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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Muttertod
Eingestellt am 04. 09. 2002 07:42


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bosbach46
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Muttertod

Der Druck sei weg, als w√§ren schwere Felsplatten von ihrer Brust herunter gerutscht, erz√§hlte sie. In ihren Augenwinkeln deuteten sich Tr√§nen an, mehr nicht. Dann stie√ü sie ab und schwamm neuerlich einige Bahnen. Ich kraulte, um wenigstens einen Teil meiner selbst auferlegten Pflicht, zu absolvieren. Die Frau schwamm mir nach und hatte mich am Beckenrand eingeholt. Sie m√ľssen mir zuh√∂ren, forderte sie. Es war morgens um sechs leer im Becken; nur sie und ich, also h√∂rte ich zu.

Durchaus habe ihr die Mutter leid getan, wie sie jahrelang in dem Altenheim, eingepfercht in einem h√∂lzernen Krankenstuhl, nicht mehr erlebte, als die Flurw√§nde anstarren zu k√∂nnen. Wenn sie dort ihre Mutter besuchte, h√§tte die hinf√§llige Frau Zeitungsseiten zerrissen. Stundenlang habe sie kleine Schnipsel hergestellt und in ein gro√ües Blatt gelegt und dieses umst√§ndlich zusammengefaltet. Ein Gespr√§ch war unm√∂glich. Mutter sei v√∂llig verwirrt gewesen. Aber ihr zu helfen, sie mit dem Rollstuhl in den Park fahren, f√ľr Abwechslung zu sorgen, niemals h√§tte sie dies tun k√∂nnen. Mutter sei eine Hexe gewesen. Jetzt weinte die Frau. Kr√§ftig stie√ü sie sich von dem Beckenrand ab und schwamm, als w√ľrde sie um den ersten Platz k√§mpfen. Nach der Bahn tauchte sie wieder auf. Sie keuchte. Ich sah sie an, teilte ihr mit meinem Blick mit, sie k√∂nnen weiter erz√§hlen.

Meine Mutter kochte ein, stellte Marmeladen her, pfl√ľckte Kirschen, erntete Bohnen. Die K√ľche war zeitweise ein Lager f√ľr Einmachgl√§ser und den roten Gummis, die zwischen dem Glas und dem Deckel gelegt wurden. Mutter forderte oft von mir, ich solle ein Glas holen. Sie sagte einfach: Helga hole mal eben ein Dreiviertel-Glas Bohnen aus dem Keller. Zitternd stand ich vor dem Regal. Wissen Sie, meine Mutter erkl√§rte mit die Unterschiede nicht. Ich hatte keine Ahnung wie gro√ü ein Viertel-Glas, ein Eineinhalb-Glas oder ein Achtel-Glas war.

Zu Gott betete ich. Bitte, bitte lieber Gott, zeige mir das richtige Glas. Aus der K√ľche schrie Mutter bereits. Hast Du das Glaaas, Helga? Ich √ľbergab ihr das Glas. Und wieder war es falsch. Wie immer. Sie schlug mich. Dann mu√üte ich auf einem kleinen Schemel sitzen. Stundenlang. In all den Jahren brachte ich nie das richtige Glas.

Eines Tages √∂ffnete sie den Backofen. Dreht das Gas auf und legte ihren Kopf in die R√∂hre. Auf den Knien, den Kopf ins Gas geschoben, st√∂hnte sie. Du hast mich kaputt gemacht, Helga. Merk Dir das, Du hast mich kaputt gemacht. Mein Vater zog meine Mutter dort heraus. Er gab ihr das gro√üe K√ľchenmesser.

Da, schrie er, schneide deiner Tochter die Kehle durch oder laß sie endlich in Ruhe. Ich sprang aus dem Fenster. Fiel auf die Brombeerhecke.

Die Frau seufzte. Gestern wurde meine Mutter beerdigt. Sie lächelte. Wissen Sie, sagte sie leise, was ich gemacht habe ?

Ich warf ihr die restlichen Einmachgläser ins Grab. Und jetzt schwimme ich. Das Wasser wäscht mein Leid weg, wissen Sie.

Ich nickte bestätigend und tauchte davon, weg von dieser Geschichte.

__________________
J. Bosbach

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Barks
Wird mal Schriftsteller
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Muttertod

Dicht, d√ľster und beklemmend. Klingt sehr authentisch. In Verbindung mit der Wassersymbolik im leeren Bad wird die karge Schilderung eines Entsetzens noch weiter unterk√ľhlt.
L√§√üt mich nachdenklich zur√ľck - mit einem leichten Impuls, ebenfalls wegtauchen zu wollen... gut.
Barks

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Till Braven
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

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Hallo Bosbach,

diese Geschichte hat mich mit ihrer beklemmenden Atmosph√§re gefesselt. Alles ist beklemmend, selbst die Rahmenhandlung im Schwimmbad. Und je weiter man sich einl√§√üt, desto d√ľsterer kommt es.

Daf√ľr bekommst du eine 10...

Gr√ľ√üe von der K√ľste

Till

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herb
???
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Hallo Bosbach,

deine geschichte deprimierte mich, ich wusste nicht warum.
dann habe ich die wohnung gereinigt, ein bad (smile, nicht im schwimmbad) genommen, und sie nochmals gelesen. also, die frau im schwimmbecken ist es nicht, da hast du als therapeut, smile, eine gute lösung gefunden mit der symbolischen handlung am grab. weg mit dem mist, auch aus dem kopf. Ihre mutter, ja, sie war offenbar krank, und es gab wohl keinen weg ihr zu helfen, das deprimierte mich
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

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flammarion
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hm,

mir gef√§llt die geschichte einfach super. ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

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bosbach46
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vielen Dank

ihr lieben Mitmenschen,
manchmal erlebe ich Situationen, in denen mir ein nicht einmal nahestehender Mensch etwas Pers√∂nliches erz√§hlt. Oft ist es beklemmend, was mir geschildert wird. Erstaunlicherweise berichten Mitfahrer, wenn ich Kutsche fahre, von einem einschneidenden Erlebnis. Meine Frau meinte erst k√ľrzlich, ich w√ľrde solche Geschichten anziehen. Unter der Oberfl√§che finde ich es lebendiger und anregender. Doch manchmal w√§re wegtauchen tats√§chlich sch√∂ner. Gru√ü J.B.
__________________
J. Bosbach

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Zefira
???
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Das liegt am Kutschefahren, lieber Bosbach.
Die rhythmische Bewegung - genauso wie √ľbrigens Schwimmen - bringt Dinge vom Grund ans Tageslicht.
Ich habe den Text gerade eben erst gefunden, kann mich meinen Vorrednern nur anschließen - fesselnd, beklemmend, am besten gefällt mir die Szene mit dem Vater.
Gruß von
Zefira

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