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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mückaela reist ins Paradies
Eingestellt am 07. 05. 2014 21:00


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Mükaela reist ins Paradies

Mückaela reist ins Paradies
(nach einer Idee von c. Skrowny)

Ein leiser Wind kam vom Dorf über die Felder zum Waldrand herüber und strich durch das maifrische Blattwerk eines Fliederbusches, der direkt neben dem einsamen Ferienhaus stand. Auf einem seiner Blätter lag völlig entspannt die hübsche Mückaela. Der Wind hatte das Astwerk ein wenig in Bewegung gebracht, sodass das grüne Dach über ihr ab und an ein wenig aufriss, wodurch die Sonnenstrahlen zumindest kurzzeitig bis zu ihrem grazilen Körper durchdringen konnten.
Mückaela quittiert es mit einem nervösen Blinzeln. Sie fühlte sich gestört. Sie lag schon seit fast drei Stunden hier, hatte das obere Beinpaar hinter dem Nacken verschränkt, das mittlere über dem Bauch gefaltet und hielt nur das Untere zwecks sicherem Halt weit abgewinkelt. Ihr Blick ging hinüber zur Kirchturmuhr, deren Zeiger sich auf dem großen Zifferblatt einfach viel zu langsam bewegten.
„Noch nicht mal elf Uhr!“, seufzte Mückaela in sich hinein und konstatierte, dass sie noch mehr als drei Stunden untätig hier herumliegen müsste.
„Hoffentlich lässt wenigstens der Wind nach. Von der Schaukelei wird einem ja ganz dusslig im Kopf“, knurrte sie.
Sie drehte den Kopf nach rechts, in die Richtung, wo ihre Schwester Mücklinde lag und seit Stunden pennte.
„Hat dich auch der Wind geweckt?“, rief sie hinüber.
Statt einer Antwort vernahm sie nur ein ungewöhnlich heftiges Schnarchen, das Mücklindes Rüssel in beängstigende Vibrationen versetzte.

Dann hörte sie ein gedämpftes Plätschern und wandte den Blick in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Von ihrem Standort aus konnte sie direkt in das Badezimmer blicken. Die dicke Menschenfrau wusch sich umständlich die Hände. Wenig später rumorte es in dem kleinen Haus. Türen klappten, und dann sah man, wie die dicke Frau und der dünne Mann ihre Liegestühle auf die Terrasse schleppten und in Position brachten.
Und während sich das Ehepaar genüsslich ausstreckte, um ihre Körper komplett der schon ordentlichen sengenden Sonne auszusetzen, wurde es einen Strauch weiter plötzlich lebendig. Mückaelas komplette Schwesternschar hatte sich dort versammelt, und alle summten wild durcheinander. Mückaela verstand zwar nur einzelne Fetzen, aber sie ahnte, dass es um die weitere Tagesgestaltung ging. Die wenigen Männchen, die teilnahmslos am Sockel des Hauses herum hingen, schien das alles nicht zu interessieren. Die Jünglinge waren von ihren Kopulationsversuchen beim gestrigen Abendschwärmen noch völlig ausgepowert und wollten einfach nur noch in Ruhe gelassen werden.
‚Was sind das nur für Schlapprüssel‘, dachte Mückaela. ‚Da war doch der attraktive Mückojan ein ganz anderer Kerl. Und seine Kinder werden…
Wo blieb er eigentlich?“

Die Erinnerung an das Abendschwärmen mit dem süßen Mückojan löste auf einmal eine, in dieser Form noch nie erlebte, Sehnsucht in ihr aus. Mit einem Wort – mit der Ruhe war es endgültig vorbei.
Statt ihres Paarungs-Gefährten kamen jetzt zwei aufgeregte Schwestern angeflogen und fragten, ob sich Mückaela an dem Großangriff beteiligen wolle.
„Wen wollt ihr denn angreifen?“, fragte sie.
„Na die da!“
Beide wiesen mit ihren Stechwerkzeugen auf das ungleiche Paar in den Liegestühlen.
„Nö, da habe ich jetzt keine Lust“, entschied Mückaela und schloss demonstrativ die Augen.
Heimlich grinste sie in sich hinein.
„Und du, was ist mit dir?“, wandten sich die Beiden an die immer noch schnarchende Mücklinde.
Die musste erst einmal gerüttelt werden, bevor sie die Augen aufschlug und mühsam gegen die Sonne anblinzelte.
„Lasst mich in Ruhe! Und seid nicht so grässlich laut!“, stöhnte die so unsanft Geweckte und gab ein gequältes Ächzen von sich.
„Aber du brauchst doch Blut!“, kam fast schon vorwurfsvoll zurück.
„Aber nicht heute. Ich bin ja sooo krank. Ich leide unter einer fürchterlichen Mückräne.“
Wie zur Bestätigung griff sie sich mit allen sechs Beinen gleichzeitig an den Kopf und rutschte prompt vom Blatt. Sie bekam nicht einmal die Flügel vernünftig ausgebreitet, und so segelte sie unter unkontrollierten Loopings zu Boden.
Einen Moment schauten alle erschrocken nach unten.
„Die ist ja wirklich krank“, rief eine der Schwestern. „Vielleicht ist sie von schrecklichen Mückroben befallen. Wenn das ansteckend ist…“
„Quatsch! Die hat nur einen fiesen Kater!“, brummte es mürrisch von unten, und wenig später kam Dassel-Petra, die nette Bremse von nebenan, hochgesurrt. Zwischen ihre Vorderbeine hatte sie die bedauernswerte Mücklinde geklemmt, die sie jetzt vorsichtig absetzte.
Während sich die Gerettete artig zu bedanken suchte, schien sie allmählich zu sich zu finden. Mit immer noch leicht verstörtem Blick musterte sie die Schwestern, die besorgt um sie herum schwirrte.
„Ich kann den Angriff wirklich nicht mitmachen“, sagte sie und griff sich erneut an den Kopf.
Diesmal benutzte sie nur die Vorderfüße, was ihr ein erneutes Vom-Blatt-Rutschen ersparte.
„Außerdem habe ich schon ausreichend Blut aufgenommen“, setzte sie noch hinzu. Und es mischte sich sogar ein leicht hochnäsiger Unterton in ihre Stimme, als sie fortfuhr: „In den nächsten Tagen soll es sehr warm werden. Da wollte ich mich beeilen, denn es kann nicht lange dauern, bis die Pfützen in den Ackerfurchen austrocknen.“
„Da ist was dran“, summte eine der Schwestern. „Deshalb müssen wir nun schleunigst die beiden Urlauber anzapfen. Es gilt, wirklich keine Zeit zu verlieren!“
Der Rest der Truppe summte zustimmend.
„Nehmt ihr mich mit?“, fragte Dassel-Petra und traf bereits ihre Startvorbereitungen.
Ihre Augen hatten einen diabolischen Glanz angenommen.
„Eigentlich brauche ich im Moment gar kein Blut – aber ich muss den Tod meines Mannes rächen!“, setzte sie erklärend hinzu.
„Was denn – Dassel-Kalle ist tot?“, fragte Mückaela entsetzt.
„Ja“, seufzte Dassel-Petra. „Dieses dicke Menschen-Weibchen dort drüben hat ihn gestern Abend erschlagen. Einfach so. Dabei wollte er sich nur ein bisschen auf ihrem Schwabbelschenkel aufwärmen.
„Das schreit tatsächlich nach Rache!“, rief die Anführerin der Schwesternschar. „Alles hört auf mein Kommando!“ Dann stutzte sie und blickte, auf Mückaela, die noch immer entspannt auf ihrem Blatt herum lümmelte. „Und was ist mit dir?“
„Ich muss leider passen. Habe leichte Rüsselkrämpfe“, seufzte Mückaela ein wenig zu theatralisch, weil sie sich ein Grinsen verkneifen musste. „Ich komme nach, sobald ich kann.“
Die Anführerin hielt das nicht weiter auf, sie nickt nur kurz und rief dann: „Attacke!!!“
Der Schwarm formierte sich und stob, ein diffuses Wölkchen bildend, davon.

Mückaela blickte ihnen nach und ließ nun ihrem Grinsen freien Lauf.
„Die werden sich putzen“, sagte sie zu Mücklinde, die schon wieder gegen das Einschlafen ankämpfte.
„Wieso?“
„Weil sich saubere Pärchen dort auf den Liegestühlen noch vor dem Frühstück mit diesem grässlichen Spray eingedieselt hat. „Autan“ heißt das Zeug.“
„Davon hab ich auch schon gehört“, ächzte Mücklinde. „Soll ganz eklig sein. Da bin ich richtig froh, bereits gestern Abend zugeschlagen zu haben. Auch wenn der Weg weit war und ich jetzt mit diesem Brummschädel herum liege. Morgen lege ich meine Eier, und alles ist überstanden.
„Weiter Weg? Du warst doch nicht etwa am anderen Ende des Dorfes… bei diesem… Fusel-Friedrich?
„Heißt der so?“
„Mensch, durch diese Schnapsdrossel wurden schon ganze Mücken-Generationen degeneriert. Weißt du nicht, wie gefährlich Alkohol für die mückrobiologischen Vorgänge im Körper ist? Deine Kinder könnten alle mit einem Dachschaden auf die Welt kommen!“
„Meinst du?“, fragte Mücklinde, auf einmal kleinlaut geworden.
„Du bist ne Rabenmutter“, erklärte Mückaela „Erst erwählst du beim Liebesschwärmen so einen Mückerling, wie diesem Mückfred, zum Begattungspartner und dann versaust du auch noch deine Eier mit Alkohol.“
Mücklinde sagte nichts. Entweder war sie beleidigt oder schon wieder eingeschlafen. Während Mückaela besorgt lauschte, ob nicht etwa wieder Schnarchgeräusche zu vernehmen wären, wurde die Luft plötzlich durch ein feines Summen erfüllt! Ein Lied – und nur für sie! Verhalten und doch mit kräftigem Flügelschlag vorgetragen, tönte es durch das Blattwerk:

„Du bist alles für mich,
denn ich liebe nur dich,
Mückaela – aha!
und mit dir ganz allein
will ich nur glücklich sein.
Mückaela – aha!

Die so Besungene bekam plötzlich Herzklopfen. Der stark slawisch gefärbte Akzent des, noch ihren Blicken verborgenen, Sängers war ihr nur zu vertraut. Und wie kräftig er sang – ganz ohne Mückrofon.
„Mükojan – wo steckst du!“, rief sie und verdrehte sich fast das Hälschen.
„Ach dieser aufdringliche Mückrant schon wieder“, nörgelte es aus der Richtung, wo Mücklinde lag. „Möchte wissen, was du an dem Polen-Bengel findest. Der macht sich an einheimische Weibchen ran, säuft uns den besten Nektar weg und dann – du wirst es erleben – lässt er dich auf deinen Eiern sitzen.“
„Aus dir spricht der blanke Neid“, konstatierte Mückaela. „Und außerdem dulde ich keine ausländerfeindlichen Sprüche. Also – halt einfach die Klappe!“
Während Mücklinde noch ein wenig vor sich hin brubbelte, ehe sie wieder einduselte, lauschte die hübsche Mückaela völlig verzückt dem Sänger, der jetzt zur zweiten Strophe anhub.

Jeder Tag ist so schön,
weil wir zwei uns verstehn
Mückaela – aha.
Du bist mein Sonnenschein,
laß mich nie mehr allein
Mückaela –aha!

Während seines Gesangs hatte sich der schöne Mückojan immer höher in die Luft geschraubt, und erst beim letzten „Aha“ war er, wie eine Mück-29 in den Sturzflug übergegangen, den er erst kurz vor seiner Angebeteten abfing, um schließlich punktgenau neben ihr zu landen.
„Wie rasant!“, staunte Mückaela und umfing ihren Geliebten mit einem zärtlichen Blick.
„Gutten Morrgen, meine Sohnenscheejn. Gäht dir gutt –ja?“
Er kroch ein wenig näher, umfing mit seinen Beinen ihren grazilen Leib und strich ihr mit den Fühlern zärtlich über das Antlitz.
„Oh Miggaäla – ichch dich lieben sooo säär.“
„Ich dich auch“, hauchte Mückaela und kam ihm leidenschaftlich entgegen.
„Unglaublich! Die treiben es am helllichten Tag. Kein Schamgefühl!“, giftete es von nebenan. „Könnt ihr eure wildgewordenen Hormone nicht wenigstens bis zum Abend-Schwärmen unter Kontrolle halten?“
Mückaela wollte erst eine wütende Entgegnung loswerden, aber dann besann sie sich. Es war tatsächlich unschicklich, bereits vor der Abenddämmerung zu koitieren. Eine feste Mückenregel. Rasch zog sie ihren fast schon wundgeknutschten Rüssel zurück.
„Sie hat Recht. Komm, lass uns ein Stückchen fliegen. Der Tag ist so schön, und drüben auf der ungemähten Wiese finden wir ganz bestimmt leckeren Wildkräuter-Nektar.“
Mückojan schien davon wenig begeistert. Im Gegensatz zu seiner Mückaela besaß der in Aussicht gestellte Nektar für ihn nur wenig Verlockendes. Außerdem hatte er bereits gefrühstückt. Nur ihr zuliebe rang er sich zu einem „Na gutt!“ durch, nicht ohne einen tiefen Seufzer loszulassen.
Er war wohl gerade im Begriff, seinen Puls wieder auf das Normalmaß zu bringen, als plötzlich eine heulende Mücken-Meute in den benachbarten Fliederstrauch einfiel. Der Schwestern-Schwarm kehrte von der Attacke auf das Dünn-Männchen und das Dick-Weibchen zurück.
„Was sein los mit die?“, wunderte sich Mückojan und sah zu, wie die Heimkehrer sich auf den Blättern wälzten, eifrig an ihren Rüsseln herum putzten und sich die tränenden Augen rieben. Einige hatten ganz grüne Gesichter.
„Autan“, sagte Mückaela und grinste. Und als sie Mückajans fragendem Blick begegnete, setzt sie hinzu. „Das ist ein ganz fieses Anti-Mücken-Spray.“
Jetzt kam auch Dassel-Petra angesurrt und setzte sich ungeniert neben das verliebte Paar.
„Du kannst dich glücklich schätzen, hiergeblieben zu sein. Meine Rüsselröhre brennt innen wie Feuer“, krächzte sie und unterdrückte nur mit Mühe einen Hustenreiz.
Zu dritt sahen sie zu, wie der Mückenschwarm, dessen Angriff so wirkungsvoll abgeschlagen worden war, sich ganz allmählich zu erholen begann. Darüber verging aber mehr als eine Stunde. Endlich war man in der Schar der Blessierten bereit, neue Pläne zu schmieden.
„Wir fliegen zum Dorf und suchen dort nach geeigneten Spendern“, entschied schließlich die kräftige Mücktraut, die sich in den letzten Tagen zur Anführerin aufgeschwungen hatte.
„Zu mühselig“, wandte eine der Schwestern ein. „Zugang zur Wohnung finden, Glück haben, wenn tatsächlich jemand zu Hause ist, verräterisches Umherschwirren und zack – schon biste erledigt. Mückenmus! Wollt ihr das?“
„Nee. Lasst uns lieber zum Baggersee fliegen. Dort liegen die Spender reihenweise am Strand herum.“
„Zu weit. Da schaffen wir es nie, um bis zur Dämmerung zurück zu sein.“
Dann übernachten wir eben unterwegs. Das Abendschwärmen ist doch eh nur noch Vergnügen. Oder fühlt sich eine von euch noch unbegattet?“

So ging das noch eine ganze Weile hin und her, bis man schließlich doch beschloss, zu besagtem See aufzubrechen.
Während der Schwarm sich auf den weiten Weg machte, lockte Mückela ihren Mückojan auf die nahegelegene Wiese, um ein wenig Nektar zu schlürfen. Das wurde für sie aber auch Zeit, denn sie hatte en ganzen Tag noch nichts zu sich genommen.
Als sie zurückkehrten stand der kleine Zeiger der Kirchturmuhr bereits fast auf der Zwei, und sein großer Bruder hatte es nicht mehr weit bis zur Zwölf.
Sie ließen sich wieder auf ihrem Stammblatt nieder, wo Dassel-Petra griesgrämig vor sich hin starrte. Mücklinde war verschwunden. Vielleicht hatte auch sie inzwischen Hunger bekommen. Mückojan begann gerade wieder, ein wenig zudringlich zu werden, da schlug die Kirchturmuhr die volle Stunde.
Mückaela löste sich aus der Umarmung ihres nimmersatten Geliebten und schaute hinüber zur Terrasse. Dort lag noch immer das Menschenpaar in der Sonne und ließ sich bruzeln.
„Schön, dass die Beiden so eine Ausdauer haben“, sagte Mücklinde, und plötzlich blitzte es in ihren Augen begehrlich auf. „Jetzt kann ich mich über sie her machen.“
„Und dir den Rüssel verätzen“, knurrte Dassel-Petra, die durch das Glocken-Läuten aus ihrer Lethargie gefunden hatte.
„Irrtum!“, sagte Mückaela. „Ich habe die beiden Menschen beobachtet, als sie sich heute früh im Badezimmer eingesprüht haben. Und ich habe genau gehört, wie das Weibchen sagte: ‚Das Zeug hält uns wenigstens für sechs Stunden die Mücken vom Hals.‘ Und da war es kurz vor acht.“
„Und du meinst…?“
„Ja, ich meine.“
„Na, dann los!“
Schon schwirrten die drei in der Luft und nahmen Kurs auf das nichtsahnenden Urlauber-Pärchen.
„Aus der mache ich einen Streuselkuchen!“, schnaufte Dassel-Petra, ehe sie zum Angriff überging.
Mückaela nahm sich das dünne Männchen vor. Mückojan kreiste als Beobachter über der Szene und gab hin und wieder Tips oder Warnungen.

Ehe das sanft schlummernde Ehepaar diesen Angriff bemerkte, hatten beide schon einige Stiche weg. Zuerst fuhr die Frau, wild um sich schlagend aus dem Liegestuhl hoch und hampelte von einer Beinsäule auf die andere.
„Was hast du denn, mein Schatz?“, rief der Mann verwundert.
„Diese verdammten Mistviecher!“
„Ich merke nichts. Hast du vergessen…?“
„Meine Stiche spürst du erst später“, murmelnde Mückaela und bohrte ihren Rüssel genau zwischen seine mageren Schulterblätter.
„Diese verdammten Mistviecher!“, wiederholte die Frau und kratzte sich Schultern und Bauch, während sich Dassel-Petra längst an einer ihrer Pobacken herum raspelte.
Nun wurde auch der Mann unruhig und rieb sich den juckenden Knöchel.
„Wir hätten uns neu einsprühen sollen“, meinte er. „Ich hole das Spray.“
Schon ging er zum Haus. Als er mit der Sprühdose wieder auf der Bildfläche erschien, war die Gattin immer noch am Umherhüpfen.
„Und du willst morgen ausgerechnet in den Spreewald mit mir fahren!? In dieses Scheiß-Mücken-Paradies?“, kreischte sie.
„So schlimm wird es schon nicht werden. Wenn wir das rechtzeitige Einsprühen nicht verpassen, dann…“
„Ich komme mir schon vor, wie eine wandelnde Graffiti-Wand“, keifte sie weiter, während er sie gewissenhaft besprühte und Acht gab, keine der zahlreichen Hautfalten zu übersehen.

Mückaela und Dassel-Petra hatten sich derweil längst in Sicherheit gebracht und beobachteten die Szene gemeinsam mit Mückojan von ihrem Busch aus. Von dem weiteren Dialog der beiden Menschen bekam Mückaela nichts mehr mit. Ein Wort hatte sich in ihrem schönen Köpfchen festhakt und ließ sie nicht mehr los. Mückenparadies!!!
Wo mochte das sein? Sie fragte Mückojan danach.
„Spreewald – ich schon gehörrrt davoon. Soll sein, ein bischen wie mein Heimat – die Masuren. Viel Wasser.“
„Da will ich hin! Hier ist es für uns alles andere als paradiesisch!“
Sie dachte daran, wie umständlich und gefahrvoll es war, an Blut zu kommen. Auch an geeigneten Brutstädten fehlte es. Die meisten Mückenfamilien trugen als Nachnamen die Bezeichnung von temporären Pfützen. Gleich nebenan lebte ein Schwarm, deren Angehörige alle „von Lache 13“ hießen. Sie selbst war eine geborene „von Regentonne“. Auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.
„Lass uns dort hin fahren. Wir schleichen uns einfach in das Auto, verhalten uns während der Fahrt friedlich, und am Ziel verlassen wir den Wagen wieder. Genauso hast du es doch von den Masuren bis hierher geschafft.“
Mückojan dachte nur ganz kurz nach, dann nickte er. Reisen war ohnehin seine Leidenschaft. Doch dann fragte er: „Und du willst wirklich ohne deine Schwestern…?“
„Ich habe doch dich!“, fiel sie ihm ins Wort und sah ihn mit verliebt glänzenden Augen an, woran jede einzelne Fassette mit gleichem Eifer beteiligt war. Und nach einen Moment des Nachdenkens schob sie die Frage hinterher: „Du bleibst doch bei mir?“
„Auf äwieeg“, versicherte Mückojan – vielleicht einen Tick zu schnell. Aber davon merkte Mückela nichts.
„Nehmt ihr mich mit?“, hörte man Dassel-Petras Stimme aus dem Hintergrund. „Meinen Mann haben heute die Ameisen bestattet. Was hält mich noch hier?“
Es gab keine Gegenstimmen.

Und so kam es, dass am nächsten Morgen eine schwangere Mückenfrau, ein mit Testosteron vollgestopfter Mückenmann und eine schmucke Bremsen-Witwe klammheimlich unter den Rücksitzen eines klapprigen Opels krochen und wenig später eine Reise antraten, die kaum bis zum Mittag dauerte.
„Das also ist das Mückenparadies“, sagte Mückaela nach dem Aussteigen, und ein Hauch von Ergriffenheit legte sich über ihre Seele.
Sofort machten sie sich gemeinsam auf, um die nähere Umgebung zu erkunden. Und in welche Richtung sie auch flogen, überall begegneten sie entspannten Artgenossen, die sich an unzähligen, wehrlos auf Kähnen sitzenden, Touristen nach Herzenslust satt soffen oder an den zahllosen Tümpeln und Altarmen das Gedeihen ihrer Brut beobachteten. Und zwischen all den vielen Wasserläufen gab es prächtige Wiesen mit blühenden Kräutern.
Während Mückaela alles in sich aufnahm und ihr Glück kaum zu fassen vermochte, träumte Mückojan von Massen-Schwarm-Flügen, wo er unter tausenden von Mückenmädchen die Qual der Wahl haben würde. Aber das war noch Zukunftsmusik. Der Sommer hatte ja gerade erst begonnen. Zunächst würde er brav an Mückaelas Seite bleiben.
Auch in Dassel-Petra schien der Schmerz um den verlorenen Gatten abzuebben. Fühlte sie sich doch auf Schritt und Tritt von unzähligen männlichen Bremsen-Blicken umworben. Angesichts ihrer ungebrochenen Wirkung auf die bremsische Männerwelt war auch ihr um die Zukunft nicht Bange.
Nachdem sie gemeinsam einige Stunden geschaut und gestaunt hatten, vermochte Mückaela dem verlockenden Geruch von vor sich hin dümpelndem Wasser plötzlich nicht mehr zu widerstehen. Auf einmal wurde der Drang in ihr übermächtig, der sie förmlich zur Eiablage zwang.
„Ich bin gleich wieder da“, summte sie und schwirrte zu einem der vielen Altarme.

Einige Zeit später – man hatte sich inzwischen richtig eingelebt –schlüpften ihre Kinder aus den Larven. Das erste Mädchen, das sich summend in die Lüfte erhob, tauften die stolzen Eltern auf den Namen der Mutter.
„Mückaela vom Diamentengraben“ – ein wahrhaft fürstlicher Name.


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