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Leselupe.de > Kurzgeschichten
My bloody Valentine
Eingestellt am 20. 05. 2003 15:21


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David Winterhurst
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

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Draußen auf dem schneebeschwerten Ast sitzt ein kleines Vögelchen und singt. Es singt Winter und meint FrĂŒhling. Dann platzt ihm die Brust auf und es fĂ€llt hinunter.

Ich kann den Rhythmus des Gezeters meiner Freundin schon auf dem dunklen Holz unseres Klaviers mitklopfen.
»Warum legst du alle WĂ€sche zusammen und lĂ€sst die Hemden aber hĂ€ngen, nur weil du einen verdammten BĂŒgel fĂŒr sie besorgen mĂŒsstest?«
»Weil ich einen verdammten BĂŒgel fĂŒr sie besorgen mĂŒsste« antworte ich und blicke dann wieder nach draußen. Ich sitze am Fenster, denke nach ĂŒber die Welt und was sie aus mir gemacht hat. Schuld und GlĂŒck wĂŒrde ich in meinen Koffer packen, mĂŒsste ich jetzt verreisen.
Der Ärger um irgendwelche Hausarbeit? Ach nein, das ist gar nichts. Entweder bekomme ich einen epileptischen Anfall und kann es ĂŒberhaupt nicht tun, oder aber ich bin zu irgendwas zu faul, mache es nicht richtig und sie regt sich auf. Das hat sie fĂŒr umsonst, ich glaube das braucht sie sogar hin und wieder.
Nein, das ist eher noch ein Teil meines GlĂŒcks. Die Schuld liegt in der Verantwortung fĂŒr so vieles. Da sitzt irgendwo ein alter Mann einsam und allein zuhause; ich wechsle kein Wort mehr mit ihm. In meinen Schuhen klebt noch immer die indirekte Schuld an einem Schwangerschaftsabbruch. Und mir fallen Dutzende entsetzter Gesichter ein, als ich sie aus meinem Leben strich. Ich habe mal meinem kleinen Neffen den Kopf an einem Schrank angeschlagen, und obgleich mir ein Vertrauter mehrmals versichert hat, dass seine leichte geistige Behinderung von einem Sauerstoffmangel bei der Geburt herrĂŒhrt, bin und bleibe ich skeptisch, vielleicht auch dafĂŒr einen Teil der Schuld in der Tasche stecken zu haben.
Außerdem kann ich noch immer nicht umhin, dass es ein furioses GefĂŒhl der Erleichterung ist, immer dann auf Distanz zu gehen wenn die NĂ€he zu Menschen intim wird.

Ich erinnere mich an diesen Tag im FrĂŒhling, als ich ĂŒber die Holzblasarrangements auf Mark Hollis’ Soloalbum staunte und plötzlich die Sonne zu einem gleißenden Lichtball vor meinem Fenster aufging. Ich beschloss damals, dass es besser sei so viele Dinge fĂŒr mich zu behalten. Und an diesem Tag setzte ich mich auch hin, um intensiv an meiner Karriere zu arbeiten. Seit dem habe ich damit nicht mehr aufgehört, und nichts, aber auch gar nichts konnte sich dem Wunsch in den Weg stellen, endlich einen persönlichen Erfolg zu verzeichnen.
Es ist beinahe unermesslich was und wen ich seit dem alles in meinem Leben dazu gewonnen habe. Aber der Abglanz dieser kleinen Etappentriumphe strahlte auch immer auf einen ganzen Haufen von gebrochenen Knochen und Herzen.

Heute sei ein Tag, an dem man den besten Menschen in seinem Leben Tribut zollt, so heißt es. Und ich schlage in der Tat mein kleines, schwarzes Buch der coolen Leute auf. Namen stehen darin, die ich nie vergessen könnte, Telefonnummern die ich auswendig weiß und Adressen, die ich mit bestĂ€ndiger RegelmĂ€ĂŸigkeit von einem Umschlag auf den anderen ĂŒbertrage. Ja, wir stehen in Kontakt, wir arbeiten zusammen, lassen einander an unserem Leben teilhaben. Aber nie habe ich mich ferner von irgendwem gefĂŒhlt als heute.
Was diese Menschen mir bedeuten, können sie nur ahnen. Gesagt habe ich es ihnen nie.
DarĂŒber denke ich nach, ja. Und doch greife ich dabei nach der roten, herzförmigen Schachtel, die ich vor ein paar Tagen fĂŒr meine Freundin besorgt habe. Mit schwarzem Samt ist sie innen ausgepolstert, in den ich jetzt das kleine tote Vögelchen lege. Das Blut an seinem Gefieder ist bereits getrocknet. Ein Geschenk mit Bedeutung, so kann man wohl sagen.
Aber ich sage gar nichts mehr, wie dieses Vögelchen nie mehr singen wird.
Wenn ich durstig bin, schenken mir Menschen immer wieder GetrĂ€nke in kostbare GefĂ€ĂŸe aus Glas ein. Und ich kann, kann einfach nicht anders als diese jedes Mal zu Boden zu werfen.

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

lieber david

das wort vögelchen impliziert schon, dass es sich um keinen riesenvogel, sondern eher ein kleineres geschöpf handelt.

Das hat sie fĂŒr umsonst .... diese konstruktion gefĂ€llt mir gar nicht, ich weiß auch nicht genau, was damit gemeint ist.

seit dem ... entweder seitdem oder seit damals

ich bin noch ein bissl ambivalent diesem text gegenĂŒber. zum einen mag ich manche bilder sehr und du hast sie schön gezeichnet. zum anderen ist mir die flut der bilder manchmal zu heftig und sie schwappen ĂŒber mich und bevor ich noch das erste bild geschluckt hab, ist auch schon die nĂ€chste welle da. und ich muss den satz wieder von vorn beginnen, damit ich verstehe, was du sagen willst.
manche zusammenhĂ€nge erschließen sich mir nicht. die gleißende sonne und das bei sich behalten der dinge und dann plötzlich das arbeiten am erfolg. wie hĂ€ngt das zusammen?

Heute sei ein Tag, an dem man den besten Menschen in seinem Leben Tribut zollt, so heißt es. (was soll das bedeuten. und was heißt „heißt es“. das klingt so Ă€hnlich wie „sagt man“. aber wer sagt. und warum heißt es?)

Mit schwarzem Samt ist sie innen ausgepolstert. ausgepolstert heißt schon, dass es innen ist. sonst hieße es ĂŒberzogen.
in den ich jetzt das kleine tote Vögelchen lege. (in den samt?)

auch der schluss. ich kann nix damit anfangen. außer dass es ein trostloses gefĂŒhl in mir auslöst.


die k.

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itsme
???
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Hallo David

Gedanken aus hoffnungsloser Orientierungslosigkeit; ein innerer Konflikt, versinnbildlicht durch den toten Vogel am Valentinstag

Deine Sprache ist dicht, die Bilder nicht aufdringlich, aber der Text schwingt eindringlich zwischen den Polen.

GefĂ€llt mir sehr bis auf einige störende FormulierungsschwĂ€chen und Ausdrucksfehler. Wenn du magst, wĂŒrde ich mir den Text in den nĂ€chsten Tagen mal genauer ansehen.


LG - itsme
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David Winterhurst
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Auf viele Detailfehler, wie dem „ausgepolstert“ stoße ich selbst beim zwanzigsten Lesen nicht mehr, einfach weil ich zu tief in meiner „Bildwelt“ stecke. SpĂ€testens bei den Romanen sind dafĂŒr ja dann irgendwann mal Lektoren da, bitte. Andere „Bilder“, wie das mit der Sonne und so weiter, haben eigentlich gar keine tiefere Bedeutung. Das ist nur eine Situationsbeschreibung, die man so annehmen kann oder nicht. Nur eine Frage hĂ€tte ich, denn das haben mehrere gesagt: Was fĂŒr eine Bedeutung hat denn das mit dem toten Vogel eurer Meinung nach?
Meine leicht schrĂ€g altertĂŒmlichen Formulierungen, wie „das hat sie fĂŒr umsonst“, stoßen jedenfalls nach wie vor auf Ablehnung. Beuge ich mich da nun dem Wunsch der Leser, oder bleibe dabei?
Freut mich jedenfalls, dass ihr euch so ausfĂŒhrlich mit dem Text auseinandersetzt.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo david winterhurst,

bleib bitte bei deiner schrÀgen sprache, denn viele dinge die ich deinen texten entnehme, beruhen gerade auf der verwendung ungewöhnlich gewordener begriffe, und "versichern" mich somit der ungewöhnlichkeit der mit scheinbarer leichtigkeit geschilderten ereignisse, seien sie fiktional oder auch nicht.

wie ist dein vögelchen bei mir angekommen?
als symbol, unfrei geworden zu sein, bzw. sich nun ĂŒber die eigene unfreiheit im klaren geworden zu sein.
den abschlußsatz und die erwĂ€hnten epileptischen anfĂ€lle nehme ich als hinweis auf das tourette(?)-syndrom - oder ĂŒberinterpretiere ich da?

sollte mein verstĂ€ndnis fĂŒr deinen text nicht deiner intension entsprechen - nicht Ă€rgern. ich steige auch nicht hinter die geheimnisse vieler bosch-bilder (aber wer kann das schon?), sehe sie mir aber trotzdem sehr gern an.


nicht nur auf grund des titels erinnert mich dein text an chet bakers version von "my funny valentine" (sehr "unfunny")


grĂŒĂŸe

rainer

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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David Winterhurst
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

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Nun, um ehrlich zu sein fragte ich deshalb, weil ich selbst gar keine Intention hatte, außer die der Bilder. Es ist oft so, dass ich Dinge schreibe wie sie mir als Geschichte in den Kopf kommen. Was dahinter steckt erkenne ich oft erst Monate spĂ€ter selbst, oder aber andere eröffnen mir ihre Sicht dessen. Vielen Dank erstmal dafĂŒr.
Ich finde es immer sehr spannend, was unterschiedliche Leute alles so unterschiedliches in Texten lesen können. Das gibt einfach neue Sichtweisen.

Chet Baker - ja, klar liegt der Bezug zu "My funny Valentine" nahe. Als ich den Text schrieb (ĂŒbrigens am Valentinstag dieses Jahr), habe ich das Lied oft vor mich her gesungen, aber eben mit bloody statt funny. Denn funny, da stimme ich zu, ist dieser Texte wohl eher nur an den geringsten Stellen.


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Grit1962
???
Registriert: Jul 2003

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Sich lieben.....

Hallo David,

durch Zufall stieß ich auf deinen Text, der mich sehr nachdenklich stimmte. Das eigentliche Problem des Protagonisten liegt fĂŒr mich persönlich darin, sich selbst nicht anzunehmen. Als Menschen mit SchwĂ€chen und Fehlern. Der keine Liebe zulassen kann, weil er sich selbst nicht liebt. Ein volles Adressbuch, sich trotzdem einsam fĂŒhlen...das zurĂŒckgewiesene, gefĂŒllte Glas - sind dafĂŒr bekannte Bilder.

Deine bilderreiche Sprache gefĂ€llt mir, du hast es verstanden, trotz der KĂŒrze deines Textes auf den Punkt zu kommen. Ich persönlich wĂŒrde mir einen Lichtblick wĂŒnschen, so ganz am Ende. Liegt aber voll an meinem persönlichen Harmonie- und Happy-End-BedĂŒrfniss ;-)

Weiter so.
Viel Spaß noch
Grit


__________________
Grit62

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