrieben, die am Ende eben in den Spiegel sieht.
Die Person die sie ĂŒber nacht gehofft hatte loszuwerden, war sie selbst.
Hat das niemand so verstanden?

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Nein, ich ehrlich gesagt nicht! NatĂŒrlich wird der ganze Text dadurch wesentlich einleuchtender.

Das ist ein hĂ€ufiges Problem: obwohl ich als Leserin natĂŒrlich weiß, daß der ErzĂ€hler nicht identisch sein muß mit dem Prot (und es meistens auch nicht ist), nehme ich unbewußt doch irgendwie an, daß in Ich-ErzĂ€hlungen der ErzĂ€hler das gleiche Geschlecht hat wie der Autor ... komisch!

Vielleicht am Anfang einen klitzekleinen Hinweis einfĂŒgen, z.B. "BrĂŒste" statt "Brust" (da bietet es sich ja an ...)

Lieben Gruß,
zef

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