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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Münchhausen - Syndrom
Eingestellt am 01. 03. 2011 00:52


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Herbert Schmelz
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Münchhausen – Syndrom
Plagiat und Unzurechnungsfähigkeit des Freiherrn zu G.

Das Gewicht der Plagiatsaffäre hat zu Guttenberg am Halse hängen, seinen Doktortitel bereits verloren. War's das? Als führte die Angelegenheit ein verschwörerisches Eigenleben, wird in diesen Fastnachtstagen viel Spott und auch intellektuelle Energie aufgeboten. Im günstigen Fall lässt sich das verstehen als harte Arbeit für eine demokratische Problemlösung. Ist aus dieser Sicht die schnell erhobene Rücktrittsforderung überhaupt zweckmäßig? Wenn sie illusionslos unsere Sinne schärft, dann wird man sie eines Tages als der Demokratie dienlich einschätzen dürfen, weil sie uns politisch schlauer gemacht hat. Aber direkt zweckmäßig kann die Rücktrittsforderung aus meiner Sicht nicht genannt werden, weil ihr Erfolg hochgradig vom Willen der Kanzlerin und ihres Ministers abhängt. Und hier herrscht anscheinend der absolute Unwille.

Der Grund hierfür ist: Trotz aller Not und Unfähigkeit zu nachhaltigen Problemlösungen, kann sich die Kanzlerin in der trügerischen Ruhe der Weltfinanzunordnung auf eine satte parlamentarische Mehrheit stützen. Diese Mehrheit ist sofort gefährdet, wenn sie ihr CSU-Zugpferd gegen den demoskopischen Trend einfach auswechselt. Die Mehrheit ist auch dahin, wenn durch eine unerwartete Wiederkehr der Weltfinanzkrise die Handlungsunfähigkeit der schwarz-gelben Regierung offen liegt. Die Kanzlerin ist an die selbst geschaffenen Regeln ihrer politischen Netzwerke und ihre populistische Politikgrundlage gebunden.

Die ‚Blendgranaten’ des bayrisch-fränkischen Freiherrn können die sensibleren Kräfte der Regierung Merkel noch locker als ‚zweite Chance’ für den ein wenig deprimiert wirkenden Minister bemänteln. So hat zuletzt Wissenschaftsministerin Annette Schavan von der 'zweiten Chance' für zu Guttenberg gesprochen, obwohl sie ernste 'Bauchschmerzen' dabei verspüre.

Und das Gerücht von seiner 'erfolgreichen Politik'? Das Eckpunkteprogramm zur ‚Bundeswehrreform’ (angeblich Kosten günstige Abschaffung der Wehrpflichtarmee und Aufbau einer ‚modernen Berufsarmee’ mit weniger Personal und flexibleren Einsatzmöglichkeiten) ist nicht viel mehr als ‚heiße Luft’. Und wenn jetzt diese ’Reform’ nach Art einer Werbekampagne in's Trippeln kommt, treibt sie wegen ihrer Stilbrüche und chaotischen Konzeption jedem Militärliebhaber Tränen in die Augen. Die feinsinnigen Geister im Kanzleramt hielten die Vorschläge des Ministers schon vor dem aufgespießten Doktor für eine ‚nur sehr rudimentäre und unausgewogene Grundlage’. Es handelt sich hier um Scheinwerferlicht im grauen Regierungsalltag.

Nun hören wir den anschwellenden Empörungsschrei der Wissenschaft. Einerseits scheint sie in fragwürdigen rechtlichen Konstruktionen und Machtkalkülen gefangen zu sein. In Bayreuth entschied die Promotionskommission auf Basis allgemeinen Verwaltungsrechts: Der Doktorgrad wird aberkannt. Die eigene Promotionsordnung wird hinten angestellt, um die Täuschungen erst später als 'kompliziertes' Problem zu klären.

Kaum waren die Worte aus Bayreuth verhallt, triumphierte die Kanzlerin. Die Promotionskommission habe entschieden, „was der Verteidigungsminister vorgegeben hat“. (Er beantragte nach unsäglichem Herumgeeiere schließlich selbst die Aberkennung des Doktors).Da Angela Merkel diese Entscheidung als „richtig“ und „logisch“ bezeichnet, kann man auf der Uni-Ebene nur eine untertänige Verneigung sehen, während es in Berlin schlicht und einfach um populistische Machtvorteile geht. Die FDP wittert natürlich hinter den Kulissen Schäden, für die sie nicht verantwortlich gemacht werden will.

Andererseits fühlt sich der Erstentdecker zu Guttenbergscher Plagiate, Andreas Fischer-Lescano, tief enttäuscht, dass, aus seiner Sicht, mafiose Netzwerke mit ihrer Moral des "Gebens und Nehmens" in der Lage sind, in Wissenschaft und Politik gleichermaßen zu blenden, ohne dass sich handfeste gesellschaftliche Konsequenzen abzeichnen.

Fischer-Lescano setzt allerdings eine intakte bürgerliche Gesellschaft voraus, deren Gerichte auch mal logisch zur praktischen Wirklichkeit der Prinzipien Freiheit und Verantwortung entscheiden: 'Gerade dann, so der VGH Mannheim in seinem Beschluss vom 13. Oktober 2008, wenn ein Verweis auf die Fundstelle ganz unterblieben sei, liege „unzweifelhaft eine Täuschung über die Urheberschaft der Gedanken vor". Es werde darüber getäuscht, „dass die Leistung von einem Anderen stammt“ '.

Und dann der letzte, bedeutsame Selbstzweifel des kritischen Rechtswissenschaftlers: „Den Vorsatz kann man im Grunde nur noch dann verneinen, wenn der Autor unzurechnungsfähig wäre“. Und genau dies hat der Minister mit dem Verweis auf den ‚Blödsinn’ in seiner Arbeit angedeeutet. Er sagte ferner, dass er so überheblich gewesen sei, ernsthaft Wissenschaft und Politik miteinander vereinbaren zu wollen. Das sei wohl der Versuch gewesen, die 'Quadratur des Kreises' zu bewerkstelligen.

Damit zielt er auf eine vorüberegehnde Unzurechnungsfähigkeit ab. Sollten wir somit vermuten dürfen, dass er noch heute unter der schweren psychischen Störung leidet, die in die medizinische Diagnostik seit etwa 50 Jahren unter der Bezeichnung Münchhausen-Syndrom Eingang gefunden hat? Die Vorausschau auf eine mögliche strafrechtliche Verurteilung ist durchaus günstig. Vor 50(!) Jahren war es Friedrich Zimmermann(CSU) gelungen, der unter Kohl in den 80er Jahren als Bundesinnenminister tätig war, seine Verurteilung wegen Meineids in der bayerischen Spielbankaffäre durch ein medizinisches Gutachten -Zuckerschock zum Zeitpunkt des Schwurs- in Freispruch umzuwandeln. Ernsthafte Störer dieses Rechtsfriedens wurden verfolgt.

Gegenwärtig jedoch muss der positive Einfluss auf die Moral gesehen und berücksichtigt werden, den unter anderem engagierte junge Wissenschaftler, mit Suchmaschinen bewaffnet, als kritischen Protest seit zwei Wochen gegen den undemokratischen Populismus entfaltet haben.

(Ohne wissenschaftlichen Anspruch und ohne Werbeabsicht stand mir für’s Zitieren die Frankfurter Rundschau zur Verfügung)


__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 01. 03. 2011 00:52
Version vom 01. 03. 2011 21:36
Version vom 02. 03. 2011 16:35
Version vom 02. 03. 2011 17:29
Version vom 03. 03. 2011 09:27
Version vom 08. 03. 2011 11:56
Version vom 01. 04. 2011 07:58

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jon
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Hallo Herbert,

ich freue mich, dass deine Texte zunehmend lesbarer werden. Ich hab ganz gern mal ein wenig komplexere Gedankengänge neben den kurzen Prinzipiell-Brocken, die man in Radio und TV so vor die Nase geworfen bekommt (Deutschlandradio ausdrücklich ausgenommen).

In diesem Text scheint mir Folgendes noch nicht so richtig gut gelungen:

quote:
Führen Spöttereien und intellektuelle Anstrengungen beträchtlichen Ausmaßes in der Sache des Verteidigungsministers zu Guttenberg, der eine moralisch-wissenschaftliche Plagiatsaffäre am Hals hängen und seinen Doktortitel bereits verloren hat, zu einer spürbaren demokratischen Problemlösung?
Uff! Was für ein erster Satz! Da bleibt mir glatt der Atem weg. Wie wäre es, den Einschub wegzulassen und als nähere Eingrenzung „in der Plagiats-Angelegenheit des Verteidigungsministers" zu schreiben?

quote:
Aber unmittelbar zweckmäßig kann die Rücktrittsforderung aus meiner Sicht nicht genannt werden, weil zur Zeit, bei allem Unvermögen und aller Hilflosigkeit der Regierung, die satte parlamentarische Mehrheit durch kein politisches Großereignis bedroht istKomma Liquidierungen in Finanzindustrien und in der Realwirtschaft finden aber statt und können plötzlich, überraschend auftreten.
Der Satz ist recht unübersichtlich und „hakt“ selbst mit dem Komma. Ich persönlich verstehe darüber hinaus auch nicht, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Ich hätte höchstens gedacht, dass es in einer "entspannten" Lage einfacher sein sollte, Personal auzutauschen, damit man bei Eintreten der Spannung mit besseren Leuten aufwarten kann. (Tun wir mal so, als gäbe es eine "bessere" Alternative zu zu Guttenberg.)



quote:
Die ‚Blendgranaten’ des bayrisch-fränkischen Freiherrn können die sensibleren Kräfte der Regierung Merkel noch locker als ‚zweite Chance’ für den ein wenig deprimiert wirkenden Minister bemänteln. Sein Eckpunkteprogramm zur ‚Bundeswehrreform’ (angeblich Kosten günstige Abschaffung der Wehrpflichtarmee und Aufbau einer ‚modernen Berufsarmee’ mit weniger Personal und flexibleren Einsatzmöglichkeiten) ist nicht viel mehr als ‚heiße Luft’. Und wenn diese ’Reform’ ernsthaft in Angriff genommen wird, treibt sie wegen ihrer Stilbrüche und chaotischen Konzeption jedem Militärliebhaber Tränen in die Augen. Die feinsinnigen Geister im Kanzleramt hielten die Vorschläge des Ministers schon vor dem aufgespießten Doktor für eine ‚nur sehr rudimentäre und unausgewogene Grundlage’. Es handelt sich hier um Scheinwerferlicht im grauen Regierungsalltag.
Den ersten Satz versteh ich nicht wirklich – was ist "das Mäntelchen zweite Chance"? Zu Guttenbergs Geständnis, das "Verzeihen" möglich macht? Ist das die "Blendgranate"? Wenn ja: Um von der Reform abzulenken? Aber die braucht doch keine "zweite Chance" … Vielleicht kannst du diesen Absatz leichter durchschaubar machen.

quote:
Nun hören wir den anschwellenden Empörungsschrei der Wissenschaft, die einerseits in Gefangenschaft lebt und in einer Blitzentscheidung auf der Basis allgemeinen Verwaltungsrechts den Doktortitel entzieht, ohne nach der eigenen, bindenden Promotionsordnung einer nahe liegenden Täuschung auf den Grund zu gehen.
Zu diesem "einerseits" fehlt ein "anderseits". Das "anderseits" untengehört zu einem "die Wissenschaft einerseists", nicht zum dem "die Wissenschaft, die einerseits".
In welcher Gefangenschaft lebt die Wissenschaft?

quote:
triumphierte die Kanzlerin: Die Bayreuther Promotionskommission habe entschieden, „was der Verteidigungsminister vorgegeben hat“. Daher sei diese untertänige Entscheidung „richtig“ und „logisch“.
Sie hat nicht wirklich gesagt, die Unileute hätten untertänig gehandelt, oder?


__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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