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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Muttertagsüberraschung
Eingestellt am 04. 05. 2014 20:48


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krokotraene
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Kathi machte sich Gedanken, der bevorstehende Muttertag lag ihr wieder im Magen. Seit Kindheit legte ihre Mutter größten Wert auf diesen, für sie so wichtigen, Tag im Jahr. Und Kathis Bruder war ein absoluter Muttertagsgegner, für ihn war dieser Tag nur ein Festtag der Wirtschaft, sonst nichts. Jedes Jahr wieder die gleichen Streitereien, jedes Jahr wieder ein zwanghaftes Familientreffen, jedes Jahr wieder die langen Gesichter.

Kathi war selbst Mutter zweier halberwachsener Kinder und wusste, Muttertag kann jeder Tag im Jahr sein. Da musste ihr nichts vorgeschrieben werden. Doch leider war eben ihre Mutter anders. Sie war nun knappe achtzig, seit mehr als fünfzehn Jahren Witwe und bekennende Single-Dame. Seit einigen Jahren war sie noch ein größerer Muttertagsfan als bisher. Ein kleines Familientreffen mit Essen in den eigenen vier Wänden reichte ihr schon lange nicht mehr. Immer mehr wünschte sich die alte Dame.

Verzweifelt rief sie ihren Bruder an, doch wie schon erwartet, gab es nur eine mürrische Antwort für ihre Sorgen rund um den bevorstehenden Festtag. Auch ihr Mann fand die Aufregung um den Tag im Mai für übertrieben, denn seine Mutter hätte schon immer diese Zwangsfeier abgelehnt. Er verstand das überhaupt nicht und fand alles nur lächerlich.

Kathi dachte an das vergangene Jahr. Es war der blanke Horror. Zuerst standen sie elendslang in der Autokolonne, bis sie endlich den Weg aus der Stadt gefunden hatten. Doch auch auf der Autobahn reihte sich Auto an Auto. Der Parkplatz bei dem von Muttern gewünschten Lokal war überfüllt und nach einem langen Fußmarsch kamen sie endlich an. Ihre Kinder raunzten und meckerten was das Zeug hielt. Ihr Mann war stinksauer, denn sein geliebtes Auto war nun nicht in Sichtweite. Nur Muttern stapfte freudestrahlend auf das beste Haus am Platz zu und erklärte dann lautstark den verdutzten Ober, weshalb die Reservierung im Raucherraum nur ein ungeschicktes Missverständnis sein konnte. Natürlich waren alle, außer Mutter, Raucher. Dementsprechend sackte auch die Stimmung noch mehr in den Keller. Die Kinder von Kathi und ihrem Bruder liefen somit alle fünf Minuten für eine Zigarette vor die Tür. Waren sie einmal zufällig am Tisch anwesend, hatten sie ihre Augen und Hände auf deren Smartphones und chatteten mit dem Rest der Welt.

Mutter bestellte das Teuerste von der Speisekarte, Kathis Bruder schimpfte über die überzogenen Preise, doch der Lärmpegel im Lokal verschluckte gott-sei-dank den größten Teil seiner Worte.

Kathis Schwiegermutter fand das ganze Affentheater sinnlos und den Muttertag als eine furchtbare Farce. In ihren Augen mussten die Kinder immer und ewig der Mutter dankbar sein, diese hofieren und ihr Geschenke vorlegen. Außer halt an diesem einen Tag im Jahr.

Nach dem Essen zog sich die Familie zu einer Schifffahrt auf der Donau zurück. Der Herzenswunsch der Mutter. Das Schiff war bis zum letzten Platz gefüllt und an ein gemütliches Plaudern war nicht zu denken. Die Kinder posteten sofort den ganzen Unfug auf Facebook, während die Schwiegermutter über der Klomuschel hing. Schiffe hatte sie schon immer gehasst.
Die Mutter lud auf eine Runde Eis ein, doch die Kellnerin hatte den Weg zu ihrem Tisch erst kurz vor dem Anlegen am Endpunkt geschafft. Frau Muttern schimpfte über die schlechte Organisation, beleidigte dann auch noch den herbeigerufenen Kapitän und Kathis Ehemann, der den Streit schlichten wollte, schrammte haarscharf an einem Hausverbot am Schiff für immer vorbei.

Der gemütliche Ausklang beim Heurigen beschränkte sich in der ersten halben Stunde auf ein Stehachterl nach dem anderen, da niemand an eine Reservierung gedacht hatte. Wie Sardinen in der Büchse waren sie dann auf einen winzigen Tisch zusammengepfercht. Das gemeinsame Essen wurde ein Einzelkampf, da immer nur maximal zwei Teller auf der Holzplatte Platz fanden.

Kathi wusste, heuer musste alles besser organisiert werden. Tage- und Nächtelang schrieb sie Listen mit Zielen, Kontaktdaten und Kapazitätsmöglichkeiten auf. Sie experimentierte mit Ausweichrouten und durchforstete Verkehrsanalysen der letzten Muttertage.
Sie telefonierte die ganze Familie durch und schrieb fein säuberliche Tischkärtchen. Heuer sollte alles perfekt sein. Sogar ihr Mann war ausnahmsweise mit der Planung einverstanden.

Der Muttertag zog ins Land. Kathi und ihr Bruder standen vor der versperrten Wohnungstür und läuteten an der kleinen Glocke neben dem Türschild. Doch es rührte sich nichts. Auch auf das Hämmern ihres Bruders gegen die Eingangstür tat sich nichts. Aus der Wohnung klang kein Laut. Schon hatte Kathi bereut keinen Schlüssel mitgenommen zu haben, als sich ihr Bruder an dem Schloss zu schaffen machte. Diesmal sollte sich seine schon immer vorhandene kriminelle Ader als brauchbar erweisen und im Handumdrehen hatte er die Eingangstür geöffnet.
Vorsichtig betraten die Geschwister die Wohnung. Da vernahm Kathi aus dem Schlafzimmer leises Stöhnen. Ihr wurde heiß, oh nein, was war passiert? War ihre Mutter gestürzt? Hatte sie einen Schlaganfall? Oder gar einen Herzinfarkt? Sie kramte in ihrer Erinnerung. Der letzte Erste-Hilfe-Kurs war schon lange her. Panik machte sich in ihr breit und auch in den Gesichtszügen ihres Bruder war eindeutig Besorgnis zu erkennen.

Kathi fingerte nach dem Telefon, sie wollte bereit sein. Sofort musste die Rettung alarmiert werden. Doch nicht heute am Muttertag. Nicht heute durfte ihre Mutter sterben.
Je näher die beiden dem Schlafzimmer kamen, desto deutlicher und aufgeregter konnten sie das Stöhnen vernehmen. Es war wie ein verzweifeltes nach Luft schnappen. Es schien als würde jemand seine letzten Atemzüge ankündigen. Sie standen in der Tür und sahen einen menschlichen Haufen sich unter der Bettdecke wölben. Ihre Mutter musste sich vor unendlichen Schmerzen winden. Kathi rief den Notdienst, während ihr Bruder die Bettdecke zurückschlug und entsetzt zurückprallte.
Kathi ließ vor lauter Schreck das Telefon fallen und von der Ferne war noch das "Hallo! Hallo! Hallo, sind Sie noch dran?", des Rettungsdienstes zu hören.

Die Mutter lächelte die beiden Kinder verlegen an und wurde rot wie ein kleines Kind, das gerade beim Stehlen der Weihnachtskekse ertappt wurde.
Sie stammelte, "Das ist Heinz-Peter!"

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xavia
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Hallo Krokotraene,

als ich gerade, durch den Leistungsdruck des bevorstehenden Muttertags aufgescheucht, deine Geschichte fand, fühlte ich mir sehr getröstet und konnte herzhaft darüber lachen.

Miners Einwand, man müsste es für eine Erzählung straffen, kann ich nicht ganz nachvollziehen: Für eine Kurzgeschichte könnte man es straffen, ja. Zum Beispiel habe ich den Schluss kommen sehen, sobald das Stöhnen erklang und dann hätte er nicht mehr so viel Vorlauf gebraucht und für eine Kurzgeschichte könnte auch der restliche Text hier und da mit Blick auf das angestrebte Ziel gekürzt werden, aber da hat mir gerade diese amüsante Schilderung des ganzen familiären Hin und Hers sehr gut gefallen, also wäre es vielleicht besser, die Geschichte als Erzählung zu betrachten und ihr den Raum für diese Schilderungen zu lassen.

Danke für die Lacher, die du mir entlockt hast, Krokotraene!
Herzliche Grüße
Xavia

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