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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Morgenluft
Eingestellt am 15. 04. 2005 21:13


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Charlene
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Registriert: Jul 2002

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Morgenluft


Ich bin nichts weiter als ein Wanderer. Stein um Stein, Fuge um Fuge erstreckt sich mein Weg vor mir, beschr├Ąnkt meine Welt. Aber ich bin nichts weiter als ein verirrter Wanderer, dem die Wegemarkierungen verborgen sind und der seine Karte verloren hat.

Ich lasse die Haust├╝r hinter mir ins Schloss fallen und schlage den Kragen meiner Jacke hoch, denn es ist kalt heute Morgen. Der Himmel ist grau, als ich meinen t├Ąglichen Weg beginne, so grau wie der Panzer eines Nashorns und genauso undurchdringlich. Die k├╝hle Morgenluft gleicht einem br├Ąunlichen Schleier, der alles einh├╝llt, die Farben ihrer Kraft beraubt und den Konturen der H├Ąuser, der Autos und sogar denen der Menschen die Sch├Ąrfe nimmt, sie verschwimmen und ineinander laufen l├Ąsst. Meine Ohren sind ganz kalt, die Spitzen beginnen taub zu werden. Ich genie├če dieses Gef├╝hl, die Wirkung, die die k├╝hle, feuchte Luft auf meine Haut hat, die mein Gesicht blass und meine Wangen rot macht. Kurz hole ich meine H├Ąnde aus den Jackentaschen hervor und ber├╝hre meine Ohren. Sofort sp├╝re ich, wie das Blut und mit ihm die W├Ąrme zur├╝ckkehrt.
Die Ampel schaltet auf rot und ich bleibe gehorsam stehen, habe Zeit die Menschen auf der anderen Seite zu betrachten, ihren Anblick in mich aufzunehmen, regelrecht aufzusaugen. Sie sind alle da, meine Bekannten, meine Freunde, meine Gef├Ąhrten, von denen ich nichts weiter wei├č, als dass sie jeden Tag zur gleichen Zeit an dieser Ampel stehen, in der gleichen Reihenfolge und sich gegenseitig nie beachten.
Sie tr├Ągt heute wieder ihre alte, graue Spitzenstola, die vor drei Jahren noch strahlend wei├č war. Ja, sie hat sie sich heute Morgen wieder ├╝ber die breiten Schultern geworfen, um den kr├Ąftig gebauten Oberk├Ârper zu verbergen. Ihre Schuhe sind flach, der winzige Absatz l├Ąngst abgelaufen, die N├Ąhte der Riemchen ramponiert. Das Grau der Stola, das Beige der Schuhe, der Bl├╝mchenrock ganz in Lila, Rosa und Pink gehalten und das Tomatenrot ihres Pullovers ÔÇô die Farbzusammenstellung irritiert mich jeden Tag und manchmal frage ich mich, ob sie vielleicht farbenblind ist. sie wohnt nicht weit von der Kreuzung, an der wir alle hier stumm stehen und auf das erl├Âsende Gr├╝n der Ampel warten. Nur noch ein paar Schritte trennen sie von ihrer Wohnung in dem etwas heruntergekommenen Altbau. Woher kommt sie um diese Uhrzeit? Das frage ich mich jeden Tag, ohne je wirklich meiner Phantasie freien Lauf zu lassen oder nach einer plausiblen Antwort zu suchen, weil ich dieses schwammige, neblig wabernde Gef├╝hl der anonymen Verbundenheit so mag.
Mein Blick wandert zu dem Mann neben ihr. Heute ist er nerv├Âs, sehr sogar. Die Aktentasche unter den Arm geklemmt, steht er in seinem schwarzen Mantel mit den aufgen├Ąhten grauen und braunen Stoffflicken da, mit blank polierten schwarzen Schuhen und blickt alle zwei Sekunden auf sein Handgelenk. In dem Dunst heute kann ich die goldenen Uhr, die er tr├Ągt, zwar nicht erkennen, aber ich habe sie schon oft genug gesehen. Er ist der Typ, dem man auf den ersten Blick den Gesch├Ąftsmann ansieht und den man sich beim besten Willen nicht in legerer Kleidung vorstellen kann. Doch warum h├Ąlt er an seinem alten Mantel fest, der ├╝berhaupt nicht zu seiner ├╝brigen Erscheinung passt? Bis noch vor ein paar Jahren hatte er immer einen exakten Mittelscheitel, doch nun sieht seine Frisur immer topmodern aus. Allerdings kann auch das nicht ├╝ber einige, wenn auch kleine, Falten hinweg t├Ąuschen, die sich um seine Augen sammeln.
Die Ampel schaltet auf gr├╝n und ich habe kaum zwei Schritte getan, als Er schon an mir vorbei hastet. Neues Aftershave, denke ich, als mir einen parf├╝mierter Duft in die Nase weht. Sein alter Mantel bauscht sich hinter ihm auf.
Als ich die andere Stra├čenseite erreiche, sind sie beide schon verschwunden. Jeder in eine andere Richtung.
Es ist die Routine, die mich fasziniert und die auch mich selbst in ihren Kokon eingewickelt hat und nicht mehr gehen l├Ąsst. Diese Gleichm├Ą├čigkeit, die ihren eigenen Regeln folgt und zu einer Art Naturgesetz geworden ist, dem man sich beugen muss, ob man will oder nicht. Es gibt kein Entrinnen, nicht mehr jedenfalls. Es ist wie eine Droge f├╝r mich. Als ob eine unsichtbare Leine mich z├Âge, versp├╝re ich jeden Tag den Drang, auf die Stra├če hinaus zu gehen und meine Wege abzulaufen, ein Teil der Routine zu sein, ein Mitglied dieser ewig wandernden Gruppe.
Obwohl die Wolkendecke heute undurchdringlich scheint und die Temperatur ├╝ber Nacht so weit gefallen ist, dass ich meinen Atem immer als eine kleine Wolke vor mir herschiebe, ist es endlich Fr├╝hling. Die B├Ąume, die den Stra├čenrand s├Ąumen, beginnen wieder auszutreiben, die Blumen zu ihren F├╝├čen bl├╝hen bereits in zarten Farben. Der Himmel hat nicht mehr das bleierne dunkle Wintergrau, die Luft riecht und schmeckt anders, nach Neuem, nach Frische - nach Fr├╝hling.
Als ich um die Stra├čenecke biege, werde ich etwas unruhig. Mit einem kurzen Blick auf meine Uhr vergewissere ich mich, dass ich mich nicht in der Zeit vertan habe. Nein, ich bin p├╝nktlich, weder zu fr├╝h dran, noch zu sp├Ąt. Ein unendlich scheinender Strom an Autos f├Ąhrt an mir vorbei, bis ihm von einer Ampel vor├╝bergehend Einhalt geboten wird, und es schlie├člich wieder weiter geht... Mein Blick irrt zu der Turmuhr, auf die ich zu laufe. Nein, nein, es hat schon alles seine Richtigkeit ÔÇô und dennoch kann ich ihn noch nirgends sehen. Sollte ich mir Sorgen machen? Seit Jahren, ja eigentlich, seit ich jeden Tag morgens meine kleine Runde drehe, kommt er mir entgegen, bleibt ab und zu stehen, um sich nach seinem grauen Pudel umzudrehen, dessen kringeliges Fell die gleiche Farbe hat, wie sein eigener Vollbart und das, was von seinem Haar noch ├╝brig ist. Doch ausgerechnet heute kommt er nicht. Warum? Diese Frage besch├Ąftigt mich, bis ich den Turm erreicht habe und unter dem Torbogen durchgegangen bin. Wenn ihm etwas passiert ist? Oder es seinem Hund nicht gut geht? Am Ende ist der kleine Pudel sogar gestorben... Ich mache mir Sorgen.
Nachdem ich in eine Seitenstra├če eingebogen bin, verlangsame ich meinen Schritt. Mein Herz beginnt schneller zu klopfen und ich w├Ąre am liebsten wieder umgekehrt. Nicht weit vor mir befindet sich eine Fahrschule. Es ist neu, dass manchmal morgens eine Gruppe Jugendlicher davor steht und wartet. Neu, neu. Warum habe ich nicht daran gedacht? Ich laufe so langsam, dass ich fast stehen bleibe. Jemand rempelt mich von hinten an und dr├Ąngt sich, etwas unverst├Ąndliches murmelnd, an mir vorbei. Was soll ich denn nur machen? Schritt f├╝r Schritt n├Ąhere ich mich der Gruppe. Die meisten von ihnen rauchen, sie lachen, machen Scherze, stehen so dicht beieinander, dass auf dem Gehweg kein Durchgang mehr bleibt. Ich will da nicht vorbei. Meine H├Ąnde werden feucht. Verstohlen streiche ich meine graue Jacke glatt, versuche den ├ľlflecken darauf zu verdecken und den Riss, den ich mit ungeschickten, groben Stichen gen├Ąht habe. Sie werden sich ├╝ber mich lustig machen, das wei├č ich. Sie werden still werden, wenn sie auf mich aufmerksam geworden sind und mit den Fingern auf mich zeigen, und lachen, laut lachen... Doch nichts geschieht. Ohne mich zu beachten, treten sie alle einen Schritt zur├╝ck und machen eine kleine Gasse f├╝r mich frei. Rasch lasse ich die Gruppe hinter mir, mein Herz beruhigt sich und ich atme tief, ganz tief die frische Morgenluft ein. Sofort bin ich wieder ruhig, ein berauschendes Gl├╝cksgef├╝hl ├╝berkommt mich. Z├Âgernd bleibe ich stehen, drehe mich kurz um. Ein junges M├Ądchen sieht in meine Richtung. Sie hat gl├Ąnzendes blondes Haar, das ihr h├╝bsches Gesicht wie ein goldener Rahmen umgibt. Als sie meinen Blick bemerkt, l├Ąchelt sie mich an. Sie nimmt einen Zug von ihrer Zigarette und wendet sich wieder jemand anderem zu. Verbl├╝fft setze ich meinen Weg fort, durch kleine Stra├čen und enge Gassen, schlendere vorbei an hastenden Menschen, umgehe Baustellen, bis ich schlie├člich wieder vor meiner Haust├╝re ankomme. Meine Haut prickelt von der K├╝hle, es scheint mir, als ob ich pl├Âtzlich alles ganz klar sehen k├Ânnte. Am liebsten w├╝rde ich hier stehen bleiben, mich ganz von der Morgenluft einh├╝llen lassen, in ihr duschen, baden, sie so tief einatmen, dass sie meinen ganzen K├Ârper ausf├╝llt, mich von innen erfrischt. Ich atme so lange ein, bis ich das Gef├╝hl habe, meine Lungen m├╝ssten auseinander bersten. Ich f├╝hle mich so lebendig.

Der Flur meiner Wohnung ist dunkel. Ich starre in den Spiegel mir gegen├╝ber, der an einigen Stellen schon blinde Flecken aufweist. Blass kann ich mich erkennen. Blass und grau. Ich ziehe meine Schuhe aus, stelle sie ordentlich neben die T├╝re und streife dann meine Jacke ab, um sie auf einen Kleiderhaken an der Garderobe zu h├Ąngen. Es ist immer noch kalt und der Gedanke, dass bald der Sommer kommt, erleichtert mich ungemein. Aus einer Schublade hole ich zwei paar dicke Str├╝mpfe heraus und ziehe sie mir an, genauso wie einen dicken, selbstgestrickten Norwegerpullover, der mir etwas zu gro├č ist. Es gibt keine Heizung, nur einen Kohleofen in meinem Schlafzimmer, aber es ist mir zu m├╝hsam jetzt einzusch├╝ren. Es w├╝rde sowieso nicht reichen, um die ganze Wohnung warm zu bekommen. In der K├╝che mache ich mir einen Topf Wasser warm und h├Ąnge anschlie├čend die zwei Teebeutel hinein, die ich schon gestern gebraucht habe. Als der Tee dampfend fertig gezogen hat, gie├če ich ihn behutsam in meine Lieblingstasse und umklammere sie mit beiden H├Ąnden. Der hei├če Dampf befeuchtet die trockene Haut meines Gesichts. Im Wohnzimmer setze ich mich in meinen alten Sessel und trinke vorsichtig einen Schluck hei├čen Tee. Obwohl meine Fensterscheiben frisch geputzt sind, dringt nur fahles Licht herein. Das Haus auf der anderen Stra├čenseite ist zu hoch, als dass die Sonne jemals zu mir herein scheinen k├Ânnte. Nach kurzem ├ťberlegen z├╝nde ich zwei Teelichter an, die auf dem Tisch zwischen Sessel und Sofa stehen. In der Wohnung unter mir spielt jemand Klavier. Ich wei├č nicht wer, denn ich kenne meine Nachbarn nicht. Sie alle ziehen ein, leben f├╝r eine Weile hier und verlassen dann das Haus wieder. Sie kommen und gehen, nur ich bleibe. Die Musik ist angenehm. Ein bisschen Abwechslung in meiner stillen Wohnung. Mein alter Fernseher ist kaputt, schon seit langem, und auch mein Plattenspieler geht nicht mehr, die Batterien meines kleinen Radios sind leer. Ich trinke noch einen Schluck Tee. Er ist herrlich warm, schmeckt aber etwas fade. Vielleicht h├Ątte ich doch zumindest einen frischen Teebeutel nehmen sollen... Die Musik pl├Ątschert angenehm vor sich hin. Das St├╝ck kommt mir bekannt vor, sicherlich ist es etwas von diesem Mozart oder Beethoven. Ich kenne mich da nicht so aus. Die Flammen der Kerzen brennen ruhig, zucken nur manchmal ein bisschen, wenn ein kr├Ąftiger Windsto├č, meine Vorh├Ąnge tanzen l├Ąsst; die Fenster sind schon recht alt und nicht mehr wirklich dicht. In Gedanken versunken und auch ein bisschen m├╝de zupfe ich an meinem Ohrl├Ąppchen und sehe zum Fenster hinaus, warte auf den n├Ąchsten Morgen.

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├ťber Kommentare jeglicher Art w├╝rde ich mich sehr freuen!
Danke f├╝rs Lesen,
~ Charlene ~

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"You live to make trouble, don't you?"
"Life is nothing without a little chaos to make it interesting."

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Nieselregen
???
Registriert: Jan 2005

Werke: 2
Kommentare: 31
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Ja,

liebe Charlene,
deine Geschichte hat mir ausgesprochen gut gefallen, ohne wenn und aber!
Von Anfang an hast du mich mit deinen pr├Ąziese beobachteten Details und sehr bildhaften Beschreibungen gefangen genommen. Mit der schlichten Beschreibung eines allt├Ąglichen Schicksals der Altersverarmung und -vereinsamung ohne unn├Âtige Effekthascherei oder ├╝bertriebener Dramatik, hast du mich wirklich tief bewegt.
In Zukunft werden solche Schicksale leider viel h├Ąufiger werden, das gibt der Geschichte einen sehr aktuellen Hintergrund.

Liebe Gr├╝├če
Nieselregen

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Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.

Marie von Ebner-Eschenbach

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