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Leselupe.de > Humor und Satire
Nachtschicht
Eingestellt am 04. 02. 2018 17:48


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Hagen
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Nachtschicht

Die Nacht, die bereits vor geraumer Zeit begonnen hatte, sich ĂŒber die hiesigen Breitengrade zu wĂ€lzen, zeigte sich von ihrer mysteriösen Seite. Eine Sternschnuppe ging nieder, aber ich kam nicht dazu, mir etwas zu wĂŒnschen, denn plötzlich, wie aus dem Nichts erschienen, saß eine Frau auf der RĂŒckbank.
„Bitte zum Verwirklichungstreffen.“
Ich hatte keine TĂŒr klappen gehört, keine Bewegung des Taxis wahrgenommen. Aber sie war da, ich konnte sie im RĂŒckspiegel sehen.
„Möchten Sie einen sauren Bonbon?“
Ich reichte ihr die TĂŒte nach hinten.
„Oh, danke.“
Ich spĂŒrte ihre Finger als sie in die TĂŒte griff.
„Zum Verwirklichungstreffen bitte!“
„Sehr gerne. – Verraten Sie mir bitte, wo das Verwirklichungstreffen stattfindet?“
Sie war der Ansicht, dass ich wissen mĂŒsste, wo das Verwirklichungstreffen stattfĂ€nde, aber ich erzĂ€hlte ihr, dass ich WiedertĂ€ufer sei. Das akzeptierte sie und wollte als Alternative zum Verwirklichungstreffen zur Pumpe gefahren werden.
„Ganz wie Sie wĂŒnschen.“ Ich startete den Motor.
„Sie sind WiedertĂ€ufer, sagten Sie? Dann darf ich Sie doch sicher mal um Ihre Meinung bitten.“
„Worum geht’s?“
„Hier“, sie knöpfte ihre Bluse auf, „wie finden Sie sie? Ich hab sie mir vergrĂ¶ĂŸern lassen, von B auf D!“
Sie reckte mir ihre BrĂŒste entgegen, auf der oberen HĂ€lfte ihrer rechten Brust war eine Schlange tĂ€towiert, eine Kobra, halb aufgerichtet, als schĂŒtze sie die BrĂŒste wie die Tugend einer Jungfrau. Die Schlange schlĂ€ngelte sich ĂŒber die Schulter, den Oberarm herab und endete knapp ĂŒber dem Handgelenk der jungen Dame.
„Ich nehme an, Sie meinen nicht das Reptil.“
„Nein, ich meine nicht die Schlange!“
„Exzellent! Um nicht zu sagen: Faszinierend, gnĂ€diger Frau! Aber hĂ€tten Sie die GĂŒte, sich wieder zuzuknöpfen? Ich möchte irgendwelchen GerĂŒchten keinen Vorschub leisten!“
„Nein, nein, aber irgendetwas Seltsames ist damit passiert. WĂŒrden Sie sie mal anfassen?“
„Aber gnĂ€dige Frau!“
„Bitte.“
„NatĂŒrlich gerne, aber nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht ...“
„Nein, nein, keine Sorge. Fassen Sie sie ruhig mal an.“
„Na gut, ganz wie Sie wĂŒnschen.“
Ganz vorsichtig versuchte ich die Haut ĂŒber den Knospen ihrer BrĂŒste zu streicheln, aber meine Fingerspitzen glitten ins Leere. Erst nach einigen Zentimetern verspĂŒrte ich samtweichen Widerstand. Die Kobra erschien mir plötzlich dreidimensional, sie drehte den Kopf und zĂŒngelte mir entgegen. Ich zog meine Hand zurĂŒck. Die Kobra ruhte sofort wieder auf ihrem Busen wie Anna-Karenina, meine Katze, daheim auf ihrem Kissen.
„Sehen Sie, das passiert seit der VergrĂ¶ĂŸerung immer, wenn ein wahrhaft aufrechter Mann versucht, sie zu liebkosen“, seufzte die Dame und schloss ihre Bluse, „nur die ursprĂŒngliche GrĂ¶ĂŸe ist wahrzunehmen.“
„Sind Sie sicher, dass Sie nicht die Schlange meinen?“
„Ich meine nicht die Schlange! Die habe ich erst nach der Operation tĂ€towieren lassen!“
Mit einem etwas seltsamen GefĂŒhl in der Magengegend brachte ich sie zur Pumpe. Da saß Herman an der Theke. Er wollte ganz schnell nach Hannover rein und mir unbedingt vorher einen ausgeben, weil ich ihn am Donnerstag, als er so betrunken war, nicht nach Hannover gefahren hatte.
„GrundsĂ€tzlich können wir mal einen zusammen trinken, aber nicht heute. Ich gehe mal schnell fĂŒr Königstiger, und dann fahren wir.“
Herman nickte das ab und ich suchte das kleine Gewölbe auf, wusch mir anschließend ausgiebig die HĂ€nde und kehrte zu Herman an der Theke zurĂŒck.
„Können wir denn?“
„Jetzt habe ich mir noch ein Bier bestellt. Da musst du in einer halben Stunde wieder-kommen.“
‚Idiot!’ dachte ich und sagte laut: „Okay, eine halbe Stunde. Plus minus fĂŒnf Minuten. Bis dahin.“
„Bis dahin! Dann fahre ich mit dir nach Hannover, ist versprochen.“
Beim Rausgehen zupfte mich jemand am Ärmel.
Die wohlbeleibte Dame, die ich vor ungefĂ€hr zwei Stunden zur Schwangerschaftsgymnastik gefahren hatte und die freudig ihrer Niederkunft entgegen sah, saß an der Theke. Zum gegenwĂ€rtigen Zeitpunkt erweckte sie dezent den Anschein, als wĂ€re sie alternativ zur Schwangerschaftsgymnastik in dieses Lokal gegangen, was dazu beigetragen hatte, das ihr die Kontrolle ĂŒber sich ein ganz klein wenig zu entgleiten drohte.
Doch ich sah mich grausam getÀuscht. Sie war betrunken und gab mir die Schuld daran, weil ich sie nicht zur Schwangerschaftsgymnastik begleitet hatte, die eigentlich töricht war, weil sie bereits unmittelbar vor ihrer schweren Stunde stand, und ich sowieso ein Macho und Chauvinist sei, und ob ich denn eine TÀtowierung hÀtte.
„Nein, ich habe keine TĂ€towierung.“
„Gut, dann darfst du mich jetzt nach Hause bringen!“
Ich sah zwar keinen direkten Zusammenhang, brachte sie trotzdem heim. Dort war sie nur schwer davon abzubringen, meine Aussage, was die TĂ€towierung betraf, zu ĂŒberprĂŒfen. Hernach brachte ich sie zur HaustĂŒr, doch in dieser stand bereits ein Mann, blĂ€hte kurz die NĂŒstern und sagte: „Die nehmen Sie mal wieder mit, die ist ja betrunken! Die will ich hier nicht haben!“
Sprach’s und schlug die TĂŒr zu.
„Wissen Sie“, sagte ich zu der Frau als wir wieder zum Taxi gingen, „ich möchte einmal, nur ein einziges Mal, eine Nachtschicht fahren, in der ich die FahrgĂ€ste von A nach B fahre, und damit gut. – Was machen wir jetzt? Haben Sie einen Liebhaber, eine Geliebte, einen Freund oder eine Freundin, wo ich Sie hinfahren könnte?“
„Nein. – Es sei denn Sie gewĂ€hren mir nur fĂŒr diese Nacht ...“ Ich hielt ihr des Taxis TĂŒr auf. Sie stieg ein. Ich ging um den Wagen herum und setzte mich wieder hinter das Lenkrad.
„Sie werden sich kaum mit Anna-Karenina vertragen, meine momentane LebensgefĂ€hrtin. Sie kann sehr kratzig werden wenn sich bei mir jemand anders ausbreitet.“
„Ich verstehe“, sie drĂŒckte mir fĂŒnfzehn Euro in die Hand, ich nullte das Taxameter, „dann fahren Sie mich eben zur Polizei.“
Dort schoben die Herren Dienst, die kĂŒrzlich die beiden von meinem Chef und mir bereits fachmĂ€nnisch zusammengeschlagenen Herren ĂŒbernommen hatten, denen es nicht gelungen war, sich gewaltsam meines Wechselgeldes zu bemĂ€chtigen. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Guten Abend Frau Vollendorf“, der Hauptwachtmeister setzte seine Kaffeetasse ab, „mĂŒssen wir Ihnen wieder zwangsweise Zutritt zu Ihrer Wohnung verschaffen?“
„Ich wĂ€re Ihnen dankbar“, sagte ich.
„Kein Problem. GrĂŒĂŸen Sie Ihren Chef schön.“
Der Hauptwachtmeister nahm seine Tasse wieder auf.
„Haben Sie hier eigentlich schon eine Espressomaschine?“, fragte ich.
Mit bescheidenem LĂ€cheln um die Mundwinkel schĂŒttelte der Hauptwachtmeister den Kopf.
„Sauerei!“, sagte ich mit freundlichem LĂ€cheln, „mein Chef erwĂ€hnte kĂŒrzlich, dass unsere Polizei nicht ausreichend ausgerĂŒstet ist. Das sollte man Ă€ndern!“
„Gute Idee“, der Hauptwachtmeister schob seine Pistole ins Halfter, „ich denke, wir mĂŒssen mal wieder tĂ€tig werden! – Erwin, Show-Time!“
Gewissermaßen erleichtert, weil die Dame nicht im Taxi niedergekommen war, verließ ich die Wache und nahm Kurs auf den Bahnhof. Herrgott, ich hĂ€tte Herman fast vergessen! Schnell zur Pumpe. Ich kam nach zwanzig Minuten, also innerhalb der vereinbarten Zeit an, aber Herman war nicht mehr da.
„Der ist gerade mit Karl nach Hannover rein gefahren. Du bist ja nicht gekommen.“
Etwas deprimiert parkte ich mich beim Bahnhof ein, hinter `Bleifuß BertramÂŽ. Der war gerade von Andrea gekommen, aber die Nummer mit dem Transvestiten im Frauennachttaxi war noch nicht ganz ausdiskutiert, zudem trug er sich tatsĂ€chlich mit dem Gedanken, seinem Chef das Ding mit der RĂŒckwĂ€rtseinparkhilfe nahezulegen.
GlĂŒcklicherweise kam Gerrit entlang, stellte sein Taxi hinter meins und schnipste seine Zigarettenkippe in den Gully. Er traf immer, aus jeder Position des Taxenplatzes.
„Tja“, sagte Gerrit nachdem er ausgestiegen war, „ein Taxi hat nichts mit Fortbewegung zu tun. Der Sinn des Taxis ist, sich mit möglichst vielen Artgenossen auf dafĂŒr vorgesehenen, ausgezeichneten FlĂ€chen zu treffen. Dann steigen die Fahrer aus und fĂŒhren hehre GesprĂ€che, zum Beispiel darĂŒber, was es alles soll.“
Gerrit war mein Freund aus der Taxiszene geworden. Er hatte mal Philosophie studiert und war nebenher Taxi gefahren. Nach seinem Studium ist er beim Taxifahren hĂ€ngen geblieben. „Guck doch mal in die Zeitung“, pflegte er zu sagen, „wer sucht denn heutzutage noch einen Philosophen?“
Ruck, zuck waren wir beim Taxi im philosophischen Sinn, ich vertrat den Standpunkt, dass ein Taxi lediglich ein Verbund loser Teile ist, die einzig und alleine durch die Kunst des Fahrers zusammengehalten werden. Diese Teile sind beseelt und haben nichts anderes im Sinn, als den grĂ¶ĂŸtmöglichen Schaden an Physis und Psyche des Fahrers anzurichten, wobei sie von zumindest einigen FahrgĂ€sten nach KrĂ€ften unterstĂŒtzt werden.
"Taxifahren an sich macht ja Spaß; - wenn nur die FahrgĂ€ste nicht wĂ€hren", sagte ich.
Letzteres wollte und konnte Gerrit mir im philosophischen Sinn nicht widerlegen, aber heute kamen wir irgendwie auf die Überlegung, dass die Möglichkeit besteht, das wir lediglich die TrĂ€ume eines großen, schlafenden Wesens sein könnten und wenn dieses aufwacht, hören wir sowieso alle auf zu existieren. So Ă€hnlich fĂŒhlte ich mich auch, irgendwie schlafend, alles kam mir ein ganz klein bisschen surreal vor, und ich war noch am Nachdenken, da parkte `die weiße GertrudÂŽ ihr Taxi unvermittelt ein wenig schludrig hinter Gerrit und brach gnadenlos in unser GesprĂ€ch ein: „Kinnings, ich hab‘ den Beweis!“
„Den Beweis wofĂŒr?“, fragte Gerrit.
„Dass mein Mann eine andere hat!“ Gertruds OhrgehĂ€nge schaukelten, was ihre aufgewĂŒhlte GemĂŒtslage verriet.
„ErzĂ€hl!“, meinte Gerrit, wĂ€hrend ich mich darauf beschrĂ€nkte, die Stirn zu runzeln.
„Also, da waren doch letztens die Großmodellflugtage bei Steinwedel. Da ist er mit Benno hin. Aber Benno hatte abends vom stĂ€ndigen Hochgucken einen Sonnenbrand im Gesicht, und Diether nicht! Da wird er wohl inzwischen bei einer anderen Frau gewesen sein!“
„Die hatten da sicher auch ein Bierzelt“, sagte ich, „vielleicht hat er da drin gesessen, das eine oder andere kĂŒhle Bier zu sich genommen und den FlugvorfĂŒhrungen von dort aus beigewohnt. Mit wessen Auto sind die gefahren?“
„Mit Bennos.“
Ich hĂ€tte Gertruds exorbitante BeweisfĂŒhrung gerne entkrĂ€ftet, denn ich kenne Diether als Mann, der jeder Komplikation aus dem Wege geht und schon rot wird, wenn er ein Damenfahrrad sieht, aber aus dem nahen Restaurant kamen drei Paare.
Die wollten nach Immensen und die Damen bedauerten, dass kein Großraumtaxi zur VerfĂŒgung stand, weil sie doch so gerne alle gemeinsam nach Immensen zu fahren beabsichtigten, nachdem ihre MĂ€nner sie so großzĂŒgig zum Essen eingeladen hatten, und keines der Paare wollte sich trennen. Die Damen diskutierten ein Weilchen rum, wer denn mit `Bleifuß BertramÂŽ und wer mit mir fahren wollte, bis ich den Vorschlag machte, das `Bleifuß BertramÂŽ die Herren und ich die Damen per Frauennachttaxi nach Hause fahren wĂŒrde.
Fand allgemeine Zustimmung, dieser Vorschlag, und die Herrschaften begannen an Bord zu gehen, bis auf ein Paar, das sich, eng umschlungen KĂŒsse tauschend, nur ungern trennen wollte.
Schließlich, nachdem `Bleifuß BertramÂŽ mehrmals ungeduldig gehupt hatte, quetschte sich die junge Dame neben die anderen auf die RĂŒckbank. Ihr junger Herr kam zu mir und nahm mir das Versprechen ab, extrem vorsichtig zu fahren, er wĂŒrde diese Frau ĂŒber alles lieben, und sie wĂ€re das Kostbarste, was er hĂ€tte. Sie stieg noch mal aus und sie umschlangen sich erneut in unĂŒbersehbarer Leidenschaft.
Die Damen auf der RĂŒckbank seufzten, und `Bleifuß BertramÂŽ kam entlang, die beiden zu trennen. Das klappte erst nachdem die beiden Herren in Bertrams Taxi bedrohlich zu brummeln begonnen hatten.
Die junge Dame warf ihrem Herrn trĂ€nenfeuchten Auges noch eine Kusshand zu und murmelte: „Blödes Arschloch!“, bevor ich des Taxis TĂŒr hinter ihr schließen konnte, wĂ€hrend der `Bleifuß BertramÂŽ bereits mit wimmernden Reifen startete und ich mich hinters Lenkrad setzte.
„Na, dann wollen wir uns doch auch mal auf den Weg machen“, ich drehte den ZĂŒndschlĂŒssel, „nach Immensen sagten sie?“
„Quatsch“, murmelte die Dame in der Mitte, „bitte zur Disko!“
„Wieso Disko?“, die Dame, die sich schwer hatte von ihrem Herrn trennen können, „in HĂ€melerwald gibt’s einen Swingerclub, in dem auch einzelne Damen Zutritt haben! Da fahren wir jetzt hin!“
„Au ja“, jubelten die beiden anderen Damen, „das machen wir jetzt!“
„Entschuldigung meine Damen, aber ich weiß nicht, wo in HĂ€melerwald ein Swingerclub ist“, versuchte ich die Situation zu entschĂ€rfen. Das glaubten sie mir nicht und drohten an, eins der beiden anderen Taxis zu nehmen. Bei Gerrit war ich mir nicht ganz sicher, aber Gertrud hĂ€tte die Damen sicherlich mit voller Begeisterung zum Swingerclub gefahren.
Was half’s?
Nichts half’s!
Die Damen baten mich, im Fond des Taxis Licht zu machen und legten mĂ€chtig Rouge auf, bis ich vor dem Swingerclub ein kurvte. Keine der Damen wollte mir den Vordruck fĂŒr das Frauennachttaxi ausfĂŒllen, weil sie ihre Adresse dann hĂ€tte preisgeben mĂŒssen. Wieder war eine langatmige Diskussion fĂ€llig, bis eine Dame kichernd den Namen Anneliese erwĂ€hnte und das Formular grinsend ausfĂŒllte.
Ich fuhr etwas deprimiert zurĂŒck. `Bleifuß BertramÂŽ war bereits wieder da und wollte wissen, wo ich solange geblieben wĂ€re, die Herren waren sehr in Sorge.
„Die Damen haben spontan umdisponiert“, sagte ich, „sie wollten zweckbestimmt nach HĂ€melerwald um den Abend dortselbst möglicherweise orgastisch kulminieren zu lassen. Vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass die Damen hĂ€ufiger intuitiv umdisponieren als die Herren.“
„Was?“ `Bleifuß BertramÂŽ zeigte sich etwas erstaunt, doch er bekam eine Fahrt bevor er irgendwelche Fragen stellen konnte. Ich rĂŒckte vor, auf die Pole-Position und drehte das Radio etwas lauter. Fröhlicher Vivaldi, die vier Jahreszeiten. Langsam begann MĂŒdigkeit hinter meine AugĂ€pfel zu kriechen, jetzt, wo ich langsam zur Ruhe kam und ich lehnte mich zurĂŒck, um die Musik zu genießen.
Ich kam nicht so recht zum Genießen, wĂ€hrend des Sommers der vier Jahreszeiten stieg eine heftig nach hochprozentigen Drinks, schwarzen Zigaretten und Moschus duftende, rotgewandete Dame in NetzstĂŒmpfen und Stöckelschuhen unvermittelt ein und riss mich damit in die RealitĂ€t zurĂŒck.
„Schöne Musik haben Sie! ‘hört man selten in einem Taxi. – ‘Am Birkenhain’ bitte!“
„Sehr gerne, Frau Doktor Gelbspötter. Haben wir denn wiederum ein wenig der Völlerei gefrönt?“
„Ach, Sie sind’s wieder! Sie wissen doch, dass ich mir einmal im Monat einen freien Abend gönne ... wenn es die Hormone fordern.“
„Gewiss, gnĂ€dige Frau. Ich bin Taxifahrer! Nichts Menschliches ist mir fremd.“
Ich hatte Frau Doktor Gelbspötter bereits einige Male gefahren, sie ist Dr. Phil., beantwortet in einer feministischen Zeitschrift die Leserbriefe, arbeitet in einer Partnervermittlung und gönnt sich hin und wieder mal einen ‘freien Abend’.
Ich brachte sie heim, sie fĂŒllte mir den Vordruck fĂŒr das Frauennachttaxi aus, wĂ€hrend sie einen sauren Bonbon lutschte, gab mir einen FĂŒnfer, und ich geleitete sie mit meiner Taschenlampe zum Hauseingang.
„Das ist aber nett, dass Sie mich zur TĂŒr bringen! Sie sollten hin und wieder etwas tun, was kontrĂ€r zu dem steht, was sie die meiste Zeit des Tages tun“, sagte sie mit etwas schwerer Zunge, „sonst kann es zur Verwirrungen kommen. Es muss aber etwas sein, was Sie können, was Sie gelernt haben.“
„Ich werde es selbstredend beherzigen, Frau Doktor. Morgen gehe ich schwimmen.“
„Da tun sie gut dran!“
Sie ging hinein und schloss die TĂŒr.
Das war’s. Keine Komplikation, kein Stress. Seltsam.

‘Immer wenn man glaubt,
alles lÀuft nach Plan,
hat man etwas ĂŒbersehen’,
dachte ich und fuhr langsam zum Bahnhof zurĂŒck.



Version vom 04. 02. 2018 17:48

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Lord Nelson
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Hallo Hagen,

eine schöne Serie - ich hatte ja keine Ahnung, was so ein Taxifahrer alles erlebt!

Neben den skurrilen Ideen und vergnĂŒglichen Dialogen lernt man so nach und nach auch die den kleinen Mikrokosmos bevölkernde Rasselbande schrĂ€ger Individuen mit den tollen Namen wertzuschĂ€tzen. So hat es mich gefreut, in dieser Episode die Frau Dr. Gelbspötter wieder”sehen” zu dĂŒrfen.

Auch die Philosophie kommt nicht zu kurz. Freu mich schon auf die nÀchste Folge!


Diesmal hab ich ein paar Anmerkungen:

quote:
"Taxifahren an sich macht ja Spaß; - wenn nur die FahrgĂ€ste nicht wĂ€hren", sagte ich.

Ich kenne zwar das Verb einkurven nicht, aber wenn schon frei erfunden, dann hĂ€tte ich’s zusammen geschrieben:
quote:
bis ich vor dem Swingerclub ein kurvte.

Sie in der Anrede:
quote:
Sie sollten hin und wieder etwas tun, was kontrĂ€r zu dem steht, was sie die meiste Zeit des Tages tun“,

Trennstrich:
quote:
wieder-kommen

KĂŒnstlerische Freiheit?
quote:
und ich lehnte mich zurĂŒck, die Musik genießen.

Viele GrĂŒĂŸe
Lord Nelsoon

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Hagen
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Hallo Lord Nelson,
zunĂ€chst erstmal vielen Dank fĂŒr die BeschĂ€ftigung mit meinem Text.
Hauptsache es hat Dir Spaß gemacht.
Das Ding ist keine Serie, sondern Ausschnitte aus einem meiner BĂŒcher, welche der Moon House Publishing mir versaut hat.
Hin und wieder taucht in dem Roman auch eine 'mystische Frau' auf.
Wer's mag mag's mögen.

Schaue doch mal im Forum Lupanum herein, bei
Warnung vor Moon House Publishing
dann kannst Du meinen Zorn in etwa nachfĂŒhlen.
Nichts desto Trotz,

Wir lesen uns!

Herzlichst
yours Hagen

_____________________
„Wer seine Geschichte nicht erzĂ€hlen kann, existiert nicht.”
(Salman Rushdie)

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