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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Mücke
Eingestellt am 12. 08. 2003 16:51


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Buffy
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2003

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Wege des Lebens
© 2003 by KW
<Buffy>

Mücke

Mein erster Mann starb an der parkinsonschen Krankheit. Ich war 30 Jahre alt.
Durch Hepatitis C verlor ich meinen zweiten Mann. Ich war 40 Jahre alt.
Meine Stieftochter starb an Krebs. Ich war 50 Jahre alt.
Ich durchlebte diese Jahre ohne Freunde und ohne menschlichen Trost.
Erst nach diesen Erfahrungen machte ich meine ersten Schritte in Richtung Spiritualität und fragte, voller Wut, Zorn, Schuldgefühlen, nach dem WARUM?
Ich las mich durch alle vier Himmelsrichtungen und blickte in jede Religionsgemeinschaft.
Aber ich fand keinen Trost. Keine gelesenen Worte erreichten mein erstarrtes Herz.
Der unbewusste Verdrängungsmechanismus funktionierte einwandfrei.
Man brachte mir verhaltensgestörte und todkranke Tiere, obwohl ich keine Tiere wollte.
Keine Bindungen, kein Schmerz.
Ich begrub diese Tiere, wenn sie starben und fragte nur immer nach dem WARUM?
WARUM? TOD? WARUM?

Es war der Monat September. Ich erinnere mich an diesen kühlen, nebeligen Tag. Der Temperatursturz der vergangenen, regenreichen Tage, hinterließ den Geruch nach beginnendem Herbst.
Es war September, als man mir die ca. vier Tage alte Katze brachte. Herrchen und Hund fanden sie bei dem morgendlichen Gassigehen. Mein Verstand sagte mir, es ist zwecklos.
Dieses Tier hat keine Chance.
Unserer Recherche nach, war dieses Würmchen länger als vierundzwanzig Stunden ohne Nahrung und in einer Wasserlache eingeklemmt gewesen. Hund schaute zu Herrchen und Herrchen auf mich. Ich schaute auf das kleine Bündel Fell.
So holte ich eine warme Decke, wickelte Würmchen ein, und die Fahrt zum Tierarzt war beschlossen.
Auch der Tierarzt war nicht sehr optimistisch. Dieses dreckige kleine Bündel Fell, dass ich in meiner Hand hielt, bestand nur aus Augen. Großen, noch geschlossenen Augen. Ich fühlte den kräftigen Herzschlag durch das kalte verklebte Fell in meiner Handfläche. Der Tierarzt schaute mich fragend an, ich schaute fragend auf meine Handfläche, den Pulsschlag fühlend. Versuchen wir es, es liegt an der Katze ob sie leben will, äußerte ich meine Gedanken dem Arzt.
Und die Katze wollte leben.
Sie schaffte die ersten kritischen drei Monate. Die Monate in denen ich im Wohnzimmer schlief. In ihrer Nähe blieb. Den Wecker alle zwei Stunden neu einstellte. Monate in denen ich mich schlaftrunken erhob, sie fütterte, reinigte und ihren Schlafplatz im Hasenkäfig reinigte.
Ich nannte sie Mücke.
Sie war wie eine Mücke. Lästig, aufdringlich, fordernd und voller Tatendrang. Sie legte sich mit den beiden ebenfalls mit der Flasche aufgezogen, Katern an und schurrte dem Hund um die Schnauze, wenn er mal schlafen wollte. Da aber unsere Hündin und einer unserer Kater schon sehr kritische Operationen über sich ergehen lassen mussten, wurde Mücke anerkannt und ein gleichberechtigtes Mitglied in der Tiergemeinschaft.
Als ich Mücke sterilisieren ließ, stellte der Tierarzt fest, dass die Nierenfunktion von Mücke nur ca. 60 % betrug.
Ich war mit Krankheiten vertraut und meine Erfahrung sagte mir, es wird ein Weg des Leidens werden, wenn ich die Katze am Leben erhielt. Der Tierarzt schloss sich meiner Meinung an.
Doch ich hatte nicht mit dem Lebenswillen dieser großen runden Katzenaugen gerechnet. Diese Augen wussten und diese Augen sagten mir, was ich tun sollte.
Ich ließ mich voll und ganz auf diese Augen ein und erlernte so Mücke’s Wünschen gerecht zu werden.
Ihr erster Wunsch, sie wollte leben.
-2-

Mücke lehnte Diätfutter ab, wollte keine Sonderbehandlung und keine Mitleidsbezeugungen.
Der zweite Wunsch, die Tiergemeinschaft durfte durch mich nicht beeinträchtigt werden.
So lernte ich katzenhaft zu denken. Gab den gesunden ein Leckerli und Mücke ihre Medizin.
Die Hündin bekam Traubenzucker in ihr Trinkwasser, weil Mücke nur aus dem Napf trank.
Die Schnittblumen lebten mit Natrium und Fachinger Heilwasser, weil Mücke Blumenwasser liebte. Inzwischen merkte die Tiergemeinschaft, das Traubenzucker, Fachinger und Natrium nicht gerade schlecht schmeckt und so war Mücke trotz ihrer schweren Krankheit kein Außenseiter geworden. Sie blieb zwar klein und dünn, um nicht zu sagen hager, aber sie war auch eine Genießerin. Das bemerkte ich, als mein Mann mir einen Kashmirpullover schenkte. Mücke war nie eine Schmusekatze gewesen. Als ich ihn das erste Mal trug, sprang Mücke auf meinen Schoß und kuschelte sich in die weiche Wolle. So bekam sie den Beinamen „Kashmir.“
So wurde mein Pullover, ihr Pullover und ich sparte an anderer Stelle, um mir ab und zu dem Luxus eines neuen Kashmirpullovers zu leisten.

Trotzdem ließ sich die Krankheit nicht aufhalten.
Sie schritt zwar langsamer, durch Spülungen, Spritzen und Infusionen nicht ganz so schmerzhaft, immer weiter voran.
Jedes Mal, wenn der Tierarzt ernsthaft fragte, es wäre für das kleine Tierchen besser, sagte Mücke nein.
Dann kam der Tag X!
Die Blutwerte verschlechterten sich rapide und der kleine Körper mit den großen klaren Augen wurde noch magerer. Ich musste eine Entscheidung treffen, doch ich wollte nicht. Versuchte es zu verdrängen. Fragte zornig nach dem WARUM?
Ich konnte Mücke nicht mehr ansehen, es zerriss mir das Herz. Mücke begriff sofort. Sie kam nicht mehr schmusen und ging mir aus dem Weg. Sie vermied es, sich in einem Raum mit mir aufzuhalten, oder verschwand still und leise in die Kleiderschränke, wenn sie mich hörte.
Mein Verhalten tat mir weh, ihr Verhalten tat mir auch weh.
Dann sprach ich mit meiner Heilpraktikerin über meine Katze und dass ich mich nicht länger vor der Verantwortung drücken könne.
Diese Frau sagte zu mir, betrachten sie ihre Katze als ihren Gast. Sie bieten ihr die Gastfreundschaft. Doch wenn ihr Gast gehen möchte, dann halten sie ihn nicht auf. Ein Gast kommt, doch er geht auch wieder. Akzeptieren sie die Entscheidungen ihrer Gäste.
Als ich einige Stunden über diese Worte nachgedacht hatte, musste ich dieser Frau in allen Punkten recht geben. So hatte ich es zuvor nicht gesehen. Mücke war nicht mein Eigentum. Mücke war mein Gast. Sie hatte mir sehr viel Freude bereitet, aber wenn sie jetzt abreisen muss, dann muss ich sie abreisen lassen.
Noch am gleichen Abend kam Mücke zu mir und sprang auf meinen Schreibtisch. Ich schrieb gerade an einem Tiergebet. Sie schaute mich an und ich hörte mit meiner Arbeit auf. Dann sagte ich den großen klaren Augen die Worte, die mir meine Heilpraktikerin gesagt hatte.
Zum Schluss sagte ich noch, dass, wenn sie gehen wollte, es mit mir OK ist.
Ab diesem Moment war sie wieder die kleine verschmuste Katze. Ich trug nur noch Kashmir und konnte Mücke ohne Scheu in die Augen schauen. Es tat nicht mehr ganz so weh.

Ein paar Monate kam Mücke nach einer Infusion zu mir aufs Bett. Sie kuschelte sich in meine Armbeuge. Ihr kleines Köpfchen berührte mein Ohr und ihre Barthaare kitzelten mich.
Ich schaute in ihre Augen. Sie sagte mir, es ist soweit.
Am nächsten Morgen fuhren wir zum Tierarzt. Mücke machte auf der Fahrt ein paar mir unbekannte Miautöne. Diese Tonlage hatte und habe ich bis heute nie mehr von einer Katze gehört.
Es war ein friedlicher Augenblick und ich war voller Dankbarkeit, als Mücke in meinen Armen
einschlief.
Heute noch sehe ich die großen, runden, klaren Augen in dem kleinen Katzenköpfchen vor mir. Augen die mir sagen, siehst du, ich habe immerhin 7 Jahre geschafft. Sieben Jahre in einer Gemeinschaft, die mich und meine Krankheit toleriert.
Aber ich habe es dir ja gleich gesagt. Ich will leben.
Danach begann ich vorsichtig die eigene Trauerarbeit nachzuholen, die ich bei den geliebten Menschen und Tieren verdrängt hatte.
Mücke war und ist bis heute meine Lehrmeisterin und sie war einer meiner liebsten Gäste.

In Erinnerung an Mücke.











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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
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hallo Buffy,

ich würde gerne mehr über deine spirituellen Kenntnisse bzw. Erkenntnisse erfahren. Du schreibst sehr interessant.
Lass uns noch ein wenig teilhaben an deinem Leben.

mfG
anemone

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