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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nadeln
Eingestellt am 02. 03. 2012 00:34


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Raya
???
Registriert: Jan 2003

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Der Mann sah aus wie ein Nadelkissen. Kirsten starrte ihn mit offenen Mund an.
Als ihr Blick ihn zuerst nur gestreift hatte, hatte sie die Fremdk├Ârper in seinem Gesicht nicht bewu├čt wahr genommen. Erst als ihr Gehirn meldete: Was stimmt nicht mit dem Kerl? Drehte sie sich nochmals um.
Der Typ sa├č am Nebentisch vor einer Tasse Kaffee. Nichts Ungew├Âhnliches, au├čer das in Wangen, Stirn und Schl├Ąfen Akupunkturnadeln steckten. F├╝r ihn schien es die nat├╝rlichste Sache der Welt zu sein. Er hatte seinen Kaffee nicht anger├╝hrt, sondern starrte ihn nun schon geschlagene 10 Minuten an. Als w├╝rde er in der Tasse nach einer Erleuchtung suchen. Dann sah er unvermittelt auf und ertappte die junge Frau, die ihn verwundert musterte. Also tat er es ihr gleich, seine Augen ruhten nun seinerseits interessiert auf ihr.

Kirsten erschrak und senkte rasch den Blick. Um Gelassenheit bem├╝ht, trat sie, den Notizblock gez├╝ckt, an seinen Tisch.

"Was m├Âchten Sie bitte bestellen?" fragte sie mit betont gelangweilter Stimme. Der dunkelhaarige Typ hob den nadelgespickten Kopf provozierend.

"Noch einen Kaffee bitte, Kleine."

Sie hasste es, wenn jemand sie -Kleine- nannte und damit auf ihre gerade 1,55 m anspielte. Was sollte der Scheiss, einen Zwei Meter Mann nannte schlie├člich auch keiner in aller ├ľffentlichkeit Lulatsch oder -mein Grosser-. Vielleicht lag es daran, dass eine geringe K├Ârpergr├Â├če nicht gerade respekteinfl├Â├čend wirkte. Doch sie glich dieses Defizit leicht durch ein gro├čes Mundwerk wieder aus. So lag ihr auch jetzt sofort eine bissige Bemerkung auf der Zunge, gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, selbiges zu unterdr├╝cken. Sie hatte diesen verdammten Kellnerjob erst seit 2 Monaten und wollte sie die verfluchte Probezeit ├╝berstehen, konnte sie es sich nicht leisten G├Ąste zu beleidigen, egal wie d├Ąmlich sie aussahen oder sich benahmen.
Der Masochist sah sie immer noch erwartungsvoll an.
Das M├Ądchen presste die Lippen zusammen und murmelte mit leicht zynischen Unterton:

"Noch einen Kaffee der Herr, kommt sofort..."

Gerade als sie sich umdrehen wollte, packte er ihren Arm und hielt sie zur├╝ck. Auch eine Sache, die sie hasste -von Fremden einfach angefasst zu werden.-
Giftig sah sie ihn an:

"Was soll das?" fauchte sie.

"Ich habs mir anders ├╝berlegt. Ich nehme doch lieber einen Espresso." sagte der Typ mit erhobenen Zeigefinger und die Nadeln vibrierten bei jedem Wort, dass er sprach. Es war ihr unm├Âglich ihn nicht an zu starren.

-Vielleicht litt der Kerl unter einem akuten Koffeinrausch. Oder machte Akupunktur irgendwie high?- fragte sich Kirsten.
Sie entwand ihm ihre Hand. Das Gelenk schmerzte. Wortlos ging sie Richtung K├╝che, wenig sp├Ąter kehrte sie mit dem Getr├Ąnk zur├╝ck, stellte es ihm w├╝tend vor die Nase, dass die Fl├╝ssigkeit aus der Tasse schwappte.

-Scheiss auf den Kerl und diesen miesen Job, wenn dieser kranke Typ noch einmal handgreiflich w├╝rde, dann w├╝rde sie ihm das Zeug sonstwohin kippen.-

Doch der Typ grinste nur erfreut und nahm sofort einen Schluck. Dann zog er sich eine Nadel aus der Wange und legte sie neben die Tasse.
Das M├Ądchen nahm ihr Tablett auf und runzelte die Stirn.
Doch die Neugier stand ihr ins Gesicht geschrieben:

Wozu sind die gut?" fragte sie auf die Nadel deutend.

"Ist gegen die Schmerzen, Sch├Ątzchen." sagte er cool, doch das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden.

Warum sie immer noch an seinem Tisch stand wu├čte sie nicht, irgendwie waren sie pl├Âtzlich in ein Gespr├Ąch verwickelt.

"Ich bin nicht Ihr Sch├Ątzchen. Was f├╝r Schmerzen, meinen Sie?" Da starrte er auf das Namensschild an ihrer Bluse.

"Ok, Kirsten. Was glaubst du wie alt ich bin?" fragte er zur├╝ck.

War es selbstverst├Ąndlich, dass er sie pl├Âtzlich duzte?

"Wei├č nicht...." stammelte sie verbl├╝fft. "So um die 30 vielleicht?"

Er lachte bitter: " Ich bin erst 25. Sorry, wenn ich dir zu nahe getreten bin. Die sind gegen die Kopfschmerzen, ich hab ┬┤nen verdammten Tumor."

"Im Kopf?"

"Was glaubst du denn? Jedenfalls hab ich das Teil nicht im Arsch." konterte er.

Kirsten lachte unfreiwillig laut auf. "Tut mir leid, war ┬┤ne bl├Âde Frage."

Nun l├Ąchelte er auch unfreiwillig: "Ich bin Nino." sagte er und reichte ihr die Hand. "Bin mal f├╝r ┬┤ne Stunde aus dem Krankenhaus dr├╝ben abgehauen. Konnte die Weisskittel und die mitleidigen Gesichter meiner Alten nicht mehr sehen."

"Ist es so schlimm?" Kirsten stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich.

"Glaub ja nicht, da├č ich nicht weiss wie d├Ąmlich ich mit den Dingern im Gesicht aussehe. Wei├čt du was der gottverdammte Witz an der Sache ist?
Man kann damit durch die ganze Stadt laufen, die Leute stieren einen nur bl├Âd an. Du gehst in ein Gesch├Ąft und sie behandeln dich, als sei alles normal. Ich wei├č, dass sie sich fragen was mit mir los ist. Doch niemand fragt danach. Mich kotzt diese Heuchelei an, wo ich doch weiss, dass gar nichts in Ordnung ist."

"Glaubst du nicht, dass du ein bi├čchen zu hart urteilst? Klar der Tumor ist schlimm, aber vielleicht besteht ja doch Hoffnung f├╝r dich." versuchte sie ihn aufzumuntern.

"Ich werde morgen operiert. 30% geben sie mir. Klar, du w├╝rdest jetzt bestimmt sagen:
Besser als gar nichts. Aber das reicht mir nicht, ich will leben und nicht morgen schon drauf gehen."

Nino st├╝tzte den Kopf auf die H├Ąnde und sah sie verzweifelt an.

"Das ist doch die richtige Einstellung. Du mu├čt es wollen." sagte sie.

"Ja toll, ich kann viel wollen doch was n├╝tzt mir das wenns schief geht."

"Du mu├čt fest daran glauben."

"Und wenn ich Zweifel habe?" sagte er gequ├Ąlt.

"Was willst du?" fragte sie. "Ist es nicht der Wille der z├Ąhlt?"

"Wie ich schon sagte: Ich will leben."

Sie zuckte die Achseln: "Was soll ich dir raten, wenn ich alles w├╝sste, dann w├╝rde ich nicht diesen miesen Job machen, sondern durch die Welt reisen."

Nino lachte: "Und was h├Ąlt dich davon ab?"

"Angst, Vernunft. Scheisse ich wei├č es nicht." seufzte sie.

" Du verdienst dein Geld mit einem Job, den du hasst, f├╝hrst ein Leben das dich an├Âdet." analysierte er. "Du solltest mir nichts von Glauben erz├Ąhlen."

"Glauben an was?"

"An dich selbst, meine Liebe. Warum wirfst du nicht deine Vernunft ├╝ber Bord und f├╝hrst das Leben, so wie du es willst."

"Vielleicht tu ich das auch, sp├Ąter mal." sagte sie.

Nino sch├╝ttelte den Kopf: "Manchmal gibt es kein Sp├Ąter, Kirsten."

Da schwieg sie ├╝berrascht.
"Vielleicht hast du ja recht."

"Kein vielleicht, M├Ądchen. Ich habe recht." sagte er.

Er schob ihr die Tasse ├╝ber den Tisch.
"Vielleicht magst du ja einen Kaffee." dann stand er auf schwungvoll auf.

"Ich mu├č jetzt los, bis bald, Kirsten."






Version vom 02. 03. 2012 00:34

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Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Raya,

ein paar kurze Impressionen von mir zu deinem Text:

quote:
Der Mann sah aus wie ein Nadelkissen. Kirsten starrte ihn mit offenen Mund an.
Als ihr Blick ihn zuerst nur gestreift hatte, hatte sie die Fremdk├Ârper in seinem Gesicht nicht bewu├čt wahr genommen. Erst als ihr Gehirn meldete: Irgend etwas stimmt nicht mit dem Kerl! Drehte sie sich nochmals um.
Der Typ sa├č am Nebentisch vor einer Tasse Kaffee. Nichts Ungew├Âhnliches, au├čer das in Wangen, Stirn und Schl├Ąfen Akupunkturnadeln steckten. F├╝r ihn schien es die nat├╝rlichste Sache der Welt zu sein. Er hatte seinen Kaffee nicht anger├╝hrt, sondern starrte ihn nun schon geschlagene 10 Minuten an. Als w├╝rde er in der Tasse nach einer Erleuchtung suchen. Dann sah er unvermittelt auf und ertappte die junge Frau, die ihn unverwandt anstarrte. Also tat er es ihr gleich, seine Augen ruhten nun seinerseits interessiert auf ihr.

Starrte: Unsch├Âne Wiederholung. Variiere doch ein bisschen. :-)

Erst als ihr Gehirn meldete: Irgend etwas stimmt nicht mit dem Kerl! Drehte sie sich nochmals um.:

Der Satzbau ist nicht so gegl├╝ckt. Es ist auch nicht besonders plausibel, dass sie erst l├Ąnger ├╝berlegt, ob und was mit dem Kerl nicht stimmt. Immerhin hat er zig Nadeln im Sch├Ądel stecken, da liegt auf der Hand, was nicht stimmt. :-)

Ich dr├╝ckte es so aus:

"All die Nadeln, was stimmt nicht mit dem Kerl, dachte sie und drehte sich nochmal zu ihm um."

Nur ein Vorschlag. :-)

quote:
"Vielleicht magst du ja einen Kaffee." dann stand er auf schwungvoll auf.


*zwinker*

Im Weiteren sind ein paar Kommas geschlabbert.


Gut gef├Ąllt mir das mit der "Kleinen". Du analysierst meiner Meinung nach folgerichtig, dass herabw├╝rdigende Reduktionen einer Person oft nur auf diejenigen ├äu├čerlichkeiten begrenzt werden, die sich auf das beziehen, was die Norm als wenig Respekt einfl├Âssend ansieht. Niemand sagt zB "Br├╝nettchen", viele aber sagen "Blondchen".

Sch├Ân, wie du hier den Spiegel vorh├Ąlst. Gef├Ąllt mir.

Das Ende ist anr├╝hrend und schliesst mit einer Lebensweisheit, in der sich viele wiederfinden k├Ânnen.

Schau mal, ob du den Text nicht noch etwas straffen k├Ânntest. Die Verwunderung ├╝ber die Nadeln halte ich f├╝r etwas zu ausgiebig (nur meine Meinung).

Gut gemacht,
Archi

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