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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 26. 08. 2005 14:29


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Duisburger
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Heimkehr der Gedanken

Man hatte mich gewarnt und es Feindesland genannt.
„Ich bin niemandes Feind“, hatte ich entgegnet und nur mitleidige Blicke geerntet
Jetzt stand ich am Fuße des Ölbergs und Jerusalem erwachte mit den Rufen der Muezzin. Der Friedhof lag direkt vor mir. Der Weg vom eisernen Tor zu ihrem Grab war in meinem ReisefĂŒhrer detailliert beschrieben und so fand ich die steinerne Tafel recht schnell.
Es war ein Gemeinschaftsgrab, in dem 34 Tote ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Eine von ihnen war Else-Lasker SchĂŒler. Das Grab wurde drei Jahre nach ihrem Tod im Januar 1945 bei den KĂ€mpfen um Jerusalem zerstört. Danach wurden sie hier zusammen mit anderen bestattet. Das war nun ĂŒber zwanzig Jahre her.

Ich kniete auf dem Boden und legte einen Ölzweig auf den Sockel der Namenstafel.
Sand knirschte. Jemand stand hinter mir. Ich wagte nicht, mich zu bewegen.
Eine Stimme rezitierte:

Die Sterne fliehen schreckensbleich
Vom Himmel meiner Einsamkeit, -


Ohne das ich mir dessen bewusst war, ergÀnzte ich den nÀchsten Vers:

Und das schwarze Auge der Mitternacht
Starrt nÀher und nÀher.


Ich erhob mich langsam und drehte mich um. Vor mir stand ein alter Mann mit Hornbrille und KrĂŒckstock. Er hatte eine Kippa auf dem Kopf und war demnach Jude. Er lĂ€chelte mich freundlich an.
„Guten Morgen“, begrĂŒĂŸte er mich. „Sie war eine wortreiche KĂ€mpferin gegen das Unrecht und manchmal auch gegen sich selbst.“
„Shalom. Und eine der bedeutendsten europĂ€ischen Dichterinnen unseres Jahrhunderts.“
Der alte Mann nickte.
„Sind sie nur wegen ihr gekommen?“ fragte er.
„Ich mache eine Studienreise und wollte mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.“
Der alte Mann trat dicht vor die Schrifttafel und strich mit den Fingern ĂŒber die Gravur ihres Namens.
„Sie hat den Schmerz des Volkes Israel und ihre eigene Trauer niedergeschrieben. Menschen wie sie sorgen dafĂŒr, dass das Vergessen nicht die Oberhand gewinnt.“
Der alte Mann hielt inne und wirkte auf einmal mĂŒde.
„Wissen Sie, ich habe sie gekannt. Persönlich, meine ich. Das war im Jahr 1939, als sie aus der Schweiz nach Jerusalem kam. Sie war vor der Gewalt geflohen und hatte hier eine andere Art von Gewalt gefunden. In Deutschland hatten sich die Juden ihrem Schicksal ergeben, dessen letzte Konsequenz die meisten von ihnen noch nicht ahnten. Hier kĂ€mpften die Juden mit der Waffe in der Hand gegen die Araber und die Protektoratsverwaltung der EnglĂ€nder.“
Ich lauschte fasziniert seinen Worten und konnte kaum fassen, dass hier jemand vor mir stand, der Else-Lasker SchĂŒler persönlich gekannt hatte. Ich war sicher, dass der alte Mann Dinge wusste, die kaum jemanden außerhalb Jerusalems bekannt waren.
„Wie haben Sie sie kennen gelernt?“
Der alte Mann begann umstÀndlich, seine Brille zu putzen.
„Ich gehörte 1939 der Haganah, einer jĂŒdischen Untergrundbewegung, an und hatte den Auftrag, neu eingetroffene Juden nach Möglichkeit fĂŒr die Bewegung zu rekrutieren. Vor der britischen Protektoratsverwaltung in Jerusalem hatte ich einen Schuhputzsstand, von dem aus ich den Eingang beobachten konnte. Eines Tages kam eine Frau in schĂ€biger Kleidung die Treppe hinunter und schaute sich suchend um. Ich ĂŒbergab meinen Posten einem MitkĂ€mpfer, der sich fĂŒr solch einen Fall immer in der NĂ€he bereithielt und ging auf sie zu.
Ich begrĂŒĂŸte sie mit einem „Shalom“ und war erfreut, als sie genauso erwiderte. Sie erzĂ€hlte mir bereitwillig, dass sie JĂŒdin sei und eine Unterkunft suchte. Diese Offenheit erschien mir leichtsinnig in dieser Stadt, doch dieses Verhalten war in ihrem Wesen begrĂŒndet, wie ich mit der Zeit feststellte.
Sie schien jedem, unabhĂ€ngig von Glauben, Hautfarbe oder NationalitĂ€t, freundlich gesonnen zu sein und machte keinem Hehl daraus, dass ihr gut gemeinte RatschlĂ€ge jenseits ihrer Überzeugung vollkommen egal waren.
So ging auch mein Versuch, sie fĂŒr die Haganah zu rekrutieren, vollkommen schief. Sie dachte nicht daran, sich fĂŒr eine Sache einspannen zu lassen, von der sie der Meinung war, dass diese auch friedlich zu regeln sei.“
Ich hatte das Glitzern in seinen Augen bemerkt und konnte mir die Frage nicht verkneifen.
„Waren Sie in sie verliebt?“
Sein Gesicht bekam einen nachdenklichen Zug und er setzte seine Brille wieder auf.
„Anfangs habe ich sie fĂŒr eine weltfremde TagtrĂ€umerin gehalten, doch mit der Zeit merkte ich, dass hinter dieser vorgeblichen NaivitĂ€t ein wacher und scharfer Verstand lauert. Richtig bewusst wurde mir diese Tatsache erst, als sie mir ihre Gedichte zeigte. Da war die andere Else Lasker-SchĂŒler, die kritisch hinterfragte und mit ihrem wachen Verstand Finger auf Wunden legte, die sonst unbemerkt geblieben wĂ€ren. Wir fingen an, allabendlich ĂŒber ihre Werke zu diskutieren und entdeckten zum beiderseitigen Erstaunen, dass sich unsere grundsĂ€tzlichen Ansichten zu den Dingen weitgehend glichen.
So kamen wir uns langsam nĂ€her. Ich weiß bis heute nicht, ob ihre Zuneigung mir gegenĂŒber wirklich Liebe war oder ob sie in mir nur jemanden gefunden hatte, der sie wirklich verstand.
Es hat nur sechs Jahre gedauert, Jahre, die mich bis heute geprĂ€gt haben. Als sie 1945 starb, war ich weit außerhalb Jerusalems in einem Einsatz. Ich erfuhr erst zwei Monate spĂ€ter von ihrem Tod.“
Er griff in seine Tasche und hielt ein abgegriffene Kladde in der Hand. Sie war mit einer Paketschnur zusammengebunden.
„Das ist alles, was mir von ihr blieb. Es ist nun an der Zeit, denke ich.“ Er hielt mir die Kladde hin.
„Aber was ...“ entgegnete ich.
„Öffnen sie die Schur und schauen Sie hinein“
Verwirrt begann ich, die Schnur aufzuknoten. Der alte Mann war mittlerweile wieder aufgestanden und hinter mich getreten. Ich schaffte es schließlich und öffnete die Kladde.
Es waren lose BlĂ€tter, Notizen zu ihren Gedichten und einige kleine Zeichnungen. Ihr NamenskĂŒrzel auf jeder Seite. Was fĂŒr einen Schatz hielt ich da in der Hand? Auch die Innenseite des Deckels war beschrieben, kaum noch sichtbar das Wort Chaos. Ich konnte kaum noch klar denken.
Ich drehte mich um, doch der alte Mann war fort. Auf dem Friedhof war niemand zu sehen. Ihre Gedanken sollten wieder in die Heimat zurĂŒckkehren, das wollte der alte Mann mir sagen. UmstĂ€ndlich schnĂŒrte ich die Kladde wieder zu und schob sie in die Innentasche meiner Jacke.
Unten aus der Stadt erklang erneut der Ruf der Muezzin.



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Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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flammarion
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sehr

rĂŒhrend und gut erzĂ€hlt. n paar tippfehler möchten noch raus, dann wĂŒrde ich es fĂŒr perfekt halten.
lg
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Old Icke

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Duisburger
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Hallo Flammarion,

danke fĂŒr deinen freundlichen Kommentar.
Habe tatsÀchlich noch zwei Fehler gefunden. Ich hoffe, dass war es dann.

lg
Uwe

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flammarion
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nee,

du, da sind noch mehr drin. bei zwei hÀtt ich nix gesagt.
lg
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Old Icke

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MDSpinoza
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quote:
Das Grab wurde drei Jahre nach ihrem Tod im Januar 1945 bei dem KÀmpfen um Jerusalem zerstört wurde

Da stimmt auch was nicht.
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Lieber ein verfĂŒhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂŒhrer...

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Duisburger
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Hallo,

danke fĂŒr die Aufmerksamkeit.
Das kommt davon, wenn man SĂ€tze umstellt und Fragmente der alten Formulierung ĂŒbersieht.

lg
Uwe
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