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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Morgen gehsse Kerzen stiften!
Eingestellt am 17. 06. 2013 11:20


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Wolfgang Bessel
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Morgen gehsse Kerzen stiften!

Ich trommelte meinen engsten jagdlichen Freundeskreis zu ner Krisensitzung zusammen. Die zwei Kerle hatten nämlich auch noch keine Jagdgelegenheit und brannten angeblich darauf, endlich richtig jagen zu dürfen. In die verkrusteten Verbindungen vonne alten Jägerschaft kamen wir ohne Beziehungen zum Verrecken nich rein. Wir kriegten hier absolut keinen Stich.
„Männer“, sachte ich, „ich bin et leid, auf Einladungen zu warten oder den Pächtern in dat Waidloch zu kriechen. Wir haben alle Voraussetzungen erfüllt, sind passioniert, haben uns um Jagdgelegenheiten ernsthaft bemüht, und immer iss noch nix im Busch. Findet ihr dat gerecht? Ich will doch ma sehn, ob wir mit diesem jämmerlichen Zustand nich endgültig Schluss machen können.“
„Willi, wat solln wir denn tun?“
„Leute, lasst den Kopp nich hängen, deshalb sind wir heute hier. Wir kennen und verstehen uns. Ich stell mir vor, dat wir auch zusammen jagen könnten. Wir sind Jungjäger, sind aber nach dem Gesetz noch nich pachtfähig, wie dat so blöd heißen tut. Wir suchen uns en Strohmann, der aus Altersgründen nich mehr pachten will oder finanziell klamm iss und jagen dort mit nem entgeltlichen Begehungsschein. So heißt die kleine Eintrittskarte für die Jagd. Ein ortsnahet Großstadtrevier scheidet für mich allerdings aus, weil ich mich nich jeden Tag über Jogger, Hundehalter und andere Freizeitaktivisten ärgern will. Wat haltet ihr davon?“ Die beiden rissen verdutzt die Augen auf.
„Hat jemand von euch bessere Vorschläge? Dann raus damit!“
Beide hatten schon ma ähnliche Überlegungen angestellt. Aber wie dat so iss, der eine hatte nich genug Mumm inne Knochen, so wat durchzuziehen. Der andere schob Zeitgründe vor. Man kennt ja die popeligen Ausflüchte. Dat peinlichste Argument haute mich fast um: Die Frauen hätten ja auch noch en Wörtchen mitzureden!
Hatte der Mensch noch Töne? Die Kerle hatten doch tatsächlich Muffe vor ihren Weibern! Ich hab dazu bewusst noch nix gesacht.
„Hört ma gut zu: Wir müssen für ne vernünftige Jagd mit drei Personen mindestens zehntausend Euro bieten. Pachten sind sauteuer. Wir können wegen der Entfernung zu einem guten Revier leider nur Wochenendjäger sein und können unsere Arbeitskraft nich genügend einbringen. Deshalb müssen wir löhnen. Lauschepper und Parasiten wollen wir doch nich sein, davon laufen in jeder Jagd schon genug herum.“
Die beiden zogen ne Flappe bis aufe Erde. Knickerig waren die auch noch!
„So, wat iss jetz, Leute? Macht ihr mit oder nich? Wenn ihr wollt, geh ich für uns auf Reviersuche.“ Zögernd willigten se ein. Für meinen Geschmack – viel zu zögernd.
Berta und ich studierten abends in drei Jagdzeitungen die einschlägigen Angebote. Da war aber niemand, der drei fremde Jäger in seinem Revier sehen wollte. Irgendwie war dat für mich verständlich.
Am nächsten Tag ging dat Telefon. Heinrich war dran.
„Hömma, Willi, ich hab eben mit Fred gesprochen, die Weiber haben doch auch en Jagdschein, die wollen nur zustimmen, wenn se mitjagen dürfen.“ Mir blieb die Spucke weg. Die konnten doch nich mehr normal im Kappes sein.
„Ah ja? Ihr macht mir vielleicht Spaß! Ich krieg noch nich ma uns drei irgendwo unter! Wir telefonieren uns hier en Wolf anne Finger, quatschen uns dat Maul fusselig, und ihr kommt mir noch mit euren Gebieterinnen. Auf so wat haben die Pächter gerade gewartet. Mit sechs Personen wollt ihr da angeschissen kommen? Wahrscheinlich will auch jeder den besten Bock und den stärksten Keiler im Revier schießen. Wie stellt ihr euch dat vor? Macht euch nich lächerlich! Et werden nur Jäger ohne Anhang gesucht. Wir kriegen unter diesen Umständen kein Bein aufe Erde. Könnt ihr dat nich begreifen und euren Weibern vernünftig verklickern? Die solln in son Flintenweiberclub gehen! Dat fehlt noch, dat die Frauen mit ihrem beschissenen Kräschkursus auch noch bestimmen, wo et lang geht! Die sollen Pottlappen häkeln, verdorri noch ma! Mit mir läuft dat nich. Beste Grüße an die Damen, Waidmannsheil und gute Nacht!“
Berta schĂĽttelte den Kopp, sachte aber nix.
Ich war stinksauer. So bekloppte Kerle! Son Eiertanz? Mit mir nicht!
„Berta, hol mir bitte ma en Bier und schmier mir ne Knifte. Tu Schinken drauf! Ich ess ausse Faust. Die Aktion mit den Kerlen breche ich ab. Denen huste ich wat! Die solln sehn, wo se bleiben. Ich rühr keinen Handschlag mehr für die Ochsen! Wo liegen der Zirkel und die Deutschlandkarte?“
Berta beobachtete mich besorgt. Sie holte die gewĂĽnschten Brocken und legte se mir aufn KĂĽchentisch.
„So, Berta, pass ma gut auf, dein Willi geht jetz ganz taktisch vor. Du weiß ja, dat ich bei der Bundeswehr Gefreiter war, also zwangsläufig en guten Stratege sein muss. Ich zieh um Herne en Zirkelradius von ungefähr 180 Kilometer. Dat entspricht zwei Stunden Fahrzeit.“
Sieh da! Et taten sich in dem umrissenen Kreis ungeahnte Landschaften auf. Eifel, Westerwald, MĂĽnsterland, Sauerland. Herrlich, einfach herrlich!
„Berta, und jetz dreht Willi den Spieß um. Ich annonciere für mich alleine. Die sollen kucken, woher se ne Jagdgelegenheit kriegen.“
„Willi, dat iss ne gute Idee. Ich staune immer wieder! Wenn et umme Jagd geht, dann bisse unschlagbar, sonst hasse nie so tolle Einfälle.“
Unsere Hündin Anja kriegte dat Gespräch voll mit und wedelte hocherfreut mit die Rute. Am meisten, wenn dat Wort „Jagd“ fiel.
„Berta, wie hört sich dat an? ‚Klempnermeister (54), Jungjäger mit firmen PP sucht Jagdgelegenheit 180 Kilometer um Herne i. W., Hegebeitrag viertausend Euro. Mithilfe im Revier selbstverständlich.’
„Sehr gut, Willi. Bieteste nich etwat zu hoch? Dafür könnte man sich … Ich ließ sie nich aussprechen „… vier Waschmaschinen kaufen, ich weiß. Berta, für nix, krisse nix. Wenn, dann wolln wir doch in einem guten Revier jagen, nich wahr, mein Mauseschwänzchen? Du wirss sehn, et melden sich mit Sicherheit en paar Pächter. Hol mir bitte noch en Bier.“

So war et. Neunzehn Angebote flatterten int Haus. Neunzehn Jagdpächter boten mir Jagdgelegenheit. Ich war häppi.
Jetz begann die Qual der Wahl. Papier iss bekanntlich geduldig. Wir prĂĽften die Angebote und pickten acht raus, die uns vonne Gegend und Entfernung annehmbar erschienen.
An den kommenden Wochenenden machten wir mit den jeweiligen Jagdpächtern oder Jagdaufsehern Besichtigungstermine. Ich kann Ihnen wat flüstern, dat war kein Honigschlecken. Wir reisten mit unserem Hund von Pontius nach Pilatus. Uns schwebte son Revier vor, dat ausgewogene Feld/Waldanteile besaß und wo en bissken Wasser plätscherte.
Wir wurden fast überall höflich empfangen und haben bei jedem Gespräch offen und ehrlich unsere Vorstellungen aufn Tisch gelegt.
Leider gab et bei acht Besichtigungen nur eine Jagd, die auch nur annähernd unseren Vorstellungen entsprach. Dat war aber leider en Gatterrevier von einem Sägereibesitzer aussem Sauerland. Gatterrevier! Davon hatte der arrogante, fiese Eumel nix geschrieben. Der Kerl behandelte uns nach Gutsherrenmanier. Kennen Se sowat nich? Dat iss so von oben herab:
„Sie haben sich, wenn Sie ins Revier kommen, sofort bei mir zu melden. Zum Abschuss gebe ich Ihnen zwei Hasen, drei Fasanen und zwei Stück Rehwild frei. An der Herbsttreibjagd dür-fen Sie auch teilnehmen, bla, bla, bla…“ En Ton hatte der, da konnze dir nur anne Birne packen. Ich sagte:
„Herr Ophusen, Sie sind ja zu gütig. Von som netten Jagdkameraden haben wir immer geträumt.“
„Ja, Willi, und so großzügig ist der Herr bei der Abschussvergabe. Da macht man doch vor Freude Luftsprünge.“ Sie schrie den Kerl mit hochrotem Kopp an: „Stecken Sie sich Ihr Revier an den Hut, Sie Armleuchter, Waidmannsheil!“ Der Mann wurde blass und rang nach Luft.
Et gab noch andere Zumutungen bei unseren Besichtigungstouren. Zwei Revierinhaber hatten Holz-Ruinen inne Landschaft stehn, die sie noch stolz als Kanzeln bezeichneten. Die morschen Dinger gehörten längst abgerissen! Dat waren wirklich tolle Visitenkarten für Pächter und Jagdaufseher. Dat waren Fälle für die Berufsgenossenschaft.
Oft fehlten Unterkunftsmöglichkeiten in Reviernähe. Fährten und Spuren bei den Reviergängen hatten Seltenheitswert. Es gab kaum mal en Jagdbetriebshof, wo man erlegtet Wild aufbrechen und versorgen konnte. Ne Autobahn und zwei Bundesstraßen durchquerten ein Revier inne Vulkaneifel, dazu kam auch noch ein gigantischer Bims- und Basaltabbau. Motocrossgelände, und Freizeitparks machten die zwei letzten Angebote völlig uninteressant.

Wir verabredeten uns mit sechs weiteren Revierinhabern. Beim vierten schien et, als hätten wir en Volltreffer gelandet. Wir trafen uns samstags am Dorfgemeinschaftshaus.
Herr Rütten-Montermann, so hieß der Revierinhaber, stellte seinen Jagdhüter, einen Herrn Novy vor, dat war en pensionierter Förster. Wir fuhren gemeinsam dat Revier ab. Vier Stunden dauerte die Revierrundfahrt. Unser Pudelpointer zeigte reget Interesse und äugte neugierig aussem Heckfenster.
Die vierhundertfünfzig Hektar große Jagd lag im Westerwald. Keine Land- oder Bundesstraße berührte dat Revier. Auch dat Feld-Wald-Verhältnis war ideal. Mehrere Bäche plätscherten durch Wald und Wiesen. Viele gepflegte Jagdeinrichtungen an der Feld/Waldgrenze, und jede Menge Wildwechsel deuteten auf en guten Wildbestand hin. Herrlich! Suhlen und Malbäume erkannte sogar Berta. Auch die stabilen Schlafkanzeln an den Saukirrungen waren nich zu übersehen.
Der Jagdpächter war so um die Siebzig. Et machte ihm sichtlich Freude, uns alle Revierteile zu zeigen.
„Herr Püttmann“, sachte er, „meine Jagdhütte biete ich Ihnen zur kostenlosen Mitbenutzung an. Ich bin viel im Ausland. Ich suche einen Jagdkameraden, der zusammen mit dem Jagdhüter das Revier und die Hütte in Schuss hält. Der Kühl- und Geräteraum stehen Ihnen selbstverständlich auch zur Verfügung.“
Mensch, davon konnte ich bisher nur träumen!Ich kriegte vor Freude fast die Motten.
Er war noch nicht am Ende: „Ich bin hier seit vierundzwanzig Jahren Pächter. Wenn wir uns nicht inne Wolle kriegen, setze ich mich dafür ein, dass Sie in drei Jahren, wenn die Jagd abläuft und meine Gesundheit es noch zulässt, entweder als Mitpächter einsteigen oder die Jagd alleine pachten. Ich habe en sehr guten Draht zu den Jagdgenossen und dem Ortsbürgermeister.“
Ich hörte vor Freude die Engel singen. Wo schwamm denn nur dat Haar inne Suppe rum? Ich fand keins! Wir stiegen aus dem Geländewagen. So viel Glück schlug mir aufn Magen. Ich musste mich erst ma ganz schnell inne Büsche schlagen.
„Berta, hier wird nich mehr lange gefackelt, hier greifen wir zu!“
Bei ihr lief ich heute ausnahmsweise offene Türen ein. „Willi, ich glaub, wir haben im Lotto gewonnen. Gib Gas!“
„Herr Rütten-Montermann, ich danke Ihnen für ihr Vertrauen. Uns gefallen die Landschaft und ihr Revier ausgesprochen gut. Ich denke, dat wir gut miteinander auskommen.“ Der Jagdhüter nickte seinem Jagdherrn zu. Ich hatte dat Signal verstanden. Der gab uns also auch seinen Segen.
„Ja, Herr Püttmann, wenn wir uns einig sind, dann wollen wir in der Hütte alle wichtigen Details besprechen und einen Schluck auf gute Jagdkameradschaft und Zusammenarbeit trinken.“
Ich wurde unruhig.
„Herr Rütten-Montermann, ich muss ihnen noch wat beichten. Meine Berta iss auch Jungjägerin. Sie will wegen sonn blödet Schlüsselerlebnis bei ner Bockjagd nich mehr jagen. Sie möchte mich nur noch begleiten. Ich sach dat, weil se geschrieben haben: ‚Ohne Anhang’.
„Herr Püttmann, das geht schon in Ordnung. Frau Püttmann, vielleicht bekommen Sie doch noch mal Freude an der Jagd. Das kriegen wir mit vereinten Kräften wieder hin, vertrauen Sie mir.“
Wir wurden von der Lebensgefährtin des Pächters in der Hütte freundlich begrüßt und zum Essen eingeladen. Es gab leckeret Wildschweingulasch.
Die Hütte war zweckmäßig eingerichtet – aber gemütlich. Alle Lampen waren aus Hirschstangen gefertigt. Ne Trophäenwand mit beachtlichen Keilerwaffen und Rehgehörnen offenbarten, wat im Revier los war.
Beim Essen kamen wir uns auch privat näher. Et entwickelte sich rasch ne freundschaftliche Atmosphäre. Et passte einfach allet zusammen.
„Herr Püttmann, ich stelle Ihnen jetz den Begehungsschein aus.“
Ich blätterte dat Geld aufn Tisch, nahm den Begehungsschein und empfand plötzlich ein unglaublichet Gefühl vonne Freiheit. En lang ersehnter Traum ging endlich in Erfüllung.
Ich dachte: „Willi, morgen gehsse Kerzen stiften.“
„Von mir aus können Sie heute schon zu Ihrem ersten Nachtansitz marschieren.“
„Waidmannsdank, aber darauf bin ich nich vorbereitet. Hm, ja, wie soll ich sagen.“ Ich druckste herum. „Ich hab noch ne Bitte an Sie. Ich bin, wie gesagt, noch Jungjäger und muss noch die Jagdpraxis erlernen. Et wäre nett, wenn ich die ersten Ansitze in Begleitung machen dürfte. Ich will nix falsch machen. Ich hab noch nich genug Erfahrung mit Schalenwild.“
JagdhĂĽter Novy sagte bisher kaum kein Wort. Endlich sachte er auch ma wat:
„Herr Püttmann, es ist das erste Mal in meiner vierzigjährigen Jagdpraxis, dass ich solche ehrlichen Worte von einem Jungjäger vernommen habe. Die meisten waren großspurige Klugscheißer und wussten alles besser. Bauten beim ersten Ansitz dicken Bockmist und waren obendrein noch uneinsichtig und rotzfrech, wenn ich ihnen den Marsch geblasen hab. Geht es aber ums Arbeiten und Schadenverhütung, muss man bei den Kerlen noch bitten und betteln. Die jungen Burschen balzen lieber in der Disco oder führen am Stammtisch das große Wort. Beschweren sich aber draußen ständig über mangelnde Jagdgelegenheit.
Ich bin gerne bereit, Ihnen die jägerische Praxis nahe zu bringen. Ich freue mich, dass Sie einen geprüften Jagdhund in die Jagd einbringen.“ Er reichte mir die Hand. „Herzlich willkommen und Waidmannsheil.“
„Waidmannsdank, Herr Novy, ich werde Sie hoffentlich nich enttäuschen.“
Et war der Auftakt einer langjährigen Jagdkameradschaft.
Die Qualen bis zum Grünen Abitur und die schreckliche Zeit als Jäger ohne Jagdgelegenheit waren beendet. Mein Jagdblut kochte.



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Wolfgang M. A. Bessel
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