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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nachspielzeit
Eingestellt am 15. 12. 2016 21:03


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Winfried Hau
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2014

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Dieses Spiel gegen den Tabellenf├╝hrer war das wichtigste der Saison. Bei einer Niederlage mussten wir in die unterste Kreisklasse absteigen. Nur weil zwei unserer Spieler verletzt waren, kam ich zum Einsatz.
Wir hatten die Platzwahl verloren und mussten in der ersten Halbzeit gegen den Wind spielen.

Unser Ansto├č f├╝hrte zur├╝ck zum Libero, der an den Vorstopper weiterleitete. Ja, solche Spielerbezeichnungen gab es noch damals.
Wir versuchten den Ball in den eigenen Reihen zu halten und Ruhe ins Spiel zu bringen, denn wir hatten geh├Ârigen Respekt vor den schnellen Vorst├Â├čen des Gegners. Besonders die Nummer 10 war gef├╝rchtet, ein schlaksiger Typ mit einer roten M├Ąhne, der bekannt war f├╝r ├╝berraschende P├Ąsse in die Tiefe und f├╝r gef├Ąhrlich angeschnittene Freist├Â├če. Wir bekamen ihn ganz gut in den Griff, indem wir ihn doppelten und ihm immer einen Schritt voraus waren. Au├čerdem achteten wir darauf, ihn h├Âchstens 10 Meter vor dem Strafraum zu foulen.
Ab der zehnten Minute aber wurden wir regelrecht eingeschn├╝rt. Eine scharfe Flanke von rechts donnerte der Mittelst├╝rmer an die Latte, und kurz danach konnte unser Torwart einen scharfen Schuss der Nummer 10 gerade noch zur Ecke parieren, die gl├╝cklicherweise nichts einbrachte.
Ich, als Rechtsfu├č, spielte auf Linksau├čen. Damals sagte man, dass Torh├╝ter und Linksau├čen etwas eigenwillig, ja sogar gest├Ârt seien.
Bisher kam ich ├╝berhaupt nicht ins Spiel. Mein Gegenspieler klebte an meinen F├╝├čen, war v├Âllig desinteressiert am ├╝brigen Spielverlauf. Sein Augenmerk lag unterhalb meiner Kniescheiben. Mal traf er den rechten Fu├č, mal den linken, hin und wieder auch den Ball. Mehrmals protestierte ich in Richtung Schiedsrichter, verlangte einen Freisto├č, aber immer wieder deutete der Schiri an, dass weiterzuspielen sei.
Ein Pfostenschuss, zwei Lattenkracher und drei gl├Ąnzende Paraden unseres Torwarts verhinderten einen R├╝ckstand unserer Mannschaft vor der Halbzeit.

Ansto├č zur zweiten Halbzeit.
Schon den ersten R├╝ckpass spielten wir in die Beine des Gegners. Dessen Rechtsau├čen und Mittelst├╝rmer brachten unsere Abwehr mit einem Doppelpass v├Âllig durcheinander. Im Strafraum stimmte die Zuordnung nicht mehr, und ein von hinten aufger├╝ckter Verteidiger schoss den Ball unhaltbar f├╝r unseren Torwart ins rechte untere Eck.
Unser Trainer trieb uns wild mit den H├Ąnden gestikulierend nach vorne, forderte bedingungslose Offensive. Aber die Gro├čchancen hatten die anderen. Die Nummer 10 war uns v├Âllig entglitten, unsere Doppeldeckung umspielte er wie Slalomstangen, und seine P├Ąsse wurden von den St├╝rmern nur um Haaresbreite verpasst.
Dann endlich mal wieder Ecke f├╝r uns. Der Ball flog herein, ich sprang ein wenig h├Âher als mein Gegenspieler und k├Âpfte den Ball genau in den Winkel des gegnerischen Tores.
Ausgleich! Mein erster Treffer der Saison. Man klopfte mir auf die Schulter. Jubelorgien wie heute gab es damals noch nicht.
Der Gegner erh├Âhte das Tempo, vernachl├Ąssigte zu unserer ├ťberraschung die 10, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf Flanken der Au├čenst├╝rmer
Wir wurden in eine Abwehrschlacht gedr├Ąngt. Sowohl ich als auch Mittelst├╝rmer und Rechtsau├čen r├╝ckten zur├╝ck an die eigene Strafraumgrenze, gr├Ątschten und schossen jeden zuf├Ąllig vor die F├╝├če gefallenen Ball blind nach vorne oder ins Seitenaus. Nur weg mit der Pille, nur kein Gegentor mehr!"

Die regul├Ąre Spielzeit war zu Ende, Doch noch zwei Minuten Nachspielzeit standen uns bevor.
Wieder Ecke f├╝r den Gegner. Unser Torwart wehrte den Ball mit der Faust ab. Ich sprintete blind nach vorne, holte alles heraus, was meine Lungen noch hergaben und positionierte mich in der N├Ąhe des Elfmeterpunktes.
Unser rechter L├Ąufer erwischte den von unserem Torwart herausgefausteten Ball gerade noch vor der Au├čenlinie und schoss ihn blindlings in die Mitte des gegnerischen Strafraums.
Der Ball flog auf mich zu. Es gelang mir, ihn zu stoppen. Ich schob mein Hinterteil weit hinaus, um den Ball bestm├Âglich von meinem Gegenspieler abzuschirmen. Nur noch mein Instinkt reagierte. Jeglicher Drehung nach rechts oder links w├╝rde mein Gegenspieler folgen. Also setzte ich die Hacke ein, und der Ball rollte im Zeitlupentempo ├╝ber die gegnerische Torlinie, ohne das Netz zu ber├╝hren. Aber er hatte die Torlinie im vollem Umfang ├╝berschritten. 2:1 f├╝r uns!

Ansto├č f├╝r den Gegner: Ein verzweifelter Fernschuss ├╝ber das Tor. Schlusspfiff!

Wir hatten tats├Ąchlich gegen den Tabellenf├╝hrer gewonnen und den Abstieg in die niederste Kreisklasse verhindert.

Nach dem Duschen trafen wir uns im Vereinsheim. Die erste Bierrunde gab unser Trainer aus. F├╝r die zweite und dritte war ich, als zweifacher Torsch├╝tze gerne zust├Ąndig. Der Trainer versprach mir, mich in Zukunft ├Âfter von Anfang an einzusetzen, anstatt auf der Ersatzbank schmoren zu lassen.


Jemand tippt an meine Schulter.
"Herr Kruschka!"
Ich hebe den Kopf von der Brust. Mein Pulli ist ziemlich vollgesabbert. Allm├Ąhlich entfernt sich das Gemisch aus Traum-und Erinnerungsbildern, und ich blicke in das Gesicht unseres Pflegers Toni.
"Sollen wir eine kleine Runde drehen?", fragt er.
Am gro├čen Tisch unseres Aufenthaltsraumes spielen Rosa und Johann "Mensch ├Ąrgere dich nicht". Rosa hat gerade eine von Johanns Figuren herausgeschmissen und kichert wie ein kleines Kind.
Ich sitze auf dem Stuhl nahe dem Eingang und nicke.
Toni schiebt den Rollator heran, hilft mir aufzustehen und die Griffe sicher zu umfassen.

Wir bewegen uns hinaus, ganz langsam, gehen ein St├╝ck eines geteerten Weges entlang und erreichen einen Pfad, der in den Wald f├╝hrt.
"Sollen wir in den Wald hinein?", fragt Toni.
"Ja, ja!", sage ich, "wenigstens ein kleines St├╝ck!"

Herbstlaub bedeckt den Boden. Es ist schwer, den Rollator zu bewegen, aber Toni hilft beim Schieben, wobei seine rechte Hand meine Schulter umfasst, damit ich nicht das Gleichgewicht verliere.
"Jetzt ist es genug!", sage ich nach etwa 200 Metern, schwer keuchend nach 40 Jahren intensiven Rauchens.

Wir kommen zur├╝ck. Der Aufenthaltsraum ist leer, das Abendessen beendet, das Geschirr abger├Ąumt.
Toni schaltet den Fernseher an. Das Halbfinale zwischen Bayern M├╝nchen und Real Madrid beginnt. Toni hat vier Flaschen Bier und zwei Zigaretten besorgt

In der Nachspielzeit erzielen die Bayern den 4:3 Siegtreffer. Toni und ich sto├čen an und genehmigen uns einen kleinen Obstler aus einer Flasche, die Toni aus einem geheimen K├╝hlschrank besorgt hat.

"Morgen gehen wir weiter!", sage ich zu Toni. "Bis zum Bach sollten wir kommen. Unbedingt zum Bach, mindestens 50 Meter weiter als heute!"



Version vom 15. 12. 2016 21:03

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FrankK
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Nov 2006

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Hallo, Winfried

Wieder eine sehr einf├╝hlsame Geschichte.
Der Pfleger erscheint etwas stark involviert, vom Zeitaufwand (gerade nach dem Abendessen ist auf solchen Stationen immer viel Stress) gibt er alles f├╝r den Bewohner. Dies bereitet der Geschichte aber keinen Schaden, einigen wir uns einfach darauf: So sollte es auch in der Wirklichkeit sein.

Ich muss den Verbesserungsvorschl├Ągen von Blumberg zustimmen. Der Einstieg w├╝rde durch den Pr├Ąsenz an Intensivit├Ąt gewinnen, der Bruch zwischen dem Getr├Ąumten und dem Realen k├Ąme, so glaube ich, dann auch deutlicher zu tragen.

Auch der vollgesabberte Pulli ist etwas zu viel, da stimme ich ebenfalls mit Blumberg ├╝berein.

Zus├Ątzlich k├Ânnte ich mich mit der Entfernung des Mensch-├ärger-Dich-Nicht-Spiels anfreunden. Mit dieser Tristesse-Szene bedienst du nur ein Klischee.


Winzige Erbschen:

quote:
Die regul├Ąre Spielzeit war zu Ende, Doch noch zwei Minuten Nachspielzeit standen uns bevor.

Korrektur: Gro├č / Kleinschreibung
Oder dieses ÔÇ×dochÔÇť sogar entfernen.

quote:
Aber er hatte die Torlinie im vollem Umfang ├╝berschritten.

Korrektur: ÔÇ×vollenÔÇť

Gerne gelesen, gerne ber├╝hren lassen.


Herzliche, Vorweihnachtliche Gr├╝├če
Frank




__________________
Leben und leben lassen.

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