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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nachtzug
Eingestellt am 30. 08. 2016 23:52


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relaoded
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Registriert: May 2014

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Nachtzug

Aufgewacht. Im kalten Odem der LĂŒftungsanlage. KĂŒhler Schweiß auf der Stirn. Mit schmerzenden Gelenken richte ich mich auf dem schlecht gepolsterten Sitz auf. Ein kurzer Blick auf die Uhr, die ich an meinem Handgelenk trage, verrĂ€t mir, dass es bereits zehn nach sechs ist. Etwas mehr als drei Stunden habe ich also geschlafen. In der Luft liegt noch der beißende Geruch nach Urin, der von meinem mittlerweile nicht mehr anwesenden, offensichtlich angetrunkenen Sitznachbarn ausging.
Nach dem Ausklingen des summenden Tons in meinem Ohr höre ich hinter mir die RÀdchen eines Speisewagens.
„Guten Morgen, ich hoffe, Sie haben eine angenehme Fahrt. Möchten Sie etwas trinken? Ich kann Ihnen einen heißen Kaffee anbieten?“
„Ja, der wird’s wahrscheinlich tun. Bitte stark und ohne Zucker“, antworte ich schlĂ€frig. Die junge blonde Dame holt einen kleinen Pappbecher aus dem Wagen heraus und stellt diesen unter die AuslaufdĂŒse einer eingebauten Kaffeemaschine. Mit ihrem feinen langen Zeigefinger drĂŒckt sie auf den einzigen Knopf. Scharfes Zischen, das sich mit dem gleichmĂ€ĂŸigen Dröhnen der Antriebskurbeln vermischt. Die fast schwarze BrĂŒhe fließt in den dafĂŒr vorgesehenen BehĂ€lter, dabei wird der Uringeruch vom Kaffeeduft grĂ¶ĂŸtenteils verdrĂ€ngt. Mit einem dĂŒmmlichen LĂ€cheln steht sie da und blickt zu mir hinab.
„Darf es sonst noch was sein?“, fragt sie. Ich schĂŒttle den Kopf und lehne dankend ab.
„Dann macht es zwei fĂŒnfzig bitte.“ Lethargisch greife ich in meine weite Hosentasche. Ich spĂŒre die eisigen OberflĂ€chen der vielen MĂŒnzen darin und packe widerwillig nach ihnen. Das Zischen endet abrupt. Das junge MĂ€dchen, sie ist etwa Anfang 20, fasst nach dem Becher. Der letzte Tropfen, den die Maschine von sich gibt, fĂ€llt auf die viel zu enge Uniform der etwas zu groß geratenen Bedienung. Sie reicht mir den Kaffee und im Gegenzug ĂŒbergebe ich ihr drei EineuromĂŒnzen.
„Ist gut so. Den Rest kannst du behalten.“ Sie bekrĂ€ftigt noch mal ihr LĂ€cheln, in dem sie ihre Mundwinkel noch weiter anspitzt und bedankt sich. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne werden von ihren großen blauen Augen reflektiert, bis sie sich abwendet und ihren Karren den schmalen Gang weiter schiebt.
Ich begradige meine Sitzposition und stelle den Becher auf den kleinen Holztisch vor mir. Das Zugabteil ist zwischenzeitlich recht leer geworden. Abgesehen von mir, befinden sich hier drei weitere GĂ€ste. Ein Ă€lterer Herr am vorderen Ende des Abteils, der vertrĂ€umt aus dem Fenster blickt, in den langsam heller werdenden Tag hinaus. Zwei Reihen diagonal hinter mir, eine Frau in ihren Mittvierzigern mit einem Neugeborenen. Ein nervtötendes Kind, was fĂŒr meinen Schlafmangel grĂ¶ĂŸtenteils verantwortlich ist. Nun hĂ€ngt es an der Zitze der Mutter und saugt genĂŒsslich die Leben spendende Muttermilch auf, wĂ€hrend ich an meinem heißen, ĂŒbel schmeckenden Kaffee nippe.
Schlagartig verwandelt sich der monotone Klang des fahrenden Zuges in ein schrilles Aufheulen der Bremsen. WĂ€hrend ich nach vorne gegen den hölzernen Tisch geschleudert werde, verschĂŒtte ich das heiße GetrĂ€nk.
Es schlĂ€gt in meinem Magen ein, wie der kraftvolle tritt eines wĂŒtenden Pferdes. Hinter mir höre ich das Kind aufheulen und die Mutter aufschreien. Beide liegen am Boden. Offensichtlich ist es mit dem vorderen Sitz zusammengeprallt, denn dort, wo seine nackte, noch nicht ganz ausgeprĂ€gte Stirn war, befindet sich nun eine blutende Platzwunde. Der Alte am Ende des Abteils zuckt schmerzverzerrt am Boden.
„Hilfe! Um Gottes willen Hilfe! Mein Kind blutet“, schreit die paranoide Frau und bringt das Kind dazu noch heftiger zu kreischen. Keuchend und mit einem gebrochenen Brillenglas versuche ich, zu ihnen zu gelangen. Vor mir, die Mutter mit entblĂ¶ĂŸter, leicht geröteter Brust, halb sitzend halb liegend am Boden mit ihrem weinenden Kind in den Armen.
„Da, da vorne liegt meine Tasche! Holen Sie mir da was raus, um meinen Kleinen zu verbinden“, brĂŒllt sie in 50 Zentimeter Abstand zu meinem Gesicht. Eine große schwarze Kunstlederhandtasche mit Plastiksteinen beklebt. Ich öffne den Reißverschluss und erkenne neben unbenutzten Windeln und Kosmetikartikeln einen Schal aus einem dĂŒnnen Stoff im Leopardenmuster. Eilig ziehe ich den Schal aus der ĂŒberfĂŒllten Tasche heraus und bewege mich in die Richtung der Wahnsinnigen. Mit der grĂ¶ĂŸten Vorsicht, die ich aufbringen kann, fasse ich an den Kopf des Kleinen und umwickle ihn mit dem schmalen, dĂŒnnen Tuch. Dabei plĂ€rrt es noch lauter und schlĂ€gt mit seinen kleinen Ärmchen wild um sich.
„Hat sich jemand verletzt?“, fragt der Alte wenige Schritte hinter mir.
„Der Kleine hat ‘ne Platzwunde am Kopf, ist aber alles verbunden“, antworte ich. Er kommt noch ein paar Schritte auf uns zu und kniet neben mir nieder. Ich schĂ€tze sein Alter auf Anfang 70. Sein faltiges Gesicht, gezeichnet von der Zeit. Eine kleine Narbe auf seiner linken Wange, weiße Haare, harte GesichtszĂŒge. Er sieht mich an mit seinen dunkelbraunen, durchdringenden Augen. Ein Gesicht, das viele Geschichten zu erzĂ€hlen scheint.
„Dann sollten wir schnell jemanden rufen“, fĂŒhrt er fort.
„Ich seh‘ mal nach, ob ich jemanden finde“, erwidere ich und stehe mit schmerzenden Gliedmaßen auf.
„Wie können Sie nur so teilnahmslos reagieren“, schreit mir die VerrĂŒckte hinterher, ich ignoriere sie. Schon vom ersten Moment an, als sie mit ihrem kleinen QuĂ€lgeist eingestiegen ist, hat sie sich als Plage angekĂŒndigt.
Mit MĂŒhe durchquere ich das Abteil, indem ich mich an jedem Sitz abstĂŒtze, um mich von den Schmerzen in meinem Bein zu erlösen. WĂ€hrenddessen, versucht der Greis das Weib mit sanfter Stimme zu beruhigen. Ein roter Blutfleck bildet sich auf meiner Stoffhose, offensichtlich hab ich mein rechtes Knie ebenfalls angestoßen. Ich hinke auf die TĂŒr zu, habe sie fast erreicht, als diese plötzlich krĂ€ftig zur Seite geschoben wird. Auf der TĂŒrschwelle die blonde Bedienung mit blassem Gesicht.

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