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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Mutter, Herz, Blut
Eingestellt am 15. 05. 2006 23:59


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Kinski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2006

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Mama, let my heart go,
let your son roll,
Mama, let my heart go or
let this heart be still



Als Mutter tr├Ągt wohl jede Frau ein gro├čes St├╝ck an Respekt vor dem eigenen Kind im Herzen auf ewig mit sich. Nicht nur, da├č man den Nachwuchs gedeihen erlebt - es sind wohl die Lebenslinien der jungen, zarten Hand, die von Anfang an mit sich gef├╝hrt wird und dessen Linien Frau von Jahr zu Jahr l├Ąnger werden sieht. Sie sind wie Jahresringe einer starken Eiche. Wind und Wetter pr├Ągen sie, setzen ihr zu. Und als w├Ąre das nicht genug, nagt noch viel Ungeziefer an der Rinde. Aber es bringt sie nicht zum Fallen. Das ist gut so. Die Natur ist hart, aber gerecht vor der eigen ausgebrachten Saat.
Doch - er stand kurz davor. Wie schon oft, eigentlich. Er drohte wieder mit Selbstmord. Wollte nicht mehr weiterleben, sich keine Sekunde mehr qu├Ąlen. Vielleicht hatte er viele gute Gr├╝nde. Vielleicht waren es handfeste Beweise f├╝r die F├╝lle an Kettenreaktionen, die seinem Leben ein j├Ąhes Ende bereitet h├Ątten. All die Niederlagen in der Liebe, in den Freundschaften, in der Schule, Beruf. In allen Bereichen gesellschaftlicher Freude schien er gescheitert zu sein.
Tag ein, tag aus sah sie ihn leiden. Wie er zusammengebrochen auf seinem Bett lag, ein Mensch wie eine Leiche. Wenn er keine Reaktion aufwies auf all die Fragen ihrerseits. Das Bitten und Flehen, auf das er sich wiederfangen sollte; da├č es Phasen im Leben waren, die jeder erlitt. Sogar sie.
Sie schenkte ihm Kinokarten.
Er sollte sein M├Ądchen ausf├╝hren.
Steckte ihm Geld f├╝r ein paar Bier zu.
Sein Freundeskreis war sehr gro├č.
Sie ├╝berraschte ihn mit frischen Blumen auf dem Fr├╝hst├╝ckstisch.
Er liebte ihren Anblick, ihre Sorglosigkeit ├╝ber alles. Als Kind wollte er immer eine Blume sein. Ein F├Ąhnchen im Wind, liebkost von Sonne und Regen.
Manchmal bekam sie ein L├Ącheln zum Dank. Es trieb sie zu Tr├Ąnen. So selten waren seine zaghaften Gesichtsz├╝ge von Gl├╝ck erleuchtet.
Und immer sendete sie ihm Geduld, festgehalten in ein paar Zeilen, die sie in der Innentasche seiner schweren Lederjacke versteckte. Er schrieb nie zur├╝ck.
Ein Problem? F├╝r sie nicht. Ihr war es wichtiger, da├č er die Nachricht erhielt. Ein paar nette Worte mit auf dem Weg in sein t├Ągliches Schicksal.
Was hat er doch alles angepackt, um sich seinen Traum zu erf├╝llen. Jeder Gedanke kreiste um ihn, wie ein Schwarm Bienen um einen Topf Zuckerwasser.
Es war warmes Wohlbefinden, was er an den Tag legte, wenn sie gemeinsam am Tisch sa├čen, zu Abend a├čen und ├╝ber das Weltgeschehen sprachen.
Seine Augen trugen einen Ausdruck, den sie so leicht nicht vergessen w├╝rde. Sie gl├Ąnzten, waren ungeduldig, endlich das Ziel auszumachen.
Oft wurde die ├ťberheblichkeit st├Ąrker. Dann fiel sie pl├Âtzlich und er schob den Teller mit Abendessen verbittert und gebrochen von sich. Dann r├╝ckte sie als Mutter n├Ąher an ihn heran, legte die warme Hand auf seinen Arm und redete ihm wie schon so oft gut zu. Versuchte die Geister und Gespinste der Ungeduld zu vertreiben.
Er verlie├č den Tisch getr├Âstet und trottete in sein Zimmer, mit den Worten, er wolle jetzt einmal entspannen.
Nachts, wenn sie den letzten Gang durch die Wohnung machte, blieb sie oft lauschend an seiner T├╝r stehen. Gro├če Letter zierten sie - "KEEP OUT". Bewahrte R├╝ckst├Ąnde einer jugendlichen Freude gegen das Erwachsensein.
Sie akzeptierte den pubert├Ąren Teil des Sohnes. Hatte es immer getan. Geh├Ârte es doch im Leben eines Mannes dazu, irgendwann einen revoltierenden Freigang zu ├╝ben. Die Grenzen der Mitmenschen und Eltern zu ergr├╝nden. Schlichtweg - der normale Ausri├č eines Jungen war gegeben und in Ordnung.
Was ihr als Mutter jedoch Angst machte und n├Ąchtelange Sorgen bereitete, waren ewig wiederkehrende, leise Schreie eines im Halbschlaf w├Ąlzenden Menschen, der vor einer Ewigkeit noch das Kind - das S├Ąugling einer jungen Mutter mitten im Leben war. Ein naiver Knirps, der die Herzen seiner Umwelt eroberte; immer angenommen, nie weggesto├čen oder gar zum Spielen mit sich selbst entledigt.
Welcher Teufel ritt ihn in den Stunden der Einsamkeit? Wo war er wirklich? Wohin ging er, wenn er alle Erdenschwere verlor?
Sie sp├╝rte, wie grausam ein bleibendes Baby aus ihren Armen gerissen wurde. Nichts konnte sie dagegen unternehmen. Stillschweigend verharrte sie und mu├čte den Lauf der Dinge hinnehmen. Sie w├╝nschte sich, er w├╝rde sie endlich aus den Tr├Ąumen rei├čen; ihr erkl├Ąren, sie h├Ątte sich in vielem get├Ąuscht und ihrer Verzweiflung zu viel Vertrauen geschenkt.
Dem war nicht so. Nicht in den Momenten, in denen solche Laute ihre gute Seele langsam und bed├Ąchtig erdr├╝ckte; ihr den Raum zum Aufatmen nahm.
Schweren Schrittes schleppte sie sich zur├╝ck in das Bett. Zwang sich, zu den Schlafenden zu gesellen. Konnte nur langsam den Versuch widerstehen, die T├╝r aufzudr├╝cken und den Sohn in den Arm zu nehmen. Er w├Ąre wohl verwirrt, sogar ver├Ąrgert. Er lobte seine Privatsph├Ąre bis auf das ├äu├čerste. Verteidigte seine Welt.
Und sie w├╝rde wohl einen weiteren Teil seines Lebens verlieren. Was sie nicht auf┬┤s Spiel setzen wollte. F├╝r keinen Preis des Himmels.
Und so war die Zukunft geschrieben. Viele Monate kamen und gingen wieder. ├ťber Jahre ├Ąnderte sich das Bild nur schwach und schwerf├Ąllig. Eine Zeit lang dachte sie, es h├Ątte sich gar alles gelegt.
Er war reifer geworden und konnte somit dem Dasein - dem goldenen Leben ein St├╝ck Vernunft abgewinnen. Den Abschlu├č hatte er zufrieden und erfolgreich bestanden. Aufgenommen im Klub der Beliebten, eroberte er so manch feuchtfr├Âhliche Feier. Seine Vorstellung bl├╝hte, war auf vollem Kurs und es trog der Anschein, sie k├Ânnte f├╝r den Rest ihrer Tage von nun an in gl├╝cklicher Gelassenheit weilen.
Sie hatte ihn wieder, hatte ihn zur├╝ckgewonnen. Alles, was er ihr immer bedeutete, sein ├╝berm├Ą├čiger Wert, war keiner Sekunde gewichen, doch steigerte er sich mit jedem geschenkten L├Ącheln der des Sohnes Lippen. Die so voll und rot waren wie die Kirschen, die er noch als kleiner Bub im Garten Eden verputzte.

Heute steht sie vor einer gro├čen angerosteten Gittert├╝r, hinter der sich ein kleiner Park auftut. Zu dieser Jahreszeit voll von Gr├╝n, Schmetterlingen und Gezwitscher. Er w├╝rde ausreichend Schatten spenden, vor der anstrengenden Sonne sch├╝tzen. Es ist Sommer.
Seit der letzten Nacht, die sie vor der T├╝r des Sohnes verbrachte, sind wohl an die 30 Jahre vergangen.
Sie ist offensichtlich ├Ąlter geworden. ├äu├čerlich wie auch innerlich. Sie hat heute schon mit Schw├Ąchen des Alters zu tun. Aber sie wehrt sich nicht. Die Jahre taten ihr Werk, der Lauf der Zeit eben und zogen nicht ohne weiteres an ihr vorbei. Da ist es heute nicht mehr m├Âglich, sich gro├čer Anstrengung hinzugeben. Von Tag zu Tag wird sie m├╝der.
Ihr Blick f├Ąllt auf ein gro├čes vom Wetter verwaschenes und von Moos angegr├╝ntes Schild hinter dem Tor. Obwohl sie die Friedhofsordnung bereits sehr gut kennt, mag sie diese ein weiteres Mal lesen. Nie kann man sich genug mit seiner letzten Ruhest├Ątte bekannt machen. Es wird wohl immer etwas Neues zu entdecken geben. Wobei hier doch ein reges Treiben herrscht.
Schwacher Wind zerrt an ihrem schwarzen Gewand. Der Schleier zeichnet das gefaltete, angerauhte Gesicht. Lose, graue Haare fahren umher. L├Ąstern von Zeit zu Zeit ├╝ber das laue L├╝ftchen. Intensiver Duft von Fichten ziehen von der Friedhofseite her├╝ber und unterst├╝tzen den Wunsch nach inneren Frieden.
Aus der Ferne durchdringt das Schaben von Sohlen auf Schotter ihre Gedanken. Sie wei├č, da├č diese auf sie zugehen und n├Ąher kommen.
In Wirklichkeit ist sie unheimlich aufgeregt und nerv├Âs. Spielt mit dem Lederriemen der Handtasche; zieht die Scharniere hoch und runter. Sich zur Gelassenheit zu zwingen, will ihr nicht so recht gelingen. Immer wieder kreisen die Vorstellungen um das bevorstehende Treffen.
Es ist wohl sehr bedeutungsvoll f├╝r sie. Die positiven Strapazen necken ihren Herzschlag. Er springt. Zuckers├╝├č.
Doch beschw├Ârt es auch alte Erinnerungen und Gef├╝hle - lange hat sie gebraucht, mit Hilfe von Verdr├Ąngung den M├╝ll in ihrem Herzen zu beseitigen. Die harte Arbeit, ├╝ber Abschnitte des Bewu├čtseins hinweg zu gelangen, war m├╝hsam, aussichtsloser als der Sonnenaufgang und sehr bewegend. Aber er├Âffnete er neue Lebensr├Ąume und mobilisierte neue Lebensenergie.
Sie will sich nicht noch einmal beirren lassen.
"Ich geh┬┤, wenn es mir nicht gef├Ąllt."
Sie sprach noch in der Planung mit ihrer besten Freundin am Stammtisch ├╝ber das Ereignis. Wem sonst sollte sie pers├Ânliche Dinge anvertrauen; wer sonst sollte ab und an ihren Schmerz tilgen.
Gut, vielleicht hatte sie ihr nicht alles erkl├Ąrt - warum oder weshalb es zu den Umst├Ąnden kam, aber sie hatte ihr trotzdem geraten:
"Ja, Maria. Mach das, wonach Du Dich f├╝hlst. Denk an Dein Herz!"
Ja, in vielerlei Hinsicht stand das Herz an erster Stelle. An keinem Ort der Erde wurden neue Herzen ausgegeben. Es ist wohl der seltenste Schatz, den ein Mensch ein zweites Mal ohne Problem findet. Da hei├čt es `Acht geben┬┤.
Und deshalb blickt sie auch nicht auf das n├Ąherkommende P├Ąrchen, was Arm in Arm der Frau vor dem Stadtfriedhof entgegen schlendert.
Es vergehen Sekunden. Vielleicht irgendwo in ihrem Willen, eine Ewigkeit. Ein Zeitabschnitt, den sie ein letztes Mal einsam verweilen m├Âchte.
Den Blick gesengt, folgen ihre Augen einem vor├╝berkrabbelnden K├Ąfer.
"Hallo, Mutter."
Das P├Ąrchen steht neben ihr. Es sind noch ein paar Meter Luft zwischen ihnen, aber sie kann ihre Herzschlag sp├╝ren. Denkt sie.
Sie dreht sich zu ihnen. Ihre lederne Handtasche schrapt dabei unmerklich am Gitter entlang.
"Hallo, Sohn. Guten Tag, junge Frau."
Sie streift beide Gesichter nur ganz kurz. Nagelt ihren Blick sofort an den Kirchturmspitzen im Hintergrund, bevor sie fragt:
"Ist sie die neue Frau an Deiner Seite?"
Die Frau setzt ein hoffnungsvolles L├Ącheln auf ihre roten Lippen. Die Augen des Sohnes weiten sich. Sie h├Ątte seinen Stolz, sein Interesse und seine Hoffnung auf einmal erkennen k├Ânnen, blickte sie in direkt an. Doch hat sie es nur wahrgenommen. Genug, um zu wissen, da├č es ihm wohl gut geht.
Er nickt eifrig:
"Ja, ja, richtig. Mutter, darf ich Dir vorstellen: Das ist Carmen. Wir haben uns in der Bibliothek kennengelernt, kurz nach Weihnachten."
Zum ersten Mal schaut sie dem M├Ądchen direkt in sein Gesicht. F├Ąhrt die Markierungen ab wie mit einem Finger auf der Landkarte - Stirn, Augen, Nase, Ohren, Wangen, Kinn und zur├╝ck.
Es gibt keinen Zweifel: sie sieht gut aus. Wirklich akzeptabel.
Das Gest├Ąndnis erhellt ihre Mimik. Sie will dem jungen Ding keinen Schrecken einjagen. Als Anerkennung streckt sie ihre zittrige Hand entgegen.
"Hallo, Carmen. Sch├Ân Sie kennenzulernen. Ich bin Mark┬┤s Mutter. Wie geht es Ihnen?"
Die Gestik wird erwidert und mit einer Antwort unterstrichen, deren sanfte Betonung nicht sanfter h├Ątte sein k├Ânnen, als die eigene in den Jahren fr├╝herer Sch├Ânheit und Jugend.
"Danke, gut. Ich hoffe Ihnen ebenso. M├Âchten Sie uns begleiten? Wir wollen noch etwas durch den Park schlendern."
Sie blickt erwartungsvoll und doch etwas zur├╝ckhaltend in die Augen des Sohnes. Dieser l├Âst sich vom Arm der neuen Freundin, r├╝ckt ein St├╝ck von ihr ab und zeigt an, sie solle sich doch in der Mitte platzieren - "Wir sind eine Familie."
Zaghaft setzt sie einen Schritt nach dem anderen und bewegt sich auf die jungen Leute zu.
Als sie zwischen ihnen steht, wird ihr zum ersten Mal bewu├čt, da├č beide sie ├╝berragen. Doch sie hakt sich ein - links und rechts.
Und sie verschwinden im Dickicht eines Waldes mit k├╝hlen Schatten, einnehmenden D├╝ften nach Moos, verdorrten Gr├Ąsern, Kiefern und Pinien.
Bevor sie ganz eintauchen, rei├čt ihr Sohn schon das Gespr├Ąchsruder hoch:
"Mutter. Bald wirst Du Gro├čmutter."
Sie laufen weiter. Der Zukunft entgegen.

__________________
When life gives you lemons, throw them at mean people and hope they hit them in the eyes.

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