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Muttchen Puttchen Nuttchen
Eingestellt am 01. 05. 2007 15:53


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Hedwig Storch
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Muttchen Puttchen Nuttchen

Syndikus Rechtsanwalt Ignaz B├Ąuerlein aus dem Berliner Westen ruft seine 17 Jahre junge Frau Vicky Muttchen, obwohl die Ehe wegen der Unfruchtbarkeit der Frau kinderlos ist. Wenn B├Ąuerlein ├╝ber die Str├Ąnge schl├Ągt, tituliert er seine Gattin gar Muttchen Puttchen Nuttchen. Vicky ist ein hinterh├Ąltiges Biest, eine mit allen Wassern gewaschene Kindesentf├╝hrerin und schie├čw├╝tige Verbrecherin. Zwillingsbruder Kurt steht ihr in schlechten Charaktereigenschaften keineswegs nach. Der Leser von Heinrich Manns Roman Ein ernstes Leben mu├č schlie├člich sogar annehmen, Kurt war es, der seine Arbeitgeberin Adele Fuchs, alternde Inhaberin der Berliner Tanzbar Harem, ermordet hat, weil die Sterbenskranke ihn enterbte. Um alle diese Figuren, die in den Jahren von ca. 1922 bis zum November 1931 in Berlin ihre Leidenschaften ausleben, geht es aber eigentlich nur am Rande.

Dieser Entwicklungsroman dreht sich um die Emanzipation der d├Ąmlichen Deern Marie Lehning aus Warmsdorf bei L├╝beck. In Berlin wird die junge Frau selbst├Ąndig und sich ihrer selbst bewu├čt. Marie durchschaut Vickys Machenschaften. Vicky will Maries kleinen Sohn Michel f├╝r sich ganz allein. Kurt, der Kindesvater, schwankt zwischen Marie und Adele. Aber Marie liebt Mingo Merten von Anfang an. Diese Liebesbeziehung h├Ąlt bis zum Romanschlu├č.

Das war es? Er├╝brigt sich jetzt die weitere Lekt├╝re von Ein ernstes Leben?
Nein! Das ist ja ein Entwicklungsroman. Die Entwicklung Maries beansprucht nun mal 251 Seiten und nicht blo├č eine halbe wie diese kleine Besprechung. Leicht lesbar ist dieser kurze Roman. F├╝r gute Unterhaltung hat Heinrich Mann gesorgt. Alles o.K.? Keineswegs. ├ťberhaupt nichts ist in Ordnung.
Die Dichterfrage des Monats lautet: Darf der Autor seine Familienangelegenheiten in Prosa verarbeiten und auch noch publik machen?
Antwort: Warum nicht?
Doof: Die Antwort ist wieder eine Frage.
Worum geht es eigentlich heute? Nun, Nelly Kr├Âger, die zweite Frau Heinrich Manns, erz├Ąhlte 1937 Hermann Kesten, sie habe ihr Leben auf sein [Heinrich Manns] Dr├Ąngen aufgeschrieben, er habe das Manuskript gelesen, sehr ger├╝hmt und ins Kaminfeuer geworfen. Darauf schrieb Heinrich Mann das Buch nochmals, den Roman 'Ein ernstes Leben'. Das bekannte Heinrich Mann auch sinngem├Ą├č im Dezember 1944 nach dem Tode Nelly Kr├Âgers: 'Ein ernstes Leben' ist ein Werk, das mehr oder weniger der Roman meiner geliebten Verstorbenen ist (beide Zitate aus Sigrid Anger: Nachbemerkungen , in der Quelle S.566).
Leider l├Ą├čt sich um die heutige Dichterfrage nur drumherum reden: Die Leute behalten ihre Familiengeschichten klugerweise f├╝r sich. Es bleibt eine Handvoll ├╝brig. Von denen wiederum - Prosaautoren sind gemeint - produziert die Mehrzahl Dichtung und Wahrheit. Spuren verwischen ist angesagt. Hat Heinrich Mann auch Dichtung und Wahrheit produziert? Nat├╝rlich! Denn, die Vita Nelly Kr├Âgers kann nicht Eins zu Eins wiedergegeben sein. Sonst w├Ąre das Werk keine Prosakunst, sondern nur Report. Und Heinrich Mann war ja zum Gl├╝ck kein Feuilletonist.
Alles richtig, blo├č, die beiden Betroffenen haben es offen zugegeben, da├č es sich um Teile aus der Lebensgeschichte der Nelly Kr├Âger handelt.
Sei es, wie es ist. Heinrich Mann entschuldigen? Nichts leichter als das. Etwa: Wenn man jahrelang im kalifornischen Exil von der geliebten Heimat abgeschnitten ist, dann sagt man auch so etwas.
Nein, nein. Es ist ein wenig anders. Heinrich Mann war kein Durchschnittsb├╝rger. Heinrich Mann, 73-j├Ąhrig, hatte das in Amerika alles hinter sich: R├╝cksicht auf die Leute nehmen. Diese dumme R├╝cksicht. Heinrich Mann hat eigentlich schon immer geschrieben, was er gedacht hat. Bereits unterm Kaiser Wilhelm sprach er sich gegen die Monarchie aus. Seine Zeitkritik verstummte in der Weimarer Republik nicht. Auch darum ist Heinrich Mann dann schlie├člich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Exil gelandet. Heinrich Mann war nicht nur standhafter Demokrat, sondern dar├╝ber hinaus ein wortgewaltiger K├╝nstler.

1977 wurde der Roman Ein ernstes Leben unter dem Titel Die Verf├╝hrbaren verfilmt.

Heinrich Mann wurde am 27. M├Ąrz 1871 in L├╝beck geboren und starb am 12. M├Ąrz 1950 in Santa Monica (USA, Kalifornien).

Heinrich Mann : Ein ernstes Leben.
Roman (1932)

Quelle: Heinrich Mann: Gesammelte Werke. Band 10, S.305 - 555. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1972
Neuere Ausgabe: S. Fischer, ISBN 3-596-25932-0

Hedwig Storch 5/2007

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Hedwig

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petrasmiles
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Ich lese Deine Rezensionen immer sehr gern, weil sie ein eigenes Licht auf einen Text werfen, und das ist in meinen Augen auch eine Kunst. Selbst wenn mich der Gegenstand nicht so interessiert, nehme ich Deine Vorstellung und Deine w├╝rdigenden Kommentare als Gewinn mit.
Diese hier hat eine Form, die lockerer und 'gewagter' weil weniger 'germanistisch' gelehrt ist, und das darf nur ein K├Ânner.
Du hast mich dieses Mal zudem auch neugierig auf das Buch selbst gemacht, das sich noch nicht in meinem B├╝cherschrank befindet - was sich jetzt ├Ąndern wird.
Danke f├╝r Deine M├╝hen.

Liebe Gr├╝├če
Petra

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Hedwig Storch
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Liebe Petra,
vielen Dank f├╝r Deinen Kommentar zu meinem Beitrag ├╝ber H.M. Ein ernstes Leben. Vor allem freue ich mich, da├č Du das Buch in den Stapel Deiner noch nicht gelesenen B├╝cher aufnehmen willst. Gru├č Hedwig. 10. Juni 2007

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