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Leselupe.de > Humor und Satire
Mumien, Monstren und Schwiegermütter
Eingestellt am 22. 04. 2004 17:07


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Frederik
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Mumien, Monster und Schwiegermütter

Meine Schwiegermutter verfolgte mich unerbittlich. Sie schwenkte ein überdimensionales Nudelholz in der Hand und rief Dinge wie „Schuft, nichtsnutziger Parasit“ und weitere, nicht minder freundliche Familienzugehörigkeitsbestätigungen. Ich rannte durch die Burgstraße, ignorierte die rotgeschaltete Ampel und eilte geradewegs in eine Unterführung. Ein kurzer Werbespot beteuerte die überlegene Waschkraft des „Weißen Fiesen“, woraufhin ich mit einer blutgeschriebenen „Fortsetzung folgt“ Verheißung, in die Realität entlassen wurde.

Schweißgebadet saß ich in meinem Bett. So konnte es nicht weitergehen. Das war mein achter Fortsetzungsalbtraum in einer Woche. Ich brauchte kompetente Hilfe. Zunächst fragte ich mich durch die Verwandtschaft, wobei ich meine Schwiegermutter aus gegebenen Anlass ausließ. Zwei Drittel der Befragten rieten mir zu einem Glas warmer Milch mit Honig vor dem Einschlafen. Einige sprachen ein striktes Fernsehverbot aus, unterdessen empfahlen fünf der Ahnenreihe Aufregung nach sechzehn Uhr grundsätzlich zu vermeiden. Onkel Theodor befürwortete aus eigener Erfahrung drei Flaschen Wein pro Abend.

Ich wählte zunächst die Mehrheitsentscheidung, Milch mit Honig. Meine Filmkenntnis und somit ein Teil meiner Bildung, ist schließlich durch meine Tochter geprägt. „Puuh der Bär“ vertilgt in zahlreichen Folgen töpfeweise Honig und in keiner Folge ist auch nur der Schatten einer Schwiegermutter zu sehen. Vorsichtshalber wärmte ich einen ganzen Messbecher mit Milch auf und gab ein Glas Honig hinzu. Ich hatte es schließlich mit keinem gewöhnlichen Albtraum, sondern mit einem Schwiegermuttertraum zu tun. Die Geheimwaffe ließ mich jeder Gefahr trotzen. Bedenkenlos sah ich mir noch Bambi im Fernsehen an. Siegessicher mit einem Gefühl der Überlegenheit, wie auch der Übelkeit sank ich in den Schlaf, woraufhin sich ein schwerer, honiggelber Vorhang öffnete.

... am Ende der Unterführung kam mir eine zweite Schwiegermutter entgegen. Wie niederträchtig, sie hatte einen Schwiegermutterklon geschaffen. Nach dem das Nudelholz zum vierten Mal eingeschlagen war, woraufhin die linke Gehirnhemisphäre unwiederbringlich für sich allein arbeitete, wachte ich auf. Das musste ja so kommen. Wer kann auch schon vernünftig flüchten mit drei Litern warme Honigmilch im Bauch.

Also, kein Fernsehen am nächsten Abend. Trotzdem keine Besserung. Irgendwie wirkten die Schwiegermütter in der nächsten Nacht sogar noch realistischer. Ich glaube es lag an der höheren Bildauflösung, denn so detailliert konnte ich den Oberlippenbart in den vorherigen Nächten nicht erkennen.

Aufregungen nach sechzehn Uhr zu meiden ist nicht möglich, soweit jemand eine Tochter unter achtzig Jahren hat. Dieser Ratschlag schied folglich für die Nächsten fünfundsiebzig Jahre aus. Blieb nur Onkel Theodors Weintrick. Ich zweifelte gleich an die Zurechnungsfähigkeit des Ratschlagerteilers. Onkel Theodor wirkt zwar grundsätzlich lustig aber nicht besonders kompetent bezüglich tiefenpsychologischer Fragestellungen. Dem Zweifel stand allerdings die pure Verzweifelung gegenüber.
Tatsächlich fehlte mir nach Verköstigung der drei Liter Wein jegliche Erinnerung an der folgenden Nacht. Ebenso an dem folgenden Tag. Aber an den Tag der Krankenhausentlassung erinnere ich mich noch, wie auch an den fünffachen Kopfdurchmesser, den ich mir einbildete.
Damit war das Ratschlagkontingent der Verwandtschaft restlos aufgebraucht. Professionelle Hilfe musste der Schlüssel sein, darum begab ich mich zu den anonymen Albträumern.

Vom Grauen gepackt vernahm die dickäugige Gruppe meine Geschichte. Einige mussten den Raum verlassen, denn ich ersparte ihnen keine Details. Sie erfuhren sogar von den Fangarmen, die Schwiegermutters Warze entsprangen. Der Gruppenleiter, ein gestandener Mann mit gemütlichen Ringen um Hüfte und Augen, hielt zwei, in der Praxis erprobte Vorgehensweisen parat. Zum Einen könne das Einschlafen verzögert und die Haupttraumphase übersprungen werden, indem der Horrortraumkandidat schwierige Kopfrechenaufgaben löse. Je müder der Schlafphasenverschieber, desto anspruchsvoller sollten die Aufgaben ausfallen. Zum Anderen erhielt ich die geheime Supermann-Lösung. Ich sollte mir ständig bewusst machen, ob ich mich gerade in einem Traum befände oder nicht. Es gäbe immer irgendwelche Anzeichen, die mir klar machten, dass es sich um einen Traum handele. Mit dieser Erkenntnis könne ich dann die Umgebung beherrschen, versicherte mir der Experte. Ich könne Supermann sein. Einfach die Schwiegermutter umboxen, fortfliegen und zufrieden sein, so waren seine Worte.

Abends fing ich mit dem Kopfrechnen an. Ich begann bei dreimal Sieben, um mich langsam zur Flächenberechnung vorzuarbeiten. Als ich die fünfte Quadratwurzel einer zwölfstelligen Zahl mit ihrem Logarithmus multiplizieren wollte, wartete schon meine Schwiegermutter mit einem Rohrstock auf das Ergebnis. Unter Druck kann ich nicht arbeiten, also flüchtete ich durch die Burgstraße, kam an eine Unterführung ... „Fortsetzung folgt“.

Verflixt, ich hatte nicht an den Supermanntrick gedacht, dabei wirkten die Fangarme geradezu phantastisch. Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Ich präparierte mir einen Zettel mit der Aufschrift „Albtraum“ und deponierte ihn in der Hose, die ich für gewöhnlich trage, wenn ich auf der Flucht bin. So sollte am nächsten Tag mein großer Supermannauftritt folgen.

Ich schlummerte gerade auf einem Sessel als es klingelte. Ich öffnete die Tür, sie quietschte auffällig surreal. Und tatsächlich, die Warzen, der Oberlippenbart, die raue Stimme. Ich griff in meine Hosentasche und fand den entscheidenden Hinweis auf einen Zettel: „Albtraum“. Mit einem überlegenen Grinsen ballte ich meine rechte Supermannfaust und gab dem Konstrukt meiner gestörten Phantasie einen schwungvollen Haken, natürlich mit Superkräften. Der Schlag zeigte Wirkung. Meine Schwiegermutter flog etwa drei Meter waagerecht durch die Luft, bevor sie hart auf dem Bürgersteig aufschlug. Ob Supermann tatsächlich solche Schmerzen in der Hand hat, wenn er Planeten in hagelkorngroße Stücke schlägt? Egal! Triumphierend hob ich meine rechte Hand, um einen zufriedenen Siegesflug einzuleiten. Ich blieb auf dem Boden der Tatsachen. Jedenfalls konnte ich ihn trotz äußerster Bemühungen nur für Bruchteile einer Sekunde verlassen. Folglich befand ich mich in der Realität. Es hätte mir auffallen müssen, keine Fangarme. Meine Schwiegermutter rappelte sich ein wenig benommen auf. Da ich sowieso meine Fluchthose anhatte, rannten wir die Burgstraße hinunter, ich ignorierte die rote Ampel, um rechtzeitig die Unterführung zu erreichen ...

Mein schlechtes Gewissen und die Wunden ließen mich zunächst nicht einschlafen. Entgegen meinen Gewohnheiten sah ich mir einen Horrorfilm im Spätprogramm an. Als ich einschlief träumte ich von Vampiren, Dämonen, Gnomen und menschenfressenden Kobolden. Kurz und gut, ich hatte die erholsamste Nacht seit langem. Sollten sie einmal Lust auf einen Horrorfilm bekommen, besuchen sie mich. Ich habe die größte Gruselfilmsammlung der Stadt.



Für Nicole.

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