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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nach der Spätschicht
Eingestellt am 18. 12. 2000 13:00


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Haggard
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2000

Werke: 9
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Kapitel I

- Kälte, Regen und ein alter Bekannter –


Es war ein kalter, verregneter Abend mitten im Oktober. Ganz allein saß er auf der Bank einer Bushaltestelle mitten in der Stadt. Die Dunkelheit hatte ihren schützenden Mantel wieder einmal über alles lebendige ausgebreitet und die Luft war so kalt, dass man bei jedem Ausatmen eine kleine Dampfwolke in den dunklen Abendhimmel schickte. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass es bereits 20:00 Uhr war, aber in dieser Stadt schien niemals Ruhe einzukehren. Die Leute liefen hektisch umher.
Die meisten hatten Schirme aufgespannt, um nicht nass zu werden. Andere bewegten sich möglichst schnell durch die Menschenmengen und stellten sich bei jeder
Gelegenheit unter.
Es herrschte eine allgemeine Unruhe, die ihn immer wieder aufs neue ansteckte. Er saß nur da und beobachtete die Situation wie ein Zuschauer, der immer nervöser wurde. Obwohl er den ganzen Tag gearbeitet hatte und die Erschöpfung sich mit scheinbar 100 kg auf seine Schultern gesetzt hatte, brannte diese aufkeimende Unruhe wie das Höllenfeuer in seinem Innersten. Jedes mal, wenn er mit dem Bus zur Spätschicht fuhr, liebte er diese Stadt, ja er liebte sich wirklich. Doch auf dem Heimweg wollte er sie nur noch hinter sich lassen. Noch ungefähr 10 Minuten auf den Bus warten, welcher in nach Hause bringen würde. Doch diese Minuten des Denkens und wartens hatten ihre eigene Logik. Er musste gegen Erschöpfung und innerliche Unruhe zugleich ankämpfen, als sich plötzlich ein alter, aber unsichtbarer
Bekannter neben ihn setzte und ihm seinen schweren Arm und die Schultern legte.
Dieser Bekannte kam fast immer zum gleichen Zeitpunkt und verließ ihn seltsamerweise auch immer genau dann, wenn er zu Hause aus dem Bus ausstieg. Er machte einem das Leben verdammt schwer und sorgte dafür, dass man an genau so einem Abend alles noch ein bisschen düsterer betrachtete. Denn dieser unsichtbare Bekannte war die Depression. Als er so umarmt wurde, betrachtete er Regentropfen, die in eine Wasserpfütze fielen und in ihr
Unablässig kleine Kreise zauberten, die ihn regelrecht hypnotisierten.
Auf diese Weise hätte er bis in die Ewigkeit sitzen können und diese Kreise betrachten,
wenn ihn nicht der grelle Schrei einer Frau aus seiner Lethargie gerissen hätte. Er schreckte auf und sah vor seinem inneren Auge einen Mann, der gerade eine Frau,
wohl seine Ehefrau, mit der Faust mitten ins Gesicht schlug und sie so zu Boden streckte. Glas zerbarst, Blut floss und die Frau schrie aus Leibeskräften.

Als er jedoch in Richtung des Schreis blickte, sah er, dass nur 2 pubertierende Mädchen mit einem, dem Anschein nach ebenfalls pubertierenden, Jungen getollt hatten und dieser dann, als es ihm wohl doch zu viel wurde, eines der Mädchen mit einem gezielten Tritt in den Allerwertesten zum Aufhören bewegen wollte.
Wie sich jedoch im nächsten Moment herausstellte, hatte dieser gezielte Einsatz körperlicher Gewalt keine Früchte getragen, den die beiden jungen Damen ließen ihrem „Opfer“ weiterhin keine Ruhe.

Irgendwie war es seltsam. Immer, wenn er Spätschicht hatte und am Abend mit dem Bus nach Hause fuhr, saß er auf dieser Bank und fühlte sich, wie eine Orange, die man gerade 10 Minuten in einer Hochdrucksaftpresse ausgequetscht hatte, seinen Bekannten direkt neben sich sitzend und dachte bei tobenden Jugendlichen sofort an gewalttätige Ehemänner.
...Tja Berufskrankheit...
Er war Polizist in dieser Stadt und hatte hinter ihrem freundlichen, aufgesetzten Lächeln das zahnlose, verzerrte Grinsen einer entstellten Monsterfratze erkannt. Ihre Fassade war für ihn schon lange gefallen. Er kannte alle, noch so gut verdeckten Schandflecken im Gesicht dieser Stadt. Kein noch so gutes Make-up konnte sie vor ihm verbergen. Vor jedem anderen, normalen Bürger dieser Stadt, nicht aber vor einem Polizisten, dessen Hauptaufgabe eigentlich darin bestand, die Schminke immer wieder zu erneuern und die Pickel und Mitesser, in Form von vollgeschissenen und vollgekotzten Pennern überdeckte, in dem man sie wegsperrte. Die Stadt musste sich ihr nettes Grinsen schließlich für tausende von japanischen Touristen bewahren.
All diese Erkenntnisse waren ihm nie so bewusst wie in diesen Momentan auf der Bank der Bushaltestelle nach der Spätschicht.
Ein kleiner, aber deutlich sichtbarer Lichtstrahl drang durch den grauen Vorhang, den wohl die Depression vor seinen Augen aufgehängt hatte. Sein Bus hielt an der Haltestelle und er stieg ein. Endlich konnte er diese verdammte Stadt hinter sich lassen. Nach einer langen Spätschicht.



Kapitel II

Fahrt durch die Erinnerungen


Kaum war er in den Bus eingestiegen, setzte er sich sofort auf den Sitzplatz gleich links neben der Tür. Obwohl er vor einigen Augenblicken noch wie ein Schatten seiner selbst auf der Bank im Wartehäuschen gesessen hatte, nahm er diesen Sitz mit einer Schnelligkeit und Präzision ein, die ihn selbst erschreckte. Er war für ihn fast schon ein Zwang, genau diesen Platz zu besetzen.
Als sich die Türen des Busses schlossen, begann sich der Regen so zu verstärken, dass man, wenn man noch draußen stand, fast Angst haben musste, von der Straße gespült zu werden.
Die Vorstellung, dass gerade er es noch geschafft hatte, in den Bus einzusteigen, bevor er, wie all die anderen im Regen stehen musste, entlockte ihm ein kurzes Lächeln, welches sofort darauf von Mr. Depression min einem gezielten Schlag wieder von dannen befördert wurde.

Als er so in Gedanken versank, wurde es ihm selbst erst bewusst, dass er immer versuchte, als erster von allen in den Bus einzusteigen, um genau den Platz links gleich neben der Tür zu ergattern. Just in diesem Moment keimte auf einmal ein starkes Gefühl der Angst in ihm auf.
Es begann mitten im Magen, als Stecknadelkopf großer brennender Fleck, welcher sich schlagartig von innen her über seinen ganzen Körper ausbreitete. Es war ein Gefühl, als stände man am Strand, beobachtete kniehohe Wellen und auf einmal schoss eine 5 Meter hohe
Riesenwelle aus dem Ozean und überrollte einen. Man wurde von dieser Welle hinfortgeschleudert in einen freien Fall, der niemals enden wollte und man hatte keine Gelegenheit, sich festzuhalten. Er hatte Angst. Eine Scheißangst, die Kontrolle zu verlieren.
All die Bilder und Situationen, die er teilweise durch seinen Job ertragen musste, die ihn abstießen und innerlich zerfetzten. Gleichzeitig beunruhigte in die Tatsache, dass sein Vater ein hochgradig geisteskranker war und er nun eine Vererbung dieser „Begabung“ auf sich selbst fürchtete. Eine definitive Erkrankung wurde bei seinem Vater niemals diagnostiziert. Aber einige von ihm getroffene Aussagen, wie etwa, die, dass sein Telefon vom Nachbarn ständig abgehört wird erinnerte stark an die Geschichten, die man von so manchem, amtlich beglaubigtem Irren zu hören bekam.
Er befürchtete, ein gut gemischter Cocktail aus beidem wurde ihn mit einem kräftigen Arschtritt über die Grenzen der Normalität, direkt in die schützenden Hände des Wahnsinns befördern. Er hatte mittlerweile einiges erreicht. Sowohl dienstlich, als auch privat. Seine Angst richtete sich nun darauf, das alles zu verlieren und einfach irre zu werden.
Jedes mal, wenn es in den Windungen, irgendwo tief in seinem Hirn zu solchen Gedanken kam, wehrte er sich dagegen, ja er bäumte sich auf, um immer Herr der Lage zu bleiben und immer die Grenzen der Realität im Auge zu behalten.
Bislang konnte er noch ganz gut gegen das alles ankämpfen. Die Frage war nur, wie lange dies so bleiben sollte.
Er liebte sein Leben und wollte alles, so wie es war beibehalten. Keine Veränderungen Bitte!
Und vor allem, nicht abdriften! Er hatte beruflich mal mit einer Richterin zu tun gehabt, der während einer Verhandlung einfach die Hauptsicherung durchgeschmort war. Sich hatte sich daraufhin nur noch mit ihrem Radio unterhalten und war mit diesem dann anschließend Rock „n“ Roll durch das Gerichtsgebäude getanzt. Sie ließ sich auch durch einen Arzt, zwei Sanitäter, 4 Polizisten und ihre, ebenfalls hinzugerufene, Mutter nicht abhalten, geschweige denn in die Realität zurückholen. Scheinbar hatte sie nie gut auf die Grenze geachtet und war einfach darüber gestolpert.
Auf keinen Fall wollte er selbst einmal, mit einem Radio bewaffnet, durch die Gänge seiner Dienstselle tanzen und seinen Kollegen seinen nackten Wahnsinn, wie ein Exhibitionist einer Frau sein bestes Stück, präsentieren.
Aus diesem Grund hatte er immer ein scharfes Augenmerk auf diese Grenze.
Doch so plötzlich diese Sorgen um seinen Geisteszustand aufkamen, so plötzlich verschwanden sie auch wieder.

Was gab ihm nur immer die Kraft weiterzumachen und all das in seinen „seelischen Mülleimer“ zu werfen. – Was war das? –

Der Bus hatte mittlerweile schon ein gutes Stück Richtung Heimat bewältigt.

Der Regen hatte weiterhin nichts an Intensität verloren, als der Bus die Haltestelle des „Städtischen-Krankenhauses“ anfuhr.
Mein Gott, dieses verdammte Backsteingebäude weckte schmerzliche Erinnerungen in ihm.

In seinem Leben war selten etwas glatt gelaufen und so war es auch während der Schwangerschaft seiner Frau. Sie verbrachte einen Großteil dieser 9 Monate in Krankenhäusern und die, vermutlich schrecklichsten, zwei Tage hier.
Das Kind in ihrem Bauch hatte auf eine der Nieren gedrückt, was eine akute Infektion dieser zur Folge hatte. Um nun eine Linderung der Beschwerden herbeizuführen mussten ihr Harnkatheter eingesetzt werden. Währen der Schwangerschaft, das versteht sich doch von selbst, natürlich ohne Narkose.
An dem Tag als dieser Eingriff getätigt wurde, hatte er sich betrunken, um allein zu Haus mit
All den Gedanken und Sorgen um seine Frau und das Ungeborene fertig zu werden. Er war hierbei vermutlich knapp daran vorbeigerauscht, so viel zu trinken, dass er sich gleich mit ins Krankenhaus legen hätte können.
Als er seine Frau dann am nächsten Morgen besucht hatte und an ihre Qualen dachte, wie sie nun so dalag, farblich im Gesicht kaum vom Weiß der Bettlaken zu unterscheiden, da hätte er weinen können.
Es fiel ihm sehr schwer zu weinen. In der Erziehung, die seine Eltern, insbesondere sein Vater für ihn und seine zwei Schwestern vorgesehen hatten, gab es keinen Platz für Gefühle.
Keine Umarmung. Keine Gefühlsregungen und vor allem, niemals weinen.
Doch genau hier war es ihm danach, zu weinen. Nur dasitzen und weinen, so lange bis sein Herz aufhörte zu schlagen.
Doch er musste gefasst sein, ihr Mut und Kraft zusprechen. Dies tat er nach besten Kräften.
Doch seine Frau zeigte sich sehr stark und kämpferisch. Innerlich empfand er damals tiefe Bewunderung, wie sie das alles meisterte.
Der Kampf, der sich fast die ganze Schwangerschaft über durchzog hatte sich jedoch Ende Juli 1999 gelohnt, als sie ihm das herrlichste Wesen auf Gottes Erdboden schenkte, seine über alles geliebte Tochter.
Von da an war alles bergauf gegangen, um dann, kurze Zeit später in der tiefsten Beziehungskrise zu enden, die sie je erlebt hatten.
Es gelang ihnen jedoch, durch aufrichtige Liebe zueinander und zu ihrer gemeinsamen Tochter, diese Krise zu meistern.

Zu seiner Zufriedenheit verlief der Rest der Busfahrt ohne weitere schmerzliche Gedanken oder Erinnerungen. Die Erschöpfung und die Depression lasteten jedoch unverändert auf seinen Schultern.
Er befand sich die ganze Fahrt über in einer Art Dämmerzustand, die Augen starr aus dem Seitenfenster gerichtet, den starken Regen in der Dunkelheit beobachtend.
Die Frage, die ihn jedoch immer wieder beschäftigte: Was war das, was ihn dazu bewegte, weiterzumachen und nicht einfach alles hin zu schmeißen?

Eine ältere Frau, mit wallend weißen Haaren saß ihm gegenüber und beobachtete ihn, ohne das er es bemerkte. Er saß zwar allein auf der Doppelsitzbank, welche in Fahrtrichtung blickte, doch hätte die Frau es nicht besser gewusst, hätte sie schwören können, neben dem jungen Mann saß eine unsichtbare Person, welche ihm einen sehr schwer lastenden Arm um die Schultern gelegt hatte und ihn so in eine gebückte Sitzhaltung drückte.


Kapitel III

Ende eines langen Tages

Er stieg aus dem Bus aus, als dieser sich endlich den Weg durch das Innenstadtchaos gebahnt hatte.
„Straßen sind die Adern unserer Welt." Hatte mal ein Werbespot im Fernsehen behauptet. In dieser Stadt wären sämtliche Adern von Thrombosen verstopft gewesen.
Er sah sich um und fühlte ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Heimat. Obwohl es weiter, wie aus Kübeln goss, sah er in den dunklen Oktoberhimmel auf und nahm, mit einem gut versteckten Lächeln im Gesicht, einen tiefen Atemzug.
Als er so einige Momente verharrt hatte, nahm er seinen Fußmarsch nach Hause in Angriff. Noch ungefähr 5 Minuten, dann war es geschafft.
Als er einige Schritte gegangen war, verabschiedete sich die Depression, ohne ein Wort des Abschieds, und erlaubte ihm somit, den Rest des Weges in aufrechtem Gang fortzusetzen.
Eigentlich ein sehr unspektakulärer Moment, dachte er. Dieses beklemmende Gefühl verschwand so mir nichts dir nichts, wie eine ungewollte Postsendung, die man aus dem Briefkasten nahm und schnurstracks in der Mülltonne verschwinden ließ. Doch kaum hatte er diesen Gedanken verworfen, öffnete sich vor seinem inneren Auge ein Fenster, durch das er öfters sehen musste. Es erlaubte ihm, völlig unvorangekündigte und ungewollte Rückblicke in seine Kindheit oder Jugendzeit bei seiner Familie.
Sein Vater war ein eigensüchtiger Hurensohn gewesen, der nur sich selbst kannte. Gefühlsregungen gab es nicht. Zuneigung zu Frau oder Kindern gab es nicht. Die Erinnerungen animierten zum Nachdenken. Und er dachte scharf nach, konnte sich jedoch an kein einziges mal erinnern, dass sein Vater gesagt hätte, er würde ihn lieben oder ihn in den Arm genommen hätte.
Hatte man seinem Vater mal etwas von seinen Problemen erzählt, erntete man als Bekundung der Aufmerksamkeit ein eiskaltes, verachtendes lächeln. Es war so ein lächeln, dass einen einfach wortlos verletzen konnte. Hätte sein Vater gar nicht reagiert, wäre es erträglich gewesen. Aber dieses Lächeln war der Superlativ der Miß- und Nichtachtung.
Auch in Belangen der Kinder des täglichen Lebens hatte sich der Vater geschickt herausgehalten. Gemeinsame Schularbeiten oder Ausflüge, zusammen mit den Kindern?
Niemals! Die einzige, wirklich Zuneigung, die dieser Vater für seine Kinder übrig hatte,
war die finanzielle. An Spielsachen oder guter Kleidung hatte es keinem der Kinder gefehlt.
Das Gefühl jedoch, geliebt zu werden, oder ernst genommen zu werden ist bis heute unbezahlbar und deshalb keinem dieser Kinder zu Teil geworden.
War früher jedoch Besuch zu ihnen nach Hause gekommen, da konnte der Papa richtig nett
Zu seinen Kindern sein. Körperliche Zuwendung gab es zwar trotzdem keine, dafür aber ein
Zuckersüßes Lächeln und gespieltes, fast schon hollywoodreifes Interesse.
Er wehrte sich gegen diese Gedanken an seine (frühe) Jugend und es gelang ihm diesmal auch, nicht an eine konkrete Geschichte zu denken. Fakt war einfach, das jeder Gedanke an seinen Vater einfach ein leeres und, sehr negatives, Gefühl in ihm heraufbeschwor.
Die Negativität seines Vaters hatte sich, wie ein roter Faden, durch sein ganzes Leben gezogen.

Er war eigentlich auch einmal auf dem Besten Wege gewesen, ein Gefühlskrüppel par excellence zu werden, er fragte sich nur, wie er damals eigentlich den Absprung geschafft hatte. Wie hatte er es nur geschafft, sich endlich von seiner missratenen Familie zu lösen.
Und vor allem, was war es eigentlich, was ihn dazu bewegte, das alles, wie einen schlechten Traum hinter sich zu lassen und weiterzumachen?
Seine Mutter hatte erst sehr spät, nach der Ansicht mancher Leute bis heute noch nicht, erkannt, was ihr Ehemann der Familie mit seiner Art eigentlich angetan hatte.
Manchmal hatte er das Gefühl, als habe sie einfach weggesehen. Die Naivität, die diese Frau manchmal vorgab war um ein vielfaches höher, als sie beispielsweise ein 11-jähriges Mädchen besitzt. Entweder hatte sie absichtlich weggesehen, oder sie machte einen Riesen Mangel an Intelligenz durch eine Monsterportion Naivität wett und war einfach nur, wie sagt man so schön, hummeldumm?
Sie hatte sich all die Jahre über auch kein Bein ausgerissen, um ihrem Sohn oder den zwei Töchtern zur Seite zu stehen oder ihnen Liebe und Geborgenheit zu geben. Aus diesem Grund war sein Verhältnis zu ihr ebenfalls distanziert. Er sah sie eigentlich mehr wie eine entfernte Bekannte, als seine Mutter.
Er hatte nun seit fast genau einem Jahr nichts mehr von seinem Vater gesehen oder gehört. Nicht zuletzt deswegen, weil dieser sich nicht einmal dazu verpflichtet sah, seine Enkelin zu beachten. Das Mädchen war nun 15 Monate alt. Die Besuche des Opas vom Zeitpunkt der Geburt bis heute waren an einer an einer Hand abzählbar.

Wie er sich so all diesen Gedanken hingab, verspürte er auf einmal ein Gemisch der Gefühle aus seinem Inneren aufsteigen. Das eine war 100%iger, purer Hass auf seinen Vater. Das andere begann als stecknadelkopfgroßer Fleck in der Magengegend. Wieder übermannte ihn Angst. Eine Angst, die so stark war, dass er den metallischen Geschmack von Blut in seinem Mund zu schmecken glaubte. Die Angst, dass das Gemisch aus der Scheiße, die er in der Arbeit ansehen musste, all die schrecklichen Bilder, zusammen mit der Vererbung seines Vaters ihn eines Tages wahnsinnig machen würde.
Wie konnte er das nur alles verkraften, was war seine Stütze, sein Motor?
Er hatte nun den ganzen Weg nach Hause erneut gebrütet, für gewöhnlich tat er das nicht. Beim Verlassen des Busses war Finito. Heute jedoch war es anders. Er hatte auch den ganzen Weg zu Fuß gegrübelt und als er an seiner Haustüre angelangt war, den Schlüssel ins Schloss steckte und herumdrehen wollte, wurde er von hinten angesprungen und gewürgt. So sehr, dass er fast keine Luft mehr bekam. Mr. Depression hatte sich das erste mal überhaupt den ganzen Weg von der Bushaltestelle bis nach Hause hinterhergeschlichen und auf einen günstigen Moment gewartet, wieder zupacken zu können. Dies tat er nun. Stärker denn je.
Er öffnete die Haustüre und taumelte regelrecht in die Wohnung. Die Depression lastete auf ihm, wie nie zuvor.Die vorher schon die ganze Zeit anwesenden Gedanken kreisten jetzt wie Geier über ihm und warteten nur darauf, herunterzuschnellen, ihm die Augen auszupicken und ihn über die gut gezogene Grenze der Normalität zu stoßen.

Durch den grauen Vorhang, den die Depression wieder geschickt vor seinen Augen aufgehängt hatte, sah er, dass die Kinderzimmertüre geschlossen war und kein Licht mehr im Zimmer brannte. Das bedeutete, dass die kleine schon schlief. Zum Glück. Er wollte sie nicht in so einem Zustand um sich haben und die ganze negative Energie auf sie übertragen. Er liebte sie sehr und wollte ihr auf keinen Fall schaden.
Immerhin war es auch schon 21:00 Uhr.

Er entledigte sich seiner Schuhe und der Jacke. Er ließ alles einfach achtlos auf den Boden sinken und wankte Richtung Wohnzimmer.

Seine Frau kam ihm auf halbem Wege im Wohnzimmer entgegen und wollte ihn begrüßen. Er sah sie an. Er sah ihr einfach nur in die Augen, ohne ein Wort zu sagen. Und da durchfuhr es ihn mit einer Intensität, die normalerweise den Wahnsinnsängsten vorbehalten war. Nur diesmal war es ganz anders. Ganz anders als je zuvor in seinem ganzen Leben. Es war wie ein Stromschlag. Ein Stromschlag, der ihm in Sekundenbruchteilen scheinbar 500 Volt positive Energie durch den gesamten Körper jagte.
Nun umarmte er seine Frau, was zur Folge hatte, das ein weiterer 500 Volt-Schlag seinen Herzschlag rapide ansteigen ließ. Und mit einem mal war es dann so weit. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand einen Schalter in seinem Kopf umgelegt. In seinem Kopf wurde ein Licht angeknipst, nein kein Licht, eine ganze verdammte Flutlichtanlage, die so groß wie die
Des Münchener Olympiastadions war.

Sie war es. Sie hatte ihn damals geholfen, von seiner Familie loszukommen und ließ ihn in ihre Wohnung einziehen.

Sie war es. Sie hatte, durch ihre aufrichtige Liebe und immerwährende innere Wärme, den angehenden Supergefühlskrüppel zu einem normalen Menschen transformiert.

Sie war es. Zum guten Ton seines Vaters hatte es gehört, seine Kinder eher als Arschlöcher zu bezeichnen, bevor er ihnen in die Augen sah. Sie hatte geholfen, das ganze Trauma zu verarbeiten und ihm den richtigen Weg zu weisen.

Sie war auch genau jetzt im Moment die, die den unsichtbaren Mr. Depression gänzlich unschädlich machte und die Gefühle veränderte, als hätte die Depression niemals Besitz von dieser Seele ergriffen.

Er war sein ganzes Leben noch nie so klar gewesen. Sie war die Antwort auf alle Fragen, der Schlüssel für alle Türen, der Antrieb, der Motor, der ihn immer wieder von neuem aufstehen ließ und seinen Körper regelmäßig mit Lebensenergie füllte. Sie war diejenige, die alle schrecklichen Bilder von Tod und Verderben aus seinem Denken verbannte.

Sie ist es. Sie war es gewesen und wird es immer sein. Ohne sie hätte alles nie Sinn gemacht
Und es würde nie mehr Sinn machen.

Es lag alles so klar vor ihm. Vergangenheit, Jetzt und Zukunft. Die Vereinigung aller Zeiten zu einem Zeitpunkt. Alles war präzise und scharf vor ihm. Diese Frau wollte er bis an sein Lebensende an seiner Seite haben. Früher war Liebe für ihn ein leeres Wort gewesen. Sie hatte diesen Begriff mit Sinn erfüllt.

Er sah ihr ins Gesicht, er wusste nicht, wie lange er so mit ihr Gestanden hatte, vermutlich eine Ewigkeit. Beide sagten sie nichts. Sie konnte zwar nicht wissen, was genau in ihm vorging, vermutlich aber fühlte sie es. Sie fühlte alles, das in bedrückte oder fröhlich stimmte.
Er hatte niemals daran gedacht sie zu belügen und vermutlich hätte er es auch nie geschafft, da sie es gemerkt hätte. So wie sie alles merkt.
Und als er sie so betrachtete bemerkte er, dass die, von ihr ausgehende, Liebe nur noch von ihren puren Schönheit übertroffen, regelrecht überstrahlt wurde.

„Ich liebe Dich." Sagte er. Und sie erwiderte. Sie lagen sich immer noch in den Armen und hatten zuvor, seit er die Wohnung betreten hatte noch kein Wort gesprochen. Doch sie verstanden sich heute, zu diesem Zeitpunkt auch ohne Worte.

Die Antwort auf seine Fragen war gefunden. Gedanken, die ihn mit Wahnsinn oder ähnlichem beschäftigt hatte, waren so, als wären sie nie da gewesen und sie kehrten auch nie mehr zurück.

Endlich hatte er die so lang gesuchte Antwort gefunden und er würde es nie wieder vergessen.

Er verstärkte die Umarmung und sie erwiderte seinen Druck. Er wollte ewig so stehen. In den Armen seiner Liebsten.
Er wusste, dass ihre Liebe ewig währen würde und sie ihre Tochter auf den richtigen Weg führen würden. Doch sie würden ihre Lebenswege nur gemeinsam fortsetzen können.

Der Herbstregen jedoch kümmerte sich um die ganze Situation nicht und fiel draußen unablässig weiter, als wollte
auch er bis in die Ewigkeit währen.



...Für meine Frau Tanja. In ewiger Liebe!




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