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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nachtflug
Eingestellt am 16. 10. 2000 21:00


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paradise_lost
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Kommentare: 13
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Ich renne durch den dunklen Gang, Schweiß perlt mir von der Stirn, nur ja nicht schon wieder den Flieger verpassen,gibt sonst jede Menge Ärger. Umbuchen, mein Alptraum, und eine Nacht auf dem Flughafen in Atlanta, beim besten Willen nicht. Als ich in vollem Tempo um die Ecke biege renne ich fast eine Gruppe Studenten um „ IÂŽm sorry, everything allright ?“ Sie schauen mich verstĂ€ndnislos an, wahrscheinlich keine Einheimischen denke ich oder ist mein englisch auf einmal so daneben, schnell weiter, der Laptop hĂ€ngt wie ein nasser Sack um meinen Hals und mehr als einmal glaube ich ihn gleich zu verlieren. Warum muß immer bei mir alles schieflaufen , 40 Minuten VerspĂ€tung , das reicht nie im Leben , auf der großen Anzeigetafel wird der Flug DL 116 schon zum Boarding aufgerufen und ich bin noch immer in Terminal A . Murphy eben, klar, daß mein Anschlußflug nicht in B oder C abfliegt sondern am Gate E30 , weiter entfernt geht’s nun wirklich nicht mehr. Die Rolltreppe, jetzt runter, Concourse B - E , vielleicht schaffe ich es ja doch noch, ein dickes Etwas blockiert mit seinem GepĂ€ck die gesamte Breite der Rolltreppe, die sich gemĂ€chlich, so als wĂ€re Zeit in rauen Mengen vorhanden in den Untergrund schiebt. Daß Amerikaner entweder Fitness Fanatiker oder Fast Food Junkies sein mĂŒssen erstaunt mich jedesmal aufs Neue. Nun geh schon auf die Seite, „ Excuse Me“ „Mhhh“ Er macht tatsĂ€chlich Platz, ich fasse es nicht „Thanx“ stammle ich und rase an ihm vorbei in die Tiefe. Unten angekommen, verliere ich fast das Gleichgewicht, kann mich aber gerade noch abfangen und sehe mit Entsetzen, daß die TĂŒr der U-Bahn sperrangelweit geöffnet ist, sich wahrscheinlich jeden Moment schließen und meine letzte Chance den Flug zu erreichen im Dunkel des Tunnels entschwinden wird. Ich haste der Öffnung entgegen, unterbewußt nehme ich die Lautsprecheransage wahr , die darauf hinweist, daß sich gleich die TĂŒren schließen werden. „ ...stay away ...“.. mit einem langen Schritt rette ich mich ins Wageninnere. Ein gedehntes Zischen , die automatische TĂŒr schließt sich mit einem heftigen Ruck ... geschafft. Mein Herz schlĂ€gt wie wild, mein Brustkorb bebt, ich bin völlig außer Atem. Der Zug fĂ€hrt an und verschwindet im Dunkel. Ich schaue mich aus den Augenwinkeln heraus um. Außer mir befindet sich nur noch ein Ă€lteres amerikanisches Ehepaar im Abteil, sie mit den obligatorischen lilagefĂ€rbten Haaren, er mit einer Atlanta Falcons Baseball Cap und einem Lake Michigan Sweatshirt bekleidet. Concourse B .... C .... die Zeit rast, ich wippe unruhig von einem Bein aufs andere... D .... E. endlich, die TĂŒr öffnet sich, nichts wie raus , ich haste zur Rolltreppe, mein Laptop scheint mitlerweile aus Blei gegossen zu sein, dann endlich bin ich oben. E16-E30 links. Ich biege um die Ecke und befinde mich in einem endlos langen Gang E16 links, E17 rechts, E18 links, aha, natĂŒrlich, es ist das letzte Gate. Ich werde ausgerufen, „Last Call for Passenger ... on Delta Flight 116* Jaaaaaaa, verdammt noch mal, ich komm doch schon“ E28 ... E29 ... E30 die TĂŒr ist noch offen, die freundliche Dame vom Bodenpersonal schaut mich lachend an „ YouÂŽre a little late“ und ich kann nicht anders, mir entfĂ€hrt ein glucksendes Lachen. Sie schaut auf mein Ticket und ĂŒberlĂ€ĂŸt mir die Bordkarte, dann nickt sie mir zu und weist mir den Weg, so als wĂŒrde ich zum ersten mal im Leben fliegen. Etwas langsamer, beruhigter, eile ich durch dieses schwenkbare Ding von dem ich noch nie gewußt habe wie es heißt, vielleicht sollte ich doch mal bei Gelegenheit nachfragen, ich hasse Dinge die ich nicht weiß. Die Stewardess straft mich mit einem sĂ€uerlichen Blick, begrĂŒĂŸt mich aber dann doch einigermaßen freundlich, professionell eben. Ich kann ihre Gedanken erahnen. Sie wirft einen kurzen Blick auf meine Bordkarte, dann deutet sie auf den linken Korridor direkt hinter mir wird die TĂŒr geschlossen, puhhh, das war knapp. Ich nehme mir felsenfest vor, dass mir soetwas nie wieder passieren wird, aber habe ich das nicht bei den letzten beiden malen auch schon ? Weiter jetzt, wĂ€hrend sich Erleichterung in mir breit macht, vorbei an der ersten Klasse, wie ich diese Sparmaßnahmen hasse, einige GeschĂ€ftsleute schauen kurz auf, so als mĂŒĂŸten sie sich vergewissern, welcher Idiot fĂŒr die VerspĂ€tung verantwortlich ist dann fĂ€llt mein Blick in die Economyclass,hört sich irgendwie besser als Touristenklasse an. Der Flug ist vollstĂ€ndig ausgebucht, aus der Traum von einer eigenen Sitzreihe um etwas Schlaf zu finden ...Frauen...MĂ€nner... Lachen....Tuscheln ein kleines Kind schreit vom gegenĂŒberliegenden Gang... manche schauen amĂŒsiert...andere völlig entnervt... manchen steht die Angst ins Gesicht geschrieben...Menschen die ich noch nie zuvor gesehen habe, denen ich höchstwahrscheinlich auch nie wieder begegnen werde, mit denen ich aber die nĂ€chsten knapp 10 Stunden in diesem fliegenden Bus verbringen werde. FĂŒr mich ist es nach wie vor ein RĂ€tsel, daß es den Fluggesellschaften gelungen ist Fliegen als GefĂŒhl von Freiheit zu verkaufen, ein Anachronismus par excellence. Wo sitz ich bloß ... 25E ... 21, 22 ich schaue nach vorn......mein Blick trifft den einer jungen, blonden Frau, Ende 20, die mich mit neugierigen Augen mustert .... 23...24... aha da, 25E...“How is it going“ sage ich beilĂ€ufig und stelle meinen Laptop auf den Sitz ...“Mhhh“ klingt es amĂŒssiert vom Nebensitz, ich hole meine USA Today heraus,meinen Reiseproviant ... dieser kĂ€rglichen Bordverpflegung konnte ich noch nie etwas abgewinnen, und dann in dieser Enge, mit Messer und Gabel, nur ja nicht danebenbenehmen und etwas fallenlassen. Bin ich der einzige dem es so geht ? Deshalb hab ich mir zwei Raider besorgt, an den Namen Twix werde ich mich wohl nie gewöhnen. Ich öffne den nĂ€chstgelegenen Overhead Bin um meine Sachen zu verstauen,voll, war irgendwie klar, links und rechts ebenfalls,die Stewardess kommt und bittet mich Platz zu nehmen. Ich verstaue den Laptop unter dem Sitz vor mir. Als ich die Jacke ausziehe fallen mein Ticket, mein Pass und meine letzten Kreditkartenabrechnungen aus der Tasche, IHR direkt in den Schoß, no, ist das peinlich, ich wĂŒrde am liebsten im Boden versinken, aber sie lĂ€chelt jetzt, in ihren blauen Augen blitzt es. Sie ist unglaublich hĂŒbsch, durchfĂ€hrt es mich und ich spĂŒre wie mir das Blut in den Kopf schießt, na prima, jetzt bin ich wieder knallrot, ist das PEINLICH. Ich lasse mich in den Sitz fallen und sie reicht mir meine herabgefallene Zettelwirtschaft. „Sie sind Deutscher ?“ fragt sie mich eine Spur zu neugierig fĂŒr meinen Geschmack und gibt mir meinen Pass zurĂŒck.“Ja ... und sie ?“,jetzt verkrampf ich auch noch. Au weia, denke ich , sonst beschwerst Du Dich immer wenn Du neben irgendwelchen Idioten sitzt, die das Maul nicht aufbringen und jetzt bist Du selber nicht besser. „ Und sie?“ ... wie originell. Ich sprĂŒhe mal wieder vor Esprit, aber dennoch lĂ€ĂŸt sie sich ihre gute Laune nicht verderben. „ Ebenfalls, waren sie privat oder geschĂ€ftlich in den USA?" Aus irgend einem unerfindlichen Grund bessert sich meine Laune zusehends. “GeschĂ€ftlich ... und sie ?“ „Ich arbeite in der NĂ€he von Atlanta fĂŒr eine deutsche Firma, jetzt fliege ich fĂŒr ein paar Tage nach Hause um meine Familie zu besuchen , und ... und ..“ „ ....Alabama... fĂŒr einen Betatest ...“ wir sind so in unser GesprĂ€ch vertieft, daß mir entgeht wie wir langsam vom Gate wegrollen in Richtung Startbahn.“ Flighattendants prepare for Take Off“, sie wird still und ich spĂŒre, daß sie gegen das mulmige GefĂŒhl ankĂ€mpft. Die blauen und gelben Markierungen auf dem Rollfeld schimmern in der dunklen Nacht, wĂ€hrend die immer lauter werdenden GerĂ€usche der Triebwerke verkĂŒnden, daß wir wohl als nĂ€chstes an der Reihe sein werden. Neben uns schwebt ein rießiger dunkler Nachtvogel herein, und schon werden wir in unsere Sitze gedrĂŒckt, hoppeln ĂŒber die Startbahn. Die Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen, ihre HĂ€nde zu FĂ€usten geballt, die Knöchel weiß, sie hat Angst. Die Nase der Boing hebt sich und wir sind in der Luft. Ich erhasche einen Blick auf die hell erleuchtete Stadt, ein berauschendes Schauspiel. Gebannt bestaunen wir durch das kleine Fenster im Rumpf der Maschine wie die Lichter immer kleiner werden, Atlanta hinter uns in der Nacht verschwindet....

....wenig spĂ€ter gibt es das Abendessen, laut Menue ist es Cajun Huhn auf Risottoreis. Ich sehe Huhn, ich sehe Reis , aber irgendwie ist die EnttĂ€uschung wieder mal rießengroß. Ich bemĂŒhe mich redlich nicht zu viel Platz beim Essen zu beanspruchen, doch immer wieder berĂŒhren sich unsere Arme, zwar nur fĂŒr einen winzig kleinen Augenblick, angenehme BerĂŒhrungen, aber doch irgenwie prickelnd.“Sie haben da was.... am Kinn ?“, schallt es vom Nebensitz, so dass es der ganze Flieger hören muss, und ich das GefĂŒhl habe, die Zeit wĂŒrde stehenbleiben. Kein GerĂ€usch ist mehr zu hören, nicht einmal die Triebwerke. Alle anderen Passagiere schauen mich vorwurfsvoll an, sitzt neben so einer Frau und kann sich nicht benehmen. Ich schĂ€me mich in Grund und Boden, wĂŒrde am liebsten aus dem Fenster springen .....“ Darf ich ?“ „ Wie ?“ Mit einem wundervollen LĂ€cheln wischt sie mir mit der Serviette ĂŒber das Gesicht. Jetzt kann ich nicht mehr anders ich muß laut Lachen. „ Meinen Mund sollten sie vielleicht auch mal...“ jetzt muss ich völlig durchgeknallt sein,was sag ich denn da bloß. Aber sie tut mir den Gefallen. Ich bin perplex, so etwas hab ich noch nie erlebt. Irgendwie spĂŒre ich eine seltsame VerĂ€nderung der AthmosphĂ€re, etwas magisches liegt in der Luft, dann muß ich gĂ€hnen. darf es wahr sein, typisch, Ich eben.“Versuchen sie doch etwas zu schlafen, wenn sie mĂŒde sind“ und wieder dieses srahlende LĂ€cheln ..“Ja , vielleicht sollte ich das in der Tat tun, die letzten Tage wahren anstrengend“, aufgewĂŒhlt schließe ich meine Augen, atme den Duft ihres ParfĂŒms ein. Wenn ich mich doch nur besser damit auskennen wĂŒrde, ein wunderbar leichter, natĂŒrlicher Duft, Brandung kommt mir in den Sinn, leicht bewölkter Himmel, Sand

....und ich trĂ€ume ... vom Schwung ihrer Lippen, der BerĂŒhrung ihrer Haut mit meinen Fingern. Wir liegen im warmen Sand, eng umschlungen. Ich spĂŒre den Wind auf unserer nackten Haut, und wieder dieser wundervolle Duft, sanft wiegen wir uns im Rythmus der Wellen,ihre Augen funkeln und blitzen. Gemeinsam lauschen wir der Melodie. Liebkosungen auf samtweicher Haut, dann lieben wir uns, ohne Hast, sanft... zĂ€rtlich....vertraut.....losgelöst...

Ich öffne die Augen, mein Kopf liegt an ihrerer Schulter und ich bemerke, daß sie ebenfalls im Begriff ist aufzuwachen. Als sie die Augen öffnet, kommt sie mir fĂŒr einen kurzen Augenblick etwas verwirrt vor, dann schenkt sie mir ihr bezauberndes LĂ€cheln, es scheint ihr ĂŒberhaupt nicht unangenehm zu sein. Ob sie wohl den gleichen Traum wie ich getrĂ€umt hat ?

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