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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nachruf
Eingestellt am 02. 11. 2003 18:51


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la_gatta
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 3
Kommentare: 5
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Du, Arsch!
Wieso hast du das gemacht? Hast du gedacht, es würde keinen interessieren? Es würde keiner bemerken? Du hast mich allein gelassen. Hast du vielleicht mal daran gedacht?
Wir! Wir haben doch alles geschafft, haben immer zusammen gehalten, waren immer für einander da. Wir, wenn es sein mußte gegen den Rest der Welt! Und jetzt bist du gegangen, ohne ein Wort - für immer.

"Sie war ein liebes Kind!", "Und immer so freundlich!", "Sie wird in der Klasse eine tiefe Lücke hinterlassen.", "Die Gemeinde trauert um ein wertvolles Mitglied." "Ich habe sie wirklich geliebt.", "Sie hat uns viel Freude gemacht."
Sie reden und reden, diese verlogenen, alten Säcke! Deine Eltern, mit denen du nie reden konntest, weil sie nie Zeit für dich hatten, die immer nur auf dir herumgehackt haben, weil du zu schlecht in der Schule warst, weil du den Müll nicht runtergebracht hast, weil du zu spät nach Hause gekommen bist. Die Nachbarin, die an jedem Wochenende dreimal die Polizei gerufen hat. Der Lehrer, der dir das Leben zur Hölle gemacht hat, weil du ihm gesagt hast, was die anderen nur dachten. Der Pfarrer, der dich aus der Jugend geworfen hat, weil du einen Joint geraucht hast. Die alten Frauen aus der Gemeinde, die hinter deinem Rücken getuschelt haben, weil du ein Piercing getragen hast und grüne Haare. Dein Freund, der dich die ganze Zeit betrogen hat. Und der Mann von der Eisdiele an der Ecke, der ... der ... der deinen Körper besitzen wollte und mit seinem Schwanz alles zerstört hat: deine Schönheit, deinen Willen, deine Träume - dich.

Ich sage nichts. Ich werfe keine Blumen hinunter. Ich gebe niemandem die Hand. Ich denke nur: "Du, Arsch!"
Ich war da, verdammt nochmal. Du hättest mit mir reden können. Ich hätte Dich in den Arm genommen, so wie damals, als dein Vater dich das erste Mal beim Rauchen erwischt hat und du eine Woche nicht sitzen konntest, weil dein Arsch wund war.
Wir hätten zusammen wegfahren können, wieder nach Italien: Wir wären wieder getrampt, mit Kraxe und Schlafsack, wir hätten uns betrunken, gefeiert und gelebt, ohne diese scheiß Regeln und Strafen, ohne die Leute, die sich nie für dich interessiert haben, aber die dein Leben bestimmen wollten.

Ich konnte dich nicht mehr festhalten, dich nicht mehr zurück auf die Brücke ziehen, konnte dir nicht mehr in die Augen sehen. Ich hätte dich zusammenschlagen sollen, als du davon gesprochen hast, hätte nicht weggehen dürfen, ich hätte deine Angst sehen müssen und deine Entschlossenheit, ich hätte...
Ich hätte dich so gern noch einmal umarmt.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo la-gatta,

dein text gefällt mir ausgezeichnet, toller schreibstil, sehr atmosphärisch und dicht.

eine klitzekleine anmerkung:

"Der Lehrer, der dir das Leben zur Hölle gemacht hast, nur weil du ihm gesagt hast, was die anderen nur dachten."

hier gefällt mir die wiederholung von "nur" nicht. ich glaube, das erste "nur" könntest du auch weglassen, dann hätte der text für mich keine stolperstellen mehr.
(außerdem kleiner tippfehler: ...der dir das leben zur hölle gemacht ha(S)t,...)

viele grüße

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
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liebe la_gatta
keine falsche oder intellektuel verkorkste innenansicht.
kein gefasel mit interpretationsbedarf.
ohne umweg in den bauch, das herz.
dein text hat mich sofort gefangen und berührt.
die wut vor der trauer ...
"Ich hätte dich so gern noch einmal umarmt."

diesen impuls hatte ich nach dem lesen auch.

liebe grüße
gunter
__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas überraschendes

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