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Morgengedanken
Eingestellt am 17. 02. 2013 14:10


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Ashva
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Morgengedanken


Der feine Regen hinterließ einen glitzernden Perlenvorhang am Fenster meines Zimmers, in dem sich das zarte Licht der Morgendämmerung spiegelte. Ich blickte hinaus auf die alte Linde, von deren Blättern die Regentropfen perlten, und versank in Erinnerungen …

Es war das Jahr 1948. Mir war diese Zahl ziemlich schnuppe. FĂĽr mich gab es seit Kurzem wichtigere Zahlen. War ich doch gerade erst eingeschult worden.
Der Kriegshölle wenige Jahre zuvor durch Flucht mit meiner Mutter und den beiden älteren Geschwistern aus Ostpreußen unversehrt entkommen, war meine kindliche Welt fast in Ordnung. Wäre da nicht der Hunger gewesen, der weder durch die häufigen Steckrübengerichte – gelegentlich ersetzt durch Brot- oder Milchsuppe, zu stillen war.
Ansonsten fehlte mir nichts, denn ich hatte bis dato nichts besessen.

Der Spätherbst hatte einen wunderschönen Sommer abgelöst. Um unseren ausgedienten, in die Jahre gekommenen Transformatorturm - die Gemeinde hatte ihn uns als Wohnung zugewiesen -, heulte der Wind.
Nach der langen Odyssee aus unserer fernen ostpreuĂźischen Heimat war es nun schon die dritte Bleibe; jedoch auch die urigste in unmittelbarer Nachbarschaft des DorfmĂĽllplatzes und eines ehemaligen Steinbruchs.
Unsere Unterbringung sollte eigentlich nur von kurzer Dauer sein.
Aber weder wir noch unsere Nachbarn hatten mit der ungewöhnlichen Kreativität und Hingabe eines Menschen – der nun alsbald in unser Leben treten sollte - bezüglich der Umgestaltung des Turms und seiner Umgebung gerechnet. Ihr war es zu danken, dass wir für die nächsten 13 Jahre die Turmbewohner blieben und unsere Nachbarn ein nicht enden wollenden Albtraum durchlebten.
Dazu aber später mehr.

Im alten Herd mit seinen verrosteten Beinen brannte knisternd das trockene Holz, das meine beiden Geschwister nach Schule und Hausaufgaben, fast täglich in den umliegenden Wäldern sammelten und mühevoll herbeischleppten. Noch lag ein leicht süßlicher Geruch nach den Bratäpfeln in der Luft, deren Urform Stunden zuvor mein Bruder von den Apfelbäumen aus der der Nachbarschaft hatte mitgehen lassen, um unsere karge Abendmahlzeit schmackhaft zu ergänzen.

Wie immer musste ich als JĂĽngster zuerst schlafen gehn. Mein Bett, welches ich mit meinem Bruder teilte, stand mit einem weiteren fĂĽr Mutter und Schwester und einer kleinen Spiegelkommode in dem winzigen unbeheizten Anbau neben der KĂĽche. Weitere Zimmer waren (noch) nicht vorhanden.

Plumpsklo irgendwo drauĂźen.


Ich fand es ziemlich doof, das klamme Oberbett immer alleine aufwärmen zu müssen. Mein drei Jahre älterer Bruder, mit dem ich das Bett teilte, durfte länger aufbleiben. Das kostete er allabendlich schadenfroh aus, indem er mich stets mit den Worten „he kleiner Hosenscheißer, unser Bett wartet“, den Abend vermieste.
So auch an diesem schicksalhaften Tag. Ich haste ich ihn dafĂĽr.

Obwohl müde und die Augen geschlossen, ließen mich meine Erinnerungen auch heute nicht gleich einschlafen. Zu tief eingeprägt waren die Erlebnisse der Flucht während der Kriegswirren aus der ostpreußischen Heimat. Und wieder führten mich meine Gedanken auf eine lange Reise …

Es war ein eiskalter Morgen im Januar des letzten Kriegsjahres, an dem mein junges Leben eine entschiedene Wende nehmen sollte.
Meine Mutter und wir drei Geschwister im Alter von drei, sechs und neun Jahren, ich war der Jüngste, verließen unser kleines rotes Backsteinhaus, direkt am Frischen Haff gelegen, währenddessen der Atem der Vergangenheit leise die zerfetzten Fahnen bewegte, die immer noch hier und da an verlassenen Häusern hingen.
Wir verlieĂźen unsere Heimat so, wie unsere hugenottischen Vorfahren ihrerseits; als FlĂĽchtlinge.
Mit Nachtbarn und Fremde von überall her bewegten wir uns wie Zugvögel in Richtung Norden. Alle hatten nur ein Ziel: den Rettung versprechenden Hafen von Pillau, meiner Geburtsstadt.
Meine neunjährige Schwester hatte mich in einem Oberbett eingewickelt und auf einen Schlitten festgebunden. Mollig warm eingepackt entging ich der beißenden Kälte, die an diesem frühen Morgen das Atmen schwer werden ließ.
In der fahlen Dämmerung war in weiter Ferne das Grollen des Krieges zu vernehmen. Mein hin und wieder kreischend hervorgebrachtes „bum, bum, die Flieger kommen“
wurde vom tosenden Schneesturm verschluckt.
Meine Mutter, klein und schwächlich von Statur, wuchs in ihrem Willen mit uns zu überleben, über sich hinaus.
Bis an den Rand der Erschöpfung schleppte sie Stunde um Stunde den mit mir, unseren Oberbetten und einen Koffer bepackten Schlitten durch die tief verschneite Landschaft. Zwischendurch immer wieder – im Wechsel mit meiner Schwester - meinen Bruder auf dem Arm tragend. Hier waren Leben und Tod sehr nahe beieinander.
Das Wenige, was wir mitnehmen konnten, nur Kleidung, hatten Mutter und Schwester sorgfältig in einem weiteren Koffer und einem Rucksack verstaut. Einige dieser Kleidungsstücke verhalfen uns später, im Tausch mit Lebensmittel, zu der einen oder anderen Mahlzeit.

Es gab einige Schiffe an der Mole von Pillau, aber auch Tausende FlĂĽchtlinge, darunter sehr viele verwundete Soldaten. Alle hatten den verzweifelten Wunsch, auf einem dieser Schiffe dem Grauen des Krieges zu entkommen. MĂĽtter mit Kindern wurden bevorzugt; deshalb auch schafften wir es, noch am gleichen Tag einen Platz fĂĽr uns vier auf einem Frachtschiff zu ergattern. Ich sollte meine Heimat nie mehr wiedersehen.
Die Reise ins Unbekannte begann …
Es gab keinen freien Platz mehr, nirgendwo. Alle Frachträume, alle Gänge und alle Außendecks waren mit Flüchtlingen und verwundeten Soldaten vollgestopft. Es konnte kaum ein Fuß vor den anderen gesetzt werden. Wir, wie auch alle anderen hatten nur ein Gepäckstück pro Person an Bord nehmen dürfen. Nun hatten wir keine Oberbetten und auch keinen Schlitten mehr.

Die Nacht war pechschwarz. Das Meer ein wenig aufgewühlt.Im ständigen rauf und runter bewegte sich unser abgedunkeltes Schiff in Richtung offenes Meer.
Einige Stunden später …
Das monotone Dröhnen der Schiffsmaschine hatte uns und viele andere in einem tiefen Erschöpfungsschlaf versinken lassen.
Ein dumpfer Knall, das Zittern des Schiffsbodens und die angstvollen Aufschreie vieler Menschen, rissen alle noch Schlafenden hoch.
Was war geschehen? Niemand wusste es.
Die Schiffsmaschine lief nicht mehr. Sehr, sehr langsam neigte sich das Schiff zur Seite.
Ich hörte Männer laute Kommandos rufen.
Es wurde nun in unserem Frachtraum, wie auch ĂĽberall auf dem Schiff sehr laut. Panik drohte. Die fahle Beleuchtung lieĂź Menschen erkennen, deren Gesichter von Todesangst gekennzeichnet waren. Sie schrien, weinten und beteten; junge MĂĽtter drĂĽckten ihre kleinen Kinder an sich.
Ältere Menschen standen oder saßen an ihren Plätzen, mit leerem Blick in sich versunken, ganz so, als seien sie der sich anbahnenden Katastrophe weit entrückt.
Und immer wieder die lauten Stimmen der Männer die Anweisungen riefen. Ich klammerte mich an meine Mutter. Sie hielt mich an den Händen.
„Wir bleiben hier und bewegen uns nicht; alles liegt in Gottes Hand“,
stammelte sie mit tränenerstickter Stimme.
„Gottes Hand?“ Ich fühlte nur ihre Hände, die mich umschlungen hielten; ihre Wärme verlieh mir Geborgenheit.

Nach schier unendlich scheinender Zeit nahm die Schiffsmaschine ihr monotones Geräusch wieder auf. Es war der Schiffsmannschaft offensichtlich gelungen, ein durch eine Mine verursachtes Leck abzudichten.
In nunmehr leichter Schräglage setzte unser Schiff, wegen drohender Tieffliegerangriffe bis auf einer Notbeleuchtung abgedunkelt, seine Fahrt entlang der Ostseeküste fort.
Irgendwann des nächsten Tages endete diese schicksalshafte Seereise irgendwo an der Schleswig-Holsteinischen Küste.
Wir waren gerettet, der Krieg schien weit weg zu sein und hatte uns scheinbar entlassen.
Nicht jedoch für meine Großeltern und drei der neun Schwestern meiner Mutter. Wie ich später erfuhr, hatten sie mit ihren Familien in Königsberg verharren müssen; das Bombeninferno von August 1944 zwar überlebt, sind aber später in der „Festung Königsberg“ infolge der Belagerung verhungert.

Aus dem Auffanglager, in dem wir zunächst verweilten, wurden alle Flüchtlinge, auch wir, von der Reichsbahn in Frachtwaggons, auf Dörfer und Städte im unbesetzten Reichsgebiet verteilt.
FĂĽr uns begann die Zugreise in einem mit Stroh ausgelegten Frachtwaggon, zwei Tage nach Ankunft. Mit ein wenig Essen und Trinken fĂĽr unterwegs sollte es nun in die neue Heimat gehen.
“Sie kommen nach Lüneburg“, hatte man meiner Mutter kurz und knapp mitgeteilt.
Ihr war diese Entscheidung, die sie nicht beeinflussen konnte, nicht recht. Sie wollte eigentlich zu ihrer Schwester. Diese lebte, auch schon vor dem Krieg, mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf im Sauerland. Ihr Wunsch, der jetzt nicht möglich war, sollte sich in einigen Monaten – leider Gottes – erfüllen.

An Enge, Kälte, Hunger und Durst inzwischen gewöhnt, begaben wir uns in unser Schicksal. Die Fläche des Waggons war mit Müttern und ihren Kindern, alten Leuten und einigen verwundeten Soldaten bis auf den letzten Platz belegt. In einer Ecke stand ein Eimer für besondere Bedürfnisse. Heizung gab es nicht; die Enge aber brachte ein wenig Wärme in den Raum.
Direkt vor uns lehnte ein Soldat an der Wand. Den Kopf fast vollständig unter einem ehemals weißen Verband verhüllt, zierte ein tagealter Bart den Rest seines Gesichtes.
Das stetige, monotone ratat, ratat, ratat der Waggonräder, hatte auf mich die Wirkung eines Schlafliedes. Ich fiel in einen tiefen Schlaf.
Es war Krieg, und ihn zu verschlafen, schien niemanden vergönnt; auch mir nicht.
Mit kreischenden Bremsen kam der Zug zum Stehen. Alle fielen schreiend durch- und aufeinander. Beidseitig wurden die TĂĽren aufgeschoben.
„Tieffliegeralarm“, wurde zu uns reingerufen, „alles raus und Deckung suchen“.
Die Kinder und jüngeren Leute waren die Ersten, die sich am Bahndamm in den Schnee warfen; andere rannten zu nahestehenden Büschen und Bäumen, um dort Schutz zu suchen. Unsere letzte Stunde schien gekommen zu sein.
Diesmal sagte meine Mutter es nicht; aber es schien ein weiters Mal die „Hand Gottes“ über uns zu schweben. Wie Schatten durchs Bild huschten drei Tiefflieger über uns hinweg. Und welch Wunder! Niemand konnte es begreifen, aber es fiel keine Bombe und auch kein einziger Schuss.
Es dauerte einige Zeit, bis der Zug sich wieder in Bewegung setzen konnte. FĂĽr die alten Leute war es sehr mĂĽhsam, in die Waggons hinein zu klettern. Alle mussten sich gegenseitig helfen.
Wir kleine Kinder wurden wie Pakete hineingehoben. In den Gesichtern der meisten Leute war Erleichterung, bei Einigen aber auch angst erkennbar. Jedem schien bewusst zu sein: Der Krieg hatte uns eingeholt, wenn auch diesmal verschont.
Erheblich langsamer als zuvor bewegte sich nun unser Zug durch die triste Schneelandschaft. Immer wieder wurde auf kleinen Bahnhöfen die Fahrt unterbrochen, um Militärzügen freie Fahrt zu gewähren.

Ich bemerkte, dass der Soldat mit dem Kopfverband - er saß mir direkt gegenüber - etwas in Papier Gewickeltes, auspackte. Es war ein Räucherfisch. Bedächtig pulte er an ihm herum; stecke sich Stück für Stück in den Mund.
Ich schaute ihm dabei zu. Mit einem Auge blinzelnd und kopfnickend, streckte er mir eine seiner verschmutzten Hände entgegen. Zwischen zwei Fingern klemmte ein kleines Stück von seinem Fisch. Es schmeckte sehr salzig, aber ich hatte Hunger.
Beim dritten StĂĽck bemerkte meine Mutter, was hier geschah. EntrĂĽstet fuhr sie den freundlichen Soldaten an:
„Wie können sie dem Kind nur dieses salzige Zeug geben, es gibt hier doch nichts zu trinken“.
Der Mann reichte ihr wortlos mit gesenktem Kopf seine mit Wasser gefĂĽllte Feldflasche. Ein wenig berĂĽhrt, nahm sie die dargereichte Wasserflasche und gab mir zu trinken.
Stunden später erreichten wir unseren Zielbahnhof Lüneburg. Auch hier waren die Spuren des Krieges gegenwärtig. Teilweise zerbombte Bahnhofsgebäude und Bahnsteige ließen Tod und Elend erahnen. Aufgrund der ständig herrschenden Gefahr durch Tiefflieger mussten wir Ankommenden zügig den Bahnhofsbereich verlassen.

Mit einigen anderen Flüchtlingen wurden wir dann – nach Registrierung und Essenversorgung, auf einem offenen Lastkraftwagen zu dem kleinen Ort „Melbeck“ gebracht, der in geringer Entfernung vor den Toren der Stadt lag.
Obwohl der ostpreußische Dialekt den meine Mutter sprach, für norddeutsche Ohren recht fremdartig klang, war unsere Aufnahme durch die sehr liebe Familie mit ihren drei Kindern auf dem kleinen Bauernhof, sehr, sehr herzlich. „Mein neues Zuhause also“, weitab von unserem Frischen Haff, ging mir durch den Kopf. Die kindliche Neugier auf alles Neue ließ mich aber schnell vergessen.
Wir hatten nur einen Raum zum Schlafen und Wohnen, in dem unsere wenigen Habseligkeiten auch noch ihren Platz finden mussten. Ansonsten gehörte mir der ganze Hof. Überall durfte ich herumstromern.
Im Hühnerstall Eier suchen; oh, war das ein tolles Erlebnis. Im kleinen Schweinestall bei der Schweinemama, fast so groß wie ich, und ihren vielen Ferkeln, war ich am häufigsten zu finden. Auch zwei Kühe gab`s da noch, die meine Mutter täglich melkte.
Somit hatten wir stets frische Eier und gute Milch. Auch alles Weitere zu essen bekamen wir von unserer lieben Wirtsfamilie. Sie teilten das Wenige, was sie hatten, als seien wir ein Teil ihrer Familie.

Die Monate vergingen. Das Kriegsende nahte. Hin und wieder sahen und hörten
wir Fliegerbomben im nahen Lüneburg explodieren. Wir, ich meine unser kleines Dorf, bekam nichts ab. Wieder mal die Hand Gottes? Zumindest bedankte sich unsere Mutter täglich erneut bei ihm im gemeinsamen Gebet mit uns für alles Mögliche. Sie war sehr gläubig.

Im Sommer 1945 war es dann so weit. Meine Mutter hatte eine, für uns alle sehr schicksalhafte Entscheidung, getroffen. Eine Entscheidung, die mein künftiges Leben maßgeblich prägen sollte..
Und wieder wurden die schäbigen Koffer gepackt. Abschied nehmen! Wir drei Kinder wären so gern geblieben; hatten wir uns doch trotz Enge und Armut gut eingelebt, Anschluss und Freunde gefunden, nette Nachtbarn kennen gelernt. Wir waren dort gut angenommen worden.
Meine Geschwister gingen in LĂĽneburg zur Schule; es gefiel ihnen prima. Meine Mutter aber fĂĽhlte sich in dieser Fremde nicht glĂĽcklich; zu groĂź war die Sehnsucht nach ihrer Schwester, meiner Tante, die in dem kleinen Dorf Alllagen im Sauerland zu Hause war. Hinzu kam, dass in dieser schweren Zeit ihr und auch meinen Geschwistern unser Vater fehlte. Er galt seit Kriegsende als vermisst. Ich selbst hatte keinerlei Erinnerung an ihn.
Meine Mutter aber hatte die Hoffnung und den Glauben nie aufgegeben, ihn noch einmal in die Arme schließen zu können. Sie suchte ihn über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.

Nach einer weiten Linkskurve entlang der „Möhne“, ein kleiner Fluss, kam unser Zug mit seiner alten Dammpflock und drei Waggons zischend zum Stehen.
Eine lange Reise, fĂĽr mich die Erste ohne Angst, fand ihr Ende.

„Allagen“, hörte ich jemand laut rufen …
Es war der Bahnhofsvorsteher in seiner blauen Uniform mit roter Mütze auf dem Kopf. In der Hand hielt er etwas, das einer Fliegenklatsche sehr ähnlich sah.
War sein nicht zu überhörender Ruf möglicherweise die ultimative Aufforderung an uns, bis hierher und nicht weiter? Wir standen allerdings schon seit einiger Zeit aufgeregt und voller Erwartungen auf der offenen Waggonplattform und hatten diesen Halt, unsere Endstation, entgegen gefiebert.
Der Zug schien nur fĂĽr uns gehalten zu haben. Keine weiteren Reisenden stiegen aus oder ein.
„drrrrrrrrr, drrrrrrrr“
kam es aus Richtung des Uniformierten, in dessen Mund eine Trillerpfeife steckte.
Mit erhobenem Arm hielt er seine Dienstkelle in den blauen Himmel. Nach so viel Aufforderung setzte sich die kleine Eisenbahn zischend und fauchend in Bewegung; uns dabei in eine weiße Wasserdampfwolke umhüllend …

Die Müdigkeit obsiegte und nahm mich in einen tiefen Schlaf von nur kurzer Dauer …

Herbst 1948 … Ein Geräusch in der Nacht weckte mich und die anderen. Von diesem Moment an sollte sich für mich und meiner Familie vieles ändern, und nicht nur zum Besten. Aber eins nach dem anderen.
Ein lautes Klopften an der HaustĂĽr!
Meine Mutter stand auf und knipste die Deckenbirne an, flüsterte, „ihr bleibt alle liegen“. Während wir uns verschlafen die Augen rieben, ging sie zur Küchentür, die auf den Hof führte.
„Wer ist da?“
Ihre Stimme klang zaghaft und leicht bebend. Ein Hoffnungsschimmer war herauszuhören. Hoffte sie auf jemand den sie erwartete?
„Anna ich bin's, Karl“,
antwortete eine raue männliche Stimme.
Unbehagen stieg in mir auf. Ich kannte niemand der so hieß. Noch nie war so spät ein fremder Mann an unserer Tür gewesen.
Meine Geschwister aber waren nicht zu halten, riefen: „Papa ist da, Papa ist da.“ Sie sprangen aus den Betten und liefen in die Küche. Ich folgte ihnen zaghaft.
Frierend standen wir nun alle da. Meine Mutter ganz starr wie gelähmt. Das fahle Licht der Deckenleuchte zeigte ihr Gesicht mit weit geöffneten Augen. In ihnen spiegelte sich Fassungslosigkeit, aber auch Freude.
Und abermals ihre Stimme, diesmal ungläubig und zugleich euphorisch fragend:
„Karl, Karl bist du es wirklich?“
Meine Geschwister waren, wie aus dem Häuschen, hingen nun an den Armen meiner Mutter. Um mich kümmerte sich niemand.
Und wieder diese Stimme:
„ Ja Anna ich bin 's.“
Ich begriff. Da ist jemand gekommen der nun wohl mein Vater ist.
Sie drehte den Schlüssel um und öffnete die Tür.
Das Restlicht der fahlen Mondnacht ließ eine Gestalt erkennen, die mir Angst einflößte. Ein hagerer und recht kleiner Mann in einem viel zu langen, grauen Militärmantel, mit Mütze und Schal verhüllt und recht schwarz im Gesicht, was sich als mehrere Tage alter Bart herausstellen sollte, trat in die Küche.
An seiner rechten Hand hingen ein Blecheimer und ein Tretroller. An der linken Hand baumelte ein mit Bindfaden verschnürter Koffer. Das Gewicht des prall gefüllten Militärrucksacks auf seinem Rücken veranlasste ihn zu einer leicht nach vorn gekrümmten Haltung, was ihn noch kleiner erscheinen ließ.
Es schien mir, als sei diese abstruse Gestalt direkt aus einem meiner Märchenbücher entsprungen.
Wortlos und kurz umarmten sich meine Eltern, nachdem er sich allem Mitgebrachten entledigt hatte.
Verstohlen wischte sich meine Mutter ihre Tränen aus dem Gesicht. Möglicherweise verhüllte der Bart seine Tränen; ich konnte keine sehen.

Die jahrelange gegenseitige Suche meiner Eltern fand hier also ihr Ende, er hatte uns gefunden; unser Vater war heimgekehrt.
Dieser fremde Mann war also mein Vater. Freude, wie meine Geschwister sie empfanden, verspĂĽrte ich nicht. WorĂĽber sollte ich mich auch freuen? Ich wusste ĂĽber ihn nichts.
Ich hatte ihn zwar während des Krieges im Fronturlaub schon einmal gesehen, aber keine Erinnerung an ihn behalten.
Gefehlt hatte er mir nicht, meine Mutter war immer fĂĽr mich da gewesen.
Ganz anders fĂĽr meine Geschwister. Sie kannten unseren Vater und hatten ihn wohl auch vermisst. Freudig umarmten sie ihn nun und drĂĽckten ihn an sich.
Noch bevor er Mantel und MĂĽtze ablegte, nahm er zum Schluss auch mich noch auf seinen Arm:
„Und du bist der kleine Siegfried?“
Er schien mich nicht wiederzuerkennen. Ich nickte tapfer und suchte die Augen meiner Mutter. Sie lächelte mir zu.
Nun drĂĽckte er mich an sich. Seine schwere Hand strich ĂĽber mein Haar und Gesicht. Sein Bart kratzte. Er roch irgendwie komisch, nicht gut. Meine Angst lieĂź langsam nach.
Meinen ganzen Mut zusammennehmend fragte ich leise und dabei auf den Roller zeigend:
„Kriege ich den?”
Er schĂĽttelte den Kopf:
„Du bist noch zu klein, den kriegt der Große“,
dabei mit seinem Kopf in Richtung meines Bruders deutend, wobei sein Stoppelbart mein Gesicht nicht verschonte.
Der GroĂźe also. Nun hatte mein Bruder wohl einen VerbĂĽndeten gegen mich. Mein Gedanke in diesem Moment: Warum nennt er ihn nicht beim Namen? Noch wusste ich keine Antwort darauf.
Lust, noch länger auf seinem Arm zu bleiben hatte ich nun nicht mehr.
Es bedurfte einiger MĂĽhe meiner Mutter, die aufgeregte Fragerei meiner Geschwister:
„Wo warst du so lange, wie hast du uns gefunden, wo hast du gewohnt“,
ein Ende zu setzen. Die Fragen schienen ihm unangenehm zu sein, er beantwortete sie nur sehr ausweichend. Aber soviel wurde uns klar. Er lebte schon fast zwei Jahre irgendwo in Norddeutschland und hatte das Kriegsende schwer verwundet in einem Lazarett erlebt.

“Kinder, Kinder“, rief er überschwänglich, seht mal was ich euch mitgebracht habe.
Mit diesen Worten stellte er den mitgebrachten Blecheimer auf den KĂĽchentisch.
Die Neugierde war groĂź; sie galt natĂĽrlich dem Inhalt des Eimers.
Ein KĂĽchenmesser zur Hilfe nehmend, begann er den schon einwenig angerosteten Deckel
zu entfernen.
“Was ist da drin, was ist da drin”. Aufgeregt und neugierig wollte ich nicht länger warten.
Meine Mutter aber lächelte nur vielsagend und hielt ihren Zeigefinger an die Lippen.
Seine Ăśberraschung fĂĽr uns war ihm gelungen.
Ein herrlicher, sĂĽĂźlich-fruchtiger Duft verbreitete sich in KĂĽche und Schlafraum.
So etwas hatte ich noch nie gerochen. Dieser Duft war mir völlig fremd; schien aber von
etwas sehr, sehr Leckerem auszugehen.
Gesehen oder gegessen hatte ich diese rötlich-braunen “Dinger” noch nie.
Also probierte ich zunächst mal eine … dann zwei und dann nur noch händeweise.
Die Einwände meiner Mutter gingen in mein Schmatzen unter.

An diesem späten Abend lernte ich erstmals Rosinen kennen und für Stunden auch lieben.
Ich hatte sie mit beiden Händen in mich hineingestopft, endlich mal was anderes als Steckrüben oder Brotsuppe, und mich derart überfressen, dass ich in meinem ganzen weiteren Leben einen großen Bogen um Rosinen machte.
Die Freude meiner Mutter ĂĽber den Inhalt des Koffers war nicht minder groĂź.
In den folgenden Tagen lebten wir alle wie die sprichwörtliche Made im Speck.
Die mitgebrachten Blut- und Leberwürste, der halbe Schinken sowie die geräucherte Speckseite waren Köstlichkeiten, an deren Aussehen und Geschmack wir uns kaum noch erinnern konnten.

Ich kam erst spät zur Ruhe und der Schlaf war kurz. Meine Geschwister, die ab heute
mit mir in einem Bett liegen mussten, hörten einfach nicht auf zu reden. Natürlich waren wir alle sehr aufgewühlt.Mich hatte meine Mutter kurzerhand ans Fußende des Bettes verlegt; nun hatte ich mich auch noch der Füße der beiden zu erwehren.
Hinzu kamen die vielen, zu vielen heftig rumorenden Rosinen in meinem kleinen Bauch, die ein ruhiges Einschlafen nicht förderten.
Das alles änderte aber nichts daran, dass ich nicht wie jeden Morgen zur gewohnten Zeit
aufstehen musste.
War ich doch nun ein “i-Männchen“.
So wurden wir von den Zweitklässlern gerufen. Mit ihnen teilten wir während des Unterrichts das Klassenzimmer der 5-klassigen Volksschule, das Teil eines sehr alten, roten Backsteingebäudes war.
Nach der kurzen Nacht war dieser Morgen natĂĽrlich nicht mehr so, wie alle Vorangegangenen.
Mit ihrem Finger auf meinen Lippen weckte mich meine Mutter.
“Steh auf und geh in die Küche, aber sei leise“, raunte sie mir zu. Ebenso mit den anderen beiden. Warum leise? Kamen doch aus dem Nachbarbett, also von meinem Vater, die sonder¬barsten Geräusche, die ich je gehört hatte. Er schnarchte ... und wie.

Meine Mutter war wie gewohnt um Einiges frĂĽher aufgestanden als wir Kinder.
Wie allmorgendlich, so auch heute. Es roch harzig und war angenehm warm in der KĂĽche.
Auf dem Herd dampfte das Wasser für die “Katzenwäsche” und die herrliche Frühstücksmilch war auch schon heiß.
Diese Köstlichkeit zu beschaffen war mit einstündigem Weg zum Milchbauern verbunden. Aber nicht täglich bekamen wir die Milch. Er, wie auch die meisten Dorfbewohner mochten uns Flüchtlinge nicht. Mit Ausreden wie: „Die Milch ist schon in der Molkerei”, oder „die Kühe sind noch nicht gemolken“, schickte er meine Geschwister oftmals mit leerer Milchkanne zurück.

Heute Morgen wurde nur geflĂĽstert, was uns Kindern gar nicht leicht fiel. Unser Vater, wegen der kurzen Nacht noch nicht aufgewacht, schnarchte fleiĂźig weiter.
Während wir alle über den Anblick des schnarchenden Vaters kicherten, weil er gar zu komisch aussah, mit seinem schwarzen Bart in Mutters buntem Nachthemd, ahnte ich nicht, wie sich mein Leben durch seine Heimkehr verändern sollte.
Nach Katzenwäsche, Anziehen und einer Tasse heißer Milch, packte ich, wie auch mein Bruder, meinen Tornister. Meine Schwester ließ wie jeden Morgen, ihr langes Haar von meiner Mutter zu Zöpfen flechten. Geschmückt mit zwei bunten Schleifen an ihnen sah sie sehr schön aus.
Es war nicht viel, was ich in meine graue, abgewetzte Aktentasche mit den beiden angenähten Trageriemen hineinlegen musste. Aber, ich tat es immer wieder mit großer Hingabe.
Die beiden salzbestreuten Schmalzstullen, dazu das Kochgeschirr für die Schulspeise kamen auf die eine, die in Holz gerahmte Schiefertafel mit Linien und Kästchen stellte ich auf die andere Seite. Zwei Schiefergriffel legte ich noch dazu. Ganz wichtig war der weiße Tafellappen, der immer sauber zu sein hatte und außen am Tornister hängen musste. Meine Lehrerin wollte das so. Mein Schultornister war das Einzige was mir gehörte und war mein ganzer Stolz …



© Siegfried Skibbe

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