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Leselupe.de > Kurzprosa
Mütterliche Qualitäten
Eingestellt am 26. 07. 2005 20:07


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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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1. Version:

Heute war ich mit meiner Mutter in der Stadt. Ich habe etwas gesehen, das ich schon lang nicht mehr gesehen habe.

Weil ich schon lang nicht mehr wirklich hingeschaut habe. Ich weiß ja wie Mütter sind.

Die Gewalt der Mütter ist meistens ein Zupfen, kein Zerren.
Zumindest, sobald man zu groß ist, um von ihnen dort hin gezerrt zu werden, wo sie einen haben wollen. Aber um einen herumwuseln und an einem herum zupfen, das können sie nach wie vor – die Strähne aus dem Gesicht, die Flusen vom Pullover. So willst du aus dem Haus? Geh nicht so krumm! Dieses Zischen ist dann das akustische Äquivalent zum Zupfen. Und was ernte ich, wenn ich mir das verbitte – ernergischst!, nämlich - ? Sch, Sch, nicht so laut. (Man muss sich ja schämen mit dir.)

Sch! Sch. Hat sich was, sch. Sch funktioniert bei mir nicht! Jeder weiß das. Keiner probiert das. Außer meiner Mutter natürlich. Und was jetzt? Extra-Laut? Trotzkopf-Revival? Kuschen wäre kindisch. Bocken auch. Eine Lose-Lose Situation.

Ich übergehe das dann elegant. Ich studiere auswärts. Und daheim übe ich mich in selektiver Wahrnehmung. Sich bekochen lassen, mit Klatsch versorgt werden, Bücher ausborgen, immer wen haben zum Spazieren-Gehen – wunderbar. Das Zischen? Hintergrundgeräusch. Lässt sich ausblenden. Und es gibt einen Trost, diese zwei Worte, die träufle ich mir wie Balsam auf die blanken Nerven, diese zwei Worte, die da lauten: Alle Mütter. Alle Mütter sind so. Denn die paar Society-Tussen, die in den Illustrierten im Partner-Look mit ihren Töchtern posieren und auf beste Freundin machen, sind ein Fake. Und wären sie echt – umso schlimmer! Die Mutter als beste Freundin? Wer sollte das wollen?

Natürlich kann ich mit meiner Mutter nicht über alles reden. (Schon okay. Kein Bedürfnis.) Ebenso natürlich waren mir die verbalen Gefechte mit ihr immer eine Bereicherung – lehrreich in Bezug auf Strategie und Wahl der Waffen. So fetzt man sich also. Irgendwo muss man's ja lernen. Und die eigene Mutter ist und bleibt doch der beste Sparring-Partner. Schließlich aber habe ich die Hauptlehre gezogen, nämlich die, dass mein Kampfstil (= Schotten dicht, lass mich angelehnt) und der meiner Mutter (Steigerung der Dosis an wüsten Beleidigungen "Sonst dringt man ja gar nicht mehr zu dir durch!") in Kombination unschöne Ergebnisse liefern. Und ab dann wird das Ganze unergiebig.

Vor allem weil ich ja die Möglichkeit von konstruktiver Konfliktbewältigung mit der eigenen Mutter sowieso für eine Legende halte. Meine zum Beispiel: Da bringt sie erst 3 völlig plausible, brauchbare Argumente und dann kommt das vierte, halt- und zusammenhanglose, oder zumindest maßlos überzogene, das mich leider zwingt, ihren Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte zu hinterfragen. Ach Mam, ich kann dich nicht mehr in jedem Fall ernst nehmen, um unser beider willen nicht. Sei froh. Denn, wenn ich dich ernst nehmen würde…

Man streitet nicht mehr, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Man gibt sein Nicht-Einverständnis zu Protokoll, und dann nach. Nicht mehr wie früher, weil die Mutter ja doch am längeren Ast sitzt. Nein. Man gibt nach, weil der Klügere nachgibt.

Ich finde das nicht tragisch, ich schätze, das gehört zum Erwachsen Werden. Irgendwann musst du eben zusehen, dass du Land gewinnst. Und wenn Mütter nicht so wären, wie sie sind, gäbe es nur halb so viel Anreiz dazu.

Und doch, manchmal finde ich es schade, dass ich meine Mutter nicht mehr ernst nehmen kann. Dann bin ich nicht so scharf darauf, die Klügere zu sein, denn dann ich find ich mich selbst gar nicht so arg klug und ja, was mach ich dann?

Heute war ich mit meiner Mutter in der Stadt, das heißt, wir waren eigentlichen schon wieder auf dem Heimweg, wir warteten nur noch auf den Bus. Beim Lokalbahnhof, triste Gegend, das Leben pulsiert woanders.

Ich, in meine Lektüre vertieft, bemerkte es erst, als meine Mutter mich darauf aufmerksam machte: das weinende Kind an der Straßenecke. Ich bin ganz groß darin, plärrende Kinder nicht zu bemerken – dank der bereits erwähnten selektiven Wahrnehmung, in der ich es inzwischen zu wahrer Meisterschaft gebracht habe. (Musste ich auch – ich fahr viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln.) Aber das hier war etwas anderes. Das war kein "Die blöde Mama will mir das Matchbox-Auto nicht kaufen"-Plärren an der Supermarktkasse. Das war der bitterlichste, jämmerlichste Laut im ganzen Universium: das Weinen eines verlassenen Kindes. Es war vielleicht drei, höchsten vier Jahre alt. Zu wem gehörst du denn, Würmchen? Aber da war niemand in Sicht. Da waren nur meine Mutter, ich und das weinende Kind.

Wenn wir was machen, dann aber gleich, sagte ich, der Bus kommt in 5 Minuten. Wir gingen hin und ich wusste nicht, was wir tun sollten. Meine Mutter nahm das Kind – es war ein Mädchen - auf den Arm, und schaukelte es ein wenig und machte Sch, Sch, Mausal, was ist denn los? Was hast du denn? Wo ist denn die Mama? Das Kind konnte nicht antworten, es sprach vielleicht unsere Sprache nicht, aber das war auch egal, es brachte sowieso kein Wort heraus, nur Schluchzer, ganz heftige, jämmerliche Schluchzer, von denen es gebeutelt wurde, sodass es vor allem erst einmal beruhigt werden musste. Und das tat meine Mutter, und machte beruhigende Laute – Sch, Sch, Mausal – da ist die Sprache egal. Darauf kommt es an dachte ich, es ist ganz einfach. Und ich hätte es trotzdem nicht gewusst.

Wir haben die Mutter dann doch noch gefunden, ein paar Straßen weiter, wir haben sogar den Bus noch erwischt. Und ich, ich werde mir dieses Bild merken. Wie jung sie aussieht, mit dem Kind auf dem Arm. Und wie erwachsen. Meine Mutter. Nervtötend, hysterisch, nicht kritikfähig, ewig nörgelnd, immer flink zur Hand mit der emotionalen Erpressung, unfair und alles.

Aber das mit dem Sch, Sch, Mausal, das hat sie immer noch drauf.





2. Version:

Heute war ich mit meiner Mutter in der Stadt. Ich habe etwas gesehen, das ich schon lang nicht mehr gesehen habe. Ich habe aber auch schon lang nicht mehr wirklich hingeschaut. Denn ich weiß ja wie Mütter sind.

Die Gewalt der Mütter ist meistens ein Zupfen, kein Zerren.
Zumindest, sobald man zu groß ist, um von ihnen dort hin gezerrt zu werden, wo sie einen haben wollen. Aber um einen herumwuseln und an einem herum zupfen, das können sie nach wie vor – die Strähne aus dem Gesicht, die Flusen vom Pullover. So willst du aus dem Haus? Geh nicht so krumm! Dieses Zischen ist dann das akustische Äquivalent zum Zupfen. Und was ernte ich, wenn ich mir das verbitte – ernergischst!, nämlich - ? Sch, Sch, nicht so laut. (Man muss sich ja schämen mit dir.)

Sch! Sch. Hat sich was, sch. Sch. funktioniert bei mir nicht! Jeder weiß das. Keiner probiert das. Außer meiner Mutter natürlich. Und was jetzt? Extra-Laut? Trotzkopf-Revival? Kuschen wäre kindisch. Bocken auch. Eine Lose-Lose Situation.

Man streitet nicht mehr, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Man gibt sein Nicht-Einverständnis zu Protokoll, und dann nach. Nicht mehr wie früher, weil die Mutter ja doch am längeren Ast sitzt. Nein. Man gibt nach, weil der Klügere nachgibt.

Und doch, manchmal finde ich es schade, dass ich meine Mutter nicht mehr ernst nehmen kann. Dann bin ich nicht so scharf darauf, die Klügere zu sein, denn dann ich find ich mich selbst gar nicht so arg klug und ja, was mach ich dann?

Heute war ich mit meiner Mutter in der Stadt, das heißt, wir waren eigentlichen schon wieder auf dem Heimweg, wir warteten nur noch auf den Bus. Beim Lokalbahnhof, triste Gegend, das Leben pulsiert woanders.

Ich, in meine Lektüre vertieft, bemerkte es erst, als meine Mutter mich darauf aufmerksam machte: das weinende Kind an der Straßenecke. Ich bin ganz groß darin, plärrende Kinder nicht zu bemerken – dank der bereits erwähnten selektiven Wahrnehmung, in der ich es inzwischen zu wahrer Meisterschaft gebracht habe. (Musste ich auch – ich fahr viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln.) Aber das hier war etwas anderes. Das war kein "Die blöde Mama will mir das Matchbox-Auto nicht kaufen"-Plärren an der Supermarktkasse. Das war der bitterlichste, jämmerlichste Laut im ganzen Universium: das Weinen eines verlassenen Kindes. Es war vielleicht drei, höchsten vier Jahre alt. Zu wem gehörst du denn, Würmchen? Aber da war niemand in Sicht. Da waren nur meine Mutter, ich und das weinende Kind.

Wenn wir was machen, dann aber gleich, sagte ich, der Bus kommt in 5 Minuten. Wir gingen hin und ich wusste nicht, was wir tun sollten. Meine Mutter nahm das Kind – es war ein Mädchen - auf den Arm, und schaukelte es ein wenig und machte Sch, Sch, Mausal, was ist denn los? Was hast du denn? Wo ist denn die Mama? Das Kind konnte nicht antworten, es sprach vielleicht eine andere Sprache, aber das war auch egal, es brachte sowieso kein Wort heraus, nur Schluchzer, ganz heftige, jämmerliche Schluchzer, von denen es gebeutelt wurde, sodass es vor allem erst einmal beruhigt werden musste. Und das tat meine Mutter, und machte beruhigende Laute – Sch, Sch, Mausal – da ist die Sprache egal. Darauf kommt es an dachte ich, es ist ganz einfach. Und ich hätte es trotzdem nicht gewusst.

Wir haben die Mutter dann doch noch gefunden, ein paar Straßen weiter, wir haben sogar den Bus noch erwischt. Und ich, ich werde mir dieses Bild merken. Wie jung sie aussieht, mit dem Kind auf dem Arm. Und wie erwachsen. Meine Mutter. Nervtötend, hysterisch, nicht kritikfähig, ewig nörgelnd, immer flink zur Hand mit der emotionalen Erpressung, unfair und alles.

Aber das mit dem Sch, Sch, Mausal, das hat sie immer noch drauf.


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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2004

Werke: 1
Kommentare: 18
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Hallo

Gefällt mir prinzipiell eigentlich gut.
Allerdings war mir die Hinführung einfach ein bisschen zu lange. Ob das alles nötig war, um auf die Situation hinzuführen? Ich weiß nicht.

Eine Stelle fand ich nicht gut:

quote:
"Und es gibt einen Trost, diese zwei Worte, die träufle ich mir wie Balsam auf die blanken Nerven, diese zwei Worte, die da lauten: Alle Mütter. Alle Mütter sind so."
Das passt einfach nicht. Statt "diese zwei Worte" wäre besser "dieser eine Gedanke" oder etwas Ähnliches. Dann passt natürlich das "träufeln" nicht mehr, ich habe das nur geschrieben, damit du verstehst, warum es mir nicht gefällt.

Nicolas

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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 49
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Ja, stimmt. "Einleitung" ist zu lang, hab ich mir auch schon gedacht. Oder man sieht die Einleitung als eigentliche Text, das Ganze als Erörterung zum Thema Mütter und die Begebenheit am Ende als Schlußbild. Ich weiß noch nicht, auf welche Textgattung ich das Ganze hinbiegen könnte.


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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo sohalt,

ich sehe das so ähnlich wie Nicolas. Der Text hat großes Potenzial. Wir alle kennen diese Situationen, ich erinnerte mich beim Lesen lebhaft an die schrecklichen Einkaufstouren mit meiner Mutter. Der Geruch ihres angeleckten Taschentuches, mit dem sie mir irgendwelche Essenreste aus den Mundwinkel wischte.

Das Ärgerliche an der Geschichte ist, dass du den roten Faden immer wieder verlierst. Du schweifst viel zu häufig ab und man ist als Leser immer wieder versucht, zwei Absätze zu überspringen.

Der Schluß ist Dir sehr gut gelungen. Das Bild der ewigen Mutter, dessen "Sch Sch Mausal" endlich wieder Bedeutung hat, ist sehr anrührend.

LG Henry

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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 49
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So.

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mirami
Guest
Registriert: Not Yet

oh je!

hallo sohalt,

nein, nicht besser. ich fand die ursprüngliche version kein stück zu lang und um genau die längen besser die du nun gestrichen hast. schade! um ehrlich zu sein finde ich deinen text so recht nichtssagend. ihm fehlt nun das wesentliche, das besondere,das augenzwinkern und das gutmütige seufzen was mich so daran faszinierte.

lg
mirami

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