Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
246 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nachtsturm - ich wache auf
Eingestellt am 20. 08. 2003 22:43


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Lorenz
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2003

Werke: 9
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Heftiges stetiges Gel├Ąut. Ich wache auf. Es ist noch Dunkel. Drau├čen weht ein Sturm und peitscht die B├Ąume. Den Wind, ich h├Âre ihn. Ich stehe auf, gehe hinaus auf den Balkon. Er umsp├╝lt mich mit seiner Kraft. Treibt mir seine Bl├Ątter entgegen. Ich stehe da im Schlafanzug der Nacht und breite meine Arme aus. Will fliegen. Aus der Mitte des Windspiels nehme ich das Pendel heraus und binde es an einem Haken fest. Das Gel├Ąut verstummt. Zur├╝ck unter der noch schlafwarmen Decke kuschele ich mich in den Schlaf. Drau├čen tobt der Wind.

Es ist hell. Ich wache auf. Bleibe liegen. Drau├čen ist er noch, treibt nun Regen ├╝ber die Balkonbr├╝stung. Kauere mich als Embryo. Finde Geborgenheit im Gesch├╝tztsein des Raumes und dem Rhythmus der Ger├Ąusche. Es ist warm. Sie ist nicht da. Ich will es so. Wird es nie wieder sein. Ich bin allein. Unter blei- bis taubengrauen Wolken finden die Strahlen der Sonne hervor. Der Regen verstummt. Ich stehe auf, gehe hinaus auf den Balkon. Er hat die Erika von ihr heruntergerissen. Erst diese Woche hat sie sie mir geschenkt. Hebe sie auf vom Boden und stelle sie hinter der Br├╝stung wieder auf. Erika kann nichts daf├╝r. Ich koche mir in der K├╝che einen Tee mit w├Ąrmendem Zimt. Wasche mir im Bad das Gesicht, ziehe mich an, hole die Laufschuhe vom Balkon.

Gehe hinunter und hinaus auf die Stra├če. Dehne mich. Beginne zu laufen. ├ťberall - um mich, seine Bl├Ątter. Herausgeholt aus den B├Ąumen, aufgewirbelt von der Erde. Sie tanzen wild um mich herum. Ich lache. Sch├╝ttle den Kopf hinauf in den Nacken. Wie ein wiehernder Hengst, b├Ąume mich auf. Ho, es kann beginnen. Bruder, ich bin hier. Gleichm├Ą├čiger Schritt wiegt mich entlang der Bahn auf dem Weg zum Teich, in den Park. Bl├Ątter rasen, dicht ├╝ber dem Weg an mir vorbei. Tollen auf der Hatz. Ich laufe mitten unter ihnen. Er treibt sie wie eine Meute Hunde vor mir her. Ho, auf zur wilden Jagd.

Entlang der Allee von Pappeln. Ihr Rauschen umh├╝llt mich. Nun glaube ich nicht l├Ąnger, dass sie es sind. Er ist es, er ist der, der bewegt. Ins Dunkel, hindurch durch den Tunnel unter der Br├╝cke, ins Helle. Hinein unter das Gew├Âlbe der hohen B├Ąume. Staune ├╝ber die Sch├Ânheit ihres Farbenspiels. ├ťber Teppiche aus Bl├Ąttern laufe ich. Raschelnde Farbenpracht. Rotbraun und Gelb. Am Teich von den B├╝schen her ist der Teppich mehr gr├╝ngelb und hat eine feinere Struktur. Ich bin schuld. Enten laufen vor mir her. Bin ich schuld? Sie fliegen auf. Ja, ich bin schuld. Oder watscheln geschwind ins rettende Wasser. Habe meinen Teil zu tragen. Quaken aufgeregt. Damit werd ich leben m├╝ssen. Sind sie erbost dar├╝ber, dass ich sie aufgescheucht habe, oder froh entkommen zu sein? Ich habe ihre Ehe auf dem Gewissen, weil ich nicht Nein gesagt habe. Mehr als das.

Es klart auf. Er treibt die dunklen Wolken zur Seite, zerstreut sie, l├Âst sie langsam auf. Die Strahlen glitzern auf dem bewegten Wasser. Es blendet geradezu. Mein Leib ist warm, ich h├Âre den Atem, den Wind, wie er hindurchstr├Âmt. Er bewegt mich. Ho, ho. Setze an zum Sprung ├╝ber die Pf├╝tze. Drdrip, kommen die fliegenden Schuhe mit den neongelb- und gr├╝nen Streifen zur Erde zur├╝ck. Habe meinen Teil zu tragen und spr├Ąnge ich noch so hoch. Weiter geht der schnelle Trab. Mit einem pl├Âtzlichen, heftigen Sto├č springt der Busch mich an. Alle Zweige, Bl├Ątter strecken sich nach mir. Im Galopp mach ich einen Satz zur Seite. Mit ihr liefe ich langsamer. Auf dem weichen Pfad mit Holzsp├Ąnen liegt ein Teppich aus gelborange gestreut. Die F├╝├če federn. Komme auf die offene Wiese. Er ergreift mich mit aller Macht. Muss leicht schr├Ąg dagegen laufen, um nicht vom schmalen Pfad gerissen zu werden. Lege mich hinein, zeige ihm die gebeugte Schulter.

Entlang der Allee am Sportplatz vorbei zur├╝ck zur Bahn, Bl├Ątter jagen horizontal ├╝ber den Weg, die ganze Luft ist erf├╝llt von ihnen. Zweige, ├äste krachen auf den Weg. Bin auf der Hut. Ho, ho, ho erschlag mich nicht Bruder. Zur├╝ck nach Haus geschwind. Rechts, Ein Zug rauscht an mir vorbei. Links, die s├Ąulenhohe Pappelwand rauscht auch. Dazwischen berauscht es mich. Der Leib unter dem Sweatshirt ist hei├č, hei├č und feucht. Die letzten Schritte gehe ich. Es ist wie Schweben. Dehne meine Glieder. Beuge mich hinab. Die H├Ąnde auf das Pflaster. Er legt mir zart ein Lindenblatt in die Hand. Am Stiel heb ich es auf und trag es heim. Dusche mit warmem Strahl, sp├╝l den Schwei├č herunter. Das Lindenblatt bedeckt die Wunde. Trockne mich ab und streiche mir selbst ├╝ber die Haut. Ich zieh mich an, geh zum B├Ącker und fr├╝hst├╝cke -allein. Kaue langsam.

Auf dem Balkon unterm Windspiel standen zwei puppengro├če St├╝hle, Panton chairs aus Formplastik. Den wei├čen hat er runtergefegt. Unbewu├čt heb ich ihn auf, stell ihn wieder hin. Setz mich an den Rechner und beginne zu schreiben. Es kl├Âtert drau├čen und es kl├Âtert nochmal. Jetzt hat er auch den zweiten orangenen Stuhl weggefegt. Ich h├Âre, wie sie beide auf dem dunkelroten Fliesenboden schaben, wenn er sie bewegt. Sie standen dort f├╝r unsere Partnerschaft.

Der Himmel, azurblau, wolkenlos. Die Mittagssonne strahlt. Alles ins sanfte Herbstlicht getaucht. Der Wind ist abgereist. Die Jagd ist nicht zuende, hat erst begonnen. Ich bin allein. Bin ich frei? Bruder hebt die Lungen, str├Âmt ein. Habe meinen Teil zu tragen. Es hei├čt: Schreiben vertreibt die Einsamkeit...

__________________
"Ich f├╝hle, also bin ich..."

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!