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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Musikgeschmack und Lebensalter
Eingestellt am 13. 12. 2010 22:24


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Mit fünfundzwanzig ging mir nichts über Spätromantik. Kaum ein Tag, an dem ich nicht eine von Bruckners späten Sinfonien hörte - und dazu noch eine von Mahlers frühen oder mittleren. In diesen Klangmassen badete ich damals geradezu. Heute scheint mir, dass die Exzesse vor allem eines bezweckten: am Gefühlsüberschwang der Jugend noch eine Zeitlang festzuhalten in einem Alter, in dem ich schon nüchterner wurde.

Bruckner, Mahler, Sibelius waren in Berlin unverzichtbar, bevor ich abends ausging. Wer glaubt, mein damaliger Musikgeschmack sei exotisch gewesen, irrt. In den Bars gab es zwei Fraktionen, die musikalisch niemals koalierten. Die Kneipen spielten nur die aktuellen Hits der Rock- und Popmusik, und dennoch bestand die Hälfte des Publikums aus Spätromantikern. Es konnte vorkommen, dass ich Bruckners Achte zu Hause allein hörte und ihr Allegro später in der Nacht in einer fremden Wohnung als Hintergrundmusik erneut vernahm. Meistens kamen wir nicht bis zum Finale …

Zehn Jahre später in Hamburg. Ich trank jetzt an solchen Abenden viel starken schwarzen Tee und hörte dazu die modernen Klassiker des frühen 20. Jahrhunderts: Janàcek vor allem oder den „Euroimpressionisten“ Respighi. Ich konsumierte ihre Klangraffinessen wie Drogen und ging gegen Mitternacht aufgeputscht zur U-Bahn, erregend fragwürdigen Abenteuern entgegen – oder bloßer Langeweile.

Dann das gesetztere Lebensalter ab Mitte vierzig. Ich wohnte jetzt auf dem Land und hatte als Fernpendler und Frühaufsteher die Woche über keine Zeit zum Musikhören. Am Wochenende war meist Besuch aus Hamburg da, dem ich abends Wohnzimmer und Fernseher überließ. Ich selbst ging dann früh ins Bett, hörte CDs und griff ab und zu nach dem Glas neben mir. Rotwein und Debussy sind für alternde Knaben die wahren Gottesgaben, dachte ich … Allerdings schlief ich dann meist schlecht - und es lag nicht am Wein. Das stellte sich heraus, als ich Debussy durch Schubert und Schumann ersetzte. Ich blieb ihnen lange treu …

… bis ich nicht mehr zu pendeln brauchte und auch wochentags lange aufbleiben konnte. Mein Musikgeschmack modernisierte sich. Er machte einen Satz von der Früh- und Hochromantik zur Minimal Music. John Adams und Philip Glass, das sind jetzt meine Götter. Endlich bin ich im späten 20. Jahrhundert angekommen. Ach, es ist schon vorüber? Pech für mich. Neuerdings lege ich am frühen Abend Astor Piazzolla auf, bevor ich den PC einschalte und tangobeschwingt einen Artikel verfasse oder bei einem Glas Rotwein feurige Kommentare ins Netz schleudere.

Ernste Musik nur noch als Konsumgut? Ich muss an Adenauer denken, der sich auf dem Sterbebett Schumanns Rheinische wünschte. Aber vielleicht wird es mir wie dem Komponisten Lully in Corbiaus Film „Der König tanzt“ ergehen. Lully, sterbend, als alle Musik für ihn vorbei, staunend, bewundernd: Mein Gott, was für eine Stille …

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