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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Murks
Eingestellt am 15. 10. 2014 14:41


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Circulo
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Murks

Citta stand vor dem Spiegel und blickte sich an. „Mann, bin ich schön. Mmh. Muah. Schön bin ich. Jaja, so schön.“ Und Citta röchelte in seiner Melancholie wie ein Blöder.

Er war nackt, ganz nackt und versenkte sich in sein Bild. „Bin ich schön“, dachte Citta ad se ipsum. „Boaah, bin ich schön! Mein Kopf voll rasanter Gedanken, die Beine muskulös, bereit fĂŒr BotengĂ€nge, MarathonlĂ€ufe, dĂŒnn bin ich, oh wie dĂŒnn, die Fettpölsterchen hier und da, die ĂŒbersehe ich mal gnĂ€dig. Meine Zunge kennt so leckere GeschmĂ€cke, yamm, yamm, und dann fĂ€llt alles in meinen Hals hinab, der so zĂ€rtlich ist. Auweia. Ich bin so schön, trallallara!“

Je lĂ€nger er hinsah, je tiefer er bildlich in sich hinein reflektierte, der kleine Narziss, desto blödsinniger begann er sich zu Ă€ußern. Er langte nach sich selbst, berĂŒhrte das Glas des Spiegels, fuhr zurĂŒck. Irgendwann hasch ich Dich.

Unser Citta hatte viel Geld. Er wollte was schaffen, Nachhaltiges. Geldscheine quollen aus der Tasche seiner Hose auf dem Bett. Niemand hatte so viel Geld. Alle handelten draußen. Alle kauften und verkauften wie die Blöden und Citta wurde immer reicher.

*

Was also mit dem vielen Geld anfangen, dachte Citta, wĂ€hrend er vor dem Spiegel stand und versuchte nicht umzufallen. Ihm ging eine Menge durch den Kopf. Sachen, die ich hier zu mĂŒde bin, zu wiederholen, weswegen ich mir die AufzĂ€hlungen der Gedanken unseres Helden spare und per in den Text integrierter Fußnote auf die Zeitschrift Der Humanist verweise. Was da drin so gedruckt wurde, ging dem reichen Citta durch den Kopf.

*

Ich erzĂ€hle Euch jetzt lieber, warum Citta so verdammt viel Geld hatte. Wenn man nĂ€mlich, und ich sage das nur Euch, Citta von außen betrachtete, sah man keinen schönen Mann sondern einen von allerlei verschiedenen chirurgischen Griffen Entstellten. Citta war jung gewesen, war verliebt gewesen, in sich in das Leben, in weiß Gott was, und als der erste Eingriff misslang, dachte Citta sich, dass er das korrigieren lassen könne. Der zweite Eingriff machte es noch schlimmer. Kein Problem, dachte er, wĂ€hrend er im Spiegel seinem entstellten Gesicht zuzwinkerte. Es wĂ€re doch ein großer Zufall, wenn es auch beim dritten Mal zu ungewollten Komplikationen kommen sollte. Und es stellte sich tatsĂ€chlich dieser Zufall ein. Auch der dritte Eingriff ging in die Hose, und zwar schlimmer wie all die anderen und Citta ĂŒberlegte wie er nun weiter vorgehen solle. Er konnte nicht einmal mehr den Dorian Gray lesen, weil das Skalpell des Arztes diesem wĂ€hrend der Operation aus der Hand entglitten war, als er ĂŒber das Kabel eines Oszillatoren stolperte, und beschwingt durch das Zimmer flog und dem Citta im Auge stecken blieb. Durch den anschließenden Fall des Arztes, schlug er dem Patienten zudem die Faust ins Gesicht, sodass das andere Auge anschwoll. Das alles war ziemlich unwahrscheinlich gewesen, unwahrscheinlich wie alles im Lotto zu gewinnen, aber es war tatsĂ€chlich geschehen.

Nach der OP saß Citta nachts in seinem Haus und lachte. Citta lachte so laut, dass es der Nachbar aus der anderen DoppelhaushĂ€lfte mitbekam, wĂ€hrend dessen Frau sich gerade die Beine epilierte, und sich fragte, was mit dem guten alten Citta los sei. Die Frau stellte ihre Maschine ab und sagte, er solle doch mal drĂŒben nachsehen und fragen ob alles in Ordnung sei. Also klingelte der Nachbar beim Nachbarn, sah den Nachbarn, und ward danach nicht mehr gesehen.

FĂŒr unseren einsamen Helden war nun zu ĂŒberlegen, wie er weiter vorgehen solle. Er hörte also auf zu lachen, setzte sich in Montur, wozu nun immer eine Art Sturmhaube gehörte, und ging zum Arzt. B. G. Behrens, Leiter der chirurgischen Abteilung des UniversitĂ€tsklinikums, immer auf dem neuesten Stand der Forschung, befĂŒrchtete schon Citta wolle ihm seine Existenz durch eine mehrfache Anklage wegen FahrlĂ€ssigkeit mit FolgeschĂ€den am Arbeitsplatz vernichten. Aber es stellte sich alles ganz anders heraus. B.G.B., dessen Vater auch B. G. Behrens hieß und ihn im biblischen Alter von ungefĂ€hr 102 Jahren gezeugt hatte, atmete tief durch, kroch aus seinem Ledersessel hervor, und stellte sich auf den Tisch, die HĂ€nde in die Seiten fassend. Der Chirurg war zwölf und sagte:
„Das kann ich nicht machen.“
„Doch. Sie werden operieren. Ich habe Ihnen das mal aufgezeichnet.“
BÀh. So einen richtigen Murks hatte der gute alte Citta da aufs Blatt geworfen. Im Grunde seinen ganzen Körper, aber total entstellt. Da waren der Elefantenmensch oder technische Störungen beim FrÀulein vom Amt geradezu possierlich dagegen, meine Freunde, das sage ich Euch.
„Nein, mein Lieber Citta. So lieb ich Dich auch habe, das geht nicht.“
„Doch. Ich rechne damit, dass Sie es diesmal alles sehr gut machen werden, weil ich Ihnen ja vorher den Auftrag gegeben habe, alles gut zu machen und da haben Sie es schlecht gemacht. Und jetzt denke
 Also ich denke
 Warten Sie mal. – So. Ich denke, wenn Sie es jetzt schlecht machen, wird es gut. Oder?“
B. G. B., der einen messerscharfen Verstand hatte, erfasste den Gedanken Cittas sofort, und ihm kam das aus empirischen GrĂŒnden, der Chirurg war nĂ€mlich ein großer Empiriker und Fan von David Hume, sinnvoll vor.
„Ich verstehe. Auf diesem Fundament geht das natĂŒrlich. Sie sind ein scharfer Geist, Citta. Legen Sie sich gleich mal hin, ich operiere.“

Citta tat wie ihm geheißen, und B. G. B. fĂŒhrte alles exakt so aus, wie es auf der Zeichnung Cittas vorgegeben war. Liebe Leserschaft, ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie der Arzt sich gefreut hat, als Citta aus der Narkose aufgewacht ist. Er kam mit einer Flasche Wein und zerrte den entstellten Körper vor den Spiegel, damit er sich mal anschauen könne.
„Famos, nicht wahr! Wie auf Ihrer Zeichnung!“
„lll“, sagte Citta, dem der Arzt die Zunge an die Wange genĂ€ht hatte. „lllll“
„Warten Sie, ich mache mal ein Photo von uns beiden. So. Und jetzt trinken wir mal einen. Gleich kommt die Presse.“
Citta hĂ€tte dem Arzt gerne mitgeteilt, dass doch nun alles schief gelaufen sei. Alles genau andersherum und verdreht, und das der Arzt in seiner empirischen Weltauffassung nun eine neue Tatsache mit aufnehmen mĂŒsse. Aber das war jetzt natĂŒrlich gar nicht mehr möglich. Und Freunde, wenn ihr denkt Citta hĂ€tte sich doch ein Blatt nehmen können, um dem Arzt alles aufzuschreiben, dann habt ihr entschieden noch nicht die rechte Vorstellung davon, wie der gute alte Citta jetzt aussah.

Jedenfalls stand Citta vor dem Spiegel. Noch immer. Und er blickte sich an.

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Circulo
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Citta posiert mit Maske

Meine Maske ist jetzt schon gĂ€nzlich mit meinem Gesicht verwachsen. Ich lese den Satz personam capiti detrahere (jemandem die Maske vom Gesicht reißen) von einem Römer, ohne dass mir dieser Satz noch möglich ist. Ich verstehe ihn und weiß auch so ungefĂ€hr was gemeint ist. Aber ich bin seit 2000 Jahren verlogener Christ: meine Maske hat sich mir ins Bewusstsein gebrannt wie Fett in die Polster eines Sitzes, nachdem das Auto ausgebrannt ist. Das ist alles Versicherungssache geworden.
Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, ohne zu lĂŒgen; hĂ€tte ohne meine ganze LĂŒgerei mein Haus gar nicht. Ich erwische mich sogar bei einer LĂŒge, wenn ich das Wort schön ausspreche. Aber was LĂŒge ist, ist relativ; deswegen falle ich auch nicht auf. Du lĂŒgst ja auch. Wen lĂŒgen wir an? Naja eigentlich lĂŒgen wir die ganzen nichtmenschlichen Dinge an. TagtĂ€glich: im Naturschutz lĂŒgen wir die Tiere an, wenn wir von Zukunft sprechen, lĂŒgen wir Zeit an, wenn wir von Geschichte sprechen, von Macht von gut und böse, wenn wir miteinander schlafen auch.
Es ist ziemlich deprimierend. Wir lĂŒgen en masse. Deswegen geht es uns so gut, scheinbar. NatĂŒrlich, wer Masken trĂ€gt, hat andererseits auch nichts mit Wahrheit zu schaffen. Aber was soll es! Wir haben ja alle nichts mit Wahrheit zu schaffen. Aber die Dinge... was wenn die Dinge etwas mit Wahrheit zu schaffen hĂ€tten, und sich allmĂ€hlich wieder ein Feuerreinigungsprozess der Physis einstellt, den wir Poser seit einem Jahrhundert Weltkrieg nennen? Wer könnte in seinem LĂŒgen etwas dagegen tun? Im Ernst: Du, meinst Du Maskenmensch, EuropĂ€er, Demokrat, WĂŒrdetrĂ€ger, kurz: LĂŒgner, meinst Du, Du könntest irgendetwas tun, wenn das nĂ€chste Feuer einmal nicht in einem Auto knallt sondern in unserem Schlafzimmer, wo es uns und unsere Kinder verbrennt? Freunde, sind wir ehrlich: wir sind machtlos, weil wir lĂŒgen. Was sollen wir machen! Wir labern den ganzen Tag nur scheiße: ob ich einer Frau ins Ohr stöhne, dass ich sie liebe, einen Beitrag in der Zeitung veröffentliche, meinem Sohn etwas verspreche, oder unter der Dusche singe; ich bin verschuggt, LĂŒgner ohne Gnade. Selbst wenn ich dichte lĂŒge ich. Überhaupt wenn ich dichte; aber immerhin weiß ich dann mehr oder weniger, dass ich lĂŒge.

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